Banshee Neue Folge 146

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Endlich sah ich weiter vorne, darauf gingen wir zu, eilige nervöse Lichtmäuse huschen über den Boden, das waren Taschenlampen, oder vielleicht auch Handys, und ich spürte, dass meine Bewacher es jetzt eilig hatten.

Niemand sagte ein Wort, nur die Lichtmäuse flatterten und eilten über den Boden, in ungeordnetem Zickzack.

Ich sah, undeutlich im Regendunkel, mehrere Wagen stehen, darunter ein Lieferwagen, den kannte ich, das war der mit dem Hundezwinger hinten drin.

„Ab mit euch!“ zischte der Galgenvater, sonst nichts, es erfolgte keine Antwort, aber ich hörte hastiges Trampeln von Springerstiefeln im Kies, und ich dachte bloß, wo solche Stiefel schon überall rumgetrampelt sind, und das Gras richtet sich dennoch wieder auf, und dann klappten Autotüren. Die eiligen kleinen Lichtmäuse erloschen, alle. Halb erwartete ich, nun würden Scheinwerfer aufleuchten, aber das geschah nicht, Motoren sprangen an, und dann war da dieses Mahlen und Rollen von Autoreifen im Kies, ich bekam das alles nur zur Hälfte mit, oder noch weniger, denn hauptsächlich war ich mit den rollenden Regentropfen auf meiner Haut beschäftigt, die hörten nicht auf, auf mir rumzukullern und mich zu untersuchen und in alle Winkel meines Körpers reinzustöbern, es war offensichtlich, die liebten mich, und ich dachte an die Besucher, die genauso mit ihren Blicken auf mir rumgefingert hatten, und ich dachte, ich war jemand auf dieser Welt, schade, dass es schon vorbei sein soll, egal, es war schön, solange es dauerte.

Ich weiß, wenn ihr an das denkt, was ich euch schon alles vorgeheult hab, klingt das seltsam, dass ich in diesem Augenblick gedacht haben soll, eigentlich war mein Leben doch gut, aber so war das, ich stand da im Regen und fühlte die Tropfen auf meiner Haut und war fast sowas wie glücklich.

Die Wagen, es können zwei gewesen sein oder auch drei, entfernten sich im Dunkeln, und ich hörte, wie sie in einiger Entfernung auf die Straße einbogen und beschleunigten und sich schnell entfernten, und ich sah kein Licht. Aus all dem riet ich, dass wir ganz hinten am Hof standen, auch das wollte die Polizei genau wissen. Seltsam zu denken, dass ich die einzige bin, die noch davon erzählen kann, die einzige Überlebende, von allen Personen, die da auf dem Hof waren, bin ich die einzige Überlebende, ich, das nackte Mädchen in Handschellen.

Erneut leuchtete Licht auf, diesmal sah ich eindeutig, das war ein Handy, einer von den beiden Glatzen, die hinter mir her gelaufen waren, leuchtete uns, ich sah, die Ladetüren von dem Kombi standen weit offen, und ich fühlte mich von der haltenden Hand an meinem Oberarm in Richtung der Ladefläche gedrückt. Nun ja, ich wusste, was von mir erwartet wurde. Halb hoffte ich, sie würden mir die Handschellen lösen. Taten sie aber nicht.

Ich kroch ungeschickt hoch auf die Ladefläche, die gefesselten Hände zuerst, dann die Knie, immerhin leuchtete mir die Lichtmaus von dem Handy voran, ich hatte eigentlich angenommen, sie würde mir jetzt direkt in den Hintern hineinleuchten, so wie ich diese Idioten kennengelernt hatte. Das Suchen und Stöbern des Regens auf meiner Haut hörte schlagartig auf, und ich fühlte mich sonderbar warm unter der Nässe, die an mir heruntertropfte. Ich richtete mich auf, ich würde hier nicht auf allen vieren herumkriechen auf der Ladefläche, aber es waren ja nur wenige Schritt bis hinter zu dem Gitter, das ich so gut kannte, dort bückte ich mich wieder und kroch kopfvoran hinein in den Zwinger, ohne dass mich jemand dazu aufgefordert hätte. Ich hasste das, und trotzdem waren die Dinge wie sie waren. Ich wusste ja, was die wollten, sollte ich mich erst bockig zeigen und dann doch tun müssen, wozu die mich ja sowieso zwingen würden?

