Banshee Neue Folge 155

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Zwei Minuten, das ist eine Menge Zeit, was kann da nicht alles passieren, und es passierte ja auch einiges, nur bekam ich kaum die Hälfte mit.

Wie gesagt, da war Rumor, ich hab kein besseres Wort. Das war kein Lärm, die Rotoren der Hubschrauber standen ja still, aber es war ein unglaubliches Durcheinander. Tohuwabohu heißt es bei den Christen in ihrer Bibel, gleich auf der ersten Seite. Das Durcheinander vor der Schöpfung, die Dinge schon da, aber nirgendwo Zusammenhang, nirgendwo Ordnung, GOtt muss erst noch sagen, es werde.

So war das hier. Ich bin nicht GOtt, ich konnte nicht sagen, es werde. Ich hörte Geräusche Stimmen Geklapper Schritte Möwenschreie, und irgendwo war da auch das gleichmäßige Atmen der Dünung, und da waren meine Gedanken, ich nehme mal an, das waren meine Gedanken, ich weiß nicht, ich konnte sie von dem Gerede der Stimmen da draußen nicht unterscheiden, und dann, dann war da Welt selbst, der Morgen, kennt ihr das, habt ihr das schon mal mitgekriegt, dies ungeheure fast lautlose Geräusch, das der Morgen macht, wenn die Sonne auftaucht? Ist wie ein ungeheures Aufatmen der ganzen Schöpfung, und ich war so froh in diesem Augenblick, dass ich nackt war, aus Ehrfurcht vor dem Morgen, wer möchte sich in Kleidern hinstellen vor das aufgehende Licht, als hätte er was zu verbergen …

So dachte es in mir, verworrenes Zeug, und zu all den Geräuschen kamen auch noch unklare Gefühle, Wahrnehmungen, ich spürte, dass ich hingelegt wurde und zugedeckt, aber ich sah das nicht, ich bekam die Augen schon nicht mehr auf, ich sah aber trotzdem alles, durch die geschlossenen Lider, so wie man manchmal das Zimmer sieht und die ganze Umgebung im Augenblick, bevor man aufwacht, ich sah, dass ich auf einer Art Bahre lag, so eine von der Art, die man mit einem Handgriff zusammenlegen kann, eigentlich nur zwei Stangen mit Stoff dazwischen, der Stoff von derselben Farbe wie die Klamotten von den Jungs, die mich vom Felsen runtergeholt hatten, irgendwas grüngrau Geschecktes, und ich hörte rasche Stimmen – ihr hättet warten sollen, bis die Hebebühne da ist – konnten wie nicht, die war am Kollabieren, das hat man gesehen – die muss in’s Lazarett, sofort – los, ab mit ihr —

Ich glaub nicht, dass ich das Wort Lazarett schon mal vorher gehört hab, ich hab natürlich gewusst, dass es das gibt, aber ich hab noch nie jemanden das sagen hören, und ich bin sicher, ich hörte in diesem Augenblick ganz klar Amys Stimme, die drang durch all das Gerede durch wie ein dünner Faden, hin zu mir, ich verstand aber nicht, was sie sagte, jedenfalls redete sie unendlich traurig, sie erklärte irgendwas, beharrlich und kummervoll, das ist ja immer so bei Amy, dachte ich, die klingt immer irgendwie traurig, und dann schaukelte und schwankte die ganze Welt, ich begriff, ich lag ja auf dieser Trage, und die Trage lag auf dem Boden, und jetzt fassten die Jungs zu und hoben die Trage hoch, an den überstehenden Stielen, und ich lag auf der Trage, so flach, dass man eigentlich gar nicht richtig sehen konnte, dass da unter der Decke jemand lag, nur mein Kopf guckte vor, das sah ich, wie von außen, und ich weiß auch, dass Sandra und PF irgendwo rumstanden und auf einen Offizier einredeten, beide gleichzeitig, weiß nicht, woher ich weiß, dass das ein Offizier war, der da schweigend den beiden zuhörte, oder vielmehr wartete, bis die endlich fertig waren mit Reden und Fuchteln, und weiter weg standen irgendwo Diana und Balbutin, die hielten sich aneinander fest, ich sah das, der Amerikaner hielt sich an seiner schönen jüdischen Frau fest, als ging‘s um sein Leben, und er murmelte wie eine Gebetsmühle, can’t believe it can’t believe it we have done it Diana my love my life we have done it God has spared us and we have done it, so murmelte er in einem fort, und meine Gedanken mischten sich ein und sagten, Balbutin, schon wieder, der war schon wieder dabei, hat mir das Leben gerettet, zum zweiten Mal —

Und dann schwankte die Welt richtig, ich hörte platschende Schritte, richtig rauschend, die trugen mich durch’s flache Wasser, die vier Kerle an ihren Enden der Tragestangen, auf die geöffnete Tür des zweiten Hubschraubers zu, und da war noch etwas wie schwache Gegenwehr in mir, ich kann doch laufen, dachte ich —

Konnte ich nicht.

