Banshee Neue Folge 147

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Die Angst war körperlich spürbar in diesem Laderaum, die Polizisten hinterher haben mich immer wieder gefragt, woran ich das denn gemerkt hätte, ich kann nur sagen, das war da, das hing in der Luft, zum Greifen. Alles war bisher ein Spiel gewesen, die Idioten hatten wahrscheinlich geprahlt untereinander, wie es nun darum gehe, die nackte Sau abzustechen, und dazu hatten sie heiser gegrölt, und gelacht auf diese Weise junger Männer, als ob ihnen der Schwanz in der Kehle säße, und nun wurde es ernst, die Wagen fuhren, brachten sie mit jeder Minute näher an den Ort, wo sie tun würden, tun müssten, wovon sie bisher nur geprahlt hatten. Sie glaubten an den Burroblast. Oder an den Galgenvater, ist ja egal. Ich nehme das mal an, gesagt haben sie es nicht, ich habe ja keine Worte mit ihnen gewechselt, aber sie waren die „Brüder der Neuen Erde“, so nannten sie sich ja wohl, auch das haben sie mir gegenüber nie bekannt. Abgesehen von der Ansprache des Burroblast, und die war in die Hose gegangen, hatten sie kaum ein halb Dutzend Wörter zu mir gesprochen, da waren diese heiseren Befehle gewesen, „Beine!“, „Arme!“, als der mit dem Revolver, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, sich an meinem Anblick einen runter geholt hatte, und das war in all den langen Tagen schon die ganze Kommunikation gewesen. Der Galgenvater hatte zu mir von meiner „Erwähltheit“ gesprochen, ungefähr in dem Sinne, wie sich nachher auch der Burroblast geäußert hatte. Sonst nichts. Und trotzdem wusste ich, was die mit mir vorhatten, und die beiden jungen Kerle, die mich bewachten, wussten es auch. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich roch sie, da war ein deutlicher Körpergeruch, und erst daran, dass ich sie so deutlich roch, merkte ich, dass ich Angst hatte, ich selber. Ich hatte solche Angst, dass meine Nasenflügel sich weiteten. Natürlich hatte ich Angst. Ich würde gleich sterben, und keinen schönen Tod. Nicht friedlich im Schlaf, wie man sich das wünscht. In mir war noch Leben, für viele Jahrzehnte. Ich hatte es selber nicht vermocht, mich umzubringen, als ich vom Balkon gesprungen war. Mein Körper hatte sich geweigert zu sterben. Das lebendige Fleisch gibt nicht so schnell auf. Das Leben hört niemals auf zu hoffen. Und ich weiß, die jungen Bengel da mit mir in dem finsteren Laderaum, die hatten auch Angst, vielleicht noch mehr als ich. Wer weiß, ob sie jemals schon eine junge Frau in den Armen gehalten hatten. Jetzt sollten sie eine töten. Töten. Sagt sich so leicht. Es gibt professionelle Killer. Waren die nicht.

Ich hatte diesen wirren Gedanken, während der Fahrt, die anzureden, denen in hastigen Worten klar zu machen, was sie gerade tun wollten, und sie zu überreden, mich einfach laufen zu lassen. Sinnlos. Ich vermute, genau deshalb hatte der Galgenvater mir zwei Bewacher zur Gesellschaft gegeben, obwohl ich doch schon in dem Hundezwinger eingesperrt war. Die sollten gar nicht auf mich aufpassen. Die sollten auf sich gegenseitig aufpassen. Die sollten sich gegenseitig bei der Stange halten.

Die Fahrt dauerte nicht lange, und noch während der Fahrt fing meine Angst an, mit mir zu reden. Wir sind noch unterwegs, noch ist nichts passiert, wir fahren noch. So in der Art. Ich wusste, dass ich Angst hatte, Todesangst, aber ich spürte die Angst nicht richtig. Dass ich Angst hatte, merkte ich daran, dass mein Atem flach ging, und auch war da so ein kaltes Gefühl in der Haut, so ein kaltes elektrisches Gefühl. Und irgendetwas im Bauch, das mir kalt hinuntergriff bis in die Möse, als ob sich alles zusammenzöge, auch die Sachen da drin, die ich habe, wie jede Frau, Gebärmutter und so, die zogen sich zusammen, ich spürte das. Ich will nicht sterben, dachte ich.

