Banshee Neue Folge 164

Nachricht von Amy Buchmüller

Sandra fragt, ob ich mich auf diese Weise umbringen will, ganz neue Art des Selbstmords, sich zu Tode schreiben. Ist mir egal, ich mach das jetzt fertig, und wenn es das letzte ist, was ich tue. Sandra kümmert sich um das Zwerglein und küsst es und krabbelt es, bis es lacht. Wir wären kein schlechtes Elternpaar.

Meine Mutter sitzt mir gegenüber und sieht mir zu, wie ich schreibe. Ab und zu steht sie auf und geht raus in die Küche und kocht mir Kakao. Seit sie von der Polizei abgeholt worden ist, nach unserer Rettung, und seit wir alle wieder zu Hause sind, guckt sie mich an, als wäre ich ein neuer Mensch, ein Mensch, den sie nicht kennt. Sie fragt mich immer wieder nach den Besuchern, nach Ayse, nach allem. Und wenn wir draußen sind und in die Bibliothek gehen, zum Beispiel, dann lässt sie sich von mir beschreiben, was die Besucher machen, die da draußen vor den Glaswänden abhängen, und ich sag ihr alles, ganz genau, und sie hört mir zu und sieht mich unverwandt an dabei, und ich weiß, endlich weiß ich, sie glaubt mir.

Ich erzähl jetzt weiter, sorry, Ayse, bleibt bestimmt noch was für dich übrig, aber ich erzähl das jetzt, wie ich es erlebt hab.

Wir waren im Garten draußen, an diesem ersten Abend in Weldbrüggen, das hab ich zuletzt erzählt, nachdem Regina uns dieses neu gefundene Fragment aus dem Buch Henoch vorgelesen hatte, wir sind richtig raus gestolpert, alle miteinander, wir brauchten alle dringend frische Luft, um überhaupt wieder atmen zu können, und irgendwann und irgendwie, nachdem wir uns ein bisschen erholt hatten, waren wir dann wieder in der Küche, und auch Ayse hatte wieder ein bisschen Farbe im Gesicht, sie war so bleich geworden unter dem Bericht von Regina, dass ich wirklich Angst um sie bekommen hatte, und jetzt entschieden Diana und sie, wir bräuchten jetzt alle ein Stück Pizza, mir einer extra Lage überbackenem Käse obendrauf, der zog dann goldene Fäden in dem Kerzenlicht, und das war sowas von delikat, und Sandra geriet dann noch ein bisschen in Hitze, wegen Eva, ich weiß nicht, wie wir darauf zurück gekommen sind, Regina hatte von Eva geredet, bevor wir hinaus in den Garten gegangen waren, Eva war Gott ungehorsam geworden, sie hatte den Apfel gepflückt, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, obwohl Gott ausdrücklich gesagt hatte, zu ihr und ihrem Mann Adam, dem ersten Menschen, ihr dürft von allen Früchten des Baumes essen, nur von diesem nicht, in der Mitte des Gartens, ja hallo, tönte Sandra, wenn Gott doch uns Frauen geschaffen hat, wie wir nun mal sind, dann hätt der doch wissen müssen, ich muss der bloß sagen, tu das nicht, dann tut die genau das, denn die ist eine Frau, hätt der doch wissen müssen, der Alte, oder?

Wahre Worte, nickten da PvM und PF beifällig, wie aus einem Munde, und ich musste so lachen, dass ich mich verschluckte, und Sandra klopfte mir den Rücken, und nach und nach kamen wir wieder in’s Gleis.

