Gold

Aslan zog aus, um die verborgenen Orte zu finden, so wusste es jeder, denn er war ja Kaufmann; in Wahrheit aber geschahs, weil er hoffte, der großen Einsamkeit teilhaftig zu werden. Sein Mut, die Unbegangenheit nicht zu scheuen, war in Wahrheit Sehnsucht; und am Ende der furchtlosen Wanderungen stand dann – der Erfolg: der Sucher der Verlassenheit fand die vergessenen Wohnungen.

War Aslan ein Betrogener?

Tatsache war, dass er über einen reicheren Schatz an Wissen verfügte, Wissen über verborgene Wege und abgelegene Siedlungen, als fast jeder andere Kaufherr; und dieses Wissen bedeutete Wohlstand, jede geheim gehaltene Siedlung, jeder mit Fleiß verschwiegene Weg ein Handelsmonopol.

Jeder Kaufmann, der etwas auf sich hält, kennt solch entlegene Ecken, von deren Existenz er keinem Kollegen etwas verrät, und alle paar Jahre macht er sich auf den Weg, die Kiepe auf dem Rücken, oder mit schwerbeladenem Esel, und dann tauscht er und schachert und wuchert bis zum Äußersten.

Bezahlung … nun ja, zum Tauschen findet sich immer etwas, Webereien und Stickereien, kostbare Dinge, die die Frauen anfertigen an den langen Winterabenden, Schmiedearbeiten, auch Nahrung und Tiere, überhaupt alles, und seltsamerweise findet sich noch in den verlassensten Gegenden immer wieder Geld, Geld ist der einzige Gegenstand, der seinen Weg überallhin zu finden scheint, rätselhaft wie, aber es ist da, es ist selbst dann da, wenn die Leute, denen es gehört, glauben, sie seien die einzigen Menschen, die auf der Welt noch übriggeblieben sind … und von weither kommt es oft, dann tragen Münzen, die dem Kaufmann angeboten werden in den schluchteingegrabenen, vergessenen Dörfern der spanischen Hochebene, den Prägestempel der Maîtres der Universität Prag; und Goldstücke, die die Maîtres von Paris autorisiert hatten, finden sich wieder an den blauspiegelnden Fjorden des hohen Nordens.

Gern sieht das der Kaufherr.

Und Aslan, letzten Endes, machte da keine Ausnahme. Immer kam er wieder zurück, auch wenn es seine Zeit dauern mochte, und die Frauen in Angst gerieten um ihn, und dann klapperte und klingelte es golden in dem dicken Leinensäckchen, das er am Gürtel trug, und ein Stück reicher geworden waren wieder die Wagen.

Und diesen Winter würde es nicht anders werden. Sie würden die Wagen und die Ochsen und die Frauen und die Kinder in’s Quartier bringen bei Rogers Verwandten – so war es jedenfalls beabsichtigt – , und Aslan und Roger würden sich umhören, aufmerksam Kunde empfangen, und dann würden sie sich ihre Gedanken machen und schließlich losziehen, gemeinsam zunächst, unterwegs aber würden sie sich trennen, meistens taten sie das.

„Ich wünschte, wir könnten auch im Winter weiterziehen“, sagte Magdalena seufzend, „langweilig ist es für uns Frauen, eingesperrt zu sein lange Monde, ja, langweilig“, und dann wurde sie auf einmal rot, ganz grundlos, und wandte den Kopf ab, um es zu verbergen.

„Nun, gar so lange ist es doch nun meistens nicht“, wandte Aslan ein, ahnungslos, „zur Krokusblüte ziehen wir doch meist schon weiter …“

„Jaaa“, machte Magdalena gedehnt, „das ist lang genug, du verstehst das nicht richtig, weißt du …“

Nein, er verstand es nicht richtig.

„Schaut mal“, rief Grand Mère, „es wird hell zwischen den Bäumen – wir haben es geschafft, wir kommen hinaus!“

„Ja, wirklich“, sagte Aslan, „da vorne ist der Wald zu Ende.“

„Vautrin sei Dank“, meinte Grand Mère. „Nun wollen wir sehen.“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 01.12.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)