Vorwarnung

Die Pferdeschnauzige hatte schon Monate vor dem Umzug in die kleine Stadt ihre Arbeit dort aufgenommen, bei der Lokalzeitung. Hatte viel Zeit in den Vorortbahnen verbracht, und dann hatte sie endlich den Führerschein gehabt, finanziert oder vorfinanziert vom neuen Arbeitgeber.

Der Arbeitgeber war eine Arbeitgeberin, notabene, wohlhabende Erbin, die Zeitung war in Privatbesitz. Das aber nur nebenbei.

Die vielen Fahrten, die Stunden in der Fahrschule, all das hatte dazu geführt, dass die Pferdeschnauzige aushäusig gewesen war den größten Teil der Tage, zuweilen hörte der Junge sie spät abends rumoren in der Wohnung, er hütete sich, rauszukommen.

Da er sich selber überlassen war, konsolidierten sich seine Schulnoten ein bisschen, man konnte ihn guten Gewissens nicht mehr zur Wiederholung der letzten Klasse zwingen, noch weniger ihn der Schule verweisen, die Erleichterung war spürbar, als man ihn endlich los wurde.

Dass man vorgesorgt hatte, dass man ihm Hassgepäck mit auf den Weg gegeben hatte, das würde er noch merken, konnte es sich aber nicht vorstellen. Er konnte es sich nicht vorstellen, da er ein alter Mann geworden war. Warum haben die das gemacht? dachte er dann. Wer macht denn sowas? Und warum?

Wir müssen die Kollegen am neuen Ort vor dem warnen, war wohl der Gedanke gewesen. Dass die wissen, was auf sie zukommt.

Hatte auf keinen Fall etwas damit zu tun, dass er immer noch für einen von den Anderen gehalten wurde.

Hatte auch nichts damit zu tun, dass seine Mutter nun als alleinerziehend galt und damit als aussätzig. Hat keinen Vater, das Kind, das sagt ja wohl alles.

Hatte mit alledem nichts zu tun, aber man sorgte vor, und der Junge war vollkommen ahnungslos, tappte blind durch seine Gelände, er hatte seine Gedanken bei der Sylphide, und wäre er nicht so oder so blind und dumm gewesen, die Sylphide hätte ihn dazu gemacht.

SIE.

Das Menschtier sieht SIE in den jungen Frauen, vor allem Menschtiere wie der Junge. Die jungen Männchen der Menschtiere schämen sich allgemein, ihre Verfallenheit an ein junges Weibchen zuzugeben, der Junge machte keine Ausnahme, mit wem auch hätte er reden sollen. Zu seiner Zeit wurde den Kindern noch geraten, bei Problemen zuerst mit den „lieben Eltern“ zu reden, die lieben Eltern wollen nur dein Bestes, mit denen rede, denen folge, dann fährst du immer gut! Später wurde den Kindern von denselben verantwortlichen Pädagogen geraten, bei Problemen „mit einer Person deines Vertrauens“ zu reden.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 08.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)