Banshee Neue Folge 150

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Hoch und immer höher. Ich tat es wirklich, und ich tat es, bevor ich überhaupt merkte, dass ich es tat. Ich bin noch nie in meinem Leben an einem Felsen hochgeklettert, ich weiß überhaupt nicht, was das ist, klettern, aber ich tat es. Der Felsen war plötzlich wie ein lebendes Wesen vor mir, nass und atmend, und ich presste mich mit meinem ganzen Leib gegen ihn, fühlte überall die feuchte Glätte, an meinem Bauch an meinen Schenkeln an meinen Brüsten an meinen Armen, und der Felsen war nicht kalt, er war nicht einmal hart, er war nur fremd, er presste sich bereitwillig gegen mich, er wollte mich nicht abwehren, er wollte mich nicht fallen lassen, und ich griff hoch, fahrig, und meine Fingerspitzen fanden etwas wie einen Vorsprung, und als ob ich’s gelernt hätte, zog ich mich hoch, ich hatte keine Ahnung, dass man das tun muss und wie man das tun muss, aber ich tat es, und während ich mich hochzog, glitt mein Körper über die nasse Fläche des Felsens, ich spürte meine Nippel reiben über das glatte Grün, die Innenseite meiner Schenkel mein atmender Bauch schmiegten sich an den Stein, und ich tastete mit den Zehen, da war ein neuer Vorsprung, und ich hängte mich fest mit den Zehen und stellte mich darauf und zog den anderen Fuß hoch und suchte blind ein bisschen herum in der nassen Oberfläche, bis ich eine Vertiefung fand, und also stellte ich mein Gewicht auf diesen Fuß und hangelte mit der rechten Hand nach oben, da fühlte ich unter meinen Fingerspitzen einen richtigen Sims und zog mich weiter hoch, so dass ich mit dem linken Arm noch weiter nach oben langen konnte, und ich hatte Angst, ich zitterte, ich presste mich, so eng ich nur konnte, mit meinem ganzen Leib gegen den Felsen, und der Stein, der lebendige nasse Stein kam mir entgegen und hielt mich fest, er ließ mich nicht fallen, und dann hörte ich ein Klatschen und Spritzen, und da war etwas wie ein kühler Schlag gegen meinen Rücken und meinen Nacken und vor allem auf meinen Po, ich hatte nicht gewusst, dass mein Po so empfindlich sei, und plötzlich troff ich von Kopf bis Fuß von Salzwasser, von kühlem sprudelndem lebendigem Salzwasser, das rann meinen Rücken und meine Beine hinunter, und unter mir hörte ich Fluchen, mir wurde klar, warum die so an mir herumgedrängt und gedrückt hatten, sie hatten schon den nächsten Brecher erwartet, die waren schon vorher hier gewesen, natürlich waren sie das, sie hatten sich alles genau angesehen, und hatten die Atemzüge des Meeres mitgezählt, nun war das offenbar langsamer gegangen mit mir, als die gedacht hatten, und jetzt hatten sie die volle Ladung Meerwasser abbekommen, die hing jetzt in ihren Klamotten, mir war das egal, ich war nackt, das Wasser rann an mir herunter wie vorher die Regentropfen, das Wasser war mir gut, so wie der Felsen mir gut war, ich tastete und hangelte und zog mich weiter hoch, immer weiter, nach oben, und ich dachte, vielleicht ist das meine letzte Umarmung in diesem Leben, ihr müsst verstehen, ich fühlte den nassen Stein mit seinen grünen Algen am ganzen Leib, ich presste mich dagegen, manchmal rieb sich sogar meine Möse an der glatten Nässe, ich wollte das nicht, ich wollte gar nichts, es geschah einfach, und es war ein bisschen, als stünde der Felszacken nicht aufrecht, sondern als läge er, vielleicht nicht waagerecht, aber doch leicht schräg, so dass ich weniger an ihm hinaufkletterte, als vielmehr auf ihm lag und an ihm hochkroch, ja, ungefähr so war das, ich hatte den sonderbaren Eindruck, als ob ich gar nicht fallen könnte, als ob mein Gewicht auf dem Stein läge und er mich festhielte – als lehnte sich der Felsen zurück, um mir das Steigen zu erleichtern.

