Banshee Neue Folge 163

Nachricht von Amy Buchmüller

Ich wollt ja abwarten, was Ayse schreibt, aber jetzt hat Diana schon ihre Bemerkungen eingestellt, und das Buch Henoch erwähnt, glaubt mir, wir haben auf der Rückfahrt von nichts anderem geredet, Sandra und ich, wenn wir nicht grad getuschelt und gekuschelt haben, übrigens, ihr stellt euch viel zu viel vor, was da zwischen uns läuft, wir sind halt zwei einsame Mädchen, und wir haben ein Recht drauf, uns irgendwo festzuhalten, und wenn es ein Paar runder Möpse ist, ich hab doch all meine Tage damit verbracht, zum Fenster rauszugucken und zuzusehen, wie die Tage vorüberlaufen, das machen die, die laufen einfach so weiter, ein Tag nach dem anderen, und es wird Abend, schneller, als du denkst, und dann ist der Tag schon wieder vorbei, und du sagst dir, aber morgen, morgen wird was, und auf einmal stellst du fest, das hast du jeden Tag so gemacht, jeden Tag deines Lebens, jeden Tag nur gewartet, und auf einmal ist das Leben vorbei. Wenn du willst, dass was passiert, sieh zu, dass es heute passiert.

Ich weiß ja, wie leicht es ist, auf dem Sofa zu sitzen und auf morgen zu hoffen. Oder auf das Wochenende, wenn man weiter denkt. Am Wochenende geschieht das Wunder. Tut es nicht. Es geschieht immer nur das, was du heute tust. Jetzt.

Wir haben alle Angst vor den Konsequenzen, wenn wir was tun. Und dann? fragen wir. Was passiert dann? Das war toll, was Ayse da geschrieben hat. Konsequenzen sind was Gutes. Man macht, und was man gemacht hat, hat Folgen. Man soll keine Angst vor den Folgen haben. Wenn du immer nur Angst vor den Folgen hast, sitzt du eines Tages da, als mümmelnde Alte, und stellst fest, das Leben hat mich vergessen.

Das ist komisch, ich versteh das nicht. Richtet sich das Leben da draußen wirklich auf uns ein? Wenn wir nie was tun, wird dann draußen alles immer stiller um uns rum, und das Leben läuft einfach an uns vorbei? Wer tut, macht auch mal was falsch. Aber wer gar nichts tut, aus lauter Angst, was falsch zu machen, der meldet sich ab aus dem Leben, und dann hat er ein Scheißleben.

Also ist es besser, Scheiß drauf, das geht euch nun überhaupt nichts an, aber trotzdem, also ist es besser, dass auch mal zwei Mädchen miteinander in’s Bett fallen, als dass sie, jede für sich, Scheiße, jede für sich allein in ihrem einsamen Zimmer drauf wartet, dass morgen das Wunder passiert.

Wir waren in Weldbrüggen, und es war eine Offenbarung, dass wir alle zusammen waren, und wir haben Sachen geredet, da reichen die nächsten Jahrhunderte nicht, drüber nachzudenken, und hier sind also Sandra und ich, und wir haben auch noch unsere eigenen Gründe, an Weldbrüggen zurückzudenken, und an PvM’s Häuschen, und an unsere Gespräche, so what?

Menno, ich vergess das nie, wie wir in dieser Küche gesessen haben, im Kerzenlicht, überall diese funkelnden Kerzen, und das Geglitzer in unseren Augen, wie sich die Flämmchen in unseren Augen widergespiegelt haben, und draußen der Garten schon dunkel, und die Katzen sind durch die offene Tür rein und raus gekommen, die waren begeistert über den Auftrieb, die haben uns zugeguckt wie einem Schauspiel, und unter dem Tisch hat Sandra nicht aufgehört, an mir rumzufummeln, die hat das gemacht, die hat auf einmal die Hand auf meinem Knie gehabt, und dann noch höher, ich hab aber trotzdem mitbekommen, was Regina erzählt hat, und das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, das hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen, Regina hat da gesessen, was war das überhaupt für ein Blau, das Kostüm, dass die da anhatte, ich hab sowas noch nie gesehen, ist die von einem anderen Stern, das war hellblau, aber mit so einem metallischen Schimmer, also, zusammen mit ihren silberweißen Haaren und diesen weißen Augenbrauen, die hat ausgesehen wie die Chefin vom Sternenschiff, also bitte, so sieht doch niemand aus wie die!!!

