Banshee Neue Folge 158

Nachricht von Amy Buchmüller

Mir geht das einfach nicht aus dem Kopf, was Ayse da geschrieben hat, von wegen, sie will geliebt werden dafür, dass sie eine Frau ist, für nichts sonst. Menno!!!! Wir sollten doch hier sitzen und noch aufschreiben, was alles geredet worden ist. Ich bin einfach zu müde. Und ich wüsst gar nicht, wo anfangen. Wir haben geredet die ganze Zeit, und wir waren unterwegs. Also gestern, da haben wir bis in den Morgen in der Küche gesessen und gegessen und geredet ohne Ende und wieder gekocht und gebraten und geredet, ich krieg das nicht mehr zusammen, ernsthaft, das Buch Henoch, die Geniza, die Gruft da unter der Kathedrale, die Besucher, die Burroblasts, also, wer soll das denn auf die Reihe kriegen.

Die Besucher, okay, da draußen vor dem Haus, da ist ein Auftrieb, ich bin so froh, dass wir alle das sehen, sonst würd ich denken, bei mir stimmt was nicht mehr. Die sind überall, auf den Wiesen gegenüber dem Haus, hier auf dem Dach, in den Bäumen. Die bleichen Männer, mit ihren riesigen schwarzen Augen und ihren langen Gliedern, und die Frauen mit ihren fliegenden Haaren, wie im Sturm. Die tun mir alle so leid, ich weiß auch nicht. Wie die uns angucken! So sehnsüchtig, so verzweifelt. Als wollten sie sagen, liebt uns, dann ist unser ganzes Leben anders. Sie wissen, dass Ayse im Haus ist, ich glaube, das stimmt, was PvM sagt, für die ist das Haus sowas wie das, was die Bundeslade für die alten Juden war. Das Heiligtum, und drin wohnt die Gottheit. Nur dass Ayse keine Gottheit ist, sondern bloß, sagt sie ja immer, bloß ein Mädchen. Aber sie ist eben nicht bloß ein Mädchen. Oder aber. Scheiße. Was halt der alte Mann gesagt hat, das hat er ein paar Mal gesagt. Oder ein Mädchen ist halt niemals einfach bloß ein Mädchen, sondern immer was ganz Besonderes, eben weil sie ein Mädchen ist. Ja. Mir wandern die Gedanken im Kreis. Deshalb, also das versteh ich doch richtig, will Ayse geliebt werden, einfach bloß dafür, dass sie eine Frau ist. Nicht weil sie was Besonderes geleistet hätt. Sondern weil, okay, eine Frau zu sein, das ist immer mehr, als jede Leistung jemals sein könnte.

PvM ist mit einem Spruch niedergekommen, den hab ich mir gemerkt, aus all dem, was gesagt worden ist.

Das hat er gesagt:

Männer werden in dieser Welt geachtet für das, was sie aus sich gemacht haben. Frauen werden geliebt für das, was sie sind.

Oh Mann, was für ein Satz. Bohrt sich mir wie ein Wurm im Kopf herum.

Ich würde doch auch so gern geliebt werden, wer will das nicht. Und ja, bedingungslos. Stimmt doch. Nicht weil ich tolle Sachen kann oder gute Noten in der Schule gehabt hab oder einen super Job oder sonst was. Einfach so. Weil ich ich bin. Bin!!!! Das ist der Punkt. Das ist, was PvM sagt. Frauen werden für das geliebt, was sie sind. Und das ist, was passiert. Wenn sich ein Kerl in eine Frau verliebt, dann doch nicht wegen dem, was die alles kann und weiß. Das ist doch gar nichts. Sondern einfach, ja. Weil die eine Frau ist. Punkt und Ende.

Ich hab auch gedacht, der Matsunaga liebt mich. Dann ist er abgehauen. Immerhin hab ich noch das Zwerglein. Mist. Bin eine Nacht von zu Hause weg, schon vermiss ich das Zwerglein. Irgendwann werd ich den dran gewöhnen müssen, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen, ist ja noch Zeit bis dahin, aber das kommt schnell, sagt meine Mama. Glaub ich auch. Der wird sich damit abfinden, aber was ist mit mir? Ich will nicht allein schlafen. Die Welt ist so riesig, da draußen. Ich will mich an jemandem festhalten, in der Nacht. Aber nicht an dem Zwerglein. Das wird schnell groß werden, und dann will es rausgehen, in die Welt. Ich will nicht alleine zurückbleiben.

