Die Goldene Stadt

Irgendwo ist die Goldene Stadt, und wir wissen von ihr. War schon jemand von uns dort? Wir hören den Nachhall vom feierlichen Lärm ihrer Straßen. Ein Fluss fließt durch ihre Mauern, und das blaue Murmeln der Wellen sucht unsere Träume heim. Wenn wir an sie denken, an die Goldene Stadt, meinen wir, das Herz müsse uns zerspringen im Leibe. Wir suchen nicht nach dem grünen Tal hinter den blauen Bergen, wir suchen nicht nach den fernen Küsten, nicht nach der Insel unter dem Horizont, auch nicht nach der Oase in der Wüste – wir suchen nach der Goldenen Stadt, und wissen, nur dort ist Heimat. Wir sehnen uns nach der Goldenen Stadt, weil wir wissen, sie ist wirklich da.

Es ist nicht so, dass wir irgendwann angefangen hätten, Städte zu bauen, und uns aus dem Anblick dieser frühen Lehmziegelwunder den Gedanken der fernen, der eigentlichen Stadt konstruiert hätten, vielmehr wurde uns das Wissen von der Wirklichkeit der Goldenen Stadt, und da wir nicht wussten und nicht wissen, wie dorthin kommen, begannen wir behelfsmäßig, Städte zu bauen in immer erneuten Anläufen, im Bemühen, der Wirklichkeit der Goldenen Stadt wenigstens nahe zu kommen.

Wir müssen sowas haben, sagten wir, und wenn es uns nicht von selber wird, müssen wir es eben bauen.

Im Laufe der Jahrhunderte Jahrtausende wurden unsere Bemühungen immer exuberanter, unsere Städte immer gewaltiger, zuweilen, im Abendglanz, möchte man wirklich meinen, wir sind nicht mehr weit vom Ziel entfernt, aber eine Ahnung sagt uns, wir haben es noch immer nicht geschafft.

Noch immer nicht. Was haben wir uns angestrengt! Niemand hätte weissagen können, was wir vermögen. Immer wären unsere Städte den Altvorderen ganz unausdenkbar gewesen, wer hätte noch vor hundert Jahren die Wirklichkeit der heutigen Agglomerationen treffend sich malen können?

Dass uns nichts unmöglich wäre, stimmt nicht, aber andererseits kann, was uns möglich ist, niemand weissagen, wir selber zuallerletzt. Auch kann niemand festlegen, was uns unmöglich sein solle. Wir entwerfen uns jeden Tag in die Zukunft hinein, und wissen dabei nicht, was morgen sein wird, und welche Früchte unser Tun zeitigen wird. Vor uns ist allerwege der Glanz IHRER Horizonte, das herzzerbrechende Farbenspiel IHRER Abende, die alle versprechen, und morgen ist ein neuer Tag.

Im Frühdämmer unserer Zeit auf dem Planeten Erde wurde uns Kunde von der Goldenen Stadt. Die Gewissheit muss so stark gewesen sein, dass es uns den Atem nahm, und wir begannen, Ziegel zu schichten, wie Kinder am Strand Sand schichten zu Burgen und Wällen. Wir zogen Mauern hoch und schufen Tempeltürme, um wenigstens der Illusion uns zu nähern, nun sind wir in der Goldenen Stadt. Wir wussten natürlich, das war nur Illusion, so trieben wir unser Bauen immer weiter voran, nimmer ruhend, die Städte wurden uns zur Obsession, gewiss war immer nur, wir haben noch lange nicht genug getan, alle Mauern sind immer noch zu klein, zu eng, weiter muss das werden, größer, mächtiger, wir müssen erreichen, was wir uns vorstellen, und haben wir es erreicht, müssen wir es überbieten.