Ich schreib jetzt alles auf, woran ich mich noch erinnere. Ich weiß nicht mehr die genaue Reihenfolge. Bei manchen Sachen kann ich mich noch erinnern, wer was gesagt hat. Da hab ich den Klang der Stimme noch im Ohr. Bei anderen weiß ich bloß, das ist gesagt worden, aber ob noch in der Nacht oder am nächsten Tag, als wir durch die Stadt gezogen sind, oder gar am Nachmittag, als wir bei Regina waren, oben auf dem Fons, das weiß ich nicht mehr. Und dann kam ja noch ein Abend, und noch eine Nacht, die haben wir hauptsächlich im Garten verbracht, es war noch einmal wunderbar warm, und Ayse und Diana und Balbutin haben lange an dem neuen Teich gestanden, und Balbutin hat auf einmal eine Menge Sachen gewusst, der hat auch eine praktische Seite, kannte ich gar nicht an dem, manchmal hat er lange nach den passenden deutschen Worten gekramt, Diana hat ihm dann ausgeholfen, und da war das Gespräch. Ja. Dieses Gespräch. Wir haben hinten im Garten gesessen, alle zusammen, und Regina war auch irgendwann wieder dabei, und dann ging es weiter, das Gespräch. Ich hab das auf einmal verstanden. Wir waren Teil des Gesprächs. Das war nicht so, als hätten wir am ersten Abend ein Gespräch gehabt und dann am zweiten Abend wieder eines und so weiter, nein, vielmehr, es war alles ein Gespräch, ein einziges, und es war Teil eines unaufhörlichen Gesprächs, das hat begonnen, als Gott die ersten Worte sprach zu dem ersten Menschen, und wird nicht aufhören, bevor nicht Gott zusammenpackt und sagt, es ist genug. Irgendwie verstand ich, wie Ayse zumute gewesen sein muss, als sie dieses Murmeln hörte, da unten in der Gedenkstätte. Dieses unaufhörliche Murmeln der frommen alten Juden, weiterredend durch die Zeit. Ich muss das laut gesagt haben, denn ich weiß, dass wir über die Juden redeten, und dass PvM sagte, die machen das, von Anfang an, die führen das Gespräch fort und fort, die Lehrer reden in der Synagoge zu den Jungen, und die Jungen bereden sich und werden alt und reden wieder zu denen, die dann jung sind, und sie sterben alle dahin, früher oder später, aber dieses Gespräch, dieses feierliche Gespräch über Gott und Gottes Willen und Gott und die Menschen und sein auserwähltes Volk, das geht weiter und weiter, niemals wird das enden.

Und ich weiß noch, dass wir dann alle lachten, weil nämlich Diana plötzlich ihr Kinn hob und in die Runde sagte: „Meine Leute!“, und ihre Augen leuchteten dabei, aber das tun sie ja immer.

Sandra aber hatte es noch immer mit Eva, der armen schönen Eva, weil die einmal Mist gebaut hat, sagte sie, soll jetzt die ganze Menschheit der Sünde verfallen sein? Was soll das überhaupt heißen, der Sünde verfallen?

Dem Bösen, sagte PvM, wir sind frei, das heißt, wir können uns Gott widersetzen, wir können das Böse tun, aus freiem Willen, aus unserem eigenen Entschluss.

Ja, sagte Sandra eigensinnig. Aber wegen einer einzigen Tat? Weil sie einmal ungehorsam war? Die erste Frau? Wie alt war die überhaupt? Die hatte ja noch nicht mal Kinder! Und das soll jetzt den Unterschied gemacht haben, für die ganze Menschheit?