PvM und seine Ayse werden nie mehr allein sein, das weiß ich jetzt. Das ist sowas von klar, wenn man die zusammen sieht. Ist doch egal, was die in ihrem Schlafzimmer miteinander treiben. Geht uns doch auch gar nichts an, egal, was Diana sagt. Das war mal ein französischer Song, der ist mir plötzlich wieder eingefallen, hab ich mal gehört, der ist in Frankreich durch’s Radio gelaufen, da war ich noch lange nicht geboren, und trotzdem, ein Ohrwurm, einmal gehört, zufällig, bei einer Austauschschülerin, als ich mit der Schulklasse in Lyon war, ist mir nie wieder aus dem Kopf gegangen, nous ne serons jamais plus seuls, faisons le serment dès ce jour, de ne plus être l‘un que pour l‘autre, wieso hab ich das immer noch im Kopf, nach all den Jahren, Scheiße Scheiße Scheiße, ich fang schon wieder an zu heulen, das muss das Haus sein, das Haus hat was an sich, wir heulen und schniefen doch alle, seit wir hier sind.

Sandra sitzt neben mir auf der Bettkante und liest mit, was ich da schreibe, oder vielmehr, sie knabbert die ganze Zeit an mir rum, die will mich vernaschen, hör auf damit, wenn das so weitergeht und meine Gefühle weiter Achterbahn laufen, geb ich nach, für das eine Mal, was ist das schon, ein Mal, ich komm um, wenn ich nicht bald mal wieder Sex krieg.  

Und heute, nur damit das noch gesagt ist, heute waren wir den ganzen Tag unterwegs, ich glaub nicht, dass wir mehr als zwei Stunden geschlafen haben, wir haben im Garten gefrühstückt, und rund ums Haus waren Installateure zugange, haben hinten und an den Seiten und vorne zur Straße hin Überwachungskameras angebracht, mit Funkkontakt zur Weldbrüggener Polizeistation, jetzt, wo alles vorbei ist. Immerhin, auf Kosten des Landes Wahlburg-Sonderbüren. Der Vorgang hat erst mal den Dienstweg durchlaufen müssen, sagt PvM, und bis sowas genehmigt ist, das dauert. Wir in Weldbrüggen überlegen immer erst zwei Mal, und dann noch mal, bevor wir was machen, das hat auch Vorteile, deswegen haben wir ja damals nicht bei den Nazis mitgemacht, immer noch unser historisches Ruhmesblatt.

Ich schreib jetzt nicht, wo Sandra grad die Finger hat.

Also. Wir waren in der Stadt, in Weldbrüggen, wir haben die Innenstadt unsicher gemacht, rund um die Kathedrale, und überall um uns rum waren die Besucher, wie ein Krähenschwarm, die Blicke auf Ayse gerichtet, und da waren überall Leute in den Straßen, und die haben nichts gemerkt, doch, einmal war da einer, der hat geguckt auf eine Weise, da hab ich gewusst, der sieht was. Der sieht was und will es nicht zugeben, ich möcht wissen, wie viele von uns da draußen rumlaufen, und da sind viele, da müssen einfach viele sein, die reden mit niemandem drüber, die sehen die Besucher und wissen gar nicht, dass sie nicht allein sind damit. Die haben Angst, wenn sie sich irgendjemandem offenbaren, dann kommen die mit den weißen Kitteln. War ja auch meine Angst, als ich monatelang rumgeeiert hab und meinem Mütterchen nichts erzählt hab, bevor dann alles rausgekommen ist.

Ich krieg die Kurve nicht mehr, hier noch was Vernünftiges hinzuschreiben, Diana hat recht, Ayse soll das machen, die kann das besser.

Am Nachmittag waren wir oben auf dem Fons, Regina hat uns eingeladen. Wir haben sehen dürfen, wo sie die versteckte Geniza gefunden haben, war irgendwie gruselig, in diesem dunklen Keller, und dann das offene Loch in der Wand, und als wir davorgestanden haben und Regina hat alles erklärt, da hat Sandra schon angefangen, da im Dunkeln, hat angefangen, an mir rumzufingern, hat nichts Besseres zu tun gewusst

nichts Besseres, also ich meine natürlich

Sandra  

(Nachricht vom 25.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 26.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)