Spielzeug

Er kramte in dem tiefen Wandregal hinter dem Tisch mit dem Topf, und zog einen kleinen Gegenstand hervor, der sah aus wie ein Ei, ja, er hatte die Form eines Eies und auch ungefähr dessen Größe – nun, sagen wir eines Gänseeies.

„Dies“, sagte der Uhrmacher, „ist auch eine Sonnenuhr, schaut nur her …“

Er trat hinter die eichenen Säulen, um mehr Licht zu haben, und seine Zuhörer folgten ihm und stellten sich dichtgedrängt, um alles sehen zu können.

Es zeigte sich, dass das Ei der Länge nach halbiert war. Bernhard löste zwei messingne Häkchen und klappte die Hälften auseinander, derart, dass die eine Hälfte, mit der Wölbung nach unten, in seiner Handfläche liegenblieb, indes die andere Hälfte im rechten Winkel aufrecht stand, ein zierliches Scharnier am stumpfen Ende des Eies ermöglichte das –

„Oh … ach … wie schön …“ riefen die Frauen.

Bemalt und vielfach graviert waren die Innenflächen der zwei Eihälften, ausgesetzt nun dem Sonnenlicht, zu ihrer Bestimmung. Die untere, liegende Fläche, in Bernhards sorgsam haltender Hand, war durch einen Querstrich unterteilt in zwei ungleiche Hälften. Obwohl sie nicht viel davon verstanden, konnten sogar die Kaufleute sehen, dass der untere, kleinere Teil in der spitzen Rundung des Eies die eigentliche Sonnenuhr sein musste. Dort nämlich erhob sich ein winzig kleiner, aufrechtstehender Stab – doch immerhin groß genug, einen weisenden Schattenfinger zu werfen – und in weitem, unregelmäßig geformtem Halbkreis um ihn herum waren fünfzehn Ziffern angeordnet, die sollten wohl die Tagesstunden markieren. Die Ziffern waren durch eingeritzte Striche mit dem Schattenstab verbunden, oder doch jedenfalls in seine Nähe geführt, so dass die Spitze des Schattenfingers wohl zu jeder Stunde das Ende eines Striches berühren mochte, und die zu dem Strich gehörige Ziffer wies dann die Zeit, natürlich, so war es.

In die obere, größere Hälfte der liegenden Fläche, im stumpfen Ende des Eies also, sah man eine kreisrunde Wanne eingelassen, in die war, auf goldenem Grund, in Blau und Rot eine Windrose eingemalt, im Zentrum einen aufrechtstehenden Zapfen tragend, der schien sechseckig zu sein.

Im übrigen war der Eirand rundum mit weiteren Ziffern und Gravuren bedeckt.

Und die aufrechtstehende Hälfte? Sie war es, die den Frauen bewundernde Ausrufe entlockt hatte, denn siehe, in der vertieften Fläche – nur ein schmaler Außenrand war stehengelassen worden, der passte, zusammengeklappt, fugendicht mit der unteren Hälfte zusammen – fand sich eine Miniatur: leuchtend nachtblau die Grundierung, und in Gold darauf gesetzt Sonne und Mond, umgeben beide von einer wolkigen Aura, und glitzernde Sterne, gemalt, wie Kinder es tun, sechsstrahlig, gebildet aus drei sich kreuzenden Strichen.

Zwei winzige messingne Spangen klammerten einen flachen Metallstift, der in der Mitte eine sich rundende Ausbauchung aufwies, doch ohne sich zu verdicken; es schien, man könne ihn von den Spangen lösen, so dass es also eine besondere Bewandtnis mit ihm haben mochte.

Der aufrecht stehende Schattenstab der Sonnenuhr in der unteren Hälfte war gerade so hoch, dass er in die Vertiefung der oberen Hälfte, die die Miniatur trug, hineinpasste, wenn man das Ei wieder zusammenklappte.

Das also war die Sonnenuhr, das kleine Kunstwerk, das der Uhrmacher mit Stolz vorwies, und die Frauen sparten nicht an lautem Lob und Rufen der Bewunderung ob solcher Geschicklichkeit; und sie baten um nähere Erklärung.

