Banshee Neue Folge 152

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Das Meer und der Himmel waren noch da, und die Erde auch, das ist mir am meisten in Erinnerung geblieben. Nicht dieses Ding da, dieses Vieh, das ihr auch gesehen habt. Sondern dass alles noch da war, Erde Himmel Meer, und das Vieh kann nichts, gar nichts. Ich weiß jetzt, dass PvM recht hatte. Wir müssen vor dem Vieh keine Angst haben. Nur vor den Menschen, die dem Vieh zu Willen sind. Die sich in seinen Dienst stellen.

Und jedes Mal, wenn ich das denke, hüpft mein Herz vor Freude, mein armes beschädigtes Herz.

Ich hatte ja auch nur noch wenige Minuten zu leben, aber das muss ich euch noch erzählen, wie ich dann starb, denn sterben an diesem Tag sollte ich, das war nun einmal so vorgesehen.

Aber der Burroblast und der Galgenvater und die Glatzen, die waren vor mir dran, die starben vor mir, die hab ich überlebt, die haben mich nicht kleingekriegt.

Aber ich glaube, ich wusste in diesem Augenblick, dass alles aus war, dass ich wirklich sterben würde, es war, als hätte ich plötzlich den Überblick. Klingt wie ein Witz, ich weiß. Ich hing da oben an dem Felsen, mit Stahlketten gefesselt, hing da zwischen Himmel und Erde, ich konnte mich nicht bewegen, alle paar Minuten strudelte das Meer über mich hinweg, ich konnte nichts mehr tun, gar nichts, und es war vielleicht deshalb, dass ich plötzlich diesen Abstand hatte, Abstand zu allem, ich sah alles wie aus weiter Ferne, und alles kam mir so klein vor.

Alles, nur nicht der Himmel, die Erde, das Meer.

Die waren nicht klein, die waren fest, wie seit eh und je, die waren da, mein Gott, die waren so was von da. Die waren so stark, so gut, so fest gegründet. Erde Himmel Meer. Ich sah sogar die Möwen fliegen unter dem Wolkenhimmel, und ich hörte diese klagenden Schreie.

Alles andere war weit weg, und so winzig klein. Ich sah diese Schlange, die wollte den ganzen Raum ausfüllen zwischen Himmel und Meer, und ich sah sie an und dachte, du bist nur ein Wurm.

Ihr habt das Ding gesehen, ihr habt es alle gesehen, wir wissen, was wir gesehen haben, das Tier ist wirklich. Ich sah eine Masse von schleimig gleitenden Windungen, irgendwie ölig, da war so viel Öl, dass das Tier tropfte. Die Windungen glitten ineinander und verknoteten sich und lösten sich wieder, alles, weil da so viel Öl da war. Ich weiß nicht, was dieses viele schleimige Öl zu bedeuten hatte, aber ich habe es gesehen, und da war auch ein Kopf, mit Augen wie Stecknadeln, und da war ein aufgerissener Rachen, der fauchte. Die Augen hatten keinen Ausdruck, sie waren tot, aber sie stierten mich an, fremd und feindselig, ich denke, so starren die Augen von bösen Toten, die nichts mehr verstehen, und die wissen, dass sie tot sind, und die der Welt das Leben nicht gönnen, oder vielmehr, sie starren mit ihren toten Augen auf das Leben und wissen nicht, was das eigentlich alles soll, all dieses Tun und Machen und Weitermachen und Sorgen für den morgigen Tag, sie verstehen das einfach nicht mehr, und weil sie es nicht verstehen, wollen sie es nicht, ihr Blick ist Kälte und Zurückweisung und Ablehnung, nichts sonst.

