Namen

Eluard schauderte.

„Ein schlimmer Tag war das“, sagte er, etwas altklug.

„Ja“, antwortete Waldemar klagend, „schlimm … ich will, dass alles wieder so wird, wie immer …“

„Was meinst du?“ fragte Eluard.

„Na, du weißt doch“, antwortete Waldemar. „Erst sind wir weggelaufen aus dem Haus, aus Dietrichs Haus, und dann kam der lange Wald, und jetzt das …“

Eluard betrachtete ihn aufmerksam, versuchte in der Dunkelheit sein Gesicht zu erkennen, es war sonst nicht Waldemars Art zu klagen … dann fiel sein Blick auf den kleinen schwarzen Schatten zwischen ihnen, und er sagte: „Wenigstens ist die Katze bei uns geblieben … es hätte mich nicht gewundert, wenn sie weggelaufen wäre vor Schreck …“

„Sie konnte ja gar nicht weglaufen“, sagte Waldemar und lachte schon wieder, „du hast sie doch die ganze Zeit getragen …“

„Das hast du gemerkt?“ wunderte sich Eluard. „Ja, das war eben so.“

Sie lachten beide, ohne besonderen Grund.

„Überhaupt“, bemerkte Waldemar nachdenklich, „wir nennen sie immer nur ‚die Katze‘ … sie muss einen Namen bekommen, oder? Jedes Ding muss seinen Namen haben, sagt Grand Mère …“

„Einen Namen …“ wiederholte Eluard. „Das ist ja wahr, daran habe ich nicht gedacht … wie nennen wir sie … sie ist doch ein Mädchen, oder?“

„Aber ja“, sagte Waldemar und fühlte unbefangen nach.

Die kleine schwarze Katze protestierte heftig.

„Ja“, sagte Waldemar noch einmal und streichelte sie beruhigend.

„Dann müssen wir ihr auch einen Mädchennamen geben“, meinte Eluard. „Welchen nehmen wir denn? Da gibt es so viele …“

„Oh, ich weiß schon“, rief Waldemar. „Da war doch das kleine Mädchen in Dietrichs Haus …“

„Welche …“

„Na, da war doch nur eine, du weißt schon, die, mit der du immer gegangen bist … sie hat dich gern gehabt, sagt Inge … wie hieß sie doch gleich …“

„Lili“, antwortete Eluard, nicht ohne Widerstreben.

„Lili!“ rief Waldemar. „Genau, das wars … das ist ein schöner Name für eine Katze, oder nicht? Mir gefällt er …“

„Hm“, machte Eluard, prüfend und probierend. „Lili, Lili, warum auch nicht, ja, gar nicht so schlecht … meinst du, sie wird darauf hören?“

„Oh“, antwortete Waldemar, „alle Katzen hören auf ihren Namen, sie lernen es schnell … manche von den Dörflern haben Vögel in ihren Häusern, und sogar die haben Namen, wirklich …“

„Ja, das stimmt“, pflichtete Eluard nachdenklich bei. „Und sogar die Ochsen … hören die eigentlich auf ihre Namen?“

„Ganz bestimmt!“ rief Waldemar aus, entrüstet. „Sie wissen sogar, wenn man von ihnen spricht, auch wenn sie es gar nicht hören können! Bestimmt!“

Das mochte nun Eluard kaum glauben, aber er erwiderte nichts, um Waldemar nicht zu kränken. Immerhin, er nahm sich vor, es doch einmal auszuprobieren. Wenn die Ochsen das nächste Mal zusammen auf einer Weide lagerten, und von den Kaufleuten gerade niemand herschaute, dann würde er … ja, er würde zum Beispiel Moses Maimon beim Namen rufen, und dann würde man ja sehen, ob der den Kopf wendete und schaute, was man von ihm wolle … andererseits, die großen Tiere waren eigensinnig, das wusste Eluard wohl … wie, wenn Moses Maimon nun einfach so tat, als ob er nichts gehört hätte, weil er seine Ruhe haben wollte?

Eluard spähte grübelnd hinaus in die Nacht. Er müsste irgendein Mittel finden, dem wirkungsvoll zu begegnen, so dass er Gewissheit erlangen könne … aber wie es anfangen?

„Also, sie heißt Lili“, stellte Waldemar abschließend fest.

Eluard stimmte zu; wenn er es sich überlegte, so gefiel ihm der Name nicht übel.

Er dachte einen Augenblick nach und sagte: „Weißt du was? Ich geh vor und erzähl Inge, dass wir der Katze einen Namen gegeben haben.“

„Ja, das ist gut“, lobte Waldemar, und fügte hinzu: „Aber bleib nicht so lange …“ Die Stiche juckten ihn, und dann war da die Feuersäule, in der rabenschwarzen Nacht … er fühlte sich kläglich.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 03.02.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)