Banshee Neue Folge 160

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ein neues Leben. Sagt PF. Oh ja, das will ich haben. Wir machen die Tür auf, und draußen wartet ein neues Leben auf uns. Wir müssen nicht einmal unser altes zurückgeben. Wir gehen einfach durch diese Tür und draußen ist das neue Leben. Ich bin so froh, dass ihr alle da wart. Und dass ihr jetzt alles wisst. Es ist gut so, wie es gelaufen ist. Ich hab alles aufgeschrieben. Ich hätt das ja doch nicht alles jedem von euch einzeln erzählen können. Und da waren Sachen dabei, da hab ich die Augen zugemacht und hab sie einfach PvM in’s Ohr gesprochen, hastig, in einem Zug, damit es gesagt war. Und als ich es dann hinschreiben sollte, war es nicht mehr so schlimm, nur hätte ich es niemanden von euch oder sonstwem nochmal erzählen können, das müsst ihr verstehen. Bei den Polizisten war das anders, wenn ich denen erzählt hab, was passiert ist, war es, als rede ich über eine andere Person. Wirklich. Ich hab „ich“ gesagt, und dieses „Ich“, das war nicht ich. Wenn ich PvM die Sachen in’s Ohr rede und ich sage „ich“, dann meine ich auch mich, nämlich die Person, die da gerade redet, ichichich. Als ich dann alles aufgeschrieben hab, nämlich so, wie ich es PvM schon erzählt hab, da hat sich alles wieder ein bisschen verschoben, da hab ich auch „ich“ gesagt, aber das „ich“ war eine etwas andere Person, nämlich die, die das alles schon mal erzählt hat. Alles, was ich euch aufgeschrieben hab, das hat vorher PvM gehört, das hab ich vorher PvM erzählt, wenn wir nebeneinandergelegen haben, oder beim Spazierengehen, am Fluss, in Weldbrüggen, oder schon vorher, in diesem kahlen Klinikhof. Versteht ihr, als ich das aufgeschrieben hab, da hab ich mich nicht so sehr an die Sachen erinnert, wie sie passiert sind, sondern ich hab mich an das erinnert, was ich der Reihe nach PvM erzählt hab, und ich hab die gleichen Wörter gebraucht, und manchmal, wenn ich gestockt und gestottert hab beim Erzählen, dann hat PvM mir aufgeholfen, und hat mir versuchsweise Wörter zugeschoben, und wenn die nicht gepasst haben, noch andere, so lange, bis es richtig geklungen hat und mit meinen Erinnerungen übereinstimmte, und diese Wörter hab ich dann benutzt, als ich euch alles aufgeschrieben hab. Und da waren noch so viele Sachen, die ich mir nur gedacht hab, und als alles passiert ist, da hab ich ja keine Sekunde aufgehört zu überlegen, was jetzt passieren wird, wie ich aus der Sache rauskomme, was PvM gerade macht, ob noch Hoffnung für mich ist, und immer wieder hab ich mir gesagt, ich komm hier raus, und in einem Jahr, da bin ich in Weldbrüggen, bei PvM, und blick auf alles zurück, als wär das gar nicht richtig wahr, als wär das eine Geschichte, von der ich mal geträumt hab.

Das wird niemals sein, das weiß ich jetzt. Es wird immer eine Geschichte sein, von der weiß ich, dass sie wirklich passiert ist. Es wird immer eine Geschichte sein, vor der werd ich Angst haben. Okay, da sind auch noch andere Geschichten in meinem Leben, vor denen habe ich Angst. Ich hab euch von dem Konopski erzählt, und von meiner Familie. Sorry, ich bin beschädigte Ware, hab ich ja schon mal gesagt. Aber der Burroblast und die Glatzen, die wollten mir an’s Leben, ich hab das noch immer nicht richtig verstanden. Die wollten mich da oben an diesem Felsen hängen lassen, bis mir die Luft ausging und ich nicht mehr hätt atmen können, und sie hätten mir dabei zugesehen, wie ich ersticke, in der Hoffnung, das ist ihrem Azazel wohlgefällig. Es vergeht keine Stunde, da guck ich nicht an mir runter und denk, ich kann das nicht glauben, ich bin noch da. Dann geh ich hin und setz mich neben PvM, weil ich einfach will, dass der mich ansieht, ich meine, der muss mich nicht einmal direkt ansehen, es genügt mir völlig, wenn ich weiß, ich sitz da auf diesem Stuhl neben ihm, an seinem Schreibtisch, und der tippt was in seinen PC und weiß, dass ich da bin, der sieht mich aus seinem Augenwinkel, und er sagt ja auch, er hört die ganze Zeit auf mich, wenn er da arbeitet an seinem Text, oder Mails beantwortet, die ganze Zeit hat er dabei die Ohren gespitzt und hört auf mich, wie ich im Haus rummache, in der Küche zugange bin oder sonstwas tu, und dann weiß er, ich bin da, und wenn er weiß, ich bin da, dann weiß auch ich, ich bin da, ich bin immer noch da, ich hab die Sache überlebt, da kommt kein geflügelter Geist gerannt und sagt, halt, alles zurück, du bist ja gar nicht da, du bist in Wahrheit gestorben an diesem Felsen oben am Meer.