So sah das Ding mich an, und das tat es, es sah mich an. Und ich hing da oben im Leeren, ich hing genauso wie das Tier zwischen Himmel und Meer, zwischen Himmel und Erde, und wir sahen uns gegenseitig in die Augen, und ich verstand, ich kann euch gar nicht sagen, wie ich das verstand in diesem Augenblick, ich verstand, das war alles wirklich eine Sache zwischen uns beiden, eine Sache zwischen dem Ding da und mir, und da war eine Waage, und die Waage schwankte kaum merklich, der Waagbalken senkte sich mal nach der einen, mal nach der anderen Seite und wollte oder konnte sich nicht entscheiden, da war ein Patt zwischen uns beiden, zwischen dem Ding und mir, und alle Welt hielt inne, alle Welt verharrte in der Schwebe, ich glaube, selbst die Möwen blieben stehen an ihrem Fleck unter den Wolken, und die Zeit selbst hielt inne, und wartete, was nun geschehen werde, und das Tier starrte mich an, und ich las in seinen Augen seinen toten Augen eine Frage, eine einzige Frage: Wer bist du?

Ich las ich hörte die Frage so deutlich, ich meine, die ganze Welt muss sie doch gehört haben, es war eine weit entfernte Stimme, sie sprach aus einem Hall heraus, als wäre sie nichts anderes als dieser Hall, als hätte sie gar keinen Kern, hohl und blechern, und die Augen starrten mich an, heraus aus diesen unaufhörlich wechselnden und sich verdrehenden Windungen, heraus aus diesem schwarzen Regen von Öl, und die Stimme aus den Augen fragte: Wer bist du?

Das Tier füllte den ganzen Raum aus zwischen Himmel und Meer, und es sog alles Licht in sich auf, und ich hing an diesem Felsen zwischen Himmel und Meer, frei in der Luft, so schwebten wir einander gegenüber, das Tier und ich, und das Tier war da wegen mir, nur wegen mir war es hineingekrochen in die Welt, in den Raum zwischen Erde und Himmel und Meer, und wir sahen uns in die Augen, und ich spürte auf einmal, ich war wieder weiß, weiß wie Milch, natürlich, ich hatte das ja gerade eben gesehen, als ich über meine Schulter hinuntergeblickt hatte auf den Strand, und ich hatte doch gesehen, meine Schulter war weiß wie ein Hügel aus Schnee, deshalb blickte das Tier auf mich, ich fesselte seine Aufmerksamkeit, so wie ich die Aufmerksamkeit der Besucher fessele, immerfort, das Tier konnte gar nicht anders, als mich anstarren, aus seiner Finsternis heraus, es wollte die ganze Welt verdunkeln mit seiner Schwärze, und da war ich, ich widersetzte mich, natürlich tat ich das, ich hatte mich doch schon mein ganzes Leben lang widersetzt der Finsternis, warum sollte das jetzt plötzlich anders sein, und ich nahm den Kampf auf, tat ich, ich hing da nackt und gefesselt oben an diesem Felsen, und meine Arme waren zurückgebogen, ich konnte mich nicht rühren, nur meinen Kopf konnte ich ein bisschen bewegen, und ich hörte meine kleine Stimme, dünn und ein bisschen zitterig, okay, vielleicht ein bisschen piepsig, wie hättet ihr euch gefühlt in dieser Lage, und die kleine Stimme stellte sich dem Tier in den Weg und fragte: Und wer bist du?

So hingen wir beide einander gegenüber, zwischen Himmel und Meer, und sahen uns an und fragten gegenseitig, wer bist du, und wieder sah ich diese Waage, wieder sah ich den Waagbalken zittern, und dann war da tief unter mir eine Bewegung, eine winzige Bewegung in dieser zum Stillstand gekommenen Welt, und ich tat, was einzig zu tun mir übrig geblieben war, ich reckte den Kopf, ich schaute.

Schaute über diesen runden Hügel aus Schnee, diese Kuppe, die meine Schulter war, hinunter auf den Strand.

Da unten standen die Burroblasts, dunkle Rotte, zusammengedrängt wie ein Rudel Hunde, so dicht zusammengedrängt, dass ich den Burroblast selber nicht sehen konnte, der war ganz verdeckt, und sie standen und starrten hinaus auf die Leere zwischen dem Himmel und dem Meer, sie gafften fassungslos, sie sahen das Tier, und sie ließen all ihre Aufmerksamkeit gefangen nehmen von dem Tier, ich glaube, einige von denen waren sogar in die Knie gesunken, und ihre Münder standen offen, und ihre Augen glotzten, sie fassten es nicht, und das Tier badete sich in der Aufmerksamkeit, wand seine Schlingen hinein in die Blicke, etwas stimmt nicht, dachte ich, sollte nicht alle Aufmerksamkeit mir gelten, dem nackten Mädchen, war es etwa das, ging darum die Auseinandersetzung, wem galt die Aufmerksamkeit, wer zog die Blicke auf sich, die alte schwarze Schlange oder das nackte weiße Mädchen?

