Banshee Neue Folge 156

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Seht ihr, so bin ich also doch noch gestorben an diesem Tag, es war wohl so vorherbestimmt. Ich wär vielleicht schon früher gestorben, ein paar Minuten früher, dort oben auf diesem Felsen, wenn mich die Jungs nicht so entschlossen da runter geholt hätten, ich hatte ja gehangen, die Arme nach hinten gedreht, nach hinten und leicht nach oben, das hält der menschliche Organismus nicht lange aus, erklärte mir nachher die Therapeutin in der Militärklinik, das Herz kann den Blutdruck nicht mehr aufrechterhalten, und wer so steht, aufrecht, die Arme gebunden nach hinten und oben, der kollabiert früher oder später, und die Polizisten sagen, so hätte ich auch sterben sollen, das wär die Absicht gewesen von dem Burroblast, ich hätte sterben sollen im Angesicht von dem Azazel, ohne dass sie mich noch weiter angerührt hätten, die Idee dazu hatten sie aus der christlichen Bibel, und das Schlachtermesser unten auf dem Teppich, das wär nur für den Notfall gewesen, falls ich zäher gewesen wär als erwartet und einfach nicht hätte sterben wollen.

Ich hatte so überlegt, so hin und her, wie die mich wohl umbringen würden, da drauf war ich nicht gekommen.

Und ich hatte immer nur gedacht, ich will nicht sterben, aber dann tat ich es ja doch, und ich war schon weit weg, als mir dieser Norweger die Nadel in die rechte Herzkammer stach und mir das Leben rettete, und das ist der Grund, warum die mich dann in der Militärklinik so lange schlafen ließen, und ich weiß nichts mehr davon. Als ich aufwachte, wusste ich wohl, ich hatte einen langen Schlaf getan, aber ob ich geträumt hab dabei, kein Ahnung. Ich machte die Augen auf, und wie auf diesem Seziertisch blickte ich aus irgendeinem Grund zur Seite, vielleicht, weil ich erwartete, PvM da liegen zu sehen, ich wusste ja nicht, wie viel Zeit vergangen war, und da hing an einem beweglichen Arm so ein kleines Tablett neben dem Bett, wie man es an Krankenhausbetten hat, und auf dem Tablett stand ein Brief, darauf sah ich geschrieben meinen Namen, „Ayse“, und ich erkannte die Handschrift von PvM.

Ich lag lange so da und starrte den Brief an, und dann dachte ich, PvM, der alte Mann hat das geschrieben, der hat mir einen Brief geschrieben, der ist am Leben, und ich spürte, wie das Blut in meine Arme rollte, und dann setzte ich mich auf.

„Woran bin ich eigentlich gestorben?“ fragte ich nachher die Therapeutin.

„Plötzlicher Herztod“, sagte die Therapeutin achselzuckend. „Sie haben den alten Mann da liegen sehen, der Arzt sagte, „wir haben den ruhig gestellt“, Sie dachten, das sagt der nur, um mich zu beruhigen, Sie dachten, der alte Mann ist tot, und das war’s, alle Ihre Systeme haben gleichzeitig den Dienst eingestellt, und Sie haben sich verabschiedet.“

Und nachdem sie das gesagt hatte, schwieg sie einen Augenblick, sah mich nachdenklich an und fuhr fort: „Daraus ergibt sich, was als Nächstes auf Ihrer Agenda steht. Sie müssen sich unbedingt klar darüber werden, was es mit Ihren Gefühlen auf sich hat, für den alten Mann.“

Ja.

