Blanker Hohn

Wie auch immer, unter diesen Voraussetzungen musste die Aufforderung, im Konfliktfalle mit einer „Person seines Vertrauens“ zu reden, dem Jungen als blanker Hohn vorkommen. In seiner Welt gab es keine Personen, noch weniger Vertrauen. Wenn er, in unbelehrbarer Doofheit (höchsteigene Worte), einmal ungehemmt drauflosgeplappert hatte, war er in einem Maße verraten worden, das sich der Beschreibung entzieht. Und zwar unverzögert, in lodernder Geilheit. Was der wieder gesagt hat!

wieso „wieder“? dachte der Junge

was der wieder gesagt hat! Man kam auf ihn zu, kühle Überlegenheit. Ich höre, du sagst — und so weiter. Der Junge, kleines Kind noch, sah hinauf in die bewegten Fettmassen eines arbeitenden Gesichts und wusste, was immer das ist, eine Person ist das jedenfalls nicht.

Das wusste er schon, bevor er noch aus der Literatur erfuhr, was das sein solle, eine Person.

Es dauerte, wie bei ihm üblich, quälend lange, bis er schlau wurde, bis er entschlossen aufhörte, Vertrauen zu schenken.

Selbst als Erwachsener vergab er noch vertrauensvoll seine Manuskripte an Gestalten, die sich für Personen ausgaben, nur weil die gesagt hatten: Ah, Sie schreiben? Kann man da mal was lesen? Das interessiert mich doch! Und blind vor Vertrauen, blind wohl auch vor Hoffnung, hatte er rausgerückt, was er unbedingt hätte für sich behalten müssen, ich habe die Folgen gelegentlich schon geschildert.

Er erlebte es, noch als Kind, dass Bibliothekarinnen ihm erlaubten, außerhalb der Besuchszeiten sich in der Bibliothek aufzuhalten. So interessiert an Büchern, der Junge, das muss man doch unterstützen! Er nahm das wahr, vertrauensvoll. Dauerte wenige Wochen, nur Tage vielleicht, da wurde ihm vorgehalten, was für eine Last er doch sei, dass er immer sich herumdrücke, wo er gar nicht hingehöre, es gibt Öffnungszeiten, du meinst wohl, das gilt nicht für dich!

Noch als Erwachsenem passierte es ihm, oder soll ich sagen, geschah es ihm? unterlief es ihm? dass er der Einladung einer Seite in den elektronischen Spielzeugen zu „offenem Gespräch“ blind folgte, in blinder Durchdooftheit (höchsteigene Worte), um dann seine offenen Worte mit einer Sturzflut giftigsten Hasses quittiert zu finden, und er war, was sonst, auf dieser „offenen“ Diskussionsseite der einzige gewesen, der „offen“ seinen richtigen Namen genannt hatte. Er wusste, würde er diesen Vorfall „offen“ einer Person seines Vertrauens schildern, würde die es gar nicht erwarten können, seine Dummheit einer grinsenden Welt weiterzutragen. Er bedeutete nichts in dieser Welt, aber eine Lachnummer zu sein, war er doch immer gut genug.

Vertrauen ist in der Welt des Menschtiers ein Artikel, der grinsend den Doofen abgefordert wird, damit die dadurch, dass sie ihn vertrauensvoll produzieren, sich eben als die Doofen beweisen. Der einem Doofen abgerungene Artikel wird dann grinsend herumgezeigt, als Beute, und die Vifen und Wissenden fassen es nicht. Sie explodieren schier vor Hohn, oder vor gespielter Empörung, oder was immer. Sie hatten nie etwas anderes im Sinn, da sie Vertrauen einforderten, als diesen steilen Augenblick des Hohns. Des Sieges. Denn Siegen heißt Höhnen, für die Vifen und Wissenden.

Siegen heißt grinsen, und wer grinst, der ist Sieger.

Du musst auch mal Vertrauen haben! Du musst auch mal Vertrauen schenken! Wenn du kein Vertrauen hast, musst du dich nicht wundern!

Und wenn der Doofe dann das Vertrauen schenkt, schmeißen sie sich weg vor Lachen, die Wissenden.

Der Junge war ja sogar verlegerischer Aufforderung zum Besuch in der elend weit entfernten Hauptstadt gefolgt, einfach vertrauend auf die Ehrlichkeit der Aufforderung, nur um dann — ich habe das schon geschildert.

Er hatte Vertrauen gehabt.

Oder eigentlich nicht gehabt, sondern geschenkt.

Oder eigentlich nicht geschenkt, sondern vorgeleistet.

Vertrauen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 12.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)