Und was sie uns dann auf den Tisch gelegt hat. Diana war am Herd, und Ayse war mal bei ihr, dann hat sie wieder neben ihrem PvM gesessen und ihren niedlichen kleinen Türkenkopf an seine Schulter gelehnt, und sie hatte so dunkle Augen dabei, das ist mir nie an ihr aufgefallen, dass die so tiefe dunkle Augen hat, hatte die das schon immer? also, da dran erinnere ich mich deshalb so besonders, weil Regina ihr Ding vorgetragen hat, und Diana hat so aufmerksam zugehört, dass sie zuweilen vom Herd beigekommen ist, Topf in der Hand, und mit dem Rührlöffel im Topf, so hat sie hinter Regina gestanden, wilde Hexenfrau mit ihren wehenden Haaren, und hat Regina über die Schulter geguckt und mitgelesen, was die aus ihrem Handy vorgelesen hat, das vergess ich meiner Lebtag nicht, und Sandras Hand auf meinem Schenkel hielt auf einmal ganz still, und Regina hat laut gelesen, und selbst ihre Stimme war ganz aus Silber, die Frau ist doch nicht von dieser Welt, vielleicht waren wir alle nicht mehr ganz auf der Welt, in dieser Nacht.

Also ich glaub ja nicht, dass Ayse das noch mal rafft, uns hier alles aufzuschreiben, das wird mir jetzt zu dumm, ich mach das selber, ja, ich schreib euch jetzt auf, was ich in Erinnerung hab, und ihr schreibt dann, ob ich alles richtig mitbekommen hab, oder ob ihr das anders seht, und PF wird gefälligst diesen Kanal offen halten, bis wir alles auf die Reihe bekommen haben, alles klar oder was?

Ich hab nochmal überflogen, was alles auf dieser Seite schon gesagt worden ist, und ich glaub es nicht, aber ich hab ständig Sätze gefunden, da ist eigentlich schon alles gesagt worden, aber immer so unter Vorbehalt, immer mit „könnte sein“, „vielleicht“, aber irgendwie waren wir immer auf der richtigen Spur, vor allem PvM, der hat schon so viel gelesen im Leben, wär ein Wunder, wenn der nicht da und dort in die richtige Richtung gedacht hätte.

Ayse, die war und ist der Angelpunkt, klar, um die kleine Türkin dreht sich alles. Die selber will das ja gar nicht, aber sie ist der Star in unserem Universum. Nach allen Richtungen hin. In die Nacht hinaus, und da kommen die Besucher, kommen hervor aus ihrer Nacht und starren sie an, wie sie da steht, nackt und weiß in der Dunkelheit, und so leuchtend, dass sich selbst das Licht der Straßenlaternen verbiegt, PvM und Regina haben das gesehen, und Balbutin hat es gesehen. Und Ayse, die hat da auf dieser Wiese gelegen, in der Nacht, und hat in den Himmel hinauf gesehen, und da war alles Licht, und das Licht hat sich ihr zugewendet. Ja? Aus der Finsternis sind sie gekommen und haben sie angesehen, und das Licht hat sie hochgezogen, so war das doch, Ayse stand in der Mitte.

Und genau das ist hier schon mal geschrieben worden. Ich schreib das jetzt noch mal, wie ich es in Erinnerung hab, und ihr berichtigt mich. Da ist das Buch Henoch, und das sechste Kapitel Genesis, danke, Diana. Im Anfang der Zeiten haben Engel sich abgeseilt aus dem Himmel runter auf die Erde, weil sie die Menschenmädchen so niedlich fanden, wie zum Beispiel diese Ischtar, von der PvM geredet hat. Und manche von den Mädchen haben sich eingelassen auf die Engel, und es sind Kinder dabei rausgekommen, Kinder also, die zur Hälfte Mensch waren, zur Hälfte Engel, und irgendwie ist es doch so, dass die Engel ihre Menschenkinder viele Künste gelehrt haben, nehmen wir mal an, es war so, dann ist alle menschliche Kultur von diesen Kindern gekommen, aber auch alles Schlechte und Böse, denn die Engelskinder waren stark, riesenstark, die haben ihre Macht und ihre Kenntnisse nicht immer nur zum Guten ausgenutzt. So. Gott war über diese Eskapaden seiner Engel so wütend, dass er sie verstoßen hat. In einen Ort absoluter Dunkelheit, wo sie ihn nicht mehr sehen können. Das ist ihre ganze Verzweiflung, dass sie Gott nicht mehr sehen können, denn Gott sehen zu können, das ist das ganze Glück der Engel.

