Böller

Er suchte eine Weile, dann brachte er eine schon angebrannte Kerze hervor, die Frauen begannen zu schnuppern, sie liebten den Geruch des Bienenwachses, jeder tut das ja.

Auf die Kerze waren mit schwarzer Farbe Striche unterschiedlicher Länge aufgemalt, und sie steckte in einem tellerförmigen Halter, der war mit einem Henkel versehen.

„Seht ihr“, erklärte Bernhard, „wenn man nun im gewünschten Abstand in das Kerzenwachs kleine Bleikugeln eindrückt, dann fallen sie herunter, sobald die Kerze entsprechend abgebrannt ist, und geben unten in der Schale einen Ton … das ist die einfachste Methode … doch wie gesagt, sehr genau ist sie nicht, Kerzen brennen unterschiedlich schnell, das wisst ihr ja, je nachdem ob sie des Sommers in einem gut gelüfteten Raum stehen oder des Winters im Ofenmief …“

Ja, das wussten die Frauen natürlich, und die Kerzenuhr, die sah man oft bei den Häuslern, wenn sie Bienenwachs zur Verfügung hatten; aber hübsch war es eben, das alles so kundig und verständig erklärt zu bekommen!

Der Uhrmacher trat, von einem plötzlichen Gedanken oder einer plötzlichen Erinnerung getrieben, hinaus auf die Stufen, zwischen die eichenen Säulen.

„Jaja“, rief er, nach einem flüchtigen Blick hinauf zur Sonne, „es ist an der Zeit, es ist gleich so weit, kommt heraus, in den Garten …“

Er winkte seine Besucher mit ausholenden Armbewegungen hinter sich her, sie folgten ihm mit Neugier, machten keine amüsierten Bemerkungen darüber, dass er einfach zur Sonne emporgesehen hatte, als er die Zeit wissen wollte, es war ihnen gar nicht aufgefallen; und Bernhard schritt eilig vorneweg, dem Hintergrund des Hofes zu, dort, wo hinter den Sonnenuhren erneut Essigbaumgebüsche das Gelände begrenzten.

„Ja“, sagte der Uhrmacher, „gerade rechtzeitig … hierher bitte, ja, kommt nur alle, nur heran …“

Grand Mère war außer Atem geraten, so eilig waren sie gegangen, und alle blinzelten sie, Bernhard hatte sie so plötzlich von der Werkstatt weggezogen, dass sie gar nicht wussten, wie ihnen geschehen, eben hatten sie noch den trockenen Holzgeruch in der Nase gehabt, und den feinen, süß schwebenden Duft des Bienenwachses, hinter den luftigen Eichensäulen, und nun fanden sie sich auf einmal im Garten wieder, im Sonnenlicht, oh, der Tag wurde wieder warm, wie der gestrige, fortgezogen waren die Wolken, blank der Himmel.

Da sich der Morgendunst so spät aufgelöst hatte, die Sonne nur zögernd durchgebrochen war, wahrte das Gras, wahrten die schattigen Plätze unter den Ästen und zwischen den Blattwedeln noch Feuchtigkeit, langsam verdunstend nun, aufgetrunken von der Wärme, vom Licht, das gab einen lieblichen Sommergeruch, machte die Luft sanft und weich.

Trat man aber richtig hinein in die Sonne, fort vom Schatten, so wusste sie zu stechen, denn es war Mittag.

„Nun schaut her“, rief Bernhard und strich mit gespreizten Fingern der flachen Hand die Haarsträhne aus der Stirn, „schaut her und seht es euch an, doch eilt, nur wenige Minuten noch, und die Sonne steht im Zenit.“

Da fand sich also, in die Erde eingelassen, rundum und unbehindert dem Sonnenlicht ausgesetzt, eine steinerne Platte, ein Podest oder flacher Sockel, kreisrund, und darauf lagerte, mit etwa armlangem Rohr, auf schwenkbarer Lafette eine Kanone.

„Aber … was ist das?“ fragte Inge und zuckte zusammen, weil von dem lauten Sprechen ihre verletzte Nase schmerzte.

„Eine Kanone …“ antwortete Grand Mère an des Uhrmachers Stelle. Sie hatte dergleichen schon einmal gesehen, vor langer Zeit, in der Stadt, da sie die Frau eines Sammlers gewesen war und das Kind Aslan zur Welt gebracht hatte, lange war das her, in einem anderen Leben musste es gewesen sein. „Eine Kanone … Böller- und Freudenschüsse kann man daraus abgeben.“

„Weit gereist und vielbefahren bist du“, sagte der Uhrmacher vergnügt, „und viele Dinge haben deine Augen gesehen, ich gratuliere dir … nun bin ich aber gespannt, ob du meine Konstruktion auch schon kennst … tretet alle bitte hierher, dahinter, ja, nicht vor die Mündung stellen, bitte.“

Er winkte sie hinter die Kanone, und sie schritten herum und betrachteten mit großen Augen das fremdartige Gebilde.

„Eine Kanone …“ wiederholte Inge leiser und etwas nuschelnd.

