Blicke

Die wirklich konkrete Bedrohung in den Blicken, über die ich schon ausführlich gehandelt habe, und die darin liegt, dass die Kontaktaufnahme durch Blicke dem Menschtier dazu dient, seinen Dreck in ein begegnendes schwächeres Menschtier hineinzukübeln, klärte sich dem Jungen erst sehr viel später, als er schon ein alter Mann wurde. Das Menschtier sucht die Blicke begegnender Menschtiere einzufangen, um diesen Begegnenden „was anzuhängen“, wie der Junge verstand und es nannte. Als er als alter Mann, endlich schlau geworden, in den Straßen und öffentlichen Räumen jeden Blickkontakt kalt verweigerte, steigerte sich so manch begegnendes Menschtier geradezu in eine Frenesie des Glotzens, im Versuch, den Blickkontakt zu erzwingen, der muss doch gucken, der muss einfach!

Er musste nicht, er tat es nicht mehr. Es war längst nicht so schwer, wie er anfangs gedacht hatte. Habe das schon geschildert. Dauerte nur wenige Monate, da wehten die begegnenden Menschgestalten nur noch als farbige Fahnen seitlich durch sein Gesichtsfeld, und der Magnetismus ihrer Blicke kam zum Erliegen, der Junge reagierte nicht mehr, anfänglich hatte er sich noch bewusst zwingen müssen: Guck nicht hin! Guck weg! – nachher wurde ihm das Weggucken zum eingeübten Reflex, sein Blick zuckte beiseit, sobald eine von den zweibeinigen Maschinen suchte, sich in seine Aufmerksamkeit hineinzudrängen, und er merkte wohl, wie das Starren und Glotzen und Saugen begann, wenn er den Blickkontakt verweigerte, aber sie hatten nicht die Macht, sein Aufmerken zu erzwingen, wie haben die mich nur so lange tyrannisieren können? überlegte er.

Das Menschtier weiß, dass mit dieser Einrichtung der Müllverklappung per Geglotz etwas nicht stimmt, es weiß, dass nichts damit stimmt, jedenfalls versucht es hartnäckig, die Kinder dahingehend zu belehren, glotz die Leute nicht so an, das gehört sich nicht, bekommen die Kinder gesagt von den lieben Eltern, und die Eltern tun es dann selber, weil der Blickkontakt nun einmal der Augenblick des Überkübelns ist, des Hineinkübelns des eigenen Mülls in den begegnenden Mitmensch, und weil die meisten Menschtiere die Sache längst so weit getrieben haben, dass sie des Hinüberkübelns gar nicht mehr entraten können, sie würden sonst ersticken unter der Last, die von wieder anderen in sie hineingekübelt wird Tag um Tag, ich habe das schon ausführlich dargelegt. Der Junge hatte niemals den Schatten eines Bedürfnisses verspürt, seinen Dreck auf anderen abzuladen, aber erst im Alter war er endlich soweit, seine eigenen Gelände wirkungsvoll zu schützen, durch einfachen Kontaktabbruch. Seht in mir doch was ihr wollt, dachte er, eure Müllkippe bin ich jedenfalls nicht mehr.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 27.01.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)