Und mehr hab ich euch eigentlich nicht zu erzählen, alles andere wisst ihr ja schon, und viel besser als ich. Ihr habt mir das Leben gerettet, na ja, und dieser Norweger natürlich auch, „wieso hat der so schnell gehandelt?“ fragte ich, und die Therapeutin sagte, „der war in Afghanistan, der kennt sich aus, der fragt nicht, der macht.“

Uff. Ich hab auch gemacht. Ich hab’s getan. Ich hab PvM versprochen, ich schreib alles auf, was ich von meiner Entführung zu erzählen weiß, und  jetzt hab ich’s getan. Ich hab’s wirklich getan. Ich bin bei der Wahrheit geblieben, und ich hab alles hingeschrieben, was ich erlebt hab, das hab ich ja versprochen. Und es war gar nicht so schwer, wie ich gedacht hab, denn ich hab ja alles vorher schon dem PvM erzählt. Und das war was anderes, als es der Polizei zu erzählen, was ganz anderes. Jeden Morgen, wenn ich neben ihm aufwach, oder meistens wach ich ja auf und lieg halb auf ihm, egal, jeden Morgen zupf ich an ihm rum, wenn er aufstehen will, und sag, lass uns noch ein bisschen liegen bleiben, und dann bleiben wir halt liegen, auch wenn die Katzen sich beschweren, und ich red von allem, von allem. Deshalb hab ich das irgendwie hingekriegt, das alles auch aufzuschreiben. So. Ich hab nicht drumrum geredet, und ich hab alles gesagt, ich hab alles einfach so gesagt, wie es war, und das meiste versteh ich selber nicht, ich meine, ich hab das alles zwar erlebt und kann es erzählen, das heißt aber nicht, dass ich irgendwas verstanden hätte, und ja, wenn ich das alles noch mal durchlese, ich merk beim Lesen selber, dass vieles was ich da geschrieben hab nach Sex klingt, und das klingt falsch und doch nicht, es ist um mein Leben gegangen, ich hab mich gewehrt, ich wollte nicht sterben, ich hatte die ganze Zeit Todesangst, und ich hab mich gewehrt, ich hatte Angst und war erregt dabei, ich hatte spitze Möpse und eine nasse Muschi, damit hab ich mich über Wasser gehalten, damit hab ich der Angst in’s Gesicht getreten, ich bin am Leben, hieß das alles, und das Leben ist mehr als eure Angst, und das glaub ich wirklich, immer ist das Leben mehr als die Angst, denn wenn die Angst erst mal siegt, ist kein Leben mehr, kein Leben, das noch lebenswert wär, so versteh ich das, okay, ich krieg sowieso leicht eine nasse Muschi, ich bin ein Mädchen, und da ist was, das hab ich jetzt mitgekriegt, lange genug hat es gedauert, aber endlich hab ich das doch verstanden, ich bin gern ein Mädchen, mit all den runden Sachen und allem Drum und Dran und all den bewundernden Blicken, die den runden Sachen folgen, ich bin das einfach gern, und im Sommer werd ich auch weiterhin im Bikini im Garten rumhüpfen, versprochen, und die Angstmacher sagen immer, unsere Sachen sind die großen  Sachen, hat der Burroblast doch auch gesagt, und überall sind diese Religionen, die wissen ganz genau, unsere Sachen sind die großen Sachen, aber ich weiß jetzt, und das hab ich rausgekriegt, ganz persönlich, auf die harte Tour, da hat mir niemand was sagen müssen, ich weiß jetzt, ein nacktes Mädchen im Garten, unter den Sommerwolken, das ist eine viel größere Sache als alles andere, und deshalb bin ich so stolz auf mich, nicht, weil ich so tolle und große Sachen geleistet hätte im Leben, bis jetzt hab ich doch noch gar nichts geleistet im Leben, okay, ich hab diesen neuen Teich angelegt im Garten, aber, also, und überhaupt, ich würd das gar nicht wollen, geliebt zu werden wegen irgendwelcher toller Sachen, die ich gemacht hab oder noch machen könnte, nein, ich will ganz einfach dafür geliebt werden, dass ich eine Frau bin, das will ich wirklich, ich will geliebt werden, weil ich eine Frau bin, und deswegen bin ich ja auch stolz auf mich, ich bin stolz auf mich, weil ich eine Frau bin. Ja, das ist es, was ich zu sagen versuch. Ich bin eine Frau, und ich bin stolz drauf.

(Nachricht vom 23.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 24.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)