Einsamkeit

Vormittag. Wenn man den Kopf zur Sonne wendete, spürte man ein zartes Stechen. Klar und rein die Luft zwischen den Bäumen, längst war der Morgendunst hinweggetrunken.

Magdalena saß auf ihrem Platz, neben, Aslan, und hinter beiden thronte, breit und lächelnd, Grand Mère, sie war ganz hierher umgezogen, Inge machte den Eindruck, als ob sie mit ihrem Mann allein sein wolle, auch schienen sich die beiden Kleinen an ihren Platz am Ausguck gewöhnt zu haben; es wäre also ohnedies zu eng geworden im zweiten Wagen.

Nicht dass etwa darüber geredet worden wäre. Solche Dinge ergeben sich sacht und schleichend, der Tanz verändert sein Muster, unmerklich, ein Schritt, eine Geste der Finger bilden neue Konfiguration, und die Bewegungen der anderen Tänzer passen sich an, der Reigen setzt sich fort, als sei nichts geschehen, als sei alles schon immer so gewesen

„Wir sind bald draußen“, sagte Aslan und meinte den Wald.

„Dann finden wir auch Behausungen“, ergänzte Grand Mère.

„Ja, und können verkaufen“, fiel Magdalena ein, die wieder dabei sein wollte, mittun. Oh, über die lange Untätigkeit! „Schaffen wir unseren Weg, bis zum Schnee?“ fuhr sie fort.

„Leicht“, antwortete Aslan. „Und wir können uns noch eine gute Zeit lang aufhalten zu Paris, der großen Stadt … Käufer und Händler finden wir dort genug, und können tauschen, und neu laden … dicht besiedelt ist übrigens die Gegend, auch zum Winter werden wir gute Geschäfte machen, Roger und ich, mit der Kiepe.“

„Es wird allerdings auch viele Händler geben am Ort“, warf Grand Mère ein, halb fragend.

„Das ist wahrscheinlich“, sagte Aslan. „Aber der Kaufherr, der weite Wege auch zu Fuß nicht scheut, und die unbegangenen Pfade, der wird immer abgelegene Stellen finden, wo er willkommen ist … besonders im Winter, wenn der Schnee fällt und andere daheim bleiben und den Ofen hüten …“

Zu diesen „anderen“ hätte übrigens Roger gerne gehört, aber er wollte sich Aslan nicht widersetzen, und so packte er sich zu Ende des Jahres, wenn die Straßen für die Ochsenwagen nicht mehr befahrbar waren, die Kiepe auf den Rücken und marschierte los. Manchmal gingen sie zusammen, Aslan und Roger, oft aber trennten sich auch ihre Wege. Nicht selten war es, dass man hätte meinen können, Aslan erwarte den Winter mit Ungeduld, dass er hinauskönne, mit ausgreifendem Schritt, in die Einsamkeit …

Roger war da anders, nämlich so wie die meisten anderen Kaufleute auch, er liebte die Bequemlichkeit und die Wärme, und das schloss die Nähe von Menschen ein, gut möglich, dass er sich dies alles suchte auf den langen Wanderungen, nach seiner Weise, vielleicht nicht nur gut möglich, sondern sogar wahrscheinlich, Inge vermied es, darüber nachzudenken, sie war eifersüchtig, entsetzlich eifersüchtig …

Andererseits waren diese Zeiten der Entfernung, auch der wochen- und monatelangen Ungewissheit, ein guter Grund dafür, dass Inges und Rogers Ehe noch nicht zerbrochen war, oder in Verzweiflung und stumme Wut geführt hatte: Inge war verhindert, ihren Mann aufzufressen mit Haut und Haar, immer gab es da einen Freiraum für ihn, Bereiche, wohin sie ihm nicht folgen konnte; und wenn dann der Frühling kam, Zeit, die Ochsen wieder einzuschirren, und die Frauen warteten und warteten, mit Unruhe, manchmal auch mit Angst, dann erwachte doch noch etwas wie Sehnsucht, und Reue, und der brennende Wunsch, es besser zu machen diesmal, Frieden zu halten, gut zu sein …

Wie rasch sie verwehen, die guten Vorsätze.

„Ob es einen kalten Winter geben wird?“ murmelte Grand Mère und schaute unbestimmt hinauf zum Himmel.

