Banshee Neue Folge 149

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich hörte die Türen des Kombi zuschlagen, und dann fühlte ich mich unsanft in Richtung der Felsen gedrückt, da waren immer noch diese quetschenden Griffe um meine Oberarme. Irgendwie habe ich in Erinnerung, dass die Glatzen, die mich hielten, sich nervös umschauten. Ich kann das nicht wissen, sie liefen hinter mir, und ich schaute ihnen nicht in’s Gesicht, ich bild mir das trotzdem ein. Immerhin, wir waren nicht mehr auf diesem entlegenen Hof. Wir waren mitten in der Öffentlichkeit, in der Zivilisation, mitten im Blick sozusagen, und die trieben ein nacktes Mädchen in Handschellen vor sich her. Hätte Aufsehen erregen müssen, wenn jemand geguckt hätte. War niemand da. Ich sah das grüne Schild „Wanderparkplatz“, und da waren diese üblichen hölzernen Schranken, aus roh gezimmerten Baumstämmen, die den Autos genau sagen, wie weit sie fahren dürfen. Aber da waren sowieso überall Felsen. Steile Klippen, die standen um den Platz herum wie ein würdige Versammlung alter Männer. Ich dachte an PvM. Die Felsen waren weißlich grau, das musste das Salz sein, das Salz vom Meerwind, das immerfort an ihnen nagte. In ein paar Minuten, dachte ich, werden die Glatzen zurückkommen, und ich werd nicht mehr am Leben sein. Die Felsen werden noch da sein. Die Glatzen werden auch irgendwann sterben, und die Felsen werden immer noch da sein. Der Wind. Die Möwen werden schreien und über den Himmel ziehen.

Ich dachte, was werden sie mit mir machen, wenn sie mich erst mal umgebracht haben. Mich in’s Wasser werfen? Kaum. Sie werden mich in den Kombi tragen, einfach auf die Ladefläche werfen, bewacht werden muss ich dann ja nicht mehr, ich werde nicht versuchen fortzulaufen, und dann werden sie mich irgendwo begraben, und es wird vielleicht Jahre dauern, bis jemand mich findet, Spaziergänger mit Hund, und die Waldblumen werden über mir wachsen, und PvM wird die ganze Zeit nicht aufgehört haben zu hoffen, dass ich noch am Leben bin.

Der Himmel war verhangen, da lag ein hellgraues Tuch über den Felsen, fast ohne Kontur, fast ohne Struktur, ich sah keine Wolken, eher etwas wie Hochnebel, sonderbar nach dem Regen. Der Geruch nach Salz war sehr stark. Ich fühlte die ganze Zeit dieses weiche Mahlen unter meinen Sohlen, weich wie Mehl, das war der Sand, ich hatte ihn nach wenigen Schritten schon zwischen den Zehen, puderfein.

Sie drängten mich hinein zwischen die Felsen, diesen Weg hinunter. Der Weg war eng, es konnte nur einer von ihnen schräg hinter mir laufen, der Griff um meinen linken Oberarm löste sich, der um meinen rechten wurde umso fester. Hatten die wirklich Angst, ich könnte noch weglaufen? Ich gebe zu, ich blickte um mich. Ich war irgendwie entschlossen, jede Gelegenheit zu ergreifen. Da war keine. Der Weg war ein Hohlweg, umschlossen von Felsen, da waren zwar Spalten und Klüfte genug, die waren aber nicht breit genug, um sich irgendwie drin zu verstecken, oder hochzuklettern. Meine Hände waren gefesselt, mit diesen Handschellen, vor dem Bauch. Ich spürte den kühlen Wind vom Meer her um meinen Körper streichen. Ich zitterte. Ich wollte das unterdrücken, ich zitterte trotzdem. Mir war nicht kalt, aber in meinen Füßen in meinen Beinen, bis hoch zu den Schenkeln, war ein eisiges Gefühl.

Der Weg war so eng, wär uns jemand entgegengekommen, wir hätten uns alle seitlich flach an die Felsen drücken müssen, um aneinander vorbei zu kommen.

Die Felsen öffneten sich, und da war der Strand.

Da waren die Glatzen, da war Burroblast.

Sie standen zusammen wie eine Gruppe Meuterer, als wär das hier ein Schiff, das Deck eines Schiffes, und sie hätten die Macht übernommen, den Kapitän ermordet oder so, und jetzt standen sie beisammen und berieten sich, was sie mit ihrer neuen Macht anfangen sollten. Dunkel, murmelnde Masse. Dicht zusammengedrängt. In ihrer Mitte saß der Burroblast. Er saß wieder auf seiner sechsbeinigen Stahlbank, und wieder quoll er zu allen Seiten über den Sitz hinaus, ungeheurer Klumpen. Sie blickten alle zu uns herüber, sie blickten mich an, wie ich da hinaus auf den Strand geschoben wurde, und sie rückten womöglich noch enger zusammen, bis sie aussahen auf dem hellen Sand wie ein dunkles Wollknäuel, mit dem gleich die Katze spielen wird.

