Banshee Neue Folge 162

Nachricht von Diana Hindrance

Also Ayse, ich würd ja so gerne was sagen, und mir fällt auch allerhand ein, aber ehrlich, ich sitz auf der Vorderkante Stuhl und warte drauf, dass du uns endlich erzählst, was passiert ist.

Wir haben Besuch von den frommen Juden aus Berlin bekommen, da war einer dabei, so richtig mir Rauschebart und ganz zarten Fingern, und mit Hut, und Brille, und alt, und mit leiser heller Stimme, der hat alles gewusst, war bestens informiert, hat auch gleich von dir geredet, Ayse, und hat uns zu unserer Rettung gratuliert, und er hat gesagt, wir sehen ja nun, G’tt hat uns nicht verlassen. Sorry, so hat der das natürlich nicht ausgesprochen, G’tt, aber ich will mir angewöhnen, das so zu schreiben, im Gemeindeblatt machen sie das immer so, als ein Zeichen von Ehrfurcht. Ehrfurcht. Das passt doch zu dem, Ayse, was du geschrieben hast. Mein Balbutin war schwer beeindruckt von denen, und die Kinder haben geguckt mit offenem Mund. Ich schreib das, weil die davon geredet haben, euch zu besuchen in Weldbrüggen, die wollen zu Regina und hoch zum Fons und die Stelle sehen, wo die Geniza gefunden worden ist, genau die Stelle, die Regina uns gezeigt hat, und bei der Gelegenheit wollen sie auch das Mädchen sehen, wegen dem das alles war, dieser Aufstand da oben am Strand, damit bist du gemeint, Ayse.

Mann, das war das Beste, was ich jemals getan hab, dass ich wieder zur Gemeinde gegangen bin, auf einmal hab ich das Gefühl, ich gehör wo dazu, und überall sind Leute, die an mich und meine Familie denken und sich um uns kümmern. Ich versteh, was du meinst, Ayse, wenn du von der Erfahrung redest und dass nichts zählt als die Erfahrung, wirklich, ich versteh das, aber die Religion, also, es ist nicht gut für eine Jüdin wie mich, als Einzelkämpferin durch’s Gelände zu laufen, ich brauch Hilfe, wir brauchen alle Hilfe, und wenn die von der Berliner Gemeinde nicht gewesen wären, wir wären alle nicht mehr am Leben, das ist doch die Wahrheit. Deshalb, man muss beide Seiten sehen, sorry. Ich will mich auch nicht unterwerfen, und ich versteh das so gut, wenn du von deiner Freiheit redest. Aber manchmal braucht man auch Hilfe, manchmal kommt es hart auf hart. Selbst wenn ich jetzt auf einmal sagte, ich will keine Jüdin mehr sein, sag ich natürlich nicht, aber nur mal angenommen, dann glaub mir, der Rest der Welt würde mich ganz schnell dran erinnern, wer ich bin. Ich versteh, wie das bei dir war. Deine Familie hätt dir helfen müssen, und die haben das Gegenteil getan. Die Gemeinschaft kann die Hölle auf Erden werden, wenn sie nur noch aus Zwang und Bevormundung besteht, das versteh ich so gut. Ich hab mir ja auch nie was sagen lassen und hab immer gemacht, was ich für richtig hielt, und manchmal hab ich alles falsch gemacht, ich hab Balbutin gezwungen, zu dieser Therapeutentussi zu gehen, und deshalb ist er weggelaufen, und deshalb ist er überhaupt erst dieser Burroblast-Blase begegnet, glaubt mir, mir wird richtig schwindelig, wenn ich daran denke, manchmal wach ich auf in der Nacht und setz mich hin im Bett und denk, ich bin an allem schuld, ich hab damals an meine Alten gedacht, wie die in der Verfolgung zu den Gefallenen Engeln gebetet haben, und weil meine Ehe den Bach runterging, und weil meine Ehe und meine Familie doch das Wichtigste sind, was es überhaupt gibt für mich auf der Welt, hab ich das auch getan, zu den Gefallenen Engeln gebetet, und auf einmal waren die da, und das ist immer noch nicht vom Tisch, dass ich das war, ich hab die herbeigerufen, und dann hab ich Balbutin vertrieben mit meiner, oh Scheiße, da ist es wieder, das Wort, mit meiner Bevormundung, ich hab den bevormundet, und er ist weggelaufen und dem Burroblast in die Fänge geraten, und über meinen Balbutin sind die Burroblasts an Ayse rangekommen, sorry, wir haben über all das ja schon geredet, als wir in Weldbrüggen waren, aber das kreist mir im Kopf herum, ich hab immer bloß das Beste gewollt, und hab es falsch gemacht, nur ganz zum Schluss, da hab ich doch noch in’s Schwarze getroffen, als ich mich an die orthodoxe Gemeinde in Berlin gewendet hab, ich versteh noch immer nicht, wieso die mir so bereitwillig geglaubt haben, ich denke, es stimmt, was PvM gesagt hat, die wissen mehr, als sie sagen, und ich bin so froh, dass die uns besucht haben, die sind den weiten Weg gekommen und haben uns besucht, okay, die hatten auch noch was anderes vor, die waren bei der Gemeinde hier und auch noch bei anderen, aber auf dieser Reise haben sie sich eben eine Stunde Zeit genommen und sind im Hause Hindrance aufgetaucht, richtiger Staatsbesuch, feierlich und würdig, und vor der Tür stand eine schwarze Karosse mit Vorhängen an den Fenstern, ehrlich, ich hab noch nie ein Auto gesehen mit Vorhängen an den Fenstern, und ich hatt auf einmal das Gefühl, ich bin wer in der Welt, ich bin sicher nicht der wichtigste Mensch in der Welt, aber ich bedeute was, das sieht Balbutin natürlich anders, für den war ich schon immer der wichtigste Mensch in der Welt, und für den hab ich schon immer alles bedeutet, also, aber, ihr versteht, was ich meine.

