Angst? Freude?

Wenn er hinauszog in die Nachtstraßen, vielleicht gewunden herumlungernd um das Haus, da die Sylphide wohnte, und empfing den Nachtschein der Straßenlaternen, und wirklich noch war, was er zeitlebens doch blieb, nämlich ein Junge: da schlug ihm das Herz hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Wenn er die Büchertasche trug nach Hause, gefüllt mit Seiten des Unnachahmlichen, jede einzelne ein Portal hinaus ins Unbekannte: da schlug ihm das Herz hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Wenn er saß vor seinem leeren Blatt Papier, oder vor seinen elektronischen Spielzeugen, und begann, Schriftzeichen zu setzen, und sah, wie sich die Schriftzeichen fügten zu Sätzen, zu Sätzen, deren Woher er nicht verstand, deren Wohin erst recht nicht – da schlug ihm das Herz hinauf bis in den Hals.

Angst? Freude?

Er stand jeden Tag vor neuen Türen, und sie stellten ihn vor die Wahl, zu fliehen oder sie zu öffnen. Er entschied sich immer, sie zu öffnen, und wenn er seine Hand, seine eigene fremde Hand, die Klinke niederdrücken sah: da schlug ihm das Herz hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Wenn er an seinem Klavier saß und die Tasten niederdrückte und Töne hörte, von denen er einige notieren würde, ohne schon zu wissen, welche, ohne schon zu wissen, warum er diese Tasten niederdrücken würde und jene nicht, ohne schon zu wissen, warum er diese Töne niederschreiben würde und jene nicht – da schlug ihm das Herz hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Es war so an jenem Abend

es war so an allen Abenden

es war aber besonders so an jenem Abend, da er das Gespräch mit dem späten Mädchen gehabt hatte, und da er sich plötzlich angeschaut gefühlt hatte von diesem eisig spähenden Blick, wessen Blick? indes unten in der Gasse die Menschen vorüberschoben, all die unbekannten Menschen mit ihren Leben

und er saß in dem Landbus und dachte an den Bericht des späten Mädchens und ihre Offenbarungen über den mallen Alten, die keine Offenbarungen gewesen waren, nur Bekräftigungen dessen, was er doch ohnehin schon gewusst hatte: und das Herz schlug ihm hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Er saß in dem rumpelnden Landbus, drehte seine Krücke zwischen den Fingern, starrte durch seine Brillengläser hinaus auf die vorüberziehenden Äcker, Äcker unterm herbstlichen Abenddunkel, dachte an den eisigen Blick aus dem Nirgendwo und an den Text des Unnachahmlichen, den er vergessen hatte, unbegreiflicherweise vergessen. Wie hatte er einen Text des Unnachahmlichen vergessen können? Welchen Text des Unnachahmlichen er auch immer gelesen hatte in seinem Leben in seinen Leben, er erinnerte sich nachher eines jeden Wortes. Hier waren dreihundert Seiten seinem Gedächtnis entflohen, er entsann sich, den Text gelesen zu haben, er entsann sich genau der zweihundert Seiten vor den vergessenen dreihundert, und der dreihundert hernach, aber inmitten war dieses Loch. Ich finde das raus, dachte er, und das Herz schlug ihm hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Er dachte an das Klavierstück, das auswendig zu lernen er sich vorgenommen hatte, und er dachte an die qualvolle Mühe, die ihm das Auswendiglernen von Musik bereitete. Als müsse er aus Wasser Figuren schnitzen. Warum nur? Warum nur fällt mir das so schwer? Ich krieg das raus, dachte er, und das Herz schlug ihm hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Er dachte an diesen unvermittelten Augenblick der Erkenntnis, unter dem Reden des späten Mädchens, da er verstanden hatte: SIE wohnt in mir. SIE wohnt in einem jeden Menschwesen, das bereitwillig IHR Obdach gibt. Wir sind nicht auf der Welt, um es gut zu haben, wir sind auf der Welt, um SIE in unseren Herzen zu schützen und zu bewahren. Und da er das dachte, schlug ihm das Herz hinauf in den Hals.

Angst? Freude?

Definitiv Freude.

Wenn ihr dies alles zusammennehmt, die Sylphide, den eisigen Blick, den vergessenen Text des Unnachahmlichen, die Gewissheit IHRES Wohnens in jedem Menschenherzen, die immer wieder entkommenden Noten, den mallen Alten, die Frage, warum hab ich mir das so lange gefallen lassen

vor allem das, warum hab ich mir das so lange bieten lassen, warum hab ich mich all die Jahre von dem mallen Alten belügen lassen und hab genau gewusst dass er log und bin dennoch hin gegangen wieder und wieder warum hab ich das getan warum hab ich mir das bieten lassen warum hab ich mir das gefallen lassen

und wenn ich euch sage, dass er zu einer zusammenhängenden Antwort kommen würde auf all dies, Antwort obendrein, die die nämliche sein würde wie die, zu der ich selber während meines vergeblichen Besuchs kommen würde bei meiner älteren Schwester, der destinatorischen Zurüstung, als ich versuchte, wohl wissend um die Aussichtslosigkeit solchen Beginnens, die Katastrophe mit der Konzentranze doch noch aufzuhalten

wenn ihr das alles zusammennehmt, so werdet ihr begreifen

und ich verspreche euch das, ihr werdet es begreifen

dass das Menschtier immer nur auf den gewundenen Pfaden zu seinen einfachen Antworten kommt

zu den Antworten, die doch auf der flachen Hand liegen.

Und also werden wir dem Jungen folgen müssen, auf seinen gewundenen Pfaden.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 06.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)