Grölen

„Ich weiß nicht, die Tiere sind so unruhig“, sagte Aslan und rief Moses Maimon und Hermes Trismegistos beruhigend zu, die schnaubten durch die geblähten Nüstern und schüttelten die Köpfe.

„Man möchte meinen, da wäre ein Raubtier …“ sagte Magdalena und spähte unruhig hinüber in’s Gebüsch, die Augen mit der Hand beschattend.

„Eine Katze vielleicht“, meinte Aslan zweifelnd.

Es gab allerdings nur eine Sorte von Katzen, vor denen die Ochsen sich beunruhigten, das waren die schlanken, silbergrauen Pumas, und die pflegten eine nächtliche Lebensweise im Wald, gelegentlich in den Städten … vielleicht war ein Bär unterwegs … oder ein Rudel Wölfe freute sich an der Sonne.

Moses Maimon begann, den Schwanz kreiseln zu lassen. Aslan runzelte die Stirn und erwog, anzuhalten und spähend voranzugehen.

„He, was ist da vorne los?“ rief Roger von hinten. „Die Tiere werden unruhig …“

„Ich weiß nicht“, rief Aslan zurück, er gab sich keineswegs Mühe, leise zu sein, sondern brüllte geradezu; wenn es sich um ein Raubtier handelte, war Lärm das beste Mittel, es zu verscheuchen.

„Jetzt riech ich es auch“, sagte Magdalena und fasste Aslan beim Arm. „Was, bei Vautrin …“ Sie brach ab und erstarrte.

Zur Linken des Weges hatte sich das Gebüsch geöffnet und gab den Blick frei auf die weiten, hochstehenden Wiesen.

Darin weideten die Wesen.

Moses Maimon grunzte wütend und versuchte, nach rechts auszudrängen.

Die Kaufleute starrten. „Was … was ist denn das?“ wisperte Magdalena und vergaß, den Mund wieder zu schließen.

Eine Herde großer, hochbeiniger Wesen trieb sich um in den Wiesen, wohl zwanzig Stück. Viel größer als ein Pferd waren die Wesen, selbst als ein schwerer Ackergaul; dunkelbraun flockender Pelz bedeckte massige Leiber, die zeigten sich zur Taille hin seltsam eingeschnürt, die Leiber der stelzenden Quadrupeden; säulengleich staksten die Hinterläufe über den Grund, als wollten sie keinen rechten Zusammenhang bewähren mit dem übrigen Körper. Eine zottig wollige Mähne umwucherte Brust und Hals, und der Hals war lang wie ein Ofenrohr, hing lässig durch in eleganter Kurve (herauswachsend aus der mächtigen Brustmuskulatur), dass die Senkung fast die Tiefe der Knie erreichte, der schwielengepolsterten, eisenkugeldicken Knie; hernach aber hob er sich zu steiler Vornehmheit, bis über die Höhe des Rückens, obenauf trug sich zurückgeworfen der lange Kopf, hochmütig und unzufrieden waren die Wesen, man sah gleich, nicht leicht würde man es ihnen recht machen können … wandten sie aber den Kopf, so war’s ein schwebendes Schwenken und Schwanken, wie von der Höhe eines Fahnenmastes herab.

Auf den starken Gewölben ihrer Rücken aber trugen die Wesen kegelförmige Auswüchse, ein jedes deren zwei, die thronten dort oben als Buckel oder Kuppen, hintereinander, und der Zwischenraum bildete einen richtigen Sattel, steil eingeschnitten wie zwischen zwei Berglehnen, ein Mensch hätte bequem sich niederlassen können in der nutzbaren Senke, die Beine hinabhängend beidseitig, so wie ein Reiter auf einem Pferd sitzt, nur dass hier die Füße kaum die halbe Höhe der Flanken erreicht hätten, so gewaltig waren die Wesen.

