Stockschwämmchen

Als Magdalena erwachte, waren alle fort …

Sie tastete sich hinaus auf den Kutschbock, oh, es ging ihr jetzt schon viel besser, der Boden schwankte kaum noch, und auch ihr Kopf war nicht mehr so entsetzlich leicht, dass sie hätte meinen können, der Wind bliese hindurch … nur schläfrig war sie, immer schläfrig.

Sie setzte sich auf das Bodenbrett des Kutschbockes und ließ die Beine hängen.

Da war eine Waldwiese, die Sonne stand schon tief, färbte die Wipfel, und unten war Schatten.

Ruhig grasten die Ochsen, mit rupfendem Geräusch. In den Bäumen sangen die Vögel, noch vereinzelt, doch bald würden die Abendlieder beginnen.

Aus dem Wald drangen Stimmen, und Gelächter, das war die Familie, sie sammelten Pilze, und schienen sich zu amüsieren.

Unter dem Gebüsch am Wiesenrain schlich die kleine schwarze Katze umher, sie sah sich nur ein bisschen um, zum Mäusefangen war jetzt noch nicht die rechte Zeit. Dass sie so selbstverständlich bei den Wagen blieb und nicht davonlief! Seltsam … sie mocht wohl Menschen gern leiden, das war der Grund.

Die Stimmen im Wald entfernten sich, man konnte nicht verstehen, was sie redeten, sie waren schon zu weit weg, von leisem Nachhall umschwommen …

Magdalena lehnte den Kopf gegen den Aufbau und sang vor sich hin, mit halblauter Stimme, irgendein Lied, das ihr gerade in den Sinn kam.

Still war der Wald, und es wurde Abend.

[…]

Eluard und Waldemar, und Inge lief hinterdrein.

„Gebt gut auf die Stämme acht, vor allem auf die alten und morschen“, hatte Grand Mère ihnen eingeschärft, und das taten sie jetzt, denn an dem alten Holz siedelt gern das Stockschwämmchen, in dichten Kolonien, das ist ein kleiner Pilz, dunkelbraun und glänzend, der wächst aus den Baumstämmen heraus, an senkrechter Fläche, und biegt dann seinen Stiel, dass das Hütchen einigermaßen waagrecht steht.

Klein ist er, doch mundet köstlich, und da er stets in Gesellschaft auftritt, lohnt sich das Sammeln.

„Hier, hier sind welche!“ rief Waldemar, der für dergleichen gute Augen besaß.

Da stand eine hübsche kleine runde Kolonie, nahe ma Boden, auf der Rinde eines morschen und altersschwachen Spitzahorns.

„Na, das lohnt sich“, sagte Inge und stellte ihren Eimer zurecht, sie führte außerdem Leinensäckchen mit sich, denn es ist nicht gut, wenn Pilze gedrängt werden beim Transport, besser, man verteilt kleine Mengen auf verschiedene Behältnisse.

Eluard strich mit der flachen Hand über die kleine Kolonie und lachte. Wie sich das anfühlte! Die Pilzchen waren unerwartet hart und fest, sie bildeten ein richtiges kleine Polster, kühl und elastisch unter den drückenden Fingern; und es kitzelte ein bisschen.

Inge schnitt die Pilze dicht über der Rinde ab, von unten nach oben, dass sie herunterfielen, und die Jungen hielten die Hände auf, es war eine bequeme Ernte, man brauchte nur abzuweiden, und reichlich und nahrhaft gewann man die dicken Gewächse.

Aus den Schnittflächen quoll ein erdiger Duft, Moder und feuchter Sand, doch nicht unangenehm, es roch wie Waldboden, ja, wie Waldboden, der lange trocken gelegen hatte und dörr, und nun war ein Gewitter gekommen, graurieselnde Feuchte hatte sich hineingesenkt in die durstende Krume …

„Hm, das riecht gut“, sagte Eluard und betrachtete den morschen Stamm. „Und die haben ihre Wurzeln richtig im Holz?“

„Nein“, entgegnete Inge, „die haben gar keine Wurzeln … das heißt … also das ist so: der Pilz, der eigentliche Pilz wächst in Wirklichkeit unter der Erde, oder unter der Rinde, wie bei denen hier. Na ja, und was dann da rauskommt, also was über der Erde zu sehen ist, oder über der Rinde, das ist in Wahrheit die Frucht … so wie an einem Apfelbaum die Äpfel wachsen, nur dass bei den Pilzen der Baum unter der Erde ist und die Äpfel oben rausgucken.“

„Ist das wirklich wahr?“ fragte Waldemar mit ungläubigem Blick.

„Jedes Wort!“ erwiderte Inge gekränkt. „Das stimmt! Frag nur Grand Mère!“

„Und wie sieht das unter der Erde aus?“ fragte Eluard.

„Das sind weiße Fäden, die kreuz und quer, und ganz dicht, ja, das ist wie ein Spinngewebe … ernährt sich von den Moderteilchen im Boden, deswegen ist der Waldboden auch immer gesund und frisch.“

„Ist das wirklich wahr …“ wiederholte Waldemar staunend, aber mehr im Ton einer Feststellung.

„Jaja“, sagte Inge, „da staunt ihr, was ich alles weiß.“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 19.11.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)