Das macht einen Unterschied, sagte PvM, jedes einzelne Handeln jedes einzelnen Menschen macht den Unterschied. Ich sag euch, was ich denke, aber ich weiß nicht, wo ich den Gedanken her hab. Will mich nicht mit fremden Federn schmücken. Hab das irgendwo gelesen oder gehört, weiß nicht mehr, wo. Aber Ayse hat das gesehen, Ayse kann das bezeugen. Ayse hat diese Waage gesehen, diese zitternde Waage in allen Dingen, als sie da oben am Felsen hing, und ich sag euch, mir ist schwindelig geworden, als sie davon erzählt hat, ich weiß nämlich, was diese Waage bedeutet. Es ist die Waage von Gut und Böse. Seit wir Menschen auf der Welt sind, tun wir gute Dinge tun wir böse Dinge, und manchmal haben wir den guten Willen und manchmal den Bösen, und oft genug sind dieselben Dinge mal gut mal böse, je nachdem wir den guten Willen haben oder den bösen. Am Schluss aller Tage wird GOtt die Welt richten, so viel ist gewiss. Und es wird von den Menschen abhängen, was SIE tut. Von den Menschen und von der ganzen langen Geschichte der Menschheit, dieser endlos langen Zeit, während der das Gespräch nie abriss. SIE wird am Ende aller Tage entweder die ganze Welt heben hinauf in ihr Licht, dass die Geschichte der Welt weitergeht neu und in unbegreiflichem Glanz, oder SIE wird die ganze Welt hinunterwerfen in den Abgrund und fortgehen und woanders eine neue Schöpfung schaffen, von der wir dann nichts wissen werden. Was SIE aber macht, ob so oder so, das hängt von uns Menschen ab, das ganze Geschick der Schöpfung hängt von uns ab, und nicht von uns im Allgemeinen, sondern von jedem einzelnen von uns. GOtt erlöst die Welt am Ende aller Tage, wenn das Gewicht der guten Taten und der guten Gedanken, die während der ganzen Geschichte der Welt gewirkt worden sind, insgesamt das Gewicht des Bösen überwiegt, ist es aber umgekehrt, senkt sich die Waagschale mit dem Gewicht des Bösen, so wird GOtt die Welt verwerfen. So wie wir Menschen nun einmal sind, tun wir mal böse Dinge mal gute Dinge, nach unserem freien Willen. Und das Gewicht der bösen Taten und der guten Taten, der bösen Gedanken und der guten Gedanken, das ist immerfort ungefähr gleich, immerfort zittert die Waage im Gleichgewicht, und es ist nicht klar, wird sie nach dieser Seite fallen nach jener. Das ist die Waage, die Ayse gesehen hat, als sie da oben am Felsen hing. Und so kann es also sein, so wird es also sein, dass immerfort eine Tat ein Gedanke, ein einziger Gedanke nur, das Gewicht sein kann, das die Waage nach der einen Seite zieht oder nach der anderen. Jede einzelne Handlung kann das sein, jeder einzelne gute oder böse Gedanke kann das Geschick der ganzen Schöpfung entscheiden, denn jede Handlung jeder Gedanke fällt in die Waagschale des Guten oder des Bösen, und SIE rettet IHRE ganze Welt zum Schluss, wenn das Gewicht der guten Handlungen und Gedanken das Gewicht der bösen überwiegt. Und deshalb, ja, deshalb kann es sein, wird es so sein, dass eine einzige gute Handlung die ganze Welt rettet und erlöst. Deshalb kann es sein, dass Amy, als sie über den Strand gerannt ist, um dem sterbenden Burroblast doch noch zu helfen, die ganze Welt gerettet hat.

Menno. Wir heulten wieder und hielten uns aneinander fest, und das muss an dem zweiten Abend gewesen sein, denn ich erinnere mich jetzt, ich hab in dem Augenblick schon gewusst, ich würd Sandra nachgeben in der Nacht, ich hatt einfach nicht mehr das steinerne Herz, ihren Bitten zu widerstehen, und ich weiß nicht, ob das gut oder böse war, aber mein Herz war eben auf einmal offen, und meine Arme dann eben auch.

Irgendwann redete dann PF wieder von den Gefallenen Engeln. Die ziehen also über die Erde, sagte er, und für die ist die Erde ein furchtbarer Ort, kalt und dunkel, weil sie Gott nicht mehr sehen. Egal, wohin sie gehen, sie sehen Gott nicht mehr. Und dann sehen sie ein Mädchen wie Ayse. Die sieht auf einmal den Himmel offen, und wird von der Liebe Gottes überfallen, wie diese spanische Nonne. Die Besucher sehen das, sie können Gott immer noch nicht sehen, aber sie sehen den Glanz Gottes den Widerschein Gottes auf diesem Menschengeschöpf, und sie wissen, und das wird es sein, warum sie Ayse so unverwandt anschauen und gar nicht genug davon bekommen können, sie anzuschauen, sie sehen, Gott ist noch da. Vielleicht ist das ihre ganze Angst, nicht nur, dass sie Gott nicht mehr sehen, sondern auch, dass Gott gar nicht mehr da sein könnte. Aber jetzt sehen sie ein Menschenwesen wie Ayse, und da ist ein Licht, das ist ein Widerschein vom Licht Gottes. Und sie sehen dieses Menschenwesen an mit Augen, die sagen: Bitte für uns.

