Banshee Neue Folge 145

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich hatte die ganze Nacht die See rauschen hören, die ganze Nacht, und irgendwann hatte es geregnet, das war wunderbar, durch das schräggestellte Fenster drang der Duft von nassem Staub, der Kies draußen auf dem Hof war ausgetrocknet, jetzt trank er den Regen gierig auf, und solange er trocken gewesen war, war er nur Staub und Dreck, ich wusste es, die Sohlen meiner Füße waren schmutzig, ich war ja getappt über diesen Kies, und ich hatte mich nicht gewaschen, nun aber, da der Regen niedersank, wolkte Geruch auf nach Leben und Versprechung, ja, alles war Versprechen, grüne Halme, Blüten, Moos, alles war möglich, der Regen knisterte im Kies, ich hörte das, und ich dachte daran, wie die Regentropfen sanken in das Gewinkel der Kieskörner, und wie der Staub gierig aufsaugte die Feuchtigkeit, der Staub wollte das, wollte sich vermählen der Feuchtigkeit, da war eine innige Vereinigung zugange da draußen, und das war der Augenblick, sorry, ich hab es ja schon gesagt, hab es ja schon geschrieben, das war dieser Augenblick, da ich es mir selber machte, ich lauschte hinaus auf das Knistern und Wispern, und mein Herz schlug auf einmal so heftig, dass ich es hören konnte, und ich lag auf dieser Liege mit gespreizten Schenkeln und nackt und warf die Decke auf den Boden, dass ich den leichten Luftzug durch das Fenster fallen fühlte auf meinen Körper, und ich rieb mich und streichelte mich, bis ich kam, und es war gut.

Danach drehte ich mich auf die Seite, gegen die Wand, gegen das Fenster, ich rollte mich zusammen, ich fühlte mich warm, und ich dachte wieder an PvM und flüsterte, sorry, mehr kann ich nicht tun.

Sie kamen, bevor es hell wurde, ich hatte keine Ahnung, wieviel Uhr es war, aber ich hatte so lange schon im Dunkeln gelegen, dass ich dachte, nun muss es bald Morgen sein, der letzte Morgen meines Lebens, werden sie mich so lange leben lassen, dass ich das Licht noch einmal sehe, den Tag?

Sie kamen ohne Lärm und Aufstand, ich glaube, sie bemühten sich sogar, leise aufzutreten, trotz ihrer Springerstiefel, und als sie die Tür öffneten, schalteten sie das Licht ein, das Licht dieser rotkarierten Deckenlampe, die sich aus irgendeiner Küche hier herunter verirrt hatte.

Ich hatte mich aufgesetzt, als ich sie kommen hörte, das Geschlüssel in der Tür hatte mir genügend Zeit gelassen, mich richtig hinzusetzen, aufrecht auf der Kante der Liege, die Füße auf dem Boden, die Hände zu Seiten meiner Schenkel, die Decke lag noch immer zerknüllt auf dem Boden, und ich war ein bisschen verwirrt und verschlafen, ich dachte, jetzt kommen sie also, ich hab immerhin noch mal Sex gehabt, bevor ich sterbe, und ich dachte an die Millionen vor mir, in ihren Todeszellen, ob die es alle noch mal gemacht hatten, in ihrer letzten Nacht, alle noch einmal dieses letzte, trotzige Bekenntnis zum Leben?

Sie waren zu viert diesmal, da war der Galgenvater, der stand unter der Tür und starrte mich an, mit sonderbar weitem Blick, und sein Gesicht war bleich, und dann drängte sich an ihm vorbei diese Glatze, die ich schon kannte, das war dieses blonde Nichts, das mich „nackte Sau“ genannt hatte, und das Nichts kam auf mich zu, und nickte befehlend, ich stand auf, und der Blick des Nichts glitt suchend über mich, er vermisste die Handschellen, verstand ich, die hatte ich auf den Tisch gelegt, und er folgte meinem Blick und nahm die Fesseln auf und schloss sie mir um die Handgelenke, ohne Gewalt, es geschah alles, als hätten wir es eingeübt. Er sah mir nicht in’s Gesicht dabei. Er hatte dünne lederne Handschuhe an, mit denen fasste er mich am Oberarm, drängte mich gegen die Tür, der Galgenvater trat beiseite, um uns durchzulassen, draußen warteten noch zwei weitere Glatzen, die ich nicht kannte, ich glaube aber, sie hatten am vergangenen Morgen, da ich vor den Burroblast gestellt worden war, irgendwo unter den anderen gestanden, sorry, ich weiß es nicht mehr, die Polizei ist schon wieder und wieder auf diesen Punkt zurück gekommen, ich glaube zu verstehen, die mich da aus dem Keller holten, die haben sich in höherem Maße der Beihilfe schuldig gemacht, Beihilfe zum Mordversuch, in höherem Maße als die anderen, die nur Schmiere standen und zusahen, ja, mir ist das sowas von egal, sie sind alle tot.

Der Burroblast ging wieder voran, die wenigen Stufen hinauf zu dem Korridor, der in’s Freie führte, und das blonde Nichts ging schräg hinter mir, immerfort die behandschuhte Hand an meinem Oberarm, schob mich die Treppe hinauf, und hinter mir hörte ich die Tritte der zwei anderen Glatzen, die ich nicht kannte.

