Banshee Neue Folge 148

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich schrak fürchterlich zusammen, von vorne wurde an die Zwischenwand des Laderaums geklopft, laut und fast direkt an meinem Ohr, das musste der Fahrer gewesen sein, der sich umgedreht hatte und vor dem Aussteigen Zeichen gab nach hinten, Zeichen, das wohl bedeuten sollte, wir sind da, alles aussteigen bitte, Endstation, und dann tönte vorne wieder dies Türenklappen, und gleichzeitig berappelten sich vor dem Gitter die finsteren Gestalten, die ich nicht sehen konnte, ich hörte sie aber scharren mit ihren Springerstiefeln, wieder fühlte ich abstoßend nahe ihre körperliche Gegenwart, sie hatten ja direkt neben mir gesessen, nur durch das Gitter getrennt, und da war dieses elektrische Gefühl der Anspannung, sie hatten Angst, sie hatten die Hosen voll, die kleinen Scheißer, das hatten sie jetzt geschafft, das war ihre Leistung im Leben, sie hatten ein nacktes Mädchen in ihre Gewalt gebracht, mit gemeinsamer Anstrengung, nein, sie hatten nicht etwa ein nacktes Mädchen dazu gebracht, freiwillig mit ihnen mitzugehen, zu solcher Leistung waren sie nicht fähig, sie hatten Gewalt anwenden müssen, und hier war ich nun, und hier waren sie nun, und jetzt hatten sie Angst vor dem, was sie mit mir tun wollten was sie mit mir tun sollten, da kann ich euch auch nicht helfen, dachte ich.

Einer von ihnen würde es tun müssen, und wenn es der Galgenvater selber war, einer würde mir das Messer in’s Herz stoßen müssen, oder mir die Kehle durchschneiden, was immer sie vorhatten, gibt eine Menge Möglichkeiten, ein nacktes gefesseltes wehrloses Mädchen umzubringen, sie konnten mich auch erwürgen, oder mir den Schädel einschlagen, aber einer würde es letztlich tun müssen, und ich dachte daran, wie das wäre, wenn der, den sie ausgelost hatten, oder der sich freiwillig bereit erklärt hätte, wenn der im letzten Augenblick innehielte und sagte, nein, mach ich nicht, was tu ich da eigentlich, sowas mach ich doch nicht.

So schlau bin ich auch, dass ich weiß, sowas passiert nicht, aber der Gedanke ging mir durch den Kopf, und dann wurden die hinteren Türen aufgeklappt, nebelweißes Licht drang herein.

Einer von meinen Bewachern schlüsselte in dem dünnen Licht am Gitter herum, ich sah ihn wieder nur als tintenschwarzen Schatten, ich weiß nicht, welcher von ihnen es war, auch das hat die Polizei nachher unbedingt wissen wollen, sie legten mir Fotos vor, und auf allen Fotos sahen die genau gleich aus, genau die gleichen dumpfen, verprügelten Gesichter, auf einigen von den Fotos hatten sie die Augen geschlossen, das waren die Fotos von den Leichen, andere Fotos gab es von denen nicht, mehr Erinnerung blieb nicht von denen, nicht einmal ich konnte mich an die Gesichter erinnern, und ich schüttelte nur immer wieder den Kopf, ich weiß nicht, ich weiß es doch nicht.

Die Gittertür schwang auf, und wieder, wie schon bei der Ankunft auf dem Hof, hatte ich diesen Impuls, einfach sitzen zu bleiben, sie hätten mich mit Gewalt aus dem Verschlag herauszerren müssen, das wär gar nicht so einfach gewesen, denn die Öffnung war ja so niedrig, dass ich nur kriechend durchkam, aber irgendwie hätten sie es schon geschafft, und ich hätte gezappelt und vielleicht geschrien und mich gewehrt, ich bin froh, dass ich das nicht gemacht hab, aber für einen Augenblick war da dieser Impuls, der wirbelte wie Sturm durch mein Hirn, das war Angst, ich hatte Todesangst.

Nein, ich wehrte mich nicht. Sie öffneten die Gittertür des Zwingers, und wie ein gehorsamer Hund kam ich herausgekrochen, Kopf voran, auf allen Vieren. Sie fassten mich ziemlich grob unter die Arme und stellten mich auf die Füße. Draußen, im blassen Frühlicht, vor den geöffneten Ladetüren des Kombi, standen der Galgenvater und die blonde Null, die mich „nackte Sau“ genannt hatte, und sie sahen mir entgegen, und wieder fingerten ihre Blicke an mir herum, von oben bis unten, und die Zunge des Galgenvater rotierte in seinem halb offenen Mund, immer die Zungenspitze an den Lippen entlang.