Und wieder sah ich den Waagbalken zittern, unruhig schwanken bald nach der einen Seite bald nach der anderen, ich weiß nicht, wo das eigentlich war, kann ich euch nicht sagen, aber ich sah ihn deutlich, der war irgendwie überall, dieser Waagbalken, in allen Dingen gleichzeitig, es war ganz egal, wohin ich sah, ich sah den Waagbalken, und er schwankte und schaukelte, kaum merklich, und ich dachte auf einmal, diese Waage da, die wägt das Geschick der ganzen Welt, den Willen der ganzen Welt, wem wendet sich zu die Welt, dem Tier oder dem nackten Mädchen —

und da war etwas wie eine verzweifelte Anstrengung in mir, ich dachte, ich müsste die Ketten zerreißen, ich dachte, das kann doch gar nicht sein, dass jetzt daran hängen soll das Schicksal der ganzen Welt, dass das daran hängen soll, ob diese Idioten da unten das Tier anbeten oder das nackte Mädchen —

das nackte Mädchen, das bin doch ich, dachte ich, was soll das, die sollen mich doch nicht anbeten, die sollen mich nur laufen lassen —

und irgendwie war da unten noch immer diese winzige Bewegung, die mich hatte aufmerksam werden lassen auf den Strand, das konnten nicht die Burroblasts gewesen sein, die standen ja starr die rührten sich nicht die glotzten auf das Tier, das sich ihnen zeigte, und sie standen so starr, dass ich begriff, die hatten nicht wirklich erwartet, dass das Tier sich ihnen zeigen würden, die glaubten nicht was sie sahen und mussten es doch glauben, und da war immer noch diese winzige Bewegung unter mir, zu meinen Füßen, und ich reckte den Kopf und renkte mir fast die Halswirbel aus, um erkennen zu können, was das war, diese winzige Bewegung, und dann sah ich es, knapp an der Rundung meiner linken Brust vorbei, tief unter mir, ich sah hinunter, und da war das flache Meer, mit dem hellen Sand unter dem atmenden Wasser, und durch das Wasser trampelte und spritzte einer, der schlug mit seinen Füßen bei jedem Tritt eine weißschäumende Marke in das glatte Wasser, und die Marken blieben in dem Spiegel, auch als die kleine Figur da unten weiterrannte, so dass man über die ganze Fläche des stillen Wassers hinweg diese weißen Trittsiegel verfolgen konnte, und ich erkannte die Gestalt, jetzt war es an mir, nicht zu glauben, was ich sah, das war PvM, in voller Fahrt, der alte Mann sprang und hastete durch das flache Wasser, dass seine Tritte spritzten, und dann verschwand er unter meinem Blick, ich konnte ihn nicht mehr sehen, er musste direkt unter mir sein, meine Möpse verdeckten ihn, und ich dachte ich dachte ich dachte, das war PvM das kann doch nicht sein das ist doch nicht möglich er hat mich doch gefunden in letzter Sekunde ich hab das gewusst er wird mich finden er hat nicht aufgegeben er hat es geschafft er hat mich nicht vergessen er ist gekommen alles wird gut —

und ich begriff nicht, wie alles so schnell gehen konnte, da vergingen nur Augenblicke, und ich hörte es scharren und streifen im Stein der Klippe, unter mir, das war der alte Mann, der kletterte hoch zu mir, und da waren Tränen in meinen Augen, und irgendwo war da auch eine Stimme in mir, die rief die rief PvM zu, bleib doch weg geh weg die bringen dich auch noch um —