Die Goldene Stadt schwebt derweilen in den Gesängen ihres Glockengeläuts, wir entkommen ihren Rufen nicht, woher nur wird uns diese Gewissheit? Wir lärmen nicht zufällig durch die Hallen unserer Ungewissheit, vielmehr wissen wir, dass wir nach einem Ziel unterwegs sind, und dass wir ungefähr die richtige Richtung einhalten, gerade wenn wir keine Ahnung haben, welcher Weg uns in’s Morgen führen wird, und aus dem Morgen hinaus ins Übermorgen. Wir einigen uns darauf, dass die Forderungen des morgenden Tages uns die Richtung weisen werden, und dass wir dieser Richtung getreulich folgen sollen, dieses „Sollen“ hat einen feierlich-erhabenen Klang, wir wissen, unser Gehorsam diesem Sollen gegenüber führt uns auf den rechten Weg, und es ist so ein gutes Gefühl, sich dem rechten Weg anzuvertrauen, und niemals wissen wir heute, wohin er uns morgen führen wird, wir erkennen, richtig kann der morgende Weg nur sein, wenn wir heute seine Richtung noch nicht wissen.

Da ist Fortschritt in der Welt, nicht wahr? Niemand hätte das gedacht, der Fortschritt eiert und holpert und kommt immer wieder in’s Stolpern, doch immer nur dann, wenn wir ihm die Richtung aufzwingen wollen, anstatt uns die Richtung von ihm sagen zu lassen. Aber Fortschritt war und ist. Wir sehen mit einer Beharrlichkeit die Goldene Stadt, dass es fast zum Fürchten ist. Ihre bloße Existenz wird zum Imperativ unserer Befindlichkeit, niemanden interessiert mehr, ob wir sie je erreichen werden, werden wir sterben und unter ihren Mauern erwachen? wer kann das wissen, aber dass wir ihr nahekommen müssen und immer näher, das wissen wir unverbrüchlich. Der Glanz unserer Straßen und Paläste wächst in’s Unermessliche, es geht darum, es ging immer darum, auf Erden die Goldene Stadt Wirklichkeit werden zu lassen, wir wissen wohl, all die Säulenwälder, die wir hochziehen, all die feierlich gefalteten Dächer, zu denen wir aufschauen, als hätte G’tt selbst sie über uns gebreitet, all die Brücken, die hinüberführen in Viertel, da einen neuen Morgen zu erleben uns versprochen ist – all dies ist nicht die Goldene Stadt, nur ihr Gleichnis, aber ist es nicht erhebend, zwischen Mauern zu wandeln, die zwar nicht die Mauern sind der Goldenen Stadt, aber wenigstens von ihnen reden?

Wir haben nicht die Absicht, und wir hatten nie die Absicht, jemals Ruhe zu geben. Bei keinen Entwürfen bisher haben wir uns je beruhigt. Vielleicht sagte da und dort mal einer, jetzt ist genug, wer weiß, seine Stimme ist nicht überliefert, überliefert wurde immer nur das Tun derer, die nickten und sagten, nur immer weiter.

Als die gewisse Kunde von der Goldenen Stadt die ersten Altvorderen antrieb, die ersten Mauern hochzuziehen, waren sie vom Glanz der fernen Wirklichkeit so überwältigt, dass sie zunächst an ein Wohnen in den selbsterrichteten Gebäuden nicht dachten. Die ersten Städte waren Sakralanlagen, und dieser feierliche Ursprung begleitet unsere Städte bis heute. Besuchen wir eine von den unglaublichen und nie konstruierbaren Wesenheiten – keiner, der baute und mitbaute, hat jemals gewusst, wie das Ergebnis auskommen wird – so schlägt uns vor feierlicher Ergriffenheit das Herz hoch bis in die Kehle. Um das Tempelzentrum der frühen Städte gruppierten sich reich gestaffelte Häuserwellen, dort wohnten aber nicht wir, die Lebenden, dort bargen wir unsere Toten, dass sie ein gültiges Zuhause hätten, unter dem Fußboden legten wir sie gern zur Ruhe, manche setzten wir auch auf steinerne Throne, und dann gingen wir fort und stellten uns vor den Lärm der Gassen, da sich umtaten die Toten im Glanz ihrer Erwartungen. Wir gaben ihnen auch Geschmeide und allerhand Köstlichkeiten mit, wann wir auf die Idee kamen, nicht weniger zu sein als unsere Toten und genau wie diese in den festlichen Mauern wohnen zu können, ist ganz ungewiss, man könnte sich vorstellen, immer waren Lebende zugange im städtischen Heiligtum, denn schließlich, bewacht werden musste der Ort, böse Menschen mochten sonst kommen und die gesammelten Schätze wegtragen, oder vielleicht auch nur kommen, um zu zerstören und zu verwüsten, denn solches ist Menschenwille, zu kränken, was andere gebaut, viele können den Gedanken nicht ertragen, dass gebaut wurde, geschweige denn den Anblick.