Ich fühlte mich zu den Türen vorgedrückt, wieder dachte ich daran, mich zu wehren, aber sie waren zu zweit, sie waren zu viert, sie hatten mich an den Oberarmen, meine Hände waren mir vor dem Bauch gefesselt, mit diesen Handschellen, ich tappte widerstandslos zur Öffnung, dort hoben sie mich hinunter wie ein Paket, ja, das taten sie, sie ließen mich nicht aus eigener Kraft aussteigen, sie hoben mich hinunter, die beiden Bewacher umfassten meine Arme, schmerzhaft fest, jeder mit beiden Händen, und die Hände steckten in Handschuhen, und der Galgenvater und die blonde Null umarmten von rechts und links je einen meiner Schenkel, und so hoben sie mich raus und stellten mich draußen auf den Boden. Ich weiß nicht, warum sie das gemacht haben, ich hätte sehr gut aus eigener Kraft aussteigen können, aber sie taten es, und es war demütigend, es war eine Geste der Verachtung, schlimmer noch als an dem Tag, da sie mir fast die Schultern ausgerenkt hatten, während sie versuchten, mich zu vergewaltigen. Ich war ein Stück Gepäck, sie konnten mit mir machen, was sie wollten, und sie machten das auch, und als der Galgenvater und die blonde Null sich meine Schenkel griffen – sie umarmten sie richtig, jeder von seiner Seite – da rissen sie sie natürlich auseinander, und ich kam hinaus in’s Licht, meine weit geöffnete Möse voran, und ich bin ziemlich sicher, sie genossen das, so stellten sie mich draußen auf den Boden, und dabei drückten die Bewacher mit ihren Griffen an meinen Oberarmen meine Schultern so weit nach hinten, dass ich auch meine Brüste in’s Licht schieben musste, ob ich wollte oder nicht, so wurde ich an den Tag geschoben, Möse und Möpse voran.

Ich dachte nur, sag nichts, sag jetzt nichts, und vor allem, guck die nicht an, und irgendwie schaffte ich das, sie stellten mich hin und ließen mich los, für einen Augenblick, und ich richtete mich auf und blickte an ihnen vorbei, hinaus in diesen milchweißen Morgen.

Der Boden unter meinen Füßen war ganz weich, und ich begriff, das war feiner Sand, Meersand, das war das mehlige Mahlen gewesen, das ich unter den Reifen gehört hatte, und ringsum war grauer Morgen. Ich sah Felsen, steil und weiß. Der Regen hatte aufgehört. Die Tropfen, die da auf dem Hof auf mich niedergepurzelt waren, das war der hintere Rand eines Schauers gewesen, ihr kennt das, wenn es noch einmal so richtig runterkommt, bevor es aufhört, und anhand dieses Schauers konnte die Polizei nachher die genaue Uhrzeit ermitteln, wann sich das alles abspielte, die haben sogar meteorologische Fotos ausgewertet, Satellitenfotos, und aus denen geht auf die Minute hervor, wann der Schauer über diese Gegend weggezogen war, wann der hintere Rand die Insel überquert hatte, Wind landeinwärts, wann es aufgehört hatte zu regnen auf dieser Insel, denn wir waren auf dieser Insel, wir waren auf diesem Wanderparkplatz, da standen schon drei Wagen, und ein enger Weg führte in ein paar steile Klippen hinein, und nach den Rechnungen der Polizei hatten der Galgenvater und der Burroblast und die Glatzen alle, sie hatten in diesem Augenblick, da sie mich aus dem Wagen hoben, noch genau zweiundzwanzig Minuten zu leben, ja, zweiundzwanzig Minuten, und ihr wart schon in Sichtweite der Stadt, ihr alle, zweiundzwanzig Minuten, und ich dachte nur, hier also, ich will nicht sterben, hier also.

Dann hörte ich helle Schreie, und zwei Möwen zogen über uns hinweg, groß und weiß, die kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten, wir waren denen sowas von egal, ich sah ihnen sehnsüchtig hinterher, und der Platz war ringsum von Felsen umstanden, und überall war weißer Morgen, das Licht kam von nirgendwoher, es war überall, auf den Felsen, auf dem Sand, auf mir.

Das bin ich und das bleibe ich, dachte ich, das nackte Mädchen im Licht.

(Nachricht vom 15.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 16.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)