Die Würde der Welt

Der Gedanke an die Sylphide weckte Hoffnung in ihm, die Werke des Unnachahmlichen weckten Hoffnung in ihm. Alles war Hoffnung, alles war Versprechen. Das Gewirk war das nämliche. In den Romanen des Unnachahmlichen erhielten die gemeinen Dinge die ganz gewöhnlichen Dinge der ganz gewöhnlichen Alltäglichkeit einen hohen Sinn. Man wusste nicht immer und schon gar nicht immer beim ersten Lesen, welches dieser Sinn sei. Egal. Gewiss war: er war da, der Sinn, und es war ein hoher Sinn, ein außerordentlicher Sinn.

Stand die Sylphide an der Bushaltestelle, waren von einem Augenblick zum nächsten alle Gelände überflutet von Licht und Sinn. Welcher Sinn? Wer konnte das wissen. Aber das Licht war so blendend so glänzend, es zeugte für sich selbst und bedurfte keiner weiteren Beglaubigung. Das war es wohl. Der Sinn war unabgeleitet, er ließ sich nicht weiter zurückführen. Er ließ sich nicht begründen, bedurfte keiner Rechtfertigung. Er war Sinn schlechthin, war also, was Sinn einfach sein muss: undefinierbar unbenennbar. Er war Sinn, der gab sich kund, aber nicht zu erkennen. Das Licht war SIE.

In den Romanen des Unnachahmlichen erhielt das Gewöhnliche ein geheimnisvolles Ansehen. Alle Straßen führten ins Unbekannte, hinter allen Türen wartete das Ungeheuerliche. Wer könnte der Sylphide folgen? Wenn sie die Türen ihres Reiches öffnete, wohin würden sie führen? Die Sylphide wirkte nicht nur die Verwandlung der Dinge, sie wirkte die Verwandlung ihrer selbst. Soviel Verstand hatte der Junge immerhin noch zu sehen, das war ein Mädchen, ein hübsches blauäugiges goldhaariges Mädchen. Sie gab sich selber ein geheimnisvolles Ansehen. Sie trat hinein in die Welt, von der sie nichts wusste, sie wusste nicht, dass sie jetzt eingetreten war in die Welt des Jungen, wenn sie an dieser Bushaltestelle stand, dieser Haltestelle, die dem Jungen für sein ganzes Leben lang mythischer Ort sein würde, Ort des Versprechens, Ort der Verwandlung, und indem sie, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, eintrat in diesen Ort, verwandelte sie den Ort und sich selber.

SIE trat ein in IHRE Länder.

Die Romane des Unnachahmlichen gaben dem Bekannten die Würde des Unbekannten. Der Junge wusste, das war eine Würde. Bekanntheit ist Definierbarkeit. Was bekannt ist, ist immer schon eingeordnet. Das Unbekannte ist das Erhabene, das Ehrfurchtgebietende. Umso mehr der Ehrfurcht gebietend, wenn der Wanderer das Unbekannte erkennt nicht nur als das passager Unbekannte, sondern als das, was immer unbekannt sein wird. Das Herz des Jungen schlug ihm hinauf in den Hals

Angst? Freude?

wenn er erkannte: die Welt wird mir immer unbekannt sein. Alles Begegnende wird mir unbekannt sein, und was ich heute zu kennen meine, wird mir morgen neu entgegentreten, umkleidet mit allem Glanz des Ungeborenen. Die Sylphide war umkleidet mit diesem Glanz der Ungeborenheit, mit diesem Glanz des nimmer endenden Morgen. Sie war umkleidet von Licht, sie war umkleidet von Würde, der Würde des Unbekannten. Er wusste mit frohlockender Gewissheit, der Junge, sie würde ihm immer unbekannt sein, selbst wenn er sie kennenlernen würde. Niemals würde sie verlieren die Würde der Unbekanntheit, so wie die hundertmal schon gelesene Seite des Unnachahmlichen niemals verlieren würde ihre Würde der Unbekanntheit.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 09.01.2023, © Verlag Peter Flamm 2023)