Hab ich das bisher alles richtig verstanden? PvM hat am Abend lange aus dem Buch Henoch zitiert. Henoch war ein frommer Jude, der bekam allerlei gezeigt und gesagt, von Gott selbst, und von den Engeln, die treu bei Gott im Himmel geblieben waren. Der Henoch also erfuhr, dass einer von den abgefallenen Engeln Azazel hieß, und das schrieb er nachher auf, und der Azazel war auf der Erde und lehrte die Engelskinder viele von den Sachen, die sie nachher nicht gut verwendeten, wie sie Schwerter und Schilde und Messer zu machen hätten und Brustpanzer und was weiß ich, und wie sie Metalle bearbeiten könnten, all das, und wie sie Edelsteine bearbeiten könnten uns sich schminken und ihre Kleider färben, all diese schönen Sachen, die auch zu bösen Zwecken verwendet werden können, und dann lernten die Engelskinder von den Gefallenen Engeln, ihren Vätern, geheime Beschwörungen und die Sicht in die Zukunft und was weiß ich, all das, was den Menschen eigentlich hätte helfen können, was sie dann aber gegeneinander verwendeten, und dann ging das Kämpfen los, das Schlachten und Massakrieren, wie wir es aus der Geschichte kennen, und die Engel, die im Himmel geblieben waren, traten vor Gott und beschworen ihn, der Sache ein Ende zu machen. Gott gab ihnen den Auftrag, die Gefallenen Engel, den Azazel vorweg, in einen feurigen Abgrund zu werfen, PvM hat das zitiert, in die Qual und in den Kerker, so heißt es im Buch Henoch, worin sie für immer eingesperrt werden.

Da saßen sie in ihrer Verzweiflung, und der Henoch bekam den Auftrag, zu ihnen zu gehen und ihnen das Urteil vorzulesen. PvM hat mir die deutsche Übersetzung des Buches Henoch gezeigt, aus der er zitiert hat, und ich hab die Seiten fotografiert, so, da steht, der Henoch ging direkt hin zu dem Azazel, hinein in die Finsternis, und sagte zu ihm, also, wörtlich, ich schreib das so ab: Du wirst keinen Frieden haben. Ein strenges Urteil ist über dich gefällt: Du sollst gefesselt werden. Du wirst keine Nachsicht noch Fürbitte für dich erlangen wegen der Gewalttätigkeiten, die du gelehrt, und wegen all der Werke der Lästerung, Gewalttat und Sünde, die du den Menschen zeigtest.

Dann ist er aber noch zu den anderen Engeln gegangen, die ebenfalls in der Finsternis gefangen waren und, also so versteh ich das, immer noch sind, und er schreibt, ich zitier das wieder wörtlich: Dann ging ich hin und sprach mit ihnen allen. Da fürchteten sie sich insgesamt, und Furcht und Zittern packte sie.

Kann man begreifen. Und dann kommt was, das ist schwer zu glauben. Henoch sagt: Sie baten mich, für sie eine Bittschrift zu schreiben, damit ihnen Verzeihung zuteil würde, und ihre Bittschrift vor dem Herrn des Himmels vorzulesen. Denn – so erklärt der Henoch – sie konnten ja an ihrem Verbannungsort nicht mehr mit Gott reden, noch, so sagt er wörtlich, ihre Augen zum Himmel erheben aus Scham über ihre Sünden, deretwegen sie gestraft wurden.

Und der Henoch sagt ganz trocken, irgendwie wie ein Jurist: So verfasste ich ihre Bitt- und Flehschrift betreffs ihres Geistes, ihrer Einzelhandlungen und der besonderen Bitte um Nachsicht und Vergebung.

Und dann geschah allerlei mit dem Henoch. Weil er ja nicht wusste, wie er zu dem Ort kommen sollte, da Gott wohnt, ist er hinausgegangen, ungefähr so, ich muss das sagen, denn das war ja dann der Punkt, ungefähr so, wie Ayse in dieser Nacht hinausgegangen ist in die Gärten, und er hat sich an die Ufer eines Wassers gesetzt und dort die Bittschrift laut vorgelesen.

