Banshee Neue Folge 161

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich bin gut drauf. Oh Mann, bin ich gut drauf. Ich hab andere Sachen im Kopf. Ich bin immer noch bloß ein Mädchen. Okay, ich bin eine Frau. Ich hab keine Ahnung, ob das, was für mich gilt, für alle Frauen gilt. Sollte doch. Sind wir auf der richtigen Spur? Ich bin jedenfalls auf dem richtigen Gleis, ist doch schon mal was. Ich verrat euch nicht, was passiert ist, erst mal erzähl ich, was ihr schon wisst. PvM hat recht. Dieselbe Sache, wenn sie von verschiedenen Leuten erzählt wird, das kriegt alles ein anderes Gesicht.

So wie diese Sache zwischen Sandra und Amy. Geht uns ja wirklich nichts an. Die haben nichts gesagt, und wir anderen wissen nicht, wie das für die aussieht. PvM sagt, in Wirklichkeit warten die beide. Sandra wartet überhaupt drauf, dass alles vorbei ist, dass alles endlich vorbei ist, und sie in den Garten eintritt, wo Juliette auf sie wartet. Und Amy, gutes Mädchen, das sie ist, wartet auf den Richtigen, sie hat ja geglaubt, ihr Matsunaga wär der Richtige, und dann hat er sie einfach sitzenlassen, und irgendwie glaubt sie immer noch, das sei alles ein Irrtum gewesen, und er würd wieder zurückkommen, alles würde sich klären. Ach, Amy. Ich hab das auch mal geglaubt, alles wird sich klären. Was vergangen ist, kommt nicht wieder, besonders nicht, wenn es eine Illusion war. Das Zwerglein wird erwachsen werden, und eines Tages wird es sich ein Flugticket nach Tokio kaufen und dort nach seinen Wurzeln suchen, wer weiß, wie er aussieht, wenn er erst mal erwachsen ist, vielleicht kann er als Japaner durchgehen, und vielleicht lebt der dann irgendwas, was Amy nie leben konnte.

Vielleicht vielleicht vielleicht. Und vielleicht kommt auch für die Besucher die Erlösung, so wie Regina das gesagt hat. Und vielleicht ist es deshalb für alle Frauen gut und richtig, immer mal wieder mit GOtt zu reden. An GOtt zu denken. Ich meine, wir müssen deshalb nicht in die Moschee oder in die Kirche rennen. GOtt ist dort nicht mehr als sonstwo, auf jeden Fall nicht mehr als in unseren Herzen. Auf keinen Fall wird Gott von den Mullahs oder von den Priestern verwaltet. Bloß weil einer ein Weihrauchfass schwingt, weiß er noch nichts von GOtt, und zu sagen hat er uns schon mal gar nichts. Wir sind Frauen, wir sind freie Wesen, und wenn wir die Augen zu machen oder in den Himmel rauf schauen und zu GOtt reden, wer wollte uns dann dazwischen reden?

Ihr seht, ich rede Girlanden. Ich red deshalb so im Kreis rum, weil ich noch immer versuch, einen Anfang zu finden. Es ist ja nicht nur so, dass ich der Reihe nach erzählen soll, was wir geredet haben. Wir haben ja nicht nur geredet, sondern aus dem all dem, was wir geredet haben, da ergibt sich auch was. Konsequenzen. Konsequenzen, das ist was Gutes. Man setzt sich hin und sieht zu, dass man den Überblick kriegt, über alles, was passiert ist, und dann zieht man einen Strich und unter dem Strich steht was, steht eine Summe, und mit der kann man jetzt arbeiten. Konsequenzen, Schlüsse ziehen, und dann beginnt ein neues Leben.

Hier sind Sachen passiert. Erzähl ich euch aber jetzt nicht, obwohl die in meinem Herzen rumsprudeln, und ich krieg kein vernünftiges Wort in die Maschine. Ist ja auch egal. Vernünftig sind meine Worte schon, jedenfalls für mich.