Wir bogen mehrmals ab, und ich wurde hin und her geschüttelt auf der Matratze, ich hielt mich an mir selber fest, die gefesselten Arme um die Knie geschlungen, die Knie eng an den Leib gezogen. Ich spürte mich selber, und irgendwie, irgendwie spürte ich Mitleid, mit meinem eigenen Körper. Der hat doch nichts getan, dachte ich, warum soll der jetzt leiden, warum soll der jetzt sterben, der hat doch immer treu seine Dienste getan, das ist doch ungerecht, der will doch noch eine Weile spielen unter der Sonne, auf der Erde, im Garten – ich dachte an meinen Körper wie an ein Kind, wie an ein fremdes Kind, dessen Geschick mir nahe ging, und ich hatte den wilden Impuls, zu meinen Bewachern zu sagen, das könnt ihr doch nicht machen, so umspringen mit diesem Körper, was hat der euch denn getan.

Ich sagte nichts, halleluja, ich bin so was von froh drum, dass ich nichts sagte. Ich dachte viel, und fühlte noch viel mehr, und nicht alles davon fühlte ich wirklich, es kam nicht alles wirklich an mich ran, aber bei alledem sagte ich nichts. Ich hielt durch. Bis zum Schluss sprach ich kein Wort. Ich fing nicht an zu bitten. Zu betteln. Ich fing nicht an zu argumentieren.

Das hab ich gelernt. Das hab ich jetzt immerhin gelernt. Man soll niemals argumentieren. Wenn man Glück hat im Leben, und da muss man aber schon Glück haben, richtiges Glück, begegnet man ein paar Menschen, die es wirklich gut meinen. PvM meint es gut mit mir, das weiß ich, Regina, und Diana auch, und ihr anderen. An denen muss man festhalten. Aber mit den anderen, mit denen muss man gar nicht erst reden. Ihr versteht, ich hab euch von der Familie erzählt, in der ich aufgewachsen bin. Ich sag nicht mehr „meine“ Familie. Die waren nicht „meine“ Familie. Keine Ahnung, was und wer die waren, aber „meine“ Familie waren die nicht. Nicht einen Tag haben die es gut mit mir gemeint. Und ich hab das gewusst, hab das gefühlt mit allen Fasern meiner Existenz, deshalb bin ich ja abgehauen, deshalb bin ich ja auf diesen scheiß Konopski reingefallen. Und dennoch hab ich mir immer noch eingebildet, ich müsste irgendwie mit denen argumentieren. Ich müsste denen darlegen, ich müsste denen beweisen, dass ich keineswegs das Stück Dreck bin, als das sie mich hinstellen. Aber der Burroblast und die alle, die haben mir jetzt eine Lehre erteilt. Die haben mir ein Licht aufgesteckt. Wenn du mit jemandem argumentieren willst, muss der den guten Willen haben. Die Gestalten, die sich „meine“ Familie genannt haben, die haben niemals den guten Willen gehabt, und der Burroblast und seine Blase, die haben in mir nur ein Stück rohes Fleisch gesehen, Opferfleisch für ihren Azazel. Nicht reden mit sowas, das hab ich jetzt gelernt. Niemals hineinreden in Gesichter, die es gar nicht wissen wollen. Niemals verhandeln mit der Böswilligkeit. Wozu noch reden mit Leuten, die dich einfach weghaben wollen von der Erde. Die von vornherein entschlossen sind, die nackte Sau da, die hat nichts zu melden, gar nichts. Die hat nicht darüber zu befinden, was mit ihr passiert. Wir beschließen das.

Nicht reden. Nicht verhandeln. Egal was die mit dir machen, egal, wie die über dich regieren, immer daran denken: die sind der Dreck. Dass sie der Dreck sind, offenbart sich daran, dass sie mit dir machen, was sie wollen. Je mehr sie mit dir machen, desto tiefer treten sie sich selber in den Dreck. Sie fangen damit an, dir auf dem Schulweg höhnend hinterherzurufen. Ihre Rufe sind Plaketten, die heften sie sich selber an, und auf den Plaketten steht: Stück Dreck. Das Stück Dreck ist der, der da ruft. Nicht ich, der die Rufe gelten. Im Augenblick, da der Dreck den Mund öffnet, um höhnend zu rufen, hat er sich schon als Dreck geoutet.

Ich dachte an all die Zeigefinger, die schon auf mich gerichtet waren, und die alle sagten, du bist nichts wert. Ich begriff, wer so mit dem Finger zeigt, der ist das Stück Dreck. Überhaupt, mit dem Finger zeigen immer nur die, die es nötig haben. Lektion, die hab ich dem Burroblast zu verdanken.

Ich wundere mich jeden Tag, dass ich noch lebe.

Wir fuhren mehrere Kurven, und dann ein gewundenes Sträßchen entlang. Ich hörte ein seltsam mehliges Mahlen unter den Reifen des Kombi, das ich mir nicht recht zu deuten wusste. Dann hielten wir an, und der Motor erstarb, und für einen Augenblick war ringsum Stille, vollkommene Stille.

Wir waren da, wir waren an dem Ort, da ich sterben sollte.

(Nachricht vom 14.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 15.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)