Also das war der Punkt, wo wir alle durcheinander geredet haben, nur Regina nicht, die hat ganz still dagesessen und zugehört, Balbutin ist ganz aus dem Häuschen geraten, nach seiner Art hat er kaum ein klares Wort rausgebracht, also war das damals schon so, hat er gesagt, die Engel haben einen Menschen um Hilfe gebeten, einen Menschen!!! Und das ist doch eine klare Sache, dass der Henoch sich einfach an das Ufer eines Wassers gesetzt hat, um Gott die Bittschrift vorzulesen, denn es ist ja völlig egal, wo man hingeht, um mit Gott zu reden, Gott hört es auf jeden Fall.

Also darum ging es. Die Gefallenen Engel in ihrem Gefängnis, die können Gott nicht mehr sehen die können Gott nicht mehr erreichen, so gucken sie, dass sie einen Menschen finden, der für sie ihre Bitten vorträgt vor Gott. Das ist der Punkt, darum geht es, das ist der Kern von allem.

Der Henoch schlief ein am Ufer des Wassers, und im Traum bekam er Nachricht, und die war ernüchternd. Da war bloß von Strafe die Rede. Er wachte auf und ging wieder zurück zu den Gefangenen und sagte ihnen, was er im Traum gehört hatte. Er sagte ihnen, ich zitier das wieder wörtlich: Ich hatte eure Bitte aufgeschrieben; aber in meinem Gesichte wurde mir gezeigt, dass eure Bitte nimmermehr erfüllt wird, dass vielmehr das Urteil endgültig über euch gefällt ist, und dass euch nichts gewährt wird. Fortan werdet ihr nimmermehr in den Himmel hinaufsteigen; vielmehr ist befohlen, euch auf Erden für alle Zeit zu fesseln.

Menno, haben wir da wieder durcheinander geredet in der Küche. Die sind also irgendwo auf der Erde gefangen. Nicht unter der Erde oder sonstwo. Da gibt es irgendwo einen Ort auf der Erde, da sind die, und Diana sagte, ich glaube doch, das war Diana, ja, Diana sagte, das muss also gar kein besonders schlimmer Ort sein, der ist nur so schlimm für die, weil sie Gott nicht mehr sehen können, und vielleicht ist für die ja die ganze Erde dieser Ort, sie sind auf die Erde herabgestiegen, um es mit den schönen Menschenfrauen zu treiben, und nun ist die Erde für sie ein Ort, da müssen sie bleiben für alle Zeit, und ihre Strafe ist endgültig, egal, wo sie sich auf der Erde aufhalten, sie können Gott nicht mehr sehen, das würde erklären, sagte Diana, warum die sich überall rumtreiben, die haben die Hoffnung nicht aufgegeben, doch noch einen Platz zu finden, wo sie Gott sehen können.

Oder, sagte PvM, sie halten Ausschau nach Menschen, die sich vielleicht für sie einsetzen, wie der Henoch, den sie beauftragen können, zu Gott zu gehen und noch einmal ihre Bitten vorzutragen.

Natürlich sahen wir alle Ayse an, als wir so weit waren, und ich muss ehrlich sagen, mir lief es kalt den Rücken runter, als von der Verzweiflung der Gefallenen Engel die Rede war, denn ich hab mich an diesen furchtbaren Schrei erinnert, den ich da oben am Meer gehört hab, den Schrei, von dem Ayse erst gedacht hat, es wär der Schrei der Banshee, aber jetzt sagt sie ja, es sei der Schrei gewesen, den der Azazel ausgestoßen hat, als sich PvM vor sie stellte und klar war, der würde eher selber sterben, als jemanden zu ihr durch zu lassen.

Das ist, was die von dir erhoffen, sagten wir alle, praktisch gleichzeitig, die wollen, dass du vor Gott für sie bittest, und genau das ist passiert, als du auf dieser Wiese gelegen hast, Gott hat dich aufgehoben und an die Brust gedrückt, du hast das doch erzählt, du warst weit fort, in irgendwelchen oberen Räumen, und dein Kopf, dein körperlicher Kopf, der hat derweilen im Schoß von einer der Engelfrauen gelegen, das hast du doch erzählt, genau das hast du erzählt.