Ich dachte in diesem Augenblick an PvM, ich vermisste ihn verzweifelt, und ich kroch hinein in den Zwinger und drückte mich hinten hinein in die Ecke, in der ich schon bei der Herfahrt gesessen hatte, ich spürte den rohen Stoff der Matratze unter meinem Hintern, ich zog die Beine an den Leib und legte meine gefesselten Hände darum und legte die Wange auf meine Knie, so saß ich, geblendet von dem Handy, das in meine Richtung leuchtete, und vor mir war ein Schatten, schwarz und ohne Form, wie ein Tintenklecks, der machte sich an der Zwingertür zu schaffen, und dann hörte ich ein Klirren, das Schloss schnappte ein, ich war wieder gefangen, nun ja, das war ich die ganze Zeit schon gewesen, aber es war jetzt das Gitter zwischen mir und denen, irgendwie gab mir das ein verlorenes Gefühl von Sicherheit, so wie in der Zelle im Keller, ich war dort zwar gefangen gewesen, aber solange die Tür verschlossen gewesen war, zwischen denen und mir, diese metallene Feuerschutztür, solange war Sicherheit.

Beide Bewacher, die hinter mir her getrampelt waren, stiegen hoch auf die Ladefläche, ich sah ihre Schatten sich niederlassen zu Seiten des Gitters, unangenehm nahe. Sie sollten mich zu zweit bewachen. Wie hätte ich aus dem Zwinger hinauskommen sollen? Mit gefesselten Händen?

Ich begriff, wir waren auf dem Weg dorthin, wo es passieren sollte. Es. Ich hatte die ganze Zeit gedacht, meine Abschlachtung würde sich auf dem Hof vollziehen. Nach dem Auftritt von dem Burroblast hatte ich das noch mehr gedacht. Hatte ich mich geirrt. Jetzt wurde ich dorthin gebracht, wo es passieren sollten, und es saßen gleich zwei Bewacher hinten bei mir. Ich begriff, der Galgenvater wollte kein Risiko eingehen. Es sollte nichts dazwischenkommen, in letzter Minute. Es würde allerhand dazwischenkommen, in letzter Minute, aber davon wusste ich nichts.

Ich hörte vorne Türen klappen, da stiegen offenbar der Galgenvater und das blonde Nichts mit den Handschuhen in die Fahrerkabine ein, und dann sprang der Motor an, ich spürte das Grollen und Vibrieren im ganzen Leib.

Es war kein Wort gesprochen worden, sie hatte offenbar vorweg alles schon abgemacht. Vielleicht hatten sie es sogar geprobt, sie hatten ja genügend Zeit gehabt, den ganzen Tag.

Ich klemmte mich fest in der Ecke, mit angezogenen Knien, um das Schaukeln und Wenden des Wagens abzufangen, und erst fuhren wir rückwärts, da war dieses charakteristische Heulen des Rückwärtsganges, dann wieder in weitem Bogen vorwärts, ein kurzes Stück geradeaus, dann kam eine scharfe Rechtskurve, das weiß ich noch, weil ich meine Fersen in die Matratze stemmen musste, um nicht nach vorne gedrückt zu werden, und dann beschleunigte der Wagen, das Knirschen und Mahlen unter den Rädern hatte aufgehört, wir fuhren auf Asphalt, wir waren auf der Straße.

Meine Bewacher sagten kein Wort, während der ganzen Fahrt nicht, es erklang nichts, nicht einmal ein Räuspern, ich sah sie nicht, es war vollkommen dunkel in dem Wageninneren, so dunkel, dass ich dachte, die müssen diese Scheiben in den Türen verklebt haben, denn wir fuhren ja auf einer Straße, irgendwann mal hätte doch da und dort ein Licht vorüberfließen müssen, Licht von einer Straßenlaterne vielleicht, das passierte aber nicht. Was ich jedoch spürte, das war die Anspannung in den beiden Gestalten, ich spürte das körperlich, da war etwas wie elektrischer Strom in denen, und ich begriff, die hatten Angst, Angst vor dem, was gleich passieren würde, was sie gleich tun würden, mehr Angst als ich, denn ich hatte keine Angst, ich fühlte immer noch die Regentropfen auf meiner Haut, und ich dachte, es ist ja eigentlich alles gut, und ich flüsterte unhörbar zu den Regentropfen, mit murmelnden Lippen, wenn ich sterbe, seid ihr doch bei mir? und ich hörte, wie sie mir antworteten, murmelnder Chor, wir sind bei dir.

(Nachricht vom 13.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 14.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)