Banshee Neue Folge 159

Nachricht von Peter Flamm

Alle wieder gut zu Hause angekommen? Hat sowas von gut getan, euch alle mal wiederzusehen. Und wir sind raus aus dem Schneider. Wir alle. Diese Sache mit den Besuchern, das ist jetzt offiziell. Eine Angelegenheit der Geheimdienste, oder der Polizei, oder von Einrichtungen wie dem Fons, ganz egal, jedenfalls eine Sache der Behörden. Garantiert kommen auch irgendwann Wissenschaftler angestromert. Ich kann nicht sagen, dass ich auf die Theorien besonders gespannt bin. Was die alles wissen werden! Die Besucher gäb’s gar nicht, die seien ein gesellschaftliches Konstrukt. Eine visuelle Vergegenständlichung von Sinnsuche! Sowas. Versuch, die Leere auszufüllen, die durch die allgemeine Delegitimierung der institutionellen Religionen entstanden ist. Sowas. Und Ayse hat die gesellschaftliche Ambiguität des weiblichen Körpers ausgelebt, gleichzeitig Objekt des Begehrens und Subjekt sexueller Bedürfnisse. Sowas. Na, das kann PvM besser, der kann sich solche Sachen ausdenken mit links, der schüttelt sowas aus dem Ärmel. Aber übrig bleiben würde, wir wissen, was wir sehen.

Ayse hat gesagt, sie setzt sich hin, sie macht das, sie schreibt alles auf, was wir geredet haben. Aber dann will sie wieder an ihren Teich, soll sie auch, soll sie unbedingt, sie soll wieder an ihren Teich und überhaupt an alles, was da sonst noch so läuft im Hause PvM. Diana hat recht, das geht uns was an, irgendwie ist das für uns alle wie was, was in der eigenen Familie abläuft, ich denk die ganze Zeit, jetzt klärt das doch endlich mal, ich weiß auch, das sollt ich nicht denken, ich tu‘s trotzdem.

Apropos geht uns nichts an. Also Sandra, Amy, habt ihr wirklich — okay, geht uns nichts an.

Ich bin froh, dass ich mein gemütliches Schlafzimmer wieder hab, aber ich vermiss euch auch. Kommt mir so leer vor, die Wohnung. Wir gehören zusammen, ob wir wollen oder nicht. Natürlich wollen wir. Ist kein Zufall, dass wir zusammengekommen sind. Ich bin eigentlich nicht religiös, ich bin da anders als PvM, aber manchmal wird es mir einfach zu dumm, noch an Zufall zu glauben. Die Besucher sind vor uns her gerollt, in dieser Nacht, als es um Ayse ging, als es um Leben und Tod ging, es ist alles passiert, wie es passiert ist. Würde ich die Geschichte irgendwo erzählt bekommen, oder sie irgendwo lesen, ich würde sie ja auch nicht glauben. Nur, wir müssen die Geschichte nicht glauben, wir haben sie erlebt.

Ist wie mit Ayse, als sie da in dieser Nacht draußen auf den Wiesen in den Himmel gestarrt hat. Die muss an Gott nicht mehr glauben. Die — ja.

Für alle, die hier mitlesen, Schlapphüte und wer sonst, noch mal zum Mitschreiben: wir sind übereingekommen, dass wir diesen Thread einstellen. Es gibt da noch andere Kanäle, über die wir kommunizieren können, und es ist ja klar, dass wir hier nicht unter uns sind. Obwohl, ich werd wohl bis an mein Lebensende das Gefühl nicht mehr loswerden, beobachtet zu werden. Schließlich, die Schlapphüte, oder die Polizei, so ganz genau haben die sich ja nicht ausgedrückt, jedenfalls, die haben immerhin unsere Autos verwanzt, alle. Warum nicht auch die Wohnungen?

Irgendwie merkwürdig. PvM hat das gleiche Gefühl, das hat er mir gesagt, und Balbutin ebenfalls. Aber die Frauen sehen das lockerer, na wenn schon, sagen sie, dann hört halt jemand zu, dann liest halt jemand mit. Wieso sehen das die Frauen anders als wir Männer? Ich denk die ganze Zeit darüber nach, wer alles in der Sache mit drin gesteckt hat. Der MAD, der Nachrichtendienst von Wahlburg-Sonderbüren, die Weldbrüggener Polizei, die deutsche Polizei, und die Hubschrauber da oben am Meer waren vom Bundesgrenzschutz. Ist das okay, ist das überhaupt legal, dass die derart Hand in Hand arbeiten? Alles auf dem Wege der Amtshilfe? Also, selbst eingerechnet, dass es um das Leben einer entführten Person ging, sollte es da nicht klare Abgrenzungen geben? Ich frier bei dem Gedanken, dass der MAD und die Polizei zusammenarbeiten, und es hilft mir auch nicht, dass Regina immer so schmallippig wird, wenn die Rede auf dieses Thema kommt.

Egal, wo war ich.

