Das Schweigen der Zeugen

Er zweifelte nicht eine Sekunde, dass er die Wirklichkeit gesehen hatte, die Wirklichkeit des Vergangenen. In Dutzenden Kellern war das so geschehen, hier in der Stadt, bei Tausenden von Verhaftungen. Hunderten von Kellern Tausenden von Kellern im ganzen Land. Tausendfach war das geschehen, zehntausendfach, hunderttausendfach, millionenfach.

Wenn das so war, dachte er, und es war so, wenn das so war –

Überlebende. Es gab Zehntausende von Überlebenden von Zeugen. Es kann nicht sein, dass die nur geschwiegen haben. Die müssen untereinander geredet haben. Es muss Anspielungen gegeben haben. Vielleicht Codewörter. Wie viele Kinder sind geboren worden, deren Väter waren nicht die Aristokraten, die sie nachher stillschweigend als ihre anerkannten?

Die Revolution erstickte nach einigen Jahren an sich selber, es folgte die Diktatur eines Massenmörders, der den ganzen Kontinent mit Krieg überzog, der Kontinent wehrte sich und obsiegte mit knapper Not, und die Sieger restaurierten das alte Regime. So einigermaßen. Geschäftsgrundlage war das Schweigen. Das Schweigen über die vergangenen Untaten. Keine Vergeltung. Kein aufrührerisches öffentliches Gerede. Vermögen, die während der Revolution zusammengestohlen worden waren, blieben unangetastet. Titel Ämter Würden, errungen während Revolution und Diktatur, blieben erhalten. Es gab zwei Aristokratien jetzt, die alte, deren Mitglieder nach und nach aus dem Exil zurückkehrten, und die neue, so der Diktator installiert hatte. Die alten Aristokraten blickten hinunter auf die neuen mit kalter Verachtung. Und überall die stillschweigende Übereinkunft, der mitgedachte Befehl: wir reden nicht über die Vergangenheit. Wir können uns das Reden gar nicht leisten. Wir können uns Aufrechnung nicht leisten. Der innere Frieden muss gewahrt werden. Wir müssen einen Schlussstrich ziehen, Schlussstrich unter die Vergangenheit. Macht euch an die Arbeit und bereichert euch. Jeder für sich.

Schweigen. Die Überlebenden sahen aneinander vorbei, und ihr Schweigen sagte: Es gibt Dinge, über die reden wir nicht.

Ich krieg das raus, sagte der Brillante, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

Er saß fünf Jahre an seiner Arbeit, ungewöhnlich lange für eine Dissertation.

Ich hab mein Thema, sagte er zu seinem Doktorvater, aber ich kann noch nicht darüber reden.

Der Doktorvater sah ihn scharf an und ließ sich das gefallen, er schrieb ins Blaue hinein gefällige Gutachten, die Gelder der Stipendien am Fließen zu halten.

Der Brillante studierte die Dokumente der Zeit, die Inventarien der Gefängnisse, die erhaltenen Protokolle der Direktoren. Er studierte die Bewegungen der Revolutionsbonzen, der Stadtverordneten, der Abgeordneten in den Konventen, der Tribunalsmitglieder. Tribunale gab es wie Sand am Meer, die informellen nannten sich Clubs. Überall Männer mit Macht. Machthaber. Machthaber, die sich abends trafen, gesellig. Die Gefängnisse waren den Tribunalen zugeordnet, den Ausschüssen, den Clubs, den Faktionen und Fraktionen. Überall ein Gefängnisdirektor, und der war dieser Partei der war jener Fraktion zuzuordnen verpflichtet angehörig verbunden. Das persönliche Netzwerk war alles. Macht war alles, Macht manchmal nur über einen Stadtteil, über einige zentrale Häuser. Macht über Bewegungen auf den Straßen, Macht über die Einfuhr und den Ausgang der kontrollierten Waren. Die Revolution kontrollierte alles, je mehr Kontrolle, desto größer die Gier nach noch mehr Kontrolle. Und überall die Gefängnisse, die Keller, die Höfe. Nicht nur Aristokraten in den Gefängnissen, welche Faktion die Macht verlor oder ihren Anteil an der Macht, deren Mitglieder landeten alsgleich in den Gefängnissen. Unter welcher Anklage? Es fand sich immer eine, sie hatten die Macht verloren. Konspiration mit dem Feind, Konspiration mit den Aristokraten, Konspiration mit den Frommen, Konspiration mit jenen, die von draußen über die Landesgrenzen hereinkommen wollten. Konspiration mit dem entmachteten König, oder dessen Verwandten im Ausland. Konspiration selbstverständlich mit den Geflohenen. Konspiration überall. Verhaftungen überall. Wer heute Abend mächtig ins Bett sank, den klopft in der Früh der Büttel aus den Federn, und noch im Nachtgewand wird er ins Gefängnis gebracht, ins Gefängnis der Sieger. Wer nur einen kleinen Anteil an der Macht irgendwo hatte, der hielt sich ein Gefängnis, im Keller, im Hof. Im Gefängnis die Feinde, und die Frauen der Feinde.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 23.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)