und dann war der alte Mann vor mir, er krachte hoch wie ein Taucher, der aus den Wellen bricht, so schoss der hoch vor mir, sein Gesicht war wild und verzerrt und hart und entschlossen, beinahe hätte ich ihn nicht erkannt, was ich aber sofort erkannte, das war dieser verlotterte alte Pullover, war mal Kaschmir gewesen war es immer noch aber der alte Mann trägt seine Pullover bis sie in Fetzen gehen, und diesen Pullover kannte ich ich wusste wie der sich anfühlt ganz weich und dick und warm, und PvM drehte sich um in der Luft vor mir, dass er stand vor mir in der leeren Luft wie ein Schwimmer, der vom Brett springen will, aber er sprang nicht, er warf sich zurück gegen mich, hart und schwer, und griff mit den Armen nach hinten und klammerte sich fest im Gestein, und er lehnte sich gegen mich, so fest, dass ich spürte, wie der Zug der Fesseln nachließ an meinen Armen, so drückte der alte Mann mich zurück, und er stand etwas unter mir und stand vor mir, so dass ich gerade noch über seinen Kopf wegsehen konnte, und da sah ich auf einmal, wie die Waagschale sich senkte, langsam und gemessen, und fest und klar, senkte sich nach meiner Seite hin, wo der alte Mann stand, und der alte Mann hatte sich vor mich gestellt, und ich verstand, dem war sein Leben egal, und auf einmal war ich nicht mehr allein mit dem Tier, nicht mehr allein mit dem Tier in diesem leeren Raum zwischen Himmel und Erde, da war noch der alte Mann vor mir, der sich schwer an mich lehnte, mit seinem Rücken, so dass ich die Wärme seines verlotterten Pullovers spürte, und seine ganze Anwesenheit sagte, wenn ihr an die ran wollt, an die hinter mir, müsst ihr erst durch mich durch, und auf einmal verstand ich die Antwort, die Frage und die Antwort, und ich sah an das Tier, über den Kopf von PvM hinweg, ich sah hinein in die toten Augen, die starrten mich an, und ich sagte, ich bin die, vor die sich einer hinstellt, und wer bist du?

Und es war in diesem Augenblick, das weiß ich genau, dass dieser furchtbare Schrei ertönte, dieser Schrei aus Qual und Not, jetzt war das, in diesem Augenblick, nicht Sekunden später, wie ihr alle behauptet, nein, es war in diesem Augenblick, und es war das Tier das schrie, und der Waagbalken senkte sich, auf meine Seite, und der Schrei zitterte über den Wassern, und für einen Augenblick war nichts mehr in der Welt als dieser Schrei, dieser unerträgliche Schrei von Angst und Ausgestoßensein, und PvM’s Arme hielten fest zu meinen beiden Seiten, hielten fest, der alte Mann war entschlossen, im Tode noch lass ich nicht nach lass ich nicht los, und ich blickte hinunter auf den Strand, über diesen weißen Schneehügel hinunter, der meine Schulter war, hinunter auf den Strand, und da sah ich, jetzt war es passiert, alle Augen waren auf mich gerichtet, auf mich und den alten Mann, alle Augen hatten sich uns zugewendet, Blicke fassungsloser Überraschung Bestürzung, Blicke blanken Unglaubens, und eine der Glatzen hatte den Arm ausgestreckt, einen Arm mit einem endlos langen Finger, und der Finger zeigte auf mich, auf das nackte Mädchen, oder auf den alten Mann vor mir, ich weiß nicht, wir waren ja eines, wie wir da so hingen, vor der Klippe in der leeren Luft, und sie alle, die Burroblasts, sie sahen hoch zu uns, hoch zu dem nackten Mädchen und dem alten Mann, der sich vor das Mädchen gestellt hatte, und dann kam alles in Rutschen, auf einmal waren da trappelnde Schritte, die kamen hervor zwischen den Felsen, rennende Schritte, knirschende Schritte, mahlend im Sand, da waren Rufe, und ich sah, wie die Glatzen zu den Waffen griffen, sie hatten alle auf einmal Geräte in den Händen, Geräte mit denen sie fuchtelten, Geräte mit langen Läufen, noch länger als der Zeigefinger, der da eben auf mich gezeigt hatte, und die versuchten sie in Anschlag zu bringen, und dann begann das Sterben.

(Nachricht vom 19.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 20.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)