Da war auf einmal der Geruch nach klarer Leblosigkeit, ich meine dieser sterile Geruch, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt, nur viel stärker, als wäre ich hier an einem Ort, wo man es mit der Dosierung nicht so genau nimmt, als wäre ich hier unter Leuten, die sagen, viel hilft viel, und deshalb verwenden die ihre Desinfektionsmittel gleich literweise, und da war Licht, dieses ortlose Licht von Intensivstationen, überall ist Licht, aber man kann nicht feststellen, wo das eigentlich herkommt, hier ist sie, hörte ich Stimmen, das ist doch die, um die das Ganze hier geht, schnell, die ist ganz schlecht drauf, dorthin, legt sie dorthin, und dann raus mit euch, die ist niedlich, kann man noch was machen, raus mit euch, hab ich gesagt —

Und die Decke wurde von mir gezogen und ich wurde auf eine feste Unterlage gelegt, und gleichzeitig wurde der Stoff der Bahre unter mir weggezogen, alles in einer Bewegung, und ich lag flach da, eine eilige Hand schob mir etwas wie einen festen Keil unter den Kopf, eine Art Kissen, fest, aber nicht hart, so lag ich da, und spürte Licht auf meinem ganzen Körper, und ich dachte, warum habt ihr mich denn nicht zugedeckt gelassen, ich hätte doch jetzt ein bisschen schlafen können, ja, das hätte ich gerne gemacht, mich auf die Seite gedreht, die Decke über den Kopf gezogen und geschlafen, wirklich, wie ich schon sagte, eine Million Jahre hätte ich geschlafen —

Statt dessen schlug ich die Augen auf.

Vollkommen unvermittelt, ich hatte das nicht gewollt, ich hatte mir das nicht vorgenommen, ich schlug einfach die Augen auf, und schaute hoch in das Gesicht von einem Norweger.

Ich meine, der war kein Norweger, jedenfalls nicht nach seiner Aussprache, der sah nur aus wie einer, was weiß ich, ich hab doch noch nie einen gesehen, der sah aus, wie man sich einen Norweger vorstellt, unendlich lang und hager und ernst und blauäugig, Alter irgendwo zwischen achtzehn und tausendachthundert, irgendwo dazwischen, und der sah mich ganz ernst an aus seinen wasserblauen Augen, und er hatte einen weißen Kittel an und fragte mit freundlicher Stimme: Wach?

Und dabei fühlte ich, wie seine Hand nach meinem Handgelenk griff und mit zwei Fingern nach meinem Puls fühlte.

Über mir war ein gewaltiger kreisrunder Schirm, wie eine Sendeantenne, und in der Mitte von dem Schirm gleißte ein blendendes Auge, das warf diese Schwälle von Licht über mich, die spürte ich an meinem ganzen Körper, aber obwohl das Licht unerträglich hell war, musste ich dennoch nicht blinzeln, ich starrte mit weit offenen Augen hinauf, ich lag nackt unter dem Licht und fühlte das Licht, und aus irgendeinem Grund blickte ich seitwärts, ich weiß nicht warum, ich bewegte aber nicht den Kopf, ich lag ganz flach auf dem Rücken unter dem Licht, wie eine Leiche liegt auf dem Seziertisch, und ich hatte die Arme zu meinen Seiten liegen, und meine Hände lagen ganz flach auf dem Tisch oder auf der Liege oder was immer das war, worauf ich da lag, ich guckte also zur Seite, indem ich die Augen drehte, sonst bewegte sich nichts an mir, nur die Augäpfel, das sah ich, denn irgendwie bewegte ich zwar diese Augen, ich schaute aber nicht hinaus zu den Augen, vielmehr sah ich mich, als würde ich irgendwie schweben über allem, trotzdem bekam ich mit, dass mir das Licht direkt in die Augen schien, also, irgendwie war das alles gleichzeitig, ich sah mich und sah, wie sich meine Pupillen drehten, und sah gleichzeitig eben doch durch diese Augen hindurch, denn als ich seitwärts blickte, da war da noch so ein Tisch, so ein Seziertisch oder was, und darauf lag PvM.

