Brennnesseln

Es war Inge, die sich zuerst rührte.

„Du tust mir weh“, jammerte sie, und versuchte von unten her Rogers Bauch hochzudrücken, denn er lag mit vollem Gewicht auf ihrem Kopf und drückte ihre Nase in den Sand, dass sie wund wurde.

Roger, der die Arme über Kopf und Nacken geschlagen hatte, wagte, sich vorsichtig ein winziges Stückchen zu bewegen, so dass er mit einem Auge hinüberspähe konnte zur Silberstadt; da sah er, dass für den Augenblick das schlimmste vorüber zu sein schien; für den Augenblick.

Er krümmte sich zusammen und zog die Knie an, dass Inges Kopf entlastet wurde; sie zog ihn aber nicht hervor, sondern blieb liegen wo sie war und fragte in die Erde hinein: „Ist es vorbei?“

Es klang wie dumpfes Murmeln aus einer Gruft.

„Ja, nein“, antwortete Roger flüsternd, er hatte Angst, durch ein unbedachtes Wort alles wieder aufzurühren. „Es scheint sich beruhigt zu haben …“

Auch er wagte nicht, den Kopf zu heben, spähte nur immerfort unter dem angewinkelten Arm hindurch nach dem Feuer über der Silberstadt.

„Und die anderen?“ fragte Inge, immer noch aus ihrer Gruft.

„Ich weiß nicht“, flüsterte Roger zurück, „ich kann sie nicht sehen.“

Seltsamerweise war es Eluard, der sich als erster rührte, von Aslan einmal abgesehen, der zwischen seinen Ochsen hing und nicht vor und nicht zurück konnte.

Eluard war zusammen mit der kleinen schwarzen Katze aus dem Wagen geschleudert worden, als die Ochsen in blinder Angst durch’s Gras galoppierten, und es hatte ihn hin und her geschüttelt und ein paar Mal um die eigene Achse geworfen; dann war er auf den Rücken zu liegen gekommen, und so blieb er auch und regte sich nicht mehr, er dachte nichts, empfand sich wie einen Gegenstand, wie eine Puppe, die umhergeworfen wurde und deshalb nicht zerbrach, weil sie der Bewegung keinen Widerstand entgegensetzte.

Schließlich hatte er ein Tasten auf seinem Bauch gespürt, das war die kleine schwarze Katze gewesen, sie war unmittelbar nach ihm von dem erbosten und sich in Bocksprüngen zur Wehr setzenden Wagen ausgespien worden und neben Eluard zu Grund gekommen; noch halb betäubt, war sie zu ihm hin und auf ihn gekrochen, um Schutz zu suchen bei dem streichelnden Tier; und er hatte, ohne es zu wissen, den Arm über sie gelegt und sie fest an sich gepresst, auf dem Rücken liegend, die Augen geschlossen.

Nun hörte er ein leises Wimmern und Jammern, das war das erste, was wieder in sein Bewusstsein drang, abgesehen von dem tiefgründigen Grollen aus der Silberstadt, von dem er nicht einen Augenblick die Aufmerksamkeit abgewendet hatte.

Er spürte, das Wimmern war ganz in seiner Nähe, und es klagte und bat um Hilfe.

Nach einer Weile wurde es Eluard klar, dass das Waldemar sein musste.

Konnte er es wagen, die Augen zu öffnen? Er spürte seinen Körper nicht, wusste nicht, was mit ihm geschehen war, nur auf seinem Bauch war ein weicher Druck, und in seinem Kopf eine gelblich gleißende Helligkeit.

Wie nun, wenn er bei dem Sturz in tausend Stücke zerbrochen war? Bei dem Sturz? Richtig, jetzt kam es ihm zum Bewusstsein, dass er ja gestürzt war … er war aus dem Wagen gefallen … wer weiß, was geschehen würde, wenn er sich regte. Vielleicht müsste er feststellen, dass er sich alle Knochen gebrochen hatte …

Und die Helligkeit … warum war es nur so blendend, so unerträglich hell durch die geschlossenen Lider?

Das Wimmern hörte nicht auf.

Langsam wurde es Eluard klar, dass der Druck auf seinem Bauch vor der kleinen schwarzen Katze herrührte, und dass es sein eigener Arm war, der sie niederdrückte.

Infolgedessen …

Er versuchte, die Spannung seiner Muskeln zu lösen, und ein Erzittern ging durch seinen Körper. Die kleine schwarze Katze, befreit, schnappte nach Luft und beklagte sich mit einem langgezogenen Miauen.

Wenn die Katze jammerte, musste die Welt noch stehen, das war klar.

Schließlich verstand Eluard, dass er auf dem Rücken lag, irgendwo in der Wiese, und dass die blendende Helligkeit in seinem Kopf davon herrührte, dass er das Gesicht der Sonne entgegenwandte.

Das Wimmern wurde vernehmlicher.

Klar, das war Waldemar. Also die Katze jammerte, und Waldemar rief um Hilfe, also mussten beide noch am Leben sein.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 14.01.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)