Das sagte PF. Wenn ich so daran zurückdenke, dann denke ich bloß, wir haben zusammen gesessen und über solche Dinge geredet. Auf einmal war es das Selbstverständlichste auf der Welt, von solchen Dingen zu reden. Gibt es etwas Wichtigeres unter der Sonne, als von solchen Dingen zu reden? Ich glaub immer noch, dass die Dienste an uns dran sind. Die haben bestimmt auch den Garten vom PvM verwanzt, und ich find den Gedanken komisch, was die sich wohl gedacht haben, als sie uns zuhörten in diesen beiden Nächten. Sie geben ja selber zu, unter ihnen sind immer wieder welche, die die Besucher sehen. Die wissen dann, wovon wir reden.

Da muss eine brennende Hoffnung sein in denen, in den Gefallenen Engeln, sagte PF, dass die einfach nicht aufhören, nach Menschen zu suchen, die ihnen helfen könnten. Ziehen in Schwärmen über die Erde, und immer wieder treffen sie auf Menschen wie uns, die sie sehen können. Und wir haben Mühe zu verstehen, was die eigentlich wollen. Sie wollen nur eines. Bittet für uns, das Gott uns doch noch vergibt. Und sie wissen, dass Gott noch da ist, sie wissen es, wenn sie ein Mädchen wie Ayse ansehen.

Was ist mit dem Azazel? fragte Regina. Ihr habt den alle gesehen. Ihr sagt alle, der Anblick war vernichtend. Was ist mit dem?

Aber da waren wir uns einig. Ich weiß nicht mehr, wer was gesagt hat, aber das war eine klare Sache. Wir alle haben das Tier gesehen, da am Strand, und es war klar, der hat seine Entscheidung längst getroffen, ein für alle Mal. Da ist keine Rettung mehr. Der wollte Ayse tot sehen, die arme, unschuldige Ayse, er wollte, dass die Burroblasts sie töten, damit er ihren Gehorsam sieht. Muss man sich mal überlegen. Die sollten ihm ihren Gehorsam demonstrieren, indem sie das Herz Ayses dazu brachten, mit dem Schlagen aufzuhören. Beinahe wäre es ihnen gelungen.

Da ist ein Zusammenhang, sagten wir alle.

Das muss auch an dem zweiten Abend gewesen sein, denn das hatte in uns allen gebohrt, was Regina an dem ersten Abend erzählt hatte, von dem Zusatz zu dem Buch Henoch, und wir hatten alle darüber nachgedacht, am Tag, während wir wie die Touristen durch die Innenstadt streiften, und nachher am Nachmittag, als wir oben auf dem Fons waren und unten in dem finsteren Keller die Grotte sahen, wo so lange Jahrhunderte die eingemauerten jüdischen Manuskripte vor sich hin geschlafen hatten. Wir hatten vielleicht nicht bewusst nachgedacht, aber es hatte in uns gearbeitet, in jedem einzelnen von uns. Ich glaube, es war wieder PF, der zuerst damit anfing.

