Schilf

Roger kam herüber, eine kleine funkelnde Sichel in der Hand.

„Was machst du?“ fragte Eluard.

„Schilf schneiden“, antwortete Roger. „Für die Ochsen.“

„Fressen die das?“ fragte Eluard erstaunt.

„Oh ja, die jungen Pflanzen sind sehr saftig und nahrhaft … aber grün müssen sie noch sein; wenn die Stängel schon gelb sind, sind sie zu holzig geworden, wie bei den alten Pflanzen … dann dienen sie gut zum Bauen … ja, man legt sie unter den Putz in den Hauswänden, das gibt gute Haltbarkeit, und zum Dachdecken sind sie auch brauchbar, nur brennen sie leicht, wie Stroh …“

Er stieg hinunter zum Ufer, wobei er achtgab, nicht in’s Wasser zu treten, und begann mit flinken Sichelschlägen das junge Schilf abzuernten.

„Helft ihr mir?“ fragte er, indem er flüchtig den Kopf hochwandte zu den beiden Jungen, die auf dem Holzgeländer ritten.

„Ja“, rief Waldemar und sprang hinunter, und Eluard folgte ihm.

Roger legte ihnen die abgemähten Schilfbüschel auf die ausgestreckten Arme, und als jeder eine Last voll empfangen hatte, trugen sie sie hinüber zu den Ochsen.

Es knirschte saftig, als die mahlenden Ochsenzähne die wässrigen Stängel zerrieben, die schwarzen Kehlen schluckten, und das Futter rutschte hinunter in den Magen, zu den Kräutern des Mittags, dort blieb es zunächst liegen, zur Nacht würde man zwei Stunden rasten müssen, damit die Tiere wiederkäuen konnten …

Inge trat mit Magdalena zwischen den Pappeln hervor, die beiden Frauen standen einen Augenblick geblendet in der Glut des Unterganges, dann führte Inge ihre Mutter zu Grand Mère und dem Herdfeuer, dass sie sich dort niedersetze.

„Nun, wie geht es dir, mein Kind?“ fragte Grand Mère geschäftig, der Kessel hing schon über dem Feuer, dem metallenen Dreifuß.

„Oh, gut“, antwortete Magdalena müde, sie hielt die Augen fast geschlossen, und Inge half ihr beim Setzen.

„Was für ein Platz ist das?“ fragte die Kranke.

„Mitten am Weg“, antwortete Grand Mère. „Das ist ein Auwald, ein großer Fluss muss hier sein … das dort ist nur ein Altwasser.“

„Ah“, machte Magdalena und schloss die Augen, „wir fahren gleich weiter, hat Inge gesagt?“

„Wir füttern die Tiere“, bestätigte Grand Mère, „wir essen, dann fahren wir weiter, es ist besser so.“

„Warum?“ fragte Magdalena.

„Frag nicht, mein gutes Kind“, antwortete Grand Mère, „ich erklär es dir morgen … für heute sieh zu, dass du isst, und dann musst du wieder schlafen, das ist das beste für dich.“

Der Sonnenball senkte sich, in das rote und gelbe Meer des Horizonts flossen dunklere Tinten, schwarz und blau, und die Schiffe, die fliehende Flotte, zerstreuten sich, dass Raum sei für die Sterne, die bald erscheinen wollten.

Grand Mère hatte die Feuerstelle bei den Stämmen der Pappeln eingerichtet, zwischen den beiden Gespannen, so dass Diogenes Laërtius gelegentlich Rauch in Nüstern und Augen bekam, dann blinzelte er und schüttelte das breite Haupt; und zarter umfloss die dunkelnde Luft die schwarzen Ochsenleiber, machte weich die Umrisse, ließ den Feuerschein Kraft gewinnen.

Die Blässhühner hatten sich aus ihren Schilfverstecken hervorgewagt, lautlos zogen die kleinen schwarzen Vögel auf dem Wasser umher, zerteilten die Wasserlinsen; die weißen Stirnflecken leuchteten auf, wenn sie sich wendeten. Zwei Taucher schwammen auch dazwischen, kleiner waren sie und eiliger, sie konnten plötzlich unter der Oberfläche verschwinden und weit entfernt, an unvermuteter Stelle, wieder auftauchen, leise piepende Laute ausstoßend. Sie hatten pfeilspitze Schnäbel und dunkles Gefieder, man musste genau hinsehen in der Dämmerung, um sie von den Blässhühnern zu unterscheiden.

Wenig von Waldemar und Eluard entfernt, im Schilf, in dem Roger geschlagen hatte, begann ein Frosch zu quaken, mit schnarrenden Lauten.

„Ich war mal in einem Haus“, sagte Eluard lachend, doch mit gedämpfter Stimme, „da konnten die Leute im Sommer die ganze Nacht nicht schlafen, weil, also, da war ein Teich in der Nähe, und da haben Frösche gelebt, weißt du, so viele habe ich noch nie gesehen, es hat richtig gewimmelt, wenn man hingegangen ist, da ist es auf allen Seiten gesprungen und gehüpft, wo man hintrat, da waren Frösche, also, und die haben natürlich alle gequakt, in der Nacht, besonders wenn heller Mond war. Die haben einen unglaublichen Lärm gemacht, du kannst dir das gar nicht vorstellen …“

Waldemar lachte.

„Dabei hat bei dem Haus ein Storchenpaar gewohnt … aber die Leute haben gesagt, die Störche kämen erst seit ein paar Jahren, und davor sei es noch schlimmer gewesen, gar nicht zum Aushalten …“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 16.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)