Ayse hat versprochen, sie schreibt noch auf, was wir alles beredet haben, in diesen zweieinhalb Tagen, die wir jetzt in Weldbrüggen waren. Ja, bitte. Das war so viel, mir dreht es sich immer noch im Kopf rum. Also Ayse schreibt das noch auf, und ich stell das hier noch ein, aber dann schließen wir diesen Kanal.

Ich weiß jetzt schon, das wird mir nicht gefallen. Wird sein, als würd ein Stück von mir rausgerissen sein, jeden Tag hab ich hier die Nachrichten eingestellt von euch. Aber andererseits, diese Tage, als Ayse fort war, die waren furchtbar. Klar, wir haben alle nicht so gelitten wie Ayse selber, und nicht so wie PvM, und trotzdem dreht es mir immer noch den Magen um, wenn ich daran denke. Ist mir gegangen wie PvM, ich hab Stunden gehabt, das hab ich gedacht, ich verlier den Verstand. Und Diana hat recht, ich hab auch kein Mitleid mit den Glatzen. Das ist eine ungeheuerliche Sache, einen Menschen zu verschleppen. Was ich bedaure, das ist, dass der Burroblast tot ist. Von dem hätt ich gern Erklärungen gehört. Das ist eine Sache, zu wissen, dass Satan in der Welt ist, aber —

Sobald ich an dem Punkt ankomme, drehen sich meine Gedanken im Kreis. PvM sagt immer, was soll daran schwer zu begreifen sein, dass Satan in der Welt ist, das ist doch offensichtlich. Man muss sich die Welt nur angucken, man muss nur zusehen, was die Menschen machen. Klar ist Satan in der Welt, und klar gibt es Menschen, die vor dem in die Knie gehen. PvM sagt, ihm ist es eher rätselhaft, wie jemand das nicht sehen will. Wir haben das verkommene kleine Vieh gesehen. Machtlos. Alle seine Macht kommt nur von den Menschen, die ihn als ihren Herrn anbeten. Ja. Aber da draußen sind solche Menschen. Das ist die ständige Bedrohung. Die Welt ist nicht sicher vor dieser Bedrohung. Schon gar nicht wird sie sicherer, wenn die Idioten kommen und grinsen, Satan gibt es gar nicht, hat die Wissenschaft jetzt rausgekriegt. Und wie es den gibt. Haben wir gesehen. Wir sind nicht fertig mit dieser Sache, die Welt ist nicht fertig mit dieser Sache. Satan ist in der Welt, und das ist etwas, damit müssen wir uns täglich auseinandersetzen.

Ayse soll das letzte Wort haben auf diesem Kanal. Ich komm sowieso immer bloß in’s Stottern, wenn es um diese Sachen geht. Aber Ayse, das ist was anderes. Es ist von vornherein um sie gegangen, und sie hat das nicht gewollt, sie hat das ja auch immer gesagt, ich will das nicht, ich bin niemand Besonderes, ich bin bloß ein Mädchen. Und trotzdem ist es die ganze Zeit um sie gegangen. Hat das nicht schon mal jemand von euch hier geschrieben? Vor ein paar hundert Jahren wär sie entweder als Heilige verehrt worden oder als Hexe verbrannt oder beides gleichzeitig, so wie die Heilige Johanna. Aber, ich will das noch mal sagen, ich bin so froh, dass es sie gibt. Sie ist da, und wenn sie da ist, hab ich immer das Gefühl, da ist irgendwie Sinn in der Welt. Nicht dass ich die leiseste Ahnung hätte, was für ein Sinn das sein soll. Ich könnt das nicht mit einem Wort formulieren. Und trotzdem, das haben wir doch alle gewusst, als wir da gestern und vorgestern in Weldbrüggen zusammengesessen haben, da draußen in dieser Welt vor unseren Türen, da wirbelt nicht bloß alles so wild durcheinander, da ist irgendwo ein Zentrum, da ist eine Mitte. Wenn Ayse auftaucht, ist sie die Mitte. Hat Diana ja gesagt. Wir haben sie von einem zum anderen weitergereicht und geknuddelt, um die Wette. Oh ja. Da ist Sinn drin, in dieser alten Welt da draußen, und es kommt doch gar nicht so darauf an, ob wir wissen, was für ein Sinn das sein soll. Es reicht doch schon mal, dass wir wissen, Sinn ist.

Sorry, dass ich so konfuses Zeug da hinschreib. Hätt vielleicht erst mal nachdenken sollen und dann schreiben. Bin zu müde. Wir haben kaum geschlafen die letzten Tage. Ayse. Ayse wird ausschlafen, und dann wird sie sich an den PC setzen und uns alles aufschreiben, und dann sehen wir vielleicht klarer, und dann machen wir hier zu, und irgendwie hab ich das Gefühl, dann geht für uns alle ein neues Kapitel an. Vielleicht sogar ein neues Leben.

Also. Ayse.

(Nachricht vom 26.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 27.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)