Er sagte: Wenn in der jüdischen Gemeinde Weldbrüggens dieses Manuskript des Henoch-Buches mit dem Zusatz bekannt war, so muss unter den Juden darüber geredet worden sein, dass die Erlösung der Gefallenen Engel noch offen ist. Und als dann während der Pest die christlichen Weldbrüggener über ihre jüdischen Mitbürger kamen und sie massakrierten und ihre Häuser verbrannten, und als sie dann die Überlebenden unter der Kathedrale lebendig einmauerten, also, da muss der Azazel anwesend gewesen sein. Das Tier ist immer anwesend, wenn sich Menschen dem Bösen ergeben. Das Tier streift genauso über die Erde wie die Gefallenen Engel, die einmal seine Anhänger waren, aber es sucht nicht nach Gott und nicht nach Erlösung, sondern es sucht nach Macht. Macht kann es auf Erden aber nur gewinnen, wenn es Menschen findet, die ihm zu Willen sind. Davon haben wir ja schon mehrmals geredet. Ich hab das verkommene kleine Vieh zuerst in dem Büro von dem Burroblast gesehen, wo auch Balbutin ihn gesehen hat.

Yes, old man, you may say that, sagte Balbutin.

Und das war sowas von klar, fuhr PF fort, der kann nichts aus eigener Kraft, der braucht Handlanger, wie die Burroblasts, die für ihn die Drecksarbeit machen.

Die das Böse tun, warf PvM ein, so dass die Waagschale nach der Seite des Bösen fällt.

Genau, sagte PF. Und wenn der Burroblast anwesend war, als die Weldbrüggener Juden massakriert wurden, dann war er vielleicht auch Zeuge, wie die Juden unter der Kathedrale sich unterredeten, bevor sie starben. Die haben in ihren letzten Stunden vielleicht genau davon geredet, wovon auch wir geredet haben, dass nämlich die Welt noch immer offen ist für die Erlösung. Dass sogar die Gefallenen Engel noch erlöst werden können. Lies das doch noch mal vor, Regina.

Und Regina holte ihr Handy hervor, und wir saßen ja im Garten, und es war warme, verhangene Nacht, alles ganz weich und dunkel, und das Gesicht der alten Frau wurde sonderbar beleuchtet von dem Display ihres Handys, sie sah aus wie getaucht in eine blassblaue Wolke, und sie las: „Ihr werdet keinen Frieden haben, bis ihr nicht findet das Mädchen, das für euch bittet, so dass mein Sinn sich wendet. Denn durch die Frauen der Menschen seid ihr verführt worden, so sollt ihr auch durch die Frauen der Menschen erlöst werden. Es werden Orte offenbar werden auf Erden, da sitzen die Toten aufrecht in ihren Gräbern und warten auf das Ende der Zeiten, und dort werdet ihr das Mädchen finden, das bereit ist, für euch zu bitten, und ich will eure Bitten ein andermal anhören, aus dem Munde des Mädchens.“

Ja, sagte PF, und wenn der Azazel das gehört hat, und der muss das irgendwo gehört haben, denn er kann nichts auf der Erde als allein durch die Münder und die Augen und die Arme von Menschen, wenn der das also gehört hat, dann muss sein nächster Gedanke gewesen sein, ich muss dieses Mädchen finden und vernichten, dann sehen die Engel, die mit mir auf die Erde geworfen wurden, dass keine Hoffnung mehr für sie ist, dass ich der wahre Herr bin, dass Gott ihnen nicht helfen wird, denn Gott wird nicht einmal verhindern können, dass ich Menschen finde, die für mich das Mädchen töten, das Mädchen, die letzte Hoffnung der gefallenen Engel, und dann werden sie mich anbeten und erkennen als ihren wahren Herrn, die Menschen werden mich erkennen als wahren Herrn ihres Planeten, und die Gefallenen Engel auch.

Und er zitierte wieder aus dem Gedächtnis, was Balbutin in dem Büro des Burroblast gehört hatte: „Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern, und warten auf das Ende der Zeit, geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag.“

Keine Rettung für Satan, sagten wir alle. Kein Mitleid mit dem Vieh, kein Erbarmen. Er ist abtrünnig nach eigenem Entschluss, er kennt keine Reue, er kann nichts als zerstören. Quälen peinigen vernichten. Bauen kann er nichts, gar nichts. Und alles was er redet ist Lüge. Und er streift auf der Erde umher, um Handlanger zu finden, Menschen, die ihm zu Willen sind und seine Aufträge erfüllen.