Und Ayse hat ihr Gesicht in die Schulter von PvM gedrückt und wollte nicht, dass wir ihr Gesicht sähen, und PvM hat gesagt, das hat mich besonders bewegt, der alte Mann hat gesagt, das war von vornherein das Problem, denn wenn die Menschen an übernatürliche Wesen denken, dann sehen sie sich selber ganz unten, und die übernatürlichen Wesen als stark und hilfreich, es könnte aber doch sein, dass wir Menschen in der Mitte stehen, irgendwo in der Mitte zwischen Gott und den übernatürlichen Wesen, die stärker sind als wir, und den anderen übernatürlichen Wesen, die schwach sind und unsere Hilfe brauchen —

Wie können wir denen denn helfen, was sollen wir denn schon machen? rief Sandra dazwischen, und in ihrer Aufregung krallte sie ihre Finger so spitz in meinen Schenkel, dass es weht tat.

Indem wir für sie bitten! riefen wir wieder alle durcheinander. Indem wir genau das machen, was der Henoch gemacht hat! Wir gehen hin zu Gott und tragen die Bitten für die vor! Und dazu müssen wir gar nicht weit gehen, wir können uns irgendwo hinsetzen, an das Ufer des Weld zum Beispiel, und einfach anfangen, mit Gott zu reden, der hört uns schon.

Darum geht es, sagte PvM wieder. Wenn wir zu Gott reden, hört der uns zu. Das ist das Gespräch der Menschen untereinander, seit Anbeginn der Zeiten. Wir können zu Gott reden, und der hört uns.

Das war der Moment, da Ayse wieder hochblickte von PvM’s Schulter, und ihm von der Seite her in’s Gesicht hinein sah, und sie sagte, das ist das Gespräch, das hab ich gehört, da unter der Kathedrale, die alten Juden, die haben von nichts anderem geredet als, Gott hört uns.

Daran hab ich wieder denken müssen, als Diana geschrieben hat, der alte Jude von der orthodoxen Gemeinde, der sie besucht hat, der hätte gesagt, es ist nun bewiesen, G’tt hat uns nicht verlassen, ich erinnere mich aber auch noch, als Ayse das gesagt hat mit dem Gespräch, das sie gehört hat unter der Kathedrale, da hat Diana ihren Balbutin angeguckt, sowas von dringend, das war so auffällig, dass ich sie später gefragt hab, am nächsten Tag, als wir alle oben auf dem Fons waren und Regina uns die Stelle gezeigt hat, wo die Geniza gefunden worden ist, mit diesem unbekannten Fragment aus dem Buch Henoch, aus dem sie dann vorgelesen hat, da hab ich also Diana gefragt, und die hat gesagt, sie hätte sofort an die Erzählungen von ihrem Balbutin gedacht, wie er auf dem Hof seines Onkels immer in die Wiesen hinausgegangen sei, als Kind, und dort hätte er die Blumen und den Wind reden hören, und das sei seine Heimat gewesen, er da allein auf der Wiese, und überall um ihn herum Gottes Stimme.

PvM war aber noch nicht fertig mit der Erzählung von dem Henoch, da kommt noch eine Passage, sagte er, da heißt es, der Henoch muss zu den Gefallenen Engeln an ihrem Verbannungsort sagen, wörtlich, euer Bittgesuch wird nicht angenommen werden, möget ihr auch weinen und beten – die beten also, und ihr Gebet erreicht Gott nicht, anders als das Gebet der Menschen, und dann steht da noch etwas anderes, der Henoch gibt nämlich nicht auf, und ihm gelingt es, bis vor Gott selbst vorzudringen, und das ist ein ungeheurer Ort, in dem alle Gegensätze zusammenfallen, ein Ort, der gleichzeitig so heiß wie Feuer und so kalt wie Schnee ist, und der Henoch fühlt Furcht und Zittern, und fällt nieder auf sein Angesicht, vor dem Thron des Herrn, und dann spricht Gott sein endgültiges Urteil, es ist keine Hoffnung und keine Gnade für die Gefallenen Engel, das ist das Urteil, wörtlich, ihr werdet keinen Frieden haben.

Und Gott selbst sagt zu dem Henoch, er solle den Gefallenen und Gefangenen Engeln sagen, ihr solltet eigentlich für die Menschen bitten, und nicht die Menschen für euch.

Wenn das stimmt, sagte Diana, dann sind die seit dieser Zeit auf der Erde unterwegs und suchen nach Menschen, die für sie bitten.

Ich glaube, ich hab wieder angefangen zu heulen, und dann sagte Regina, ganz kühl und methodisch, zu PvM, so, lies das noch einmal vor, wie endet dieses Kapitel, mit dem endgültigen Spruch Gottes, lies das noch mal.