Hab ich das wirklich grad hingeschrieben, Frauen sollten mit GOtt reden? Hab ich. Einfach hinsetzen und reden mit dem, oder mit der, PvM ist ja fest davon überzeugt, dass SIE eine Frau ist. Ein Weibchen, wie er gern sagt. Also jedenfalls reden mit GOtt, den ganzen Scheiß mit Glauben und so, den lasst mal weg. Ihr sollt nicht an GOtt glauben, ihr sollt einfach zu ihm reden, oder zu IHR. Der meldet sich dann schon. Wir sind Frauen, und da ist irgendwo dieser Verdacht in der Welt, ich meine, ich habe diesen Verdacht, ich ganz persönlich, wenn wir das nicht tun, zu GOtt reden, dann sind wir nicht ganz rund, dann fehlt uns etwas, dann sind wir nicht, was wir sein könnten. Vor allem deshalb, weil, also, wenn wir sitzen und zu GOtt reden, oder in der U-Bahn stehen, mitten im Gedränge, und zu GOtt reden, dann sind wir frei, vollkommen frei. Niemand hat uns da reinzureden, kein Heiliges Buch, kein Koran, keine Bibel, nichts und niemand. Und dann können wir rausgehen in die Welt, als freie Wesen, und die Sachen tun. Unsere Agenda. Was immer wir vorhaben.

Wenn da nicht diese Sache mit dem Buch Henoch wär, ich käm viel leichter zu Potte mit dem, was ich hier schreiben soll. Regina hat mich wirklich kalt erwischt. Aus dem Takt gebracht. Ich war inzwischen noch mal mit PvM in der Kathedrale. In die Gedenkstätte sind wir nicht runtergestiegen, da müsste Regina erst ihre Beziehungen spielen lassen, damit wir schon wieder Zugang bekommen, will ich nicht. In der Kathedrale zu sein, das war gut. All die feierlichen Damen und Herren zu sehen, wie sie aus ihren Säulen herausgetreten kommen. Haben mich nicht mehr so erschreckt wie das erste Mal. Ich hab von PvM verlangt, dass er mich oft hierher bringt. „Du kannst auch selber herkommen“, hat er gesagt, „wann immer du willst, ist offen hier.“ „Das ist was anderes“, hab ich gesagt. „Wenn ich hierherkommen will, dann sag ich zu dir, ich will dorthin, und du tust, was ich sage, und bringst mich her, so ist, was du tust, genau das, was ich will, so läuft das, so hat das zu laufen.“ Und er hat gesagt, das sieht er ein, und er hat noch hinzugefügt, mit seinem Blick, ganz weit weg, auf Französisch, „Ce que femme veut, Dieu le veut“, aber hallo, das hat er auf dieser Seite schon mal zitiert, ich muss das noch  nachschlagen, jedenfalls sind wir uns einig, wir müssen von jetzt an immer tun, was wir wollen, er, was ich will, und ich, was er will, wo war ich doch gleich, wir waren in der Kathedrale, und obwohl wir nicht unten in der Gedenkstätte waren, hab ich wieder dieses unaufhörliche Gemurmel gehört, dieses Gespräch, das muss begonnen haben mit dem Anfang der Schöpfung, oder jedenfalls an dem Tag, als GOtt den Menschen geschaffen hat, und hat seither nicht aufgehört, versteht ihr das, ihr müsst euch das mal überlegen, da hat ein Gespräch angefangen, die Menschen haben angefangen, mit GOtt zu reden, und vielleicht haben sie sich am Anfang noch nicht einmal klar gemacht, dass sie mit GOtt reden, sie haben einfach geredet zu dieser Person, die immer da war und immer zugehört hat, und dann haben sie miteinander geredet und darüber, wie sie immer zu GOtt reden, und dass sie alle das tun, jeder für sich, und dann haben sie ausgehandelt, was das wohl bedeuten soll, und haben sich das zurechtgedacht, und dann ging das mit dem Erklären los, und ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, denn aus dem Erklären sind die Religionen entstanden, und die Religionen schreiben den Menschen ganz genau vor, was sie zu denken haben, ich will aber keine Vorschriften. Ich versteh schon, dass die Religionen auch ihr Gutes haben, aber am Anfang muss doch immer stehen, was ich selber tue, am Anfang steht immer, dass ich mit GOtt rede, und dann begegne ich, sagen wir, Diana, oder jemandem wie Diana, und es stellt sich raus, die redet auch zu GOtt, und es stellt sich weiter raus, wenn wir darüber reden, sind wir verwundbar, das ist was ganz Persönliches, wir würden nicht mit jedem darüber reden, wir müssen schon ein bisschen die Köpfe zusammenstecken, irgendwie ist das was Geheimes, das geht nicht jeden was an, und das ist der Kern, die Erfahrung ist der Kern, die persönliche Erfahrung. Ich hab hier auf dieser Seite ausgebreitet, was passiert ist, als ich auf dieser Wiese gelegen hab. Ihr wisst das jetzt alle. Okay, ich hab das rausgelassen. Weiß auch nicht, wie ich das fertig gebracht hab, die Situation war halt so. Und ich hab alles rausgelassen. Also wisst ihr, was ich meine, wenn ich Worte gebrauch wie, persönlich, verwundbar, Kern, Erfahrung. Wenn ihr darüber redet, wie das ist, wenn ihr zu GOtt redet, redet ihr über euren innersten Kern, da zieht ihr euch nackt aus, und das tut man nicht vor jedem. Und wenn ihr also nackt seid, und der Mullah oder der Priester kriegt das mit, dann hat er nicht an euch rumzutatschen, vielmehr, dann haben Mullah und Priester fromm die Augen niederzuschlagen vor euch, aus Ehrfurcht vor eurer Nacktheit.