Ayse hing derweilen an PvM’s Hals wie Efeu an einer alten Eiche, ich sag das nicht nur so, sie saß da, sie saßen auf dieser Gartenbank nebeneinander, das war diese alte Gartenbank mit den schmiedeeisernen Lehnen, von der Ayse geschrieben hat, die steht sonst im Vorgarten, aber wir hatten sie nach hinten getragen, weil PvM nicht genug Gartenstühle hat, also jedenfalls, die beiden saßen auf dieser Bank, und im Dunkeln hielt Ayse ihre beiden Hände um den Hals des alten Mannes geschlungen und sah zu ihm auf wie ein Kind, ich sah das, als Regina ihr Handy einschaltete und das Display aufleuchtete, es war so dunkel im Garten, dass wir sonst voneinander immer nur die Stimmen hörten, und jedenfalls, PvM sagte plötzlich, er sagte: Auf die Gefahr hin, dass Sandra mir jetzt in’s Gesicht springt, ich muss das loswerden, es muss irgendwas mit den Frauen zu tun haben. Die Erlösung der Welt, die Erlösung der Gefallenen Engel.

Warum sollte ich dir deswegen in’s Gesicht springen wollen? murrte Sandra neben mir.

Steht ja in dem Henoch-Fragment, warf Regina ein, wieder im Dunkeln. Gott lässt den Gefallenen Engeln ausrichten: „Denn durch die Frauen der Menschen seid ihr verführt worden, so sollt ihr auch durch die Frauen der Menschen erlöst werden.“

Das hat was mit Gebet zu tun, und Frömmigkeit, und Gutsein, sagte PvM trocken, offenbar in Richtung Sandra hin, auch wenn wir das nicht sehen konnten, und du bist ein guter und frommer Mensch, sonst würdest du nicht so treu an deiner Juliette hängen, du willst nur nicht, dass darüber geredet wird, du kehrst lieber die toughe Power-Lesbe raus.

Sandra, neben mir, gab ein Geräusch von sich, das ich kenne, als ließe sie Luft raus aus dem Reifen, Zeichen, dass sie auf keinen Fall bereit war, auf diese Bemerkung einzugehen.   

Ist mir klar, sagte PvM im Dunkeln, und seine Stimme hatte einen deutlich amüsierten Klang, dass ich da auf dünnem Eis wandle. Frauen sollen gut sein und fromm und beten, also das klingt wirklich nach vorgestern, wie heißt das auf Neudeutsch? Retro. Aber es muss da etwas dran sein. Ich kann das nicht begründen. Es ist ein Gefühl, aber ich vertrau darauf. Es geht um die Aufgabe der Frauen in der Welt. Frauen sind anders als Männer, ganz anders. Das heißt nicht, dass wir einander nicht verstehen könnten, natürlich können wir das, aber wir unterscheiden uns, deshalb sind wir ja auch so fasziniert voneinander.

Ich sah das nicht, es war zu dunkel, aber ich konnte es mit Händen greifen, wie Ayse, während er so redete, nicht nur ihre beiden Arme um seinen Hals hatte, sondern auch ihr Gesicht in seiner Schulter, und ich dachte, das weiß ich, daran erinnere ich mich genau, ich dachte in diesem Augenblick, Menno, zwischen den beiden ist doch alles schon geklärt.