PvM hatte das Buch mit der Übersetzung in der Hand, aus der ich mir nachher die wichtigen Seiten fotografiert hab, und ich kann hier dazwischen schieben, das Buch ist schon alt, in Fraktur gedruckt, ich glaube, PvM hat das schon mal hier auf dieser Seite zitiert, „Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel“, PvM kann sich gar nicht genug tun, den Verfasser zu loben, oder vielmehr den Übersetzer, der war kein Jude, sondern ein frommer katholischer Gelehrter, der hat aber die Juden geliebt, und das Buch ist schon 1928 erschienen, also hundert Jahre alt, kann man sich auch im Internet runterladen, hab ich festgestellt, aber PvM besitzt es auf Papier, in seiner Bibliothek, 1342 Seiten dick! und daraus also las er jetzt vor, der Henoch sollte im Auftrag Gottes zu den Gefallenen Engeln sprechen: Ihr waret im Himmel. Es wurden euch zwar nicht alle Geheimnisse geoffenbart; doch wusstet ihr um ein nichtswürdiges Geheimnis und gabet dies in eurer Herzenstätigkeit –

hier unterbrach PvM sich und sagte: Herzenstätigkeit, ich weiß nicht, was das heißen soll, es könnte ein Druckfehler sein, vielleicht ist Herzensträgheit gemeint, irgendwie eine Verderbnis des Herzens, sonst gibt das keinen Sinn, jedenfalls, so steht es hier, der Henoch soll den Gefallenen Engeln sagen, ihr gabt das Geheimnis den Weibern preis. Durch dies Geheimnis wirken Weiber und Männer viel Unheil auf Erden. Sag ihnen also: ihr werdet keinen Frieden haben!

Einfache Sache, sagte PvM, das Buch zuklappend. Die Gefallenen Engel kannten einige der Geheimnisse Gottes, und haben sie den schönen Menschenfrauen ausgeplappert, und die Kinder der Frauen wussten diese Geheimnisse dann auch, und daher rührt das Unheil, das die Menschen auf Erden anrichten, und das wird den Engeln nie verziehen werden.

Ja, sagte Regina, runde Sache, wenn das wirklich das Ende wäre.

Ich weiß noch, dass wir alle plötzlich schwiegen, es war ganz still in der Küche auf einmal, Diana hörte auf zu rühren mit ihrem Kochlöffel am Herd, und wir sahen sie alle an, die schöne alte Frau in ihrem blauen Kostüm, chromblau nennt man das, fällt mir jetzt ein, hat Ayse nicht erzählt, die Portale zu der Gedenkstätte unter der Kathedrale seien in diesem metallenen Blau gehalten? egal, Regina nahm ihr Handy hoch und sagte: Ich wollte erst einmal abwarten, was ihr aus der Sache macht, aber jetzt hab ich euch was zu sagen.

Und sie tippte ein bisschen herum auf dem Display und fuhr dann fort: Ihr wisst, dass unter dem Fons ein Begräbnisort für alte jüdische Manuskripte gefunden worden ist? Eine sogenannte Geniza?

Jaja, bestätigten wir eilig, Ayse hat uns das geschrieben, was hat das mit dem Buch Henoch zu tun?

Da ist ein Manuskript gefunden worden, sagte Regina, ein Abschnitt aus dem Buch Henoch, der bisher unbekannt war. Ich hab am Institut für Judaistik, hier an der Uni Weldbrüggen, ganz dringend darum gebeten, mir die Passage zu übersetzen, und es ist ein Abschnitt, der verlängert das sechzehnte Kapitel, und geht dann noch ein bisschen weiter, mit dem siebzehnten Kapitel, wie es auch in anderen Handschriften überliefert ist. Und der Schluss von dem sechzehnten Kapitel, der ist genauso, wie du eben vorgelesen hast, Peter, und du hast recht, da steht ein Wort, das heißt „Herzensverderbnis“, die haben mir am Institut auch das hebräische Wort genannt, aber sorry, das hab ich mir nicht merken können, jedenfalls wirft Gott den Engeln ganz klar vor, sie hätten in ihrer Herzensverderbnis oder Herzensverdrehtheit oder Herzensverkehrung, man kann das offenbar auf verschiedene Weisen übersetzen, sie hätten also den Menschenfrauen ein Geheimnis offenbart, das nicht für Menschen bestimmt war, und im Besitz dieses Geheimnisses sei viel Leid geschehen auf Erden.