Er lag genauso wie ich, auf dem Rücken, die Arme flach an der Seite, nur war er zugedeckt, und seine Augen waren geschlossen, er blickte nicht zurück, als ich hinüberblickte, nein, er sah mich gar nicht an, er lag einfach nur da, und auch er hatte so eine Art Keil unter dem Kopf, so dass sein Kopf ein bisschen schräg lag, und seine Nase sah sonderbar spitz aus, so kannte ich ihn gar nicht.

Meine Augäpfel drehten sich wieder, drehten sich wieder gegen das Licht, und ich blickte hinein in das Licht und hörte den Norweger sagen, „den haben wir ruhiggestellt, damit sich sein Herz ein bisschen erholen kann“, und in diesem Augenblick starb ich.

Ich sah das da dran, dass meine Augen, ich meine, ich sagte ja, ich konnte meine Augen sehen, wie von draußen, dass meine Augen also zu Glas wurden. Von einem Augenblick zum anderen wurden sie zu Glas, eben waren sie noch lebendige Augen gewesen, jetzt waren sie Augen aus Glas, wie die einer Puppe, starr und unbeweglich.

Und gleichzeitig fühlte ich, wie mein ganzer Körper zu Wachs wurde. Ich konnte ja alles sehen, und obwohl sich meine Augen nicht mehr bewegten, konnte ich doch durch sie hindurch sehen, ich sah an mir hinunter, und ich sah, wie meine Brüste zu Wachs wurden. Kaltes festes durchscheinendes Wachs. Auch meine Schultern und Arme und mein ganzer Leib und meine Beine wurden zu Wachs, und meine Haare hingen um meinen Kopf wie die Haare einer Wachspuppe um ihren Kopf herum hängen.

Jemand hatte sich Mühe mit mir gegeben, denn wiewohl ich ganz aus bleichem Wachs war, milchweiß, ja, hatte er die Krönchen meiner Brüste rot angepinselt, fast blutrot sahen die aus, auf dem milchweißen Wachs.

Ich atmete nicht mehr, ich war ja tot, das hatte ich hinter mir, ich musste nicht mehr atmen, nicht mehr diese ewige Maschine in Gang halten, diesen Blasebalg, dieses Ein und Aus, ich lag einfach da, ausgestreckt auf meinem Rücken, Wachspuppe, und ich war tot.

Der Norweger stand über mir, oder er saß vielleicht auch neben diesem Tisch, auf dem ich lag, Seziertisch oder was das war, Operationstisch vielleicht, auf jeden Fall sah der auf mich hinunter, denn auch wenn er gesessen hatte, der war so lang und dünn, dass er auf mich runterguckte wie von großer Höhe, und er guckte ganz freundlich und anteilnehmend, und dann sagte er, ohne irgendwie die Stimme zu heben, ganz ruhig und ohne besondere Betonung, einfach so in den Raum hinein: „Herzstillstand. Adrenalin. Intrakardial. Sofort“, und dabei streckte er seinen rechten Arm nach hinten aus, ohne hinzusehen.

Irgendwo war da jemand in seinem Rücken, zu dem er gesprochen hatte, und der funktionierte hervorragend, geöltes Rädchen, denn es dauerte nur Sekunden, da hatte der Norweger einen Spritze in der Hand, mit einer endlos langen und dünnen Kanüle, nadeldünn, und er tastete ein bisschen mit den Fingern seiner linken Hand auf meiner glatten wächsernen Brust herum, ich sah, dass er Handschuhe anhatte, dünne Handschuhe, unter denen seine Haut fast so weiß aussah wie meine, und dann setzte er die Spitze der Kanüle auf und drückte, ich spürte nichts, gar nichts, ich war ja tot, ich lag einfach da und starrte aus meinen gläsernen Augen in das Licht hinauf, und meine Brust hob und senkte sich nicht mehr, und die nadeldünne Kanüle glitt widerstandslos hinein in das Wachs, das einmal mein Körper gewesen war, tief hinein, immer tiefer, und auf einmal war da etwas wie eine lavaheiße Wärme in mir, ich sah die Wärme richtig fließen, dunkelrot glosend, und ich dachte, ich werde schmelzen in dieser Hitze, ich bin doch aus Wachs, und die dunkle dunkle dunkelrote Wärme breitete sich aus durch meine ganze Brust, und dann knipste jemand das Licht aus, und es war auf einmal alles schwarz, und ich wusste nichts mehr.

(Nachricht vom 22.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 23.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)