Später habe ich erfahren, warum ich so leicht da hoch kam, die Klippe ist ein weithin bekannter Kletterfelsen, auch für Anfänger geeignet, unter Aufsicht dürfen da sogar Kinder hoch, und die kreischen und lachen, wenn sie von den regelmäßigen Brechern nassgespült werden, deswegen schaffte es nachher auch PvM so umstandslos, hier hoch zu kommen, aber davon wusste ich nichts, ich kletterte und suchte mit Fingern und Zehen nach Halt und zog mich immer weiter nach oben, und der gute nasse Fels hielt mich fest. Ich dachte auch, wenn ich abstürze, falle ich bloß runter in’s Wasser, und für einen wilden Augenblick dachte ich sogar, ich könnte das doch machen, ich könnte mich einfach rückwärts fallen lassen, und dann würde ich unten in’s Wasser plumpsen, und eh meine Bewacher sich von ihrer Überraschung erholen könnten, würde ich mich auf den Bauch drehen da unten und wegschwimmen und ihnen entkommen, wunderbarer Gedanke, nur leider kann ich nicht schwimmen, weiß nicht, wie das geht, ich bin eine Kopftuchmaus, Muslima, hab nie am Schwimmunterricht teilnehmen dürfen, und einen Bikini hab ich in meinem Leben nur in PvM’s Garten getragen, dieses Entkommen fiel also aus, und ich kletterte, und dann fühlte ich erneut einen Sims unter den Fingern, richtig breit, ich fühlte sofort, da würde ich drauf stehen können, und ich zog und hangelte mich immer weiter hoch, bis meine Füße diesen breiten Sims erreichten, und ich blieb stehen, ich wollte mich ausruhen, wollte mich unbedingt ausruhen, die Wange gegen den nassen Stein gepresst, und ich schloss die Augen, ich traute mich nicht, nach unten zu schauen, da erhielt ich einen groben Schlag gegen den Schenkel, von unten her, und ich hörte diese heisere Stimme, „weiter, weiter“, und ich dachte, ich will nicht mehr, und zog mich weiter hoch, ich hatte die Arme weit über meinem Kopf, und da fühlte ich unter meinen Fingern mehrere weitere Kanten, dicht übereinander, fast wie Treppenstufen, und dann kam ein neuer Sims, ganz flach und eben, fast wie ein tiefes Fensterbrett, und ich dachte, ich muss doch jetzt bald ganz oben sein, ganz an der Spitze dieser Klippe, und immer weiter zog ich mich hoch, und dann erreichten meine Füße dieses felsige Fensterbrett, diesen nassen Sims, und ich fühlte eine Hand um meinen rechten Fußknöchel, und eine heisere Stimme wusste unter mir, „da bleibst“.

Ich wollte auch gar nicht noch weiter hoch, ich stand mit dem Bauch gegen den Felsen gepresst, fühlte die waagrechte Fläche unter meinen Füßen, drückte die Wange gegen den Felsen, hielt mich mit den Fingerspitzen rechts und links in irgendwelchen Ritzen oder Vorsprüngen fest, ich konnte das schon nicht mehr unterscheiden, meine Finger waren taub geworden von all dem Tasten, und meine Arme zitterten unbeherrscht, sie waren solche Klimmzüge nicht gewöhnt, und ich wollte mich nur noch gegen den Felsen lehnen und mich ausruhen, ich dachte gar nicht mehr daran, was jetzt wohl gleich mit mir geschehen würde, ich wollte nur noch stehen, gegen den Felsen gepresst, wollte nur noch mit meinem ganzen Leib die feste und sichere Oberfläche fühlen des nassen Steins, und wollte mich verschnaufen, oh ja, ich wollte mich ausruhen, und auf keinen Fall wollte ich nach unten gucken, ich ahnte, das war ein bisschen höher als eine Fußbank, wo ich da stand.

Dann wurde ich grob an den Armen gepackt, von beiden Seiten. Ich machte die Augen nicht auf. Ich fühlte das Körpergewicht eines der jungen Kerle auf mir, ich fühlte wieder die raue Wolle dieses halbmilitärischen Pullovers, auf meinem Rücken, und irgendwie verstand ich, der Kerl stand hinter mir, nämlich auf einem Vorsprung grad mal eine Stufe unter dem, auf dem ich stand, und ich krallte mich fest, da machten sich Hände an meiner linken Hand zu schaffen, nestelten und zerrten an meinen Fingern, die wollten meinen Griff lösen, ich dachte, die wollen mich runterschmeißen in’s Wasser, ich geriet in sinnlose Panik und versuchte mich festzuklammern, die waren aber stärker als ich, viel stärker, sie lösten den Griff meiner linken Hand im Gestein, das kostete die gar keine Anstrengung, aber statt mich jetzt runterzuwerfen, drehten sie mich mit einem groben Ruck um auf dem Sims, für einen Augenblick stand ich vollkommen im Freien, nur meine Füße berührten noch den Felsen, ich wurde in der Luft herumgewirbelt, ich hörte einen erstickten Schrei aus meiner Kehle, sorry, jetzt hatte ich also doch geschrien, und dann wurde ich krachend mit dem Rücken gegen den Felsen geworfen, sie hatten mich umgedreht auf diesem schmalen Sims, umgedreht, so dass ich jetzt nicht mehr mit dem Bauch gegen den Felsen drängte, sondern mit dem Rücken, und das nächste, was ich fühlte, das war, dass mir mit großer Gewalt die Arme nach hinten gerissen wurden. Ich machte die Augen nicht auf, ich hatte das Gefühl, dass ich frei in der Luft schwebte, obwohl ich doch den nassen Felsen an meinem Rücken und an meinem Hintern spürte, und sie zogen mir an beiden Seiten die Arme nach hinten, da waren nicht nur die zwei Glatzen, die mich die Klippe hochgetrieben hatten, da waren noch zwei andere, die waren auf der Rückseite der Klippe hochgeklettert, und wir hatten tatsächlich fast die oberste Spitze erreicht, das hatte ich von unten gesehen, dass die Klippe nach oben hin nadelspitz sich verjüngte, und hinter mir waren sie und zogen auf beiden Seiten der Felsspitze meine Arme nach hinten, dass ich erneut mich schreien hörte, und dann fühlte ich harte Ketten um meine Handgelenke, auf beiden Seiten, und die Ketten spannten an, mir wurden die Schultern so weit zurückgezogen, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, so hing ich da, Rücken und Schultern eng an den Felsen gepresst, und immer noch hielt ich die Augen geschlossen, ich guck nicht, dachte ich, egal was passiert, ich guck nicht, und ich fühlte den glatten Stein des Felssimses unter meinen Fersen, glatt und nass, und ich dachte, jetzt passiert es, jetzt stoßen die mir ein Messer in’s Herz, sollen sie doch, dann hat das alles endlich ein Ende, aber das passierte nicht, statt dessen hörte ich wieder diese idiotische Stimme, diese Jungmännerstimme mit dem Schwanz in der Kehle, und die Stimme heiserte zu mir hoch, „da bleibst“, na sicher, wo hätt ich auch hingehen sollen, und dann erst fiel mir auf, dass die Stimme von unten her zu mir hoch gerufen hatte, die seilen sich ab, dachte ich, die verschwinden, was soll das, wollen die mich hier oben hängen lassen, in spätestens einer Stunde kommen die ersten Touristen, soll ich so fotografiert werden?