Ich hätt dort eigentlich sterben müssen, oder? War so vorgesehen. Ihr seid gekommen in letzter Minute, die jungen Kerle vom Grenzschutz haben mich in letzter Minute von dem Felsen runtergeholt, dieser Norweger in seinem fliegenden Lazarett hat mir in letzter Sekunde die Nadel in die rechte Herzkammer gejagt, und hier bin ich jetzt. Wie wahrscheinlich ist das denn?

Als ihr hier alle aufgetaucht seid, da hab ich wirklich gewusst, jetzt beginnt ein neues Leben. Das war nicht nur das, dass ihr alle an mir rumgeknuddelt habt, wie Diana geschrieben hat, sondern, ich weiß auch nicht, ich hab gesehen, ihr wollt einfach, dass ich da bin, ihr hättet das nicht ertragen, wenn alles schiefgelaufen wär und ich wär nicht mehr da. Und ich hab auf einmal gedacht, ihr wollt mindestens so dringend, dass ich da bin, wie die Besucher das wollen. Und da hab ich euch auf einmal mit anderen Augen gesehen. Ich will ja auch, dass ihr da seid. Ihr seid die, die zu PvM gehören, und von PvM will ich mehr als sonst von einem Menschen in der Welt, dass er da ist, und ich hab verstanden, der will das auch von mir, der will, dass ich da bin, es gibt keinen anderen Menschen in der Welt, von dem der das so dringend will, dass der da ist, wie von mir. So. Das bedeutet was. Diana, egal was dein Balbutin sich zusammenreimt, wir beide, PvM und ich, wir wissen immer noch nicht, was das aus uns wird. Ja, wie PF sagt, wir sind ein halbes Jahrhundert auseinander. Sagt das was? Bedeutet das was? Kann man ein halbes Jahrhundert so einfach überspringen? PvM hat einfach dreihundert Kilometer übersprungen, und die Schlapphüte kriegen nicht gebacken, wie hat der das gemacht, und ich guck ihn an und denk, der hat das gemacht, und weil der das gemacht hat, war er rechtzeitig da, und weil er rechtzeitig da war, bin ich noch am Leben, ich weiß das jetzt, der ist auf diesem Felsen zu mir hochgeklettert und hat sich gegen mich gelehnt, hat sich richtig so schwer gegen mich gelehnt, dass er mich angehoben hat, ich hab das gespürt, wie der Zug in meinen Schultern nachgelassen hat, ich hab nicht mehr an meinen Armen gehangen, an meinen nach hinten und oben gedrehten Armen, das hat meinem Herzen diese Verschnaufpause gegeben, die ich gebraucht hab, um die nächsten zwei Minuten auch noch durchzuhalten, zwei Minuten bloß, bis diese Jungs vom Grenzschutz bei mir oben waren und die Ketten durchgeschnitten haben, und dann hab ich mich einfach fallen gelassen, ich konnt nicht mehr, und alles was dann noch passiert ist, ist gerade noch eben rechtzeitig geschehen, sonst säß ich jetzt nicht hier und würde das schreiben.

Ja, ich hätt ja nun eigentlich schreiben sollen, was alles war, als ihr hier wart. Damit dieser Bericht vollständig wird. PvM ist da schwer hinterher, dass alles aufgeschrieben ist, und wir waren zwei Tage zusammen und haben geredet und alles von vorne und hinten aufgerollt, und irgendwie sind wir auch zu Potte gekommen, und ich kann rausgehen vor die Tür und kann die Besucher ansehen und sagen, ich glaub jetzt, ich weiß, was ihr von mir wollt, und ich kann euch das sogar geben.

Ist doch was, oder?

Und davon hätt ich eigentlich jetzt schreiben sollen, aber mir sind diese anderen Gedanken dazwischen gekommen. Ist ja egal. PF macht diese Seite nicht zu, bevor nicht alles erzählt ist, und im Prinzip kann ich das so lange rauszögern, wie es mir passt. Will ich aber gar nicht. Morgen setz ich mich hin und schreib genau auf, was wir alles geredet haben, wenn wir grad mal nicht geheult haben, oder den Mund voll hatten mit diesen köstlichen Fischklößchen, die Diana am Herd gekocht hat, die Küche riecht übrigens immer noch danach.

Also. Morgen fang ich an. Dann könnt ihr alles noch mal nachlesen, was ihr selber gesagt habt. Bin gespannt, ob ihr euch darin wiedererkennt. Ich mach das. Versprochen.

(Nachricht vom 27.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)