Die gefallenen Engel und die Geschichte von Ischtar

Die Geschichte geht so.

Nachdem GOtt die Erde und die Menschen und die Tiere und alles erschaffen hatte, ließen überall die Menschen sich nieder, und die Frauen der Menschen waren schön, über alle Maßen schön, so schön, dass die Engel im Himmel sich in sie verliebten.

Sie zeugten Kinder mit den Menschenfrauen, die Engel, und diese Kinder waren nicht mehr menschlich, sie wussten viel von den Künsten der Engel, verwendeten sie für die Erde. Sie brachten die Zauberkunst unter die Menschen, und lehrten sie den Krieg, und sonst allerlei Dinge, auch üble.

GOtt bekam die Sache satt, und ER beschloss, die Erde zu reinigen. Es kam eine große Flut, und die meisten Menschen kamen um, und es kamen auch um die bösen und verführerischen Engelskinder.

Hernach erholte sich die Erde.

Die gefallenen Engel, die so sehr den schönen Menschenfrauen anhingen, die ließ GOtt nicht zurück in den Himmel. Sie wohnen irgendwo, und kommen zurück unter die Menschen, als Gespenster, und halten traurig Ausschau nach den Menschen, den Frauen vor allem. Sie können auch nicht mehr mit GOtt reden, GOtt hört sie nicht mehr an, sie können nicht mehr beten zu ihm.

So ist das, so wurde das jedenfalls erzählt, die Gefallenen Engel treiben sich auf der Erde umher als traurige Geister, und bei ihnen sind all die toten Engelskinder, die in der Flut umgekommen sind, und die sind genauso Gespenster.

[…]

Auf den ersten Blick sieht die Sache mit den Engeln eindeutig aus, nur auf den ersten Blick. Guckt man näher hin, dann – – –

Es gibt viele Geschichten. Die Engel waren den Menschenmädchen nicht immer willkommen. Manche Frauen suchten den Nachstellungen zu entgehen, wie es mit Frauen halt ist, die suchen sich gern selber aus, von wem sie sich umwerben lassen, und wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht.

[…]

Allez hopp, ran.

Wir waren bei den Engeln, die sich auf der Erde herumgetrieben haben, weil ihnen die schönen Menschenmädchen so gefielen. Und ich hab dargelegt, ausführlicher, als ich ursprünglich wollte, dass die Mädchen darüber nicht immer so begeistert waren.

Ce que femme veut, Dieu le veut, sagt ein altes französisches Sprichwort, das würde bedeuten, die Jungs haben zu rennen, wenn die Mädchen wollen? Genau das tun sie auch.

Und wenn die Mädchen nicht wollen? Ist die Sache sowieso gegessen.

Die Engel begegneten einem süßen jungen Wesen namens Ischtar, die war unwiderstehlich. Hell wie der junge Morgen, und freundlich und allen Menschen gut. Klein und ein bisschen rund, zum Anbeißen. Die Engel wollten es so gern mit ihr treiben. Sie stellten ihr nach und lauerten ihr auf und gaben nicht auf und wollten sie nicht in Ruhe lassen. Sie fingen an, an ihr herumzufingern, ihnen stand der Ständer in der Hose, oder mit welchen Gewändern immer sie angetan waren.

Ihr gefielen die Engel nicht.

Ce que femme veut, Dieu le veut. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Woher weiß ich überhaupt, dass ihr wirklich Engel seid, fragte die niedliche Ischtar. Das kann jeder behaupten!

Wir kommen direkt aus Gottes Himmel, sagten die Engel, wir haben das geheime Passwort, damit kommen wir jederzeit durchs Tor.

Das will ich erst hören, bevor ich das glaube, sagte Ischtar schnippisch.

Jetzt kommt der schwierige Teil der Geschichte. Würden die Engel im Ernst so blöd sein, ihr das Passwort zu verraten? Sind Engel so dumm?

Gefallene Engel vielleicht. Und wie ich sagte, ihnen ragte der Ständer vor dem Bauch. Da hakt bei allen männlichen Wesen der Verstand aus.

Überdies, Geschichten haben das so an sich, sie müssen weitergehen. Und damit die Geschichte weitergeht, bleibt es dabei, die Engel verrieten das Passwort.

Die süße Ischtar sprach das Wort aus, und in Gedankenschnelle war sie den Belästigungen der Engel entkommen, und fand sich in Gottes Himmel, und Gott persönlich sah sie an und fragte, was machst du hier, Kind, wie bist du überhaupt hier rein gekommen?

Und sie erzählte von den Zudringlichkeiten der Engel, und wie knapp sie einer Vergewaltigung entronnen war.

Gott sah, dass sie unschuldig war und gut, und er seufzte und sagte, von mir aus, dann bleib halt hier, bei mir bist du sicher.

Sie ist noch heute in Gottes Himmel, die niedliche Ischtar, ihr könnt sie selber sehen, wenn ihr des Nachts hinaufblickt zu den Sternen.

Sternbild der Jungfrau.

( Entnommen 18.10.24 aus: Peter von Mundenheim, Weldbrüggen, Dannstadt-Schauernheim 2023, Druckversion p. 66, 98, 100-101. Die Geschichte von den gefallenen Engeln wird dort erzählt nach: Emil Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, zuerst Tübingen 1898-1900, jetzt auch Digitalversion: Patristic Publishing, Omaha 2019, ab Position 9513. Die Geschichte Ischtars folgt: Micha Joseph bin Gorion, Die Sagen der Juden Band 1 – Von der Urzeit, Zweite, vermehrte Auflage Frankfurt 1919, Seite 315 f. Illustration: William-Adolphe Bougereau, Le guêpier (Das Wespennest), 1892, Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain. © Verlag Peter Flamm, 2024)

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