Also, nur nach meinem Gefühl, sagte PvM, es geht um die Aufgabe der Frauen in der Welt, um ihre ganz besondere Aufgabe. Frauen haben ganz bestimmt nicht den Auftrag, werdet wie die Männer. Das ist kein Ziel, das irgendeine Frau verfolgen würde, da bin ich mir sicher. Klingt jetzt seltsam, aber ich glaube, dass das Gebet den Frauen irgendwie natürlich ist. Gefühlssache. Frauen haben es von Natur aus nicht so mit Lehre und Belehrung, sie wollen nicht über Gott reden, sie wollen mit Gott reden. Das hat Ayse schon geschrieben. Es geht um die Erfahrung. Um die persönliche, unersetzliche Erfahrung. Wenn eine Frau betet, will sie nicht ihre eigene Stimme hören, sondern sie will das Gefühl haben, ihr wird zugehört. Gott hört zu. Frauen sind durch das Gebet irgendwie näher bei Gott als Männer. Das weiß ich, weil — ich denke an diese Sache, als Ayse da nackt durch die Gärten streifte, und als sie da auf der Wiese lag und in den Nachthimmel schaute. Was da passiert ist, also, sorry, ich kann mir das von einem Kerl nicht vorstellen. Was da passiert ist, das war durch und durch weiblich. Auch dass sich Ayse bereitwillig hingestellt hat und sich hat stundenlang anschauen lassen, von den Besuchern, das war weiblich. Wenn ich mir hätte eine solche Geschichte ausdenken sollen, dann wäre meine Heldin auf jeden Fall eine Frau gewesen. Alles, was passiert ist, konnte nur einer Frau passieren. Ihre Entrückung auf dieser Wiese, ihre Nacktheit, ihre Entführung, ihre Fesselung an diesen Felsen, die ganze Geschichte ist so durch und durch weiblich, da ist kein Gedanke, dass dies alles auch einem Mann hätte passieren können. Ein Gefühl, aber ich vertraue darauf. Alles, was passiert ist, seit die Besucher auftauchten, ist um Ayse herum passiert, und es ist passiert und es konnte nur passieren, weil sie ein Mädchen ist. Die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende, ist durchtränkt von dem Gefühl und von der Gewissheit, dass da von einem Mädchen die Rede ist. Wär das eine erfundene Geschichte, so wäre klar, jeder einzelne Satz redet von Weiblichkeit, von Femininität, weiß nicht, wie ich das sonst ausdrücken soll, in jedem einzelnen Satz atmet eine Frau.

Ja, sagte Regina, du musst wissen, wovon du redest, du bist hier der Autor.

Ah, danke, sagte PvM. Und wenn wir dabei bleiben, dass Frauen im Gebet eine besondere, eine eigene Nähe haben zu Gott, dann klärt sich doch die Sache. Indem die Besucher die Nähe von Frauen suchen, die nahe bei Gott sind, kommen sie selber Gott näher, fühlen Linderung in ihrer Verstoßenheit. Es müssen die Frauen sein, nach diesem neuen alten Fragment. Die Gefallenen Engel sind wegen der Menschenfrauen in’s Unglück geraten, so werden sie auch durch die Menschenfrauen erlöst werden. Weißt du noch – er redete offenbar zu Regina, im Dunkeln – weißt du noch, wie wir vor dem Haus gesessen haben, in der Nacht, und Ayse zugesehen haben, wie sie vor den Besuchern stand? Nacktes Mädchen, leuchtend in der Dunkelheit? Was braucht es da noch für einen Beweis, was braucht es da noch Argumente? Hätte da an Ayses Stelle vielleicht ein nackter Kerl stehen können? Lächerlicher Gedanke, das wär bloß peinlich gewesen, ein Fall für die Weißkittel. Aber da stand ein nacktes Mädchen, und das Mädchen leuchtete in der Dunkelheit. Was war das? Heiliger Augenblick. Das macht den Unterschied. Der Anblick eines nackten Kerls, das ist bloß peinlich. Der Anblick eines nackten Mädchens, das ist eine Offenbarung. Die Nacktheit der Männer ist bestenfalls Entblößung, die Nacktheit der Frauen ist heilig.

Wow, flüsterte Sandra neben mir, der hat es wirklich drauf, der alte Mann.

Ich suchte nach ihrer Hand, da im Dunkeln, ich fand sie, ich drückte sie.  

(Nachricht vom 01.10.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 02.10.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)