Was ist eigentlich mit uns los, wir haben schon in Weldbrüggen, in der Küche von PvM haben wir schon so wild durcheinander geredet, meistens alle gleichzeitig, als müssten wir alle alles auf einmal sagen, und jetzt schreib ich schon so, vielleicht hat PvM recht, und in ein paar Jahrzehnten kommt einmal ein Geschichtsschreiber und wertet das alles aus, was wir hier geschrieben haben, und bringt das alles auf Linie. Aber natürlich, der hat dann das alles nicht selber erlebt, und wenn einer von draußen zuguckt, der hat immer leicht reden.

Die israelischen Personenschützer, die uns allen am Strand das Leben gerettet haben, die sind schon wieder im Dienst, in Berlin, die Staatsanwaltschaft da oben in dieser kleinen Stadt am Meer, die für die Ermittlungen zuständig ist, soweit der MAD die lässt, ich weiß ja auch nicht, die haben jedenfalls die Ermittlungen eingestellt, die Glatzen waren schwer bewaffnet, die Waffen waren geladen, die haben die Waffen gehoben, als wir kamen, klarer Fall, die Israelis haben sich gewehrt, es war Notwehr, und sie haben uns geschützt.

Nichts ist mehr, wie es vorher war. Wenn ich rausgeh vor die Tür, kenn ich mich noch aus, und trotzdem bild ich mir ein, ich wär auf einem anderen Planeten, und dabei seh ich die Besucher ja noch nicht mal, wie ihr, Balbutin sagt, die würden wieder rumlungern vor dem Haus, und sie würden mich anstarren, nicht so, wie sie Ayse anschauen, so voller Verlangen und bittend, eher ratlos, ja, das hab ich jetzt mitgekriegt, ich seh aus wie eine von denen.

Das ist es ja, worüber ihr geredet habt die ganze Zeit. Das Buch Henoch. Die Engel haben sich mit den Menschenmädchen vermischt, dafür sind sie dann ja bestraft worden, und die Nachkommen von den Engeln und den Menschenmädchen sind größtenteils umgekommen, aber ganz ist die Spur nicht verloren gegangen, die genetische Spur, ernsthaft, und unter uns laufen immer noch welche rum, die tragen das Erbe der Engel in ihrem Blut in ihrem Fleisch, vielleicht auch in ihrem Geist, wer weiß, das Erbe der Gefallenen Engel, und das sagt ihr ja, es ist offensichtlich, ich bin eine von denen.

Ich glaub das nicht, dass ich sowas hinschreib.

Sollte das wirklich möglich sein, dass unter uns Menschen welche rumlaufen, die sind nicht restfrei Menschen, da sind in der Ahnenreihe übernatürliche Wesen? Wenn das stimmt, was im Buch Henoch steht, und das steht ja auch in der Bibel, sechstes Kapitel Genesis, dass die Engel wirklich Sex hatten mit den Menschenfrauen, und dass daraus wirklich Kinder entstanden sind, dann kann es ja sein, dass die Spur sich bis heute nicht ganz verloren hat, ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich meine, ich fühle mich nicht anders als andere Menschen auch, aber wenn ich anfang, darüber nachzudenken, dann wird mir klar, woher will ich überhaupt wissen, wie andere Menschen sich fühlen? Kein Mensch weiß wirklich, wie die anderen Menschen sich fühlen, jeder Mensch kennt nur sich selber von innen. Ist doch so. Und alles, was ihr immer sagt, wenn die Rede drauf kommt, das ist, ihr guckt mich an und sagt, du bist anders. Das ist immer die Ansage. Diana ist irgendwie anders. Ich war schon immer irgendwie anders. Deshalb hab ich auch damals diese Fotos gemacht, auf denen Sandra so rumgeritten hat, weil, ich hab einfach die Achseln gezuckt und mir gesagt, was soll’s, ich bin sowieso anders, warum soll ich das dann nicht machen? Und ihr versteht, damals hab ich zwar schon von diesen Gefallenen Engeln gewusst, aus den Erzählungen meiner Familie, aber ich hab das nicht mit mir in Verbindung gebracht. Ich hab nur einfach gewusst, und hab das auch schon immer gesagt gekriegt, Diana ist anders.

Und da müssten ja nun eigentlich auch meine Kinder anders sein, die Kinder von mir und Balbutin, so pflanzt sich das fort, und ich geh aus dem Haus und guck mich um und denke, alles wie immer, nichts ist wie immer.

Ayse, für uns alle hat ein neues Leben angefangen. Jetzt komm endlich mal rüber mit ein paar klaren Auskünften, was da eigentlich bei euch passiert ist in Weldbrüggen, dass du so aus dem Häuschen bist. Da ist doch was passiert, zwischen dir und dem alten Mann, also, das geht uns alle an, wir haben ein Recht drauf, das zu wissen, jetzt komm mal rüber mit der Info.

(Nachricht vom 29.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)