Kleine Augen

Aslan saß auf dem Kutschbock, quer auf der Bank, die Beine hochgelegt, den Rücken gegen den Eckpfosten des Aufbaus gelehnt.

Augen geschlossen.

Da war Sonne, funkelnde, wärmende Sonne, überall um die Glieder lag noch die silberne Kühle des Morgentaus, und in diese Kühle schlichen sich einzelne Strahlen von Wärme, zärtliche Berührung, schmelzend.

Aslan seufzte, streckte sich weiter aus. Die Sonne tanzte vor seinen geschlossenen Lidern, ein gleichmäßiges Licht entstand in seinem Kopf, eine dämmrig warme Farbe, wie Blutorangen, sie weckte nicht, schläferte nicht ein, floss nur in das Bewusstsein wie alldurchdringende Wärme, Ruhe, Entspannung.

Roger saß unten im Gras, gegen ein Wagenrad gelehnt. Er hatte sich eine Decke untergelegt, dass die Wiesennässe nicht hochkröche, und da hockte er nun, ziemlich aufrecht, die Beine angezogen, und kaute auf einem Grashalm herum.

Klein waren seine Augen, und er dachte an gar nichts, schaute mit wohlwollendem Lächeln über die Wiese, ohne etwas zu sehen, da war eine angenehme Leere in seinem Kopf, und in den Gliedern eine wohlige Schlaffheit, er hätte sich vielleicht hinlegen sollen, sich ausstrecken, ein schwacher Impuls regte sich in ihm, aber er reichte nicht aus, auch nur einen Finger zu rühren, und das Lächeln in Rogers Gesicht wurde noch wohlwollender.

Die Frauen saßen bei den Bäumen, Magdalena und Grand Mère gegen einen Stamm gelehnt, und Inge lag in voller Länge auf dem Boden, den Kopf in Grand Mères Schoß. Grand Mère röchelte im Halbschlaf, sie träumte, dass sie einen Wasserarm durchwate, und nebenher lief ein Weg, auf dem fuhren die Gespanne, und von den Gespannen herunter riefen sie ihr zu, nur ja vorsichtig zu sein, nicht zu fallen, sachte, Schritt für Schritt … und sie raffte den Rock und watete und suchte Schritt zu halten mit den nebenher fahrenden Wagen, das war nicht leicht, und dabei schämte sie sich entsetzlich, und die Leute auf den Wagen beobachteten sie furchtbar scharf und kommentierten und kritisierten jeden Schritt, den sie machte, und sie fühlte, dass sie ganz lächerlich aussehen musste, mit dem gerafften Rock, und den zimperlich watenden Schritten …

Etwas entfernt, auf ihrer Decke, lagen Waldemar und Eluard, beide auf der Seite, dicht ineinander gerollt wie zwei junge Katzen, und schliefen, fest und traumlos.

Der Wald war erfüllt von Vogelzwitschern, und den sanften Rufen des Kuckucks; ab und zu klatschten härtere und schärfere Laute dazwischen, das gellende Rätschen eines Eichelhähers, oder das Kollern und Gluckern der Auerhühner, die Laute hallten wieder zwischen den Stämmen, ortlos, Sommergespinst.

Die kleine schwarze Katze stelzte noch immer hochbeinig durch das Gras, sie wurde reichlich fündig, obwohl sie sich einige Male vergeblich an den zutraulichen Vögeln versucht hatte, die Amseln waren zu groß und stark für sie, und die kleineren, die Rotkehlchen und Grasmücken und Zaunkönige, die waren flatterig und schnell und wachsam, da nützte kein Anschleichen, die kleinen Tiere hatten gelernt, auf sich achtzugeben.

Aber es gab ja noch die Mäuse, groß war ihre Zahl auf der Wiese, und war des überraschten Quiekens und Pfeifens kein Ende, die kleine schwarze Katze hatte einiges nachzuholen.

So stelzte sie umher, und schlich, und lauerte, umher auf der Wiese, zwischen den ruhenden Ochsen. Die lagen behaglich und breit im Gras und käuten wieder und ließen sich die Sonne auf’s Fell scheinen, auf das schimmernde Ochsenfell, und beachteten kaum den kleinen schwarzen Fleck, der da zwischen ihnen umherglitt. Nur Moses Maimon wandte einmal ruhig den Kopf, schaute, aus spiegelnden Ochsenaugen, und drehte die Ohren, als wolle er die Mücken scheuchen, aber das war nur so eine Bewegung. Später würde die kleine schwarze Katze auf ihn hinaufklettern unter sich auf seinem Hals zum Schlafen niederlegen, und er würde ganz still halten.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 03.11.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)