Flossengefächel

Waldemar und Eluard näherten sich mehr dem Ufer, sie mussten schwer arbeiten, um sich im Wasser voran zu bewegen, sie waren ja noch klein.

„Wie klar das Wasser ist“, sagte Eluard. „Weißt du, was wir machen? Wir versuchen, ob wir unter Wasser sehen können.“

„Au ja!“ rief Waldemar. „Das machen wir. Wir …“

„Nein“, wandte Eluard ein. „Erst ich.“

„Also gut …“ sagte Waldemar.

Eluard riss die Augen auf, pumpte sich voll Luft, hielt sich die Nase zu, tat noch einen letzten Ächzer durch den Mund und tauchte unter, indem er sich in die Knie fallen ließ.

Ein mächtige Gurgeln und langhallendes Gluckern war da rundum, er musste seine Nase loslassen und mit beiden Händen rudern, dass ihn der Auftrieb nicht gleich wieder an die Oberfläche hob … und als er untergetaucht war, hatte er im Reflex die Augen geschlossen, jetzt dachte er daran, dass er ja schauen wollte, und er öffnete die Lider, das kostete eine gewisse Anstrengung des Willens, und zuerst sah er gar nichts, spürte nur ein Reiben in der Bindehaut, wie nach langer Überwachtheit … doch dann klärte sich das Bild, und er schaute.

Grün. Helles Grün, mit Grau vermischt, und dazwischen tausend schillernde Sonnenflecken, spiegelnd und blitzend mit der leichten Bewegung der Wellen, und graue, fließende Schatten. Hell lagerte der Kieselgrund, auf dem spielte das Licht, Eluard konnte jeden einzelnen Stein erkennen, und dann wandte er den Blick und merkte erst, wie weit er schauen konnte, so klar war das Wasser; die ganze Lagune war ein helles Funkeln und Spielen aus Sonnenflecken und Wellenschatten, und drüben sah er zwei bleiche, elfenbeinbleiche Formen, groß und undeutlich, er erschrak, dachte an Tiere, an die fremden Bewohner der Flüsse und Tiefen, doch dann erkannte er, dass es Magdalena und Inge waren, die saßen dort im Wasser, und vor seinen Augen spielte eine graue Undeutlichkeit, hartnäckig, und mit fähncheneiligen Bewegungen, er versuchte zu fokussieren, das war gar nicht leicht, das Licht brach sich anders unter Wasser als an der Luft, dann gelang es ihm, und der neugierige kleine Schatten verwandelte sich in einen der Fische mit den schmalen grauen Rücken, tanzte vor seiner Nase hin und her, mit weichem Flossengefächel, und schaute voll Interesse, aus rundlich vorstehenden Fischaugen.

Und die Oberfläche, ein schwingender Spiegel in ruheloser Bewegung, hell und leuchtend, dass es blendete, doch undurchsichtig, Eluard wandte sich mit einer drehenden Bewegung, da sah er neben sich Waldemars Rumpf, wie abgeschnitten an der Brust, die Arme schwebten an der Oberfläche …

Er kam hoch, spritzend und japsend, kniff die Augen zusammen, als die Luft sie berührte.

„Wie lange du tauchen kannst!“ sagte Waldemar bewundernd.

„Ja“, ächzte Eluard und rieb sich mit den Knöcheln das Wasser aus den Augen, „Luft anhalten kann ich gut, ich war da mal bei Leuten, weißt du, da hab ich mit den Kindern immer gespielt, wers am längsten kann, und ich hab immer gewonnen …“

„Oh“, machte Waldemar, und dann fasste er sich und rief: „Jetzt aber ich!“ Und er pumpte sich voll Luft und zwinkerte die Augen zusammen und hielt sich die Nase zu und tauchte unter, ohne erst Eluard gefragt zu haben, wie es da unten aussehe, und Eluard stand da, mit langsam sich beruhigendem Atem, und schaute hinunter, auf Waldemars gebückte, mit den Armen rudernde Gestalt im Wasser … seltsam sah das aus! irgendwie verkürzt, als sei Waldemar plötzlich in der Länge geschrumpft … und die Haare umwehten seinen Kopf, als sei Wind da unten, sachte streichender Wind …

Luftbläschen stiegen auf.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 07.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)