Ein eisernes Rohr mit ungemein dicken Wänden, schwer musste es sein, von der Kraft eines einzelnen Menschen sicher nicht zu bewältigen, und es ruhte in einem soliden eichenen Gestell, dessen schwere Einzelteile durch eiserne Schrauben und Muttern zusammengezwungen waren, dicker und klobiger, als man sie sonst zu finden gewohnt war. Die hintere Hälfte des Rohres, also die, die auf der Lafette auflag, war übrigens massiger als die vordere, die sich bei genauerem Hinsehen zur Mündung hin zu verjüngen schien, bis die vorderste Spitze sich wieder zu einem wulstartigen Kranz verdickte, rund um die Austrittsöffnung.

Die Lafette stand nicht genau in der Mitte des kreisförmigen Sockels, sondern etwas vorgeschoben, so dass die Geschützmündung ein gutes Stück über den steinernen Rand hinausragte.

Bernhard stand immer noch da, gab keine Erklärungen ab, sondern rieb sich fortwährend die Hände und rief immer wieder: „Schaut nur, schaut!“

In die hintere freie Fläche des Steinsockels waren die Striche und Ziffern einer einfachen Sonnenuhr eingemeißelt, mit einem aufrecht stehenden hölzernen Winkel als Schattengeber, und die Besucher sahen nun allerdings, dass sich der schmale Schattenfinger haarscharf auf den Zenit der Skala zubewegte, Mittag musste es sein, und es erfasste sie auf einmal eine gewisse Spannung, der Wunsch, nicht einfach mit einem flüchtigen Blick hinauf zur Sonne zu sagen, „nun, gegen Mittag ist es“, sondern es genau zu wissen, „jetzt!“ rufen zu können, ihn zu fassen, den Augenblick, in seiner immer kleiner werdenden Punktförmigkeit, den Hauch, das Nu, das unbegreifliche Jetzt und gleich wieder Vorbei, das nicht Festzuhaltende, und doch Abgebildete, abgebildet in einem Schatten, der den Strich einer Skala berührte, weiterzog mit unmerklicher Bewegung …

So war das also mit den Uhren.

„Schaut mal da!“ rief Grand Mère und wies mit ausgestrecktem Finger, jetzt hatte sie es entdeckt, das Seltsame, das Eigene an Bernhards Konstruktion: auf das Kanonenrohr, ganz nahe dem hinteren, dicken Ende war ein metallenes Gestell aufgesetzt, als ein Reiter, und dieses Gestell trug eine wenig schräg, fast waagerecht aufgehängte Linse. Jawohl, eine Linse, die Frauen beugten die Köpfe darüber und betrachteten das seltene Ding, ein dickes, kreisrundes, beidseitig bauchig ausgewölbtes Stück Glas, das die Gegenstände, die man darunter hielt, unförmig vergrößerte und verzerrte, eine Kostbarkeit, die Kaufleute erwarben dergleichen zu hohem Preis, wenn sie seiner habhaft werden konnten, und vermochten es zu noch höherem wieder loszuschlagen …

Und nun wusste Grand Mère auch, was gleich passieren würde, das war ja nicht schwer auszurechnen, sie kicherte vergnügt und gleichzeitig gespannt.

Unter der Linse wartete im Eisen des Geschützrohres eine schmale, schlitzförmige Öffnung … das Sonnenlicht fiel durch die Linse, wurde konzentriert in ein merkwürdiges Gebilde, das sah aus wie eine winzige, grell leuchtende Sanduhr, zwei kugelige Flecken mit einer taillenartigen Verbindung, geworfen auf das schwarze Eisen, und mit dem unmerklichen Vorrücken der Sonne wurde die Taille kürzer, die Flecken rückten zusammen mit der Tendenz, miteinander zu verschmelzen, und näherten sich gleichzeitig dem Schlitz, noch einen Augenblick, noch einen …

Grand Mère zog Magdalena ein Stück zurück …

Der Sonnenfleck, zu einem einzigen gleißenden Punkt konzentriert, nadelscharf, hatte den Schlitz erreicht –

es geschah nichts, gar nichts –

doch, ein Zischeln drang aus dem Schlitz, ein ungeduldiges Wispern, ein Flüstern –

ein seidenblaues Rauchfähnchen stieg heraus –

ein Schüttern des Kanonenrohrs –

und Schuss!

Ein Donnerschlag krachte, dass die Lüfte erzitterten, aus den Gärten stürzten die Vögel empor, rötlichblauer Blast spie aus der Mündung wie eine hervorgeschleuderte Faust, dass es zischend über die Wiese grölte, gefolgt von einer jubelnden Rauchschlange, die riss Fetzen brennender Luft mit sich –

„Mittag“, sagte Bernhard trocken, und Waldemar warf sich krähend auf den Rücken und strampelte vor Vergnügen mit den Beinen in der Luft –

die Kanone hustete noch einmal und spie abschließend ein weißes Rauchwölkchen aus, das stieg schnell empor im Mittagslicht –

die Frauen taten, was man von ihnen erwartete: sie kreischten und hielten sich aneinander fest, und als die Gefahr vorüber war, begann sie zu lachen und riefen „huch“ und „huh“ und „bei Vautrin“ und erzählten sich „was bin ich erschrocken“ und „aber so laut“ –

und  Bernhard stand vergnügt dazwischen und wärmte sich an seinem Erfolg.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 06.04.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)