Ehrfurcht. Das ist was, was uns gebührt, uns Frauen, dass uns Ehrfurcht entgegengebracht wird, und das ist ein bisschen mehr als bloß Respekt, das ist unendlich viel mehr als dieser dämliche türkische Respekt, der in Wahrheit bloß Angst meint, wenn das Wort „saygı“ gebrüllt wird. Wenn das Wort „saygı“ gebrüllt wird, kannst du davon ausgehen, als Nächstes wird zugeschlagen.

Will ich aber nicht von reden, jetzt. Da ist was anderes, was mich beschäftigt.

Ich hab dieses Gemurmel und Reden gehört, das hat begonnen, seit die Welt steht, und wird erst aufhören, wenn die Welt endet. Ich hab das gehört, Scheiße, ich hab das gehört, als wir da unten in der Gedenkstätte waren, ich hab das so gewiss gehört, wie ich euch gehört habe, als ihr hier wart und mit mir geredet habt.

Müsst ihr euch mal klar machen!

Die Menschen haben angefangen, mit GOtt zu reden, da war die Welt noch kaum geschaffen, und dann haben sie angefangen, miteinander darüber zu reden, wie das ist, wenn sie mit GOtt reden, und das Gespräch hört nie auf, das geht immer so weiter, über alle Zeiten und Räume weg, muss man sich mal vorstellen.

Das hört erst auf, wenn der letzte Mensch vor Gott steht, und nicht einmal dann, denn dann wird er ja zu GOtt reden, und GOtt zu ihm. Also hört das Gespräch vielleicht niemals auf. Es hat begonnen im Anfang, und wird kein Ende finden, solange es die Zeit gibt, solange GOtt die Zeit werden lässt, wie es IHM gefällt.

Ja.

Ich find einfach den Anfang nicht, aber ich fühl mich jetzt besser, viel besser. Musst all das mal rauslassen. Morgen ist noch ein Tag, es kommen noch viele Tage. Ich mach für heute Schluss, und morgen nehm ich einen neuen Anlauf, und erzähl euch alles, was ihr sowieso schon wisst, aber so, dass ihr’s auch versteht.

Und vielleicht sogar so, dass ich’s selber verstehe.

Versprochen.

(Nachricht vom 28.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 29.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)