Hinziehen und sesshaft werden waren eine Bewegung. Die frühen Städter bauten nicht Städte, weil sie sesshaft geworden waren, vielmehr wurden sie sesshaft, weil es Städte gab, die sie selber gebaut hatten, für die Toten. Wir können hier wohnen, sagten sie sich, warum nicht, dann müssen wir zusehen, aus der Umgebung unseren Unterhalt zu ziehen.

Man könnte sich denken, die unerlässlichen Bewacher der Tempelstadt hatten früh angefangen, Gärten und Felder anzulegen, man wusste also schon, was zu tun war, da man begann, Städte für die Lebenden zu bauen, Städte, denen sich bald auch die Katzen und die Hunde mit großem Interesse näherten – die Mäuse und die Ratten natürlich auch.

Ruhe fanden die Erbauer nie. Niemals war es so, dass sie eine Stadt nach ausgedachtem Muster gebaut und dann gesagt hätten, so ist’s genug, so ist’s recht – vielmehr hörten sie in chronischer Erregung niemals auf zu bauen, sagten sich Tag und Nacht, da geht noch was, das muss noch mehr werden.

Und es wurde immer mehr, Rom Konstantinopel Peking, die Goldenen Tore öffneten ihre Pforten, und niemals war genug. Unaufhörlich schweben die Glockenschläge der Goldenen Stadt über den menschlichen Geländen, wir wissen nie, was morgen sein wird, aber dass wissen wir, dass wir der Goldenen Stadt nahekommen wollen, dass wir wenigstens so tun können wollen, zwischen ihren Mauern zu wandeln. All unser Weiterschreiten in ein unbekanntes Morgen hinein folgt einem wirklichen Anruf, aus wirklichen Geländen, die uns zurufen, hier entlang führt euer Weg.

Wir taumeln keineswegs durch weglose Gelände ohne Ziel und ohne Richtung, Wir kennen die Richtung nicht, aber wir halten sie ein. Wir haben keine Ahnung, welche die rechte Richtung sei, aber wir halten sie ein. Wir sind ganz außerstande, die rechte Richtung zu erfinden, aber wir halten sie ein. Was wir nicht wissen, das wird uns zuteil. Wir steuern zu auf die Goldene Stadt, weil sie wirklich uns voraus ist. Sie war uns immer voraus, sie hat uns immer die Richtung gewiesen. Die Goldene Stadt ist der Ort, da SIE auf uns wartet. SIE treibt uns nicht, erteilt uns keine Befehle. Ihr findet den Weg schon, sagt SIE zu uns, strengt euch ein bisschen an. Das tun wir, wir können gar nicht anders, es lässt uns keine Ruhe. Uns hinsetzen, die Hände in den Schoß legen, sagen, nun ist’s genug – dazu waren wir nie imstande.

Und wunderbarerweise, bei allen Katastrophen und Verirrungen, wir haben immer den rechten Weg gefunden. Möchte man nicht glauben, aber es ist die Wahrheit, wir sind auf dem rechten Weg. Wir haben keine Ahnung, wohin es uns treibt, niemand weiß irgendetwas über den morgenden Tag – aber gerade unsere Unwissenheit ist uns Unterpfand, dass wir nicht in die Irre gehen, und wenn doch, dass wir den rechten Weg wiederfinden werden.

Die Goldene Stadt wird öffnen die Tore, wenn wir kommen.

(Peter von Mundenheim, 15.04.2025. Illustration: Photo von Bastian Bruchhard, alle Rechte beim „Verlag Peter Flamm“. © Verlag Peter Flamm, 2025)

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