Sie sah PvM an und sagte, unseren Fragen zuvorkommend: Was für ein Geheimnis das war, steht nicht in dem Text, die einfachste Vermutung ist, das Geheimnis hat die Menschen gelehrt, Künste, die eigentlich gut sind, für böse Zwecke zu verwenden. Das Geheimnis besteht also in der moralischen Verdrehung der Menschen, und wenn die Engel daran schuld sind, haben sie in der Tat unermessliche Schuld auf sich geladen, denn wir Menschen vermögen wunderbare Dinge, denkt an die Beherrschung der Atomkraft, dann machen wir aber Bomben daraus. Dann heißt es wie in deiner Übersetzung: Sag ihnen also, ihr werdet keinen Frieden haben, und bei dir ist damit das sechzehnte Kapitel beendet, mit diesen Worten: Ihr werdet keinen Frieden haben, und im siebzehnten Kapitel geht es weiter mit dem Bericht von Henochs Reise durch die Unterwelten und von den vielen Dingen, die ihm dabei offenbart wurden. In dem neu gefundenen Fragment ist das sechzehnte Kapitel aber noch ein paar Zeilen länger, und am Institut haben sie mir diese Zeilen übersetzt, es heißt dort: Sag ihnen also: Ihr werdet keinen Frieden haben, bis ihr nicht findet das Mädchen, das für euch bittet, so dass mein Sinn sich wendet. Denn durch die Frauen der Menschen seid ihr verführt worden, so sollt ihr auch durch die Frauen der Menschen erlöst werden. Es werden Orte offenbar werden auf Erden, da sitzen die Toten aufrecht in ihren Gräbern und warten auf das Ende der Zeiten, und dort werdet ihr das Mädchen finden, das bereit ist, für euch zu bitten, und ich will eure Bitten ein andermal anhören, aus dem Munde des Mädchens.

Ich weiß nicht, ich glaube, ein Schweigen, also ich fang schon wieder an zu heulen, wenn ich daran denke, ein Schweigen wie das, das diesen Worten folgte, ein solches Schweigen kann es auf der Erde nicht schon einmal gegeben haben. Wir starrten die alte Frau an mit offenem Mund, wir atmeten nicht einmal, wir sahen sie einfach an, und Regina legte ihr Handy auf den Tisch und sagte ganz still: Ich bin so froh, dass ich das endlich losgeworden bin, ich trag das schon seit Tagen mit mir rum.

Ich weiß noch, dass Ayse ihr Gesicht an PvM’s Schulter vergrub, und dass sie beide Arme um seinen Hals schlang, so fest, dass es weh getan haben muss. Irgendwann murmelte Balbutin, no way, und Diana, die immer noch hinter Regina stand, diesen Topf gegen ihre Brust gedrückt, und den Arm mit dem Rührlöffel mitten in der rührenden Bewegung erstarrt, und Diana flüsterte, das steht da nicht.

Regina nickte, ohne sich umzudrehen. Das steht da so, sagte sie, ich hab zwei Mal im Institut rückgefragt, ob das wirklich da steht.

