Manipulation

Die Taschen hatten selbst zu ihren Glanzzeiten nicht verstanden, wirklich Mehrheiten der Frauen hinter sich zu bringen. Warum nicht? Weil gerade die Frauen die anderen Frauen ja kannten. Frauen kannten ihre Mütter, ihre Schwestern. Frauen kannten die Bösartigkeit ihrer Klassenkameradinnen. Kannten das Intrigieren und Tuscheln und Verleumden. Kannten die Rachsucht weiblicher Vorgesetzter, die Maßstablosigkeit von Lehrerinnen, wenn es um das Verurteilen oder Bevorzugen ging. Männer sahen immer nur die schutzbedürftigen Weibchen, sahen die Anmut, sahen die Zierlichkeit, sahen gegebenenfalls die Tränen. Regelmäßig waren sie am Boden zerstört, die dummen Männer, wenn sie entdeckten, was unter den Frauen ihrer Umgebung über sie geredet wurde, wenn sie die Tricks und Techniken entdeckten, mit denen die Weibchen arbeiten, arbeiten ganz routinemäßig. Die Weibchen wussten dies alles kannten dies alles und lachten über die Tölpel, die tumb in jede Falle liefen, auch die offensichtlichste. Mit denen kann man doch alles machen, lautete die verächtliche Sprachregelung zur Zeit des Jungen, und die Beobachtung war ganz richtig, mit denen konnte man wirklich alles machen. Man konnte sie sogar dazu bringen, die Taschen zu unterstützen. Man konnte sie dazu bringen, Frauen per Quote in Führungspositionen zu hieven, weil alles andere ja Unterdrückung gewesen wäre. Ein paar Dutzend Frauen in jedem Land wurden so zu Millionärinnen, vielleicht auch ein paar hundert, und die Millionen Frauen, die ihren Lebensunterhalt ehrlich verdienen mussten, dachten sich ihr Teil. Die Männer unterdrücken die Frauen! riefen die Taschen, und die Männer fragten sich betroffen, tun wir das wirklich? Wenn das so ist, müssen wir unbedingt an uns arbeiten.

Sie wollten ja das Wohlgefallen und die gute Laune der Weibchen, das wollten sie wirklich, die Männer, das war, was sie schon immer gewollt hatten, die ganze Geschichte des Menschtiers auf dem Planeten Erde hindurch, und wenn das männliche Menschtiers eines wusste, dann war es, wie man das weibliche Menschtier am besten bei Laune hält: nämlich indem man ihm seinen Willen tut.

Das weibliche Menschtier ist das manipulierende Menschtier, und es waren die Männer, die das erst einsehen mussten, nicht die Frauen. Die Frauen wussten das schon.

So brachte die religiöse Wende ein gewaltiges Maß an Befreiung über den Planeten, ein gewaltiges Maß an Emanzipation, aber ganz anders, als die Taschen sich das gedacht hatten.

Die religiöse Wende etablierte allüberall auf dem Planeten den Markt, den freien Markt der Meinungen und Ideen und Diskussionen, und es war vorbei mit der Macht der Hocherweckten, ihre exklusiven Wahrheiten durchzusetzen. Vorbei mit ihrer Macht, vorbei mit der Macht der Stiefel Taschen Mützen, weil die Menschwesen genau das nicht mehr wollten: exklusive Wahrheiten. Weil die Menschwesen an die bloße Möglichkeit exklusiver Wahrheiten nicht mehr glaubten.

Wir sind doch bloß Menschen, sagten sie, sie, Besucher und Beschicker des Marktes, die sie waren. Wir sind doch bloß Menschen, GOttes Kinder, wir wissen gar nicht viel, und verstehen noch weniger. Was immer uns gesagt wird auf dem Markt, es ist doch nur ein Angebot auf dem Markt unter vielen, lasst uns hingehen und zuhören in Ruhe, und dann lasst uns weggehen und über die Sache schlafen, und lasst uns noch ein weiter Mal schlafen, inzwischen wird ein anderer gekommen sein und etwas dawider wissen zu dem, was der vorige gesagt hat, und dann lasst uns auch darüber reden und noch einmal schlafen und reden, und am Morgen, nachdem wir ausgeschlafen haben, werden die Dinge anders aussehen als am Abend. Lasst uns immer erst die Gegenmeinung hören. Lasst uns misstrauisch werden, wenn es angeblich eine Gegenmeinung nicht gibt. Es gibt immer eine, und wenn nicht heute, dann morgen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 20.11.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)