„Vautrin steh uns bei“, sagte Grand Mère. „Was ist denn das?“

Die Herde drehte den schwankenden Wald der Köpfe und schaute – wie aus einem Auge – hinüber zu den Gespannen der Kaufleute, die auf dem Weg stehengeblieben waren, und die Ochsen schnaubten und grunzten.

Magdalena fing an zu lachen. „Sie sehen komisch aus, findet ihr nicht? Schaut doch mal, was für Gesichter sie machen …“

Die Ungeheuer regten vor langem Maul stark gespaltene Oberlippen, die schoben sich unentwegt mahlend und mümmelnd hin und her und entblößten die mächtigen Schneidezähne, die bleckten rechtschaffen gelb; sie sahen aus, als ob sie unverwandt die Nase rümpften, die Wesen.

Aslan lachte auch. „Sie scheinen wiederzukäuen … das sind Verwandte von dir, Moses Maimon.“

„Habt ihr eine Ahnung, was das ist?“ ließ sich Roger von hinten vernehmen.

„Nein“, antwortete Aslan, indem er sich halb umwandte. „Nie gesehen … auch nie davon gehört …“

Einige der Wesen standen, andere lagen im Gras, aus dem schauten sie hervor wie dunkelbraune Hügel. Es waren Jungtiere dabei, Kälber, die sahen hübscher aus als die Alten und hatten einen neugierigen und sanften Blick, wie das bei Kindern häufiger vorkommt – sind noch nicht so blasiert und interesselos wie die Alten.

Weiter entfernt auf der Wiese atmete der Leitbulle, er musste es sein, er war größer als alle anderen, wahrhaft riesig, zottig schwang die Mähne um seinen Hals, und jetzt setzte er sich in Bewegung und näherte sich mit langsamen Schritten den Gespannen der Kaufleute.

Er schwankte unglaublich, bei jedem Schritt hob er beide Beine einer Seite und setzte sie gleichzeitig wieder auf.

„Wie der geht!“ sagte Magdalena. „Ich kann es gar nicht glauben …“

Eine Wolke intensiven tierischen Duftes kam herbeigeflossen, es roch wie in einem geheizten Kuhstall nach langer Winterszeit, mit einer betäubenden Beimischung von verdautem Heu und eingefetteter Wolle …

„Unglaublich“, entfuhr es Aslan, „was …“

Der Bulle blieb spreizbeinig stehen, öffnete das Maul. In seinem Bauch erklang ein dunkles Gurgeln und Röcheln, ein Grölen und Dröhnen, das arbeitete sich mit quälender Langsamkeit durch die Länge des Halses hindurch, jede Windung ausarbeitend mit peinlichster Genauigkeit, und dann bildete sich vor dem geöffneten Bullenmaul eine grüne Blase, die schwoll und dehnte sich, bis sie platzte mit hörbarem Geräusch, und aus dem Maul klang ein Ton, desgleichen die Kaufleute nie vernommen hatten, ein lustvoll langgezogenes Stöhnen, mit einer schwachen Obertonlage von Gewinsel, das röhrte und höhnte, das ächzte und presste, das grölte und jaulte, und brach ab mit einem schrillen Aufschrei, das war kein tierischer Laut, das war Dämonengeheul, und die Ochsen prallten zurück und suchten auszubrechen aus dem Geschirr, und Aslan brüllte und schwang die Peitsche, und die Gespanne setzten sich in Bewegung, mit ratternder Eile.

„Vautrin steh uns bei!“ wiederholte Grand Mère.

Es gelang Aslan gerade noch, sein Gespann auf dem Weg zu halten, die Räder fuhren schleifend und rauschend hinein in’s Gebüsch, aber sie blieben nicht stecken, rutschten auch nicht ab; Rogers Ochsen, weniger aufgeregt, folgten, sie bewegten sich ja gut im Schutz des ersten Gespanns.

Die Herde der schwanken Wesen starrte den Enteilenden nach.

„Groß sind die Wunder Vautrins“, sagte Grand Mère, „und unerschöpflich ist die Fülle seiner Werke.“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 15.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)