„Nun, da gibt es nicht viel zu erklären“, meinte Bernhard. „Die Sache versteht sich sozusagen von selbst, ja …“

Er schaute einen Augenblick nachdenklich hinunter auf das kostbare Gebilde, dann wies er auf die eingearbeitete Windrose und fuhr fort: „Dies ist ein Kompass … ihr wisst, was ein Kompass ist?“

O ja, das wussten sie, natürlich.

Bernhard löste mit spitzen Fingern den Metallstift aus den haltenden Spangen und legte ihn auf den Metallzapfen im Zentrum der Windrose, derart, dass er balancierte, aufliegend nur mit der runden Ausbauchung in seiner Mitte … das Ding begann zu kreiseln, drehte sich, blieb dann stehen … zitternd, vibrierend auf seltsame Weise, wie lebendig, ja, zitternd wie die schnuppernde Nase einer Maus, die man gefangen hat …

„So“, sagte Bernhard, „jetzt wissen wir, wo Norden ist … aufgepasst nun …“

Durch ruhiges Drehen richtete er das Ei aus, behutsam, um die flackernde Nadel nicht zu stören … jetzt …

„Und welche Zeit des Tages also haben wir“ befragte Bernhard den kleinen Schattenfinger, der zwischen zweien der Ziffernstriche stehenblieb. „Aha, oh, auf Mittag geht es schon …“

Die beiden Jungen lachten Tränen, so etwas, man musste ja nur hinauf zur Sonne sehen, um festzustellen, dass es auf Mittag ging, etwa vierzig Minuten waren es noch bis dahin, ja, das mochte hinkommen, vierzig Minuten etwa.

Bernhard lachte gutmütig mit. „Aber ist es nicht schön?“ fragte er mit verliebtem Blick auf das Ei.

Ja, das fanden die Frauen auch, schön war das Gebilde, man merkte ihm ab die Geduld und Kunstfertigkeit, die seine Herstellung gekostet haben mussten, es war schön, wenn so viel menschliches Wissen, so viel Feinheit und Mühe kundiger Hand geborgen waren in einem so kleinen Gegenstand, kostbar machte das ihn, kostbar und schützenswert.

„Aber der Topf war schöner“, meinte Waldemar, und Eluard fand das auch, wenn er es auch nicht ausgesprochen hätte, aus Höflichkeit, aber der Topf … ja, mit dem konnte man doch noch etwas anfangen, da rieselte es und klang und bewegte sich, und außerdem, man konnte ihn jederzeit benutzen, zur Nacht, und auch des Tags, wenn die Sonne sich verborgen hielt hinter dichten Wolken …

„Nun sag mir“, meinte Grand Mère und fuhr mit fühlendem Finger am Rand des Eies entlang, „das ist Elfenbein, nicht wahr?“

Der Uhrmacher nickte. „Walbein ist das, ein großes Stück habe ich geliefert bekommen, von der Küste Englands … und der sie bestellt hat, diese Uhr, das ist ein Maître aus Avignon, ja, sie ist ja fertig, schon längst hätte ich sie ihm schicken müssen, aber ich mag mich noch nicht trennen …“

Das verstand Grand Mère, und sie nickte anteilnehmend.

Avignon, dachte Magdalena, Aslan war einmal dort, er hat davon erzählt, eine kleine Stadt ist das an breitem Strom, ruhig fließt der dem Meer entgegen, dann kommen weitgedehnte Sümpfe und Marschen, keines Menschen Fuß wird sie je betreten, nur die Schwärme der Vögel sieht man von Weitem, Millionen Tiere, rosa und weiß, und groß und hochbeinig wie Störche, sie verdunkeln die Sonne, wenn sie auffliegen … und dann das Meer, Kristall, mit weißen Schaumkronen, und ein Himmel wölbt sich darüber, hoch und von unendlicher Bläue, Licht, Licht, dass es schmerzt …

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 02.04.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)