Und sie faltete die Hände auf dem Tisch und sagte, immerfort mit derselben stillen Stimme: Die Spezialisten haben auch eine Erklärung gehabt für diese Stelle. Sie wissen natürlich nichts von Ayse und den Besuchern, ihre Erklärung ist eine ganz andere. Das Fragment stammt vermutlich aus dem dreizehnten Jahrhundert, Mitte oder Ende, ist also nicht allzu lang vor dem Untergang der jüdischen Gemeinde während der Pestzeit in Weldbrüggen verfasst worden. Die Spezialisten sagen, wenn die Zeit der Abfassung dieses Textes und die Zeit der Niederschrift gleich sind, was nicht sein muss, es kann sich ja auch um die Abschrift eines viel älteren Textes handeln, aber wenn die Zeiten übereinstimmen, so ist die Passage zur Hochzeit der christlichen Marienverehrung verfasst worden. Die Verehrung, um nicht zu sagen, Anbetung der Jungfrau Maria war leidenschaftlich und hingebungsvoll unter den damaligen Menschen, man betete zu der Heiligen Gottesmutter wie zu Gott selbst, und wer Hilfe brauchte, rief eher Maria an als Gott. Es ist bekannt, dass diese Marienverehrung auch im Islam und bei den Juden Eindruck machte. Die mütterliche, die weibliche Seite Gottes, ihr versteht, Fürsorge und Barmherzigkeit, das Verzeihen von Schuld, das sind besondere Merkmale der Jungfrau Maria. Die Spezialisten, die mir dieses neu gefundene Fragment aus dem Buch Henoch übersetzt haben, vermuten, es könne sich bei der Nennung des geheimnisvollen Mädchens, das durch seine Fürsprache selbst das Herz Gottes zu wenden imstande ist, um eine Anspielung auf die Gottesmutter handeln. Maria ist immer bereit, für die Menschen zu bitten, warum sollte sie nicht auch für die Gefallenen Engel bitten. In einem jüdischen Text kann natürlich nicht von Maria als der Gottesmutter die Rede sein, aber die Anspielung, so meinen jedenfalls die Spezialisten vom Institut für Judaistik, sei deutlich genug. Die christliche Tradition identifiziert Maria mit der Weisheit Gottes, die Heilige Weisheit hat die Gestalt eines Mädchens, das spielt vor Gott auf dem Antlitz der Erde seit Anbeginn der Zeiten, das ist auch jüdisches Traditionsgut, steht so im achten Kapitel des Buchs der Sprichwörter. Indem die mittelalterlichen Juden von „dem Mädchen“ redeten, konnten sie auf dem Umweg über die Heilige Weisheit auch von der Jungfrau Maria reden, und da die Heilige Weisheit seit Anbeginn der Zeiten die Begleiterin Gottes ist, ist sie natürlich auch anwesend bei den Toten, die auf das Ende der Zeiten warten, und auf das Gericht, und sie bittet nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die Toten. Nach dem Buch Henoch hat das Unglück für die Gefallenen Engel damit begonnen, dass sie sich den Frauen der Menschen zugewandt haben, so ist es von einer gewissen Logik, dass es auch wieder die Menschenfrauen sind, die den Gefallenen Engeln endlich die Erlösung bringen. Das erinnert an einen Gedanken der mittelalterlichen christlichen Theologie. Die Menschen sind in die Sünde geraten durch die Schuld der ersten Menschenfrau, nämlich Eva, und die Erlösung von der Sünde kam wieder durch eine Frau in die Welt, nämlich durch Maria, der Mutter Jesu Christi. Die bisher unbekannte Henoch-Passage könnte diesen Gedanken widerspiegeln.

Das, so schloss Regina, ist die Erklärung, die mir die Spezialisten am Institut für Judaistik gaben, ihr werdet verstehen, dass ich an etwas ganz anderes gedacht habe, aber selbstverständlich habe ich nichts gesagt, habe nur die Übersetzung fotografiert, und hier sind wir jetzt.

Ja. Hier waren wir jetzt. Ich weiß noch, dass wir alle irgendwann draußen im nachtdunklen Garten standen, und wir schwiegen die ganze Zeit, und Diana und Balbutin hielten sich eng aneinander fest, und Sandra hatte den Kopf an meiner Schulter, oder ich meinen an ihrer, ich weiß nicht mehr, und Regina und PvM standen beieinander und hatten Ayse in ihrer Mitte wie ein verschüchtertes Vögelchen, und ich sah, dass Ayse mehrfach den Mund aufmachte, als müsse sie um Atem ringen, oder als wolle sie etwas sagen, aber ich bitte euch, was hätte die kleine Muslima schon sagen sollen, und PF saß vor ihnen in einem Gartenstuhl und sah die drei an, und ringsum in den Bäumen hingen die Besucher, und sie sahen Ayse an, niemanden sonst, als gäbe es kein lebendes Wesen mehr in der Welt als allein Ayse, das sie noch anschauen wollten, es war PvM, der schließlich das Schweigen brach, er sagte in halblautem Ton zu Ayse, aber doch so laut, dass wir alle es verstanden, und irgendwie so, als habe da gerade eine Diskussion stattgefunden, er sagte also: Es wird ja gar nichts von dir verlangt. Es wird nichts erwartet von dir. Du hast keine Verantwortung für die. Du sollst nur für die bitten. Das ist keine große Aufgabe. Das ist keine Anstrengung. Einfach für die bitten.

Und ich sah Ayses weißes Gesicht in der Dunkelheit, sie war weiß wie die Wand, und ich sah, dass sie nickte.

(Nachricht vom 30.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 01.10.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)