Und für endlose Augenblicke hing ich zwischen Zeit und Zeit, die Arme nach hinten gezogen, Ketten quälend eng um meine Handgelenke geschlossen, hinter mir, ich spürte unter den Armen die rauen Risse und Schründe des Felsens, und dann klatschte jubelnd und johlend eine ganze Schütte voll Wasser über mich, platschend und klatschend und dreschend, voll in mein Gesicht hinein und über meinen Körper, ich sag das nicht nur so, jubelnd und johlend, der Brecher johlte wirklich wie eine ganze Volksmenge, und ergoss sich über mich in überreichlichen Schwällen, und das Wasser war kalt und salzig, ich fror aber nicht, das war keine böse Kälte, das war die Kälte, wie die Meerjungrauen sie lieben, die mit ihren Fischschwänzen, und ich schnappte nach Luft und fühlte, wie mir das Wasser über das Gesicht spülte und aus den Haaren rann und an meinen Flanken hinunterlief, und ich öffnete die Augen.

Ich schwebte frei in der Luft. Ungefähr so hoch wie an dem Tag, als ich mich vom Balkon gestürzt hatte. Und da war kein Geländer, kein gar nichts. Ich hing einfach in der Luft. Sie hatten mir die Arme so weit zurückgezogen um den Felsen herum, auf beiden Seiten des Felsens, dass sich mein Oberkörper zurückbog, gegen die Felsenwand gepresst, und alles, was ich von mir selber sehen konnte, wenn ich versuchte, an mir herunterzublicken, das waren meine Brüste, jawohl, meine beiden Möpse mit ihren spitzen Nippeln, von denen tropfte das Meerwasser, mehr sah ich nicht von mir, ich drehte den Kopf, und konnte gerade noch aus den Augenwinkeln einen weißen Schimmer erhaschen, das waren meine zurückgebogenen Schultern, das und meine Möpse, das war alles, was ich von mir sehen konnte, und mehr als den Kopf drehen konnte ich auch nicht.

Ich geriet wieder in Panik, und für einen Augenblick spürte ich nicht einmal mehr meine Füße, nicht mehr den Druck des Felsens an meinem Rücken und meinem Hintern, ich dachte, jetzt falle ich, falle in’s Bodenlose, aber da war dieser Zug an meinen Handgelenken und Armen, den spürte ich, der hielt mich festgeschmiedet an Ort und Stelle, und ich schnappte erneut nach Luft und starrte hinaus, und da war nichts als das Meer vor mir, das sah ich, wenn ich zwischen meinen Möpsen hindurchschaute, das Meer, langsam atmend, und darüber dieser weißlichgraue Himmel, über den die Möwen zogen, und das Meer und der Himmel dehnten sich endlos, und ich schwebte frei hinein in diese Endlosigkeit, ich fühlte plötzlich, ich war zwar an diesen Felsen gekettet, aber der Felsen hatte sich von seinem Untergrund gelöst und glitt hinein in die Unendlichkeit zwischen Himmel und Meer, lautlos, ohne irgendeine Erschütterung, er trug mich hinaus, der Fels, hinaus und fort, hinaus.

(Nachricht vom 17.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 18.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)