Müll

Sie wusste, die Pferdeschnauzige: Was immer sich sagen lässt, das ist nicht wirklich tief. Was aber wirklich tief ist, das lässt sich nicht sagen.

Hatte sie in einer ihrer Frauenzeitschriften gefunden, aber da sie es gefunden hatte, hatte sie alsogleich gefühlt: Das ist ganz Ich! Meine Tiefe!

Das ist nicht Tiefe, das ist Tinnef, dachte der Junge. Die Tatsache, dass du kein gerades Wort herausbringst, soll also der direkte Beweis sein, dass in dir unaussprechlich tiefe Dinge vorgehen? Und wenn einer spricht und sich müht und um Worte ringt, dann ist das der Beweis, dass mit dem nichts los ist? Kein Wunder, dass sowas in deinen Frauenzeitschriften steht. Das läuft ja allen dummen Nüssen runter wie Öl. Jedes Strohhirn kann sich sagen: Ah, so ist das also, ich wusste es ja, das liegt alles an meiner Überlegenheit und Tiefe, dass ich nichts zu sagen weiß. Mein Schweigen ist Siegel meiner Tiefe!

Doch, ja, er dachte bereits als Kind solche Sachen, hatte aber gelernt, sie nicht auszusprechen. Nützte ihm nichts, man sah seinem Blick an, was er dachte.

So war sie tragisch allein, die Pferdeschnauzige, tragisch verkannt. Trug an ihrer ungeheuren Begabung, trug an ihrer Tiefe, die war da, aber niemand sah sie! Sie wartete, dass eine mitfühle mit ihrer Tiefe, wortlos mitfühle, die würde sie sofort erkennen. Ein Blick würde genügen, die Tiefen erkennen sich, die Fühlenden.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, wusste sie noch.

Auch aus einer Frauenzeitschrift.

Wo die den Müll nur immer herhaben? fragte sich der Junge.

Er zuckte zusammen bei den Worten „kultiviert“ und „unreif“. Fügen wir der Liste noch das Wort „Gefühle“ hinzu.

Gefühle! Das ist ganz Ich! wusste die Pferdeschnauzige, und impliziert war: Du hast das ja gar nicht. Sowas wie Gefühle hast du ja gar nicht. Du weißt ja gar nicht, was das ist.

Würde nachher genuines Taschengut werden. Männer haben keine Gefühle, Männer sind unreif, Männer sind unkultiviert.

Die Pferdeschnauzige hatte diese Beleidigungen nicht etwa aus der damals erst noch rudimentär existierenden Taschenliteratur, sie hatte sie aus der frei flottierenden Masse des Stiefeldenks.

Stiefeldenk war so allpervadierend im Scheißvolk, noch während der ganzen Zeit, da der Junge heranwuchs, dass es als Stiefeldenk gar nicht identifiziert wurde. Die einschlägigen Sätze galten einfach als Wahrheit, keiner Diskussion bedürftig. Wer das nicht sieht, hieß es, dem ist nicht zu helfen. Es gibt Wahrheiten, die leugnet nur der böse Wille. Oder der Unverstand.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 14.02.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)