„Das weiß niemand“, antwortete Magdalena, „nur Vautrin, der’s eingerichtet hat …“

„Doch gibt es Zeichen und Merkmale“, wandte Grand Mère gewichtig ein, „die geben ihre Vorbedeutungen, das Fell der Tiere zum Beispiel, und die Vorräte, die sie sich anlegen, die Eichhörnchen und Hamster, oder der Speck, den sie sich anfressen, die Dachse und Bären …“

„Schwer ist das zu überprüfen“, meinte Aslan skeptisch. „Kluge Menschen gibt es gewiss, und wohl zu achten ist ihr Wissen … aber ich erinnere mich des Schäfers, der mir strenge Fröste und langen Schnee prophezeite, dicht stand die Wolle auf seinen Schafen … aber nachher war Milde und Regen, und brachen die Knospen hervor kaum zwei Monde nach der Sonnenwende. Die Schafe hatten wohl nur auf guter Weide gestanden …“

„ … oder sich vor dem Regen schützen wollen“, ergänzte Inge lachend.

Grand Mère war nicht ganz einverstanden, geheimen Wissens gab es viel, und der Vorbedeutungen dem Kundigen die Fülle, aber die jungen Leute wollten das nie einsehen, so ist das immer, man muss sie gewähren lassen, Weisheit kommt von selbst, mit dem Alter.

„Geh nicht wieder so lang weg“, sagte Magdalena zu Aslan. „Ich hab Angst, jedes Mal …“

„Neinnein“, antwortete er flüchtig, das sagte er jedes Mal, und dann wurden seine Wege doch länger und länger, oft war Roger schon zurück, und sie warteten alle, mit Ängstlichkeit, und Aslan ließ sich Zeit, einmal waren es achtzehn Tage geworden, die er später als Aslan zurückkam, oh, er hatte gute Gründe gehabt, einen abgelegenen Weg gefunden, den sonst niemand ging, und am Ende dieses Weges einen ganzen Kranz von Gehöften, bewohnt von einsiedlerischen, kargen Menschen, die waren begierig zu erfahren, ob es noch Leben gebe in der Außenwelt, und Aslan erzählte und berichtete und handelte mit großem Gewinn und schritt ab die einsamen Siedlungen, wo die Menschen wohnten mit den sehnsüchtigen Blicken, die immerfort den Horizont absuchten, ob nicht ein Wanderer hereindränge in ihre Einsamkeit, dass sie ihn fragen könnten und er von ihnen berichten würde, draußen, dass wenigstens ein kleines Stück von ihnen getragen werde in die Herzen der Menschen, und sie Heimstatt hätten an fernem Ort.

Aslan war seltsam begabt im Aufspüren solch entfernter Siedlungen, oft vergessener, gewiss war’s nicht nur Begabung, sondern auch Unternehmungslust, Tatkraft, und lange Erfahrung; Aslan ging eben die Wege, vor denen andere zurückschreckten, und oft genug war er ja auch erfolglos; aber eben nicht so oft, wie es anderen ergangen wäre, und das war seine Begabung, ein Ahnungsvermögen, eine dunkle und unbewusste Kontemplation … kaum wahrzunehmende Spur im Boden, Pfadrest, unbegangen seit langer Zeit, vielleicht hinauf in die Berge, oder hinein in undurchdringlichen Urwald am Fluss: was kann man solchem Menschenrest schon entnehmen? Wie schließen, ob sich noch Siedlung befände an seinem Ende – gesetzt, man könne ihn überhaupt verfolgen bis zu seinem Ende?

Aslan konnte es.

Vielleicht lag es daran, dass er keine Angst hatte vor der Einsamkeit; dass es ihm nichts ausmachte, allein zu sein, ganz allein, unter dem Schweigen des Himmels, und seine Kiepe zu schultern, sich noch einmal umzuschauen und dann einzudringen in’s Gebüsch, einer verlassenen Wegespur nach, kaum noch zu erkennen … wie viele andere wären da geflohen! Zurück zu den Menschen, zurück an’s Herdfeuer, in die wärmende Nähe …

So kam es, dass Aslan der Wege kundig war wie kein anderer, und war doch sein Wissen gegründet auf Bedürftigkeit: er folgte den Pfaden, weil er bedürftig war der geheimen Wonnen der Einsamkeit …

Oh, niemand kennt die sehrenden Wunder der Einsamkeit, niemand, der sich nicht ausliefert.

Und fand er doch oft am Ende der Wege die Siedlungen, die vergessenen Siedlungen, das machte seinen Erfolg.

Kompliziert ist das Menschenherz, kaum zu durchschauen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 29.11.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)