Und ich sah das Meer. Da draußen war das Meer. Von einer seltsam stählernen Farbe, und es rollte unwirsch gegen den Strand, in einer ungeheuer weiten Bewegung, das Wasser war flach bis weit hinaus, ich dachte, wenn ich dort hinaus renne, kann ich rennen und rennen, immer geradeaus, und das Wasser geht mir dennoch kaum bis zu den Knien, dann bis zu den Hüften, ich könnte immer noch laufen. Da waren keine Wellen, eher ein Atmen, man nennt das Dünung, habe ich gelernt. Dass dennoch Bewegung war in dem Wasser, sah ich an den vorgeschobenen Klippen, die zur Seite hinaustraten in’s Wasser. Dieses Atmen, dieses kaum merkliche Herantreiben, es brach sich an den Felsen, und spritzte hoch auf, klatschte gegen die steilen Wände, stürzte mit brechendem und schüttendem Geräusch wieder in sich zusammen. Rechts und links von mir waren diese Klippen und diese Brecher, aber geradeaus lag das Meer wie unbewegt, in dieser matt stählernen Farbe, nicht spiegelnd, aber auch nicht stumpf, ich hatte noch nie eine solche Farbe gesehen, und der Horizont war ein waagrechter Strich, in der Ferne, so weit entfernt, und da das Stahlblau mit der Entfernung immer matter erschien, und das Weißlichgrau des Himmels immer dunkler, war der Strich nur ungefähr zu erkennen, ich sah ihn aber dennoch, und ich fühlte rasende Sehnsucht in meinem Herzen, dort hinaus, dachte ich, dort hinaus.

Und sie trieben mich dort hinaus, ich fühlte wieder diese drängenden Griffe an meinen Oberarmen, auch an meinem linken, und sie drückten mich vorwärts, in’s Wasser hinein. Die wollen nicht, die wollen mich doch nicht ertränken, dachte ich mit einem schwachen Impuls, mich zu wehren, aber mein Stolz war stärker, selbst noch in diesem Augenblick, die sollen das nicht erleben, dass ich anfange zu zappeln, dachte ich.

Sie drängten mich in’s Wasser hinein, und ich spürte das Gemurmel winziger Wellchen um meine Füße spielen, um meine Fersen, um meine Fesseln, überall diese winzigen splitternden Wellchen, wuschen mir sofort den Sand weg zwischen meinen Zehen, ich spürte das, und jeder meiner Schritte spritzte.

Ich hatte an alles Mögliche gedacht, vor allem an Messer und sowas, daran denkt man ja zuerst, wenn die Wörter „Opfer“ und „Schlachten“ fallen, aber nicht daran, dass sie mich ertränken würden. Das sie mir einfach den Kopf so lange unter Wasser halten würden, bis ich aufhören würde zu zappeln, denn dann würde ich zappeln, das wusste ich. Ich dachte daran, wie mir das Wasser in den Mund und die Nase dringen würde, wie ich keine Luft mehr bekommen würde, ich wollte so nicht sterben.

Sie drängten mich aber nicht hinaus in’s tiefere Wasser, sondern seitab, und plötzlich wurde ich von einem Guss schäumenden Wassers überspritzt, das war einer der Brecher, die von den Felsen zurückschlugen, und das Wasser tropfte mir über meine Brust und in’s Gesicht und in die Augen hinein, ich musste trotzdem nicht blinzeln, es war ja Salzwasser, eher schien mir, ich könne jetzt klarer sehen als vorher.

Sie drängten mich direkt vor einen der Felsen, vor eine der Klippen, die stand etwas vor den anderen, vor ihren Brüdern und Schwestern, wie ein Vorbeter, der vor der Menge weiter in’s Wasser hinaus gewatet ist, stand und schaute hinaus auf’s Meer, mit irgendwie suchendem Blick, schaute hinaus nach dem Horizont, diesem undeutlichen Strich in der Ferne. Schaute nicht nach mir, das verstand ich, die Felsen im Meer haben kein so großes Interesse an nackten Mädchen, ihre Gedanken gehen auf andere Dinge.

Die haltenden Fäuste an meinen Oberarmen drängten mich direkt hin, dass ich stand unmittelbar vor der fast senkrechten Klippe, ich sah den nassen Stein, rieselndes Wasser in den Schründen, und da waren da und dort grüne Stellen, ich stand mit dem Rücken zum Meer, jetzt mach doch, schnell, hörte ich diese heisere Stimme hinter mir, die wieder so klang, als wüchse ihr der Schwanz in der Kehle, und ich dachte, schnell, was, ich erwartete sonst etwas, vielleicht einen Axthieb in den Hinterkopf, vielleicht wollten sie es so machen, statt dessen trat der rechts von mir ganz dicht an mich heran, dass ich die raue Wolle seines Pullovers spürte, die hatten so dunkle undeutlich grüne Pullover an, alle gleich, sollte wohl militärisch wirken, wie der gleiche Haarschnitt bei allen, und der nahm meine Handgelenke und klickerte an dem Schloss der Handschellen herum, und dann war ich frei, meine Hände waren frei, und dann wies der auf die Felswand vor meiner Nase und sagte: Da hoch.

Als er zeigte, hatte er die Handschellen in der Hand, das sah ich deutlich, das fiel mir auf.

Ich sah auf die rieselnde Felswand vor mir, an der das Wasser runtertropfte, mach jetzt, sagte die Stimme bösartig, oder brauchst du ne Einladung.

Ich weiß nicht, was sie getan hätten, wenn ich einfach stehengeblieben wäre, was sie hätten überhaupt tun können, sie hätten mir irgendwie weh tun können, weiß nicht wie, aber das war nicht der Punkt, ich schaute an dem Felsen hoch und dachte, ich habe die Hände frei, also los, dann klettere ich eben da hoch, hoch und immer höher, vielleicht entkomme ich denen, und da erst merkte ich, dass ich nicht nur zitterte, ich flog am ganzen Leibe, ich musste die Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht klapperten.

Entkommen. Vielleicht kann ich entkommen. Da hinauf.

(Nachricht vom 16.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 17.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)