Dann geschah etwas Wunderbares, etwas Unbegreifliches, ich weiß nicht, ob ihr es verstehen werdet, ich kann nur sagen, was passierte, aber wie soll ich euch begreiflich machen, wie wunderbar das war.

Wir traten hinaus auf den nächtlichen Hof, der war finster, vollkommen finster, es regnete noch immer, nicht stark, ich hörte das Gewisper der Tropfen auf dem Kies draußen, und im Augenblick, da wir in’s Freie traten, spürte ich die Anspannung in dem Burroblast und den Glatzen, sie hatten alle die gleichen bleichen Gesichter gehabt, als hätten sie nicht geschlafen, ihr Augen waren weit und übernächtigt gewesen, und jetzt, ich weiß nicht, sie führten sich auf wie junge Kerle, wie Kinder, die Krieg spielen und sich für große Helden halten, und der Lastwagen, in dem sie sitzen, kommt immer näher der Front, und auf einmal hören sie es, den Donner der Geschütze, und sie begreifen, was sie die ganze Zeit nicht begriffen hatten, das wird Ernst, das ist Ernst, dort fliegen Granaten, bereit, uns in Stücke zu reißen. Eine solche plötzliche Anspannung war in diesen jungen Kerlen, in dem Galgenvater, und ich frage mich heute, hatten die eine Ahnung, eine noch so geringe Ahnung, dass sie alle nur noch eine Stunde zu leben hatten? Ich weiß es nicht, ich ahnte ja selber nichts von dem, was passieren würde, ich dachte ja, in fester Gewissheit, ich bin es, die jetzt gleich sterben wird.

Aber das ist es nicht, wovon ich reden wollte. Vielmehr … im Augenblick, da wir hinaus traten auf den dunklen Hof, in diesem Augenblick traten wir auch hinaus in den Regen, und plötzlich war auf meinem ganzen Körper ein lieblich juckendes Geriesel von Regentropfen, sie fielen überall hin auf meine Haut und tupften und tatschen an mir herum, als könnten sie nicht genug davon bekommen, mich zu liebkosen und zu küssen, es war, als würde die ganze Welt über mich herfallen und mich umarmen und mich knuddeln, und ich wusste in einer aufspringenden Sekunde, ich bin zu Hause, ich gehöre hinein in die Welt, ich bin hier nicht fehl am Platze, mein ganzes Leben lang, immer hatte ich das Gefühl gehabt, ich gehöre hier eigentlich nicht hin, wo gehöre ich eigentlich hin, du gehörst hierher, flüsterten und wisperten die Regentropfen auf meiner Haut, und sie machten sich gar nichts daraus, sie hatten keinerlei Bedenken, mich einfach überall anzufassen und zu küssen, sie fielen auf meine Schultern und meine Brüste und tippten meine Nippel an, dass die steil wurden, und sie tanzten auf meinem Hintern herum und machten sich in meinem Nabel zu schaffen und rannen ganz schnell hinunter zwischen meine Beine und in meine Möse hinein, also die waren sowas von hemmungslos in ihrem Glück, diese Regentropfen, mich hier draußen auf diesem dunklen Hof begrüßen zu können, sie nisteten sich ein in meinen Haaren und kletterten sogar hinein in meine Ohren, ich hatte Mühe, nicht laut zu lachen, und ich dachte, ist doch egal, was jetzt mit mir passiert, ich war jedenfalls da auf der Welt, ich bin da, und es hat sich gelohnt, nichts war vergebens.

Ja, das dachte ich in diesem Augenblick, da die Regentropfen sprangen und kullerten auf meiner nackten Haut, und ich begriff nicht, warum ich nicht glücklicher gewesen war im Leben, nicht glücklicher über jeden Augenblick, da ich doch am Leben gewesen war, so wie jetzt, unter den zudringlichen Küssen der Regentropfen, und die waren sowas von begeistert von mir, dass es schon an Belästigung grenzte, da war kein Zentimeter meiner Haut, den die nicht hinreißend gefunden hätten, sie wollten überall hin auf meiner Haut, sie wollten überall in mich rein, unbedingt und unbefugt, die fragten gar nicht erst um Erlaubnis, war denen ganz egal, sie wollten nicht nur außen auf mir herumrollen, das genügte ihnen nicht, sie waren so entzückt von mir, dass sie in mich reinwollten, sie kullerten mit in die Augen und ziemlich gleich in die Spalte zwischen meinen Hinterbacken, und ich schmeckte sie auf meinen Lippen, denn sie wollten unbedingt in meinen Mund reinkommen, sie rollten seitlich an meiner Nase hinunter, sie vergnügten sich auf meinen Schenkeln und rollten mir die Waden hinab und glitten zwischen meine schmutzigen Zehen, ja, wirklich, sie fanden selbst den Schmutz zwischen meinen Zehen unwiderstehlich.

So stolperte ich über den finsteren nächtlichen Hof, immerfort war da dieser Handschuhgriff an meinem Oberarm, und ich spürte unter meinen Fußsohlen den nassen flüsternden Kies, ich spürte unter meinen Sohlen, wie sich der Staub und die Regentropfen da unten im Kies miteinander vergnügten, ganz hemmungslos, und ich spürte meine Füße nass werden und ich dachte, ich war dabei, ich hab mitgemischt, ich war auf der Erde, es ist alles gut, ich hatte meine Zeit, ich war da, es ist alles gut.

(Nachricht vom 12.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 13.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)