Banshee Neue Folge 144

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich bekam Wasser an diesem Tag, das war’s aber auch, und ich wusste, das ist mein letzter Tag, der letzte Tag meines Lebens. Irgendwie wusste ich das, weil ich nur noch Wasser bekam, das war das Zeichen. Ich kann nicht sagen, ob ich Angst hatte, ich weiß es einfach nicht. Ich schlief die meiste Zeit, vielleicht war das mein Weg, der Angst zu entkommen. Ich schlief, ich träumte, und ich glaube, ich träumte von schönen Dingen. Wenn ich wach war, blieb ich liegen und starrte an die Zimmerdecke, oder später in die Dunkelheit hinein, und dabei dachte ich an PvM.

Sorry, Leute, das sag ich euch nicht, was ich dachte, als ich an PvM dachte, das geht nur uns beide etwas an.

Sie kamen am Abend, und stellten mir wieder Wasser hin, mit einem frischen Glas. Immerhin waren sie nicht geizig, die Flasche war eine satte Anderthalbliterflasche, und ich kämpfte wieder eine Runde mit dem Verschluss, bis ich ihn aufbekam. Eigentlich hätte ich Hunger haben müssen, und das Wasser gluckerte hohl in meinem Bauch, aber nein, der Magen knurrte mir nicht. Also hatte ich wohl doch Angst, aber ich merkte es nicht, nicht richtig, nur wenn aus dem Vorraum ein Geräusch zu mir hereindrang, schlug mein Herz schneller, und ich dachte, jetzt kommen sie. Taten sie aber nicht, es wurde Nacht, und sie kamen nicht. Ich hatte erwartet, sie würden es in der Nacht machen, ich dachte ja immer noch, sie hätten sich irgendein Ritual ausgedacht, irgendetwas, was sie in einem Film gesehen hätten oder wovon sie im Internet gelesen hätten, soweit sie überhaupt lesen konnten, und die Zeit für Rituale, das ist nun mal die Nacht, die Mitternacht vielleicht sogar, schwarze Kerzen und so. Aber sie kamen nicht. Sie ließen mich hungern, nachdem sie mich mit ihrem Abführmittel vergiftet hatten, mein Darm hatte sich allmählich beruhigt, der Bauch fühlte sich aber immer noch gebläht an, was seltsam ist, da meine Eingeweide doch leer waren, zuweilen gingen auch gurgelnde Fürze ab, ich nehme an, ich verdaute körpereigenes Fett, das macht der Körper ja, wenn er nichts zu essen bekommt, und ich dachte, immerhin hab ich ein bisschen hier abgenommen, ist ja meine tägliche Sorge, dass ich zu fett bin, als hätt ich keine anderen Sorgen. Und dass ich abgenommen hab in diesem Loch, das hätte mir dann auch nicht mehr viel genützt, wenn sie mich doch umbringen würden. Aber ich dachte darüber nach, ganz wirr, irgendwie glaubte ich es einfach nicht, dass alles zu Ende sein solle, und dann schlief ich ein und erwachte und sah, ich hab mich doch schon damit abgefunden, es soll wohl so sein, und dann dachte ich wieder an PvM und schüttelte den Kopf und murmelte in die Dunkelheit hinein, das kann nicht sein, dass alles vorbei sein soll.

Wenn ich heute daran zurückdenke, ist mir klar, das waren die Stunden, da seid ihr alle, ihr alle miteinander, die Autobahn hochgejagt, den Besuchern hinterher, und ihr habt nicht gewusst, was eigentlich passiert, das waren auch die Stunden, da hat PvM irgendwann in drei Sekunden zweihundertfünfzig Kilometer zurückgelegt, darüber komme ich immer noch nicht weg, und es ist mir immerhin ein Trost, die Geheimdienstleute kriegen das auch nicht auf die Reihe, nur PvM selber sieht das gelassen, denn er hat nichts davon mitbekommen, nach seiner Meinung ist er immer nur gefahren, geradeaus, Fuß auf dem Gaspedal.

Einmal saß ich in der Dunkelheit auf dem Rand der Liege, Füße auf dem Boden, und trank von dem Wasser und dachte darüber nach, wie sie es wohl machen würden. Langsam? Schnell? Und was würde in mir vorgehen, wenn es passierte? Würde plötzlich alles dunkel werden, oder würde ich langsam und bei vollem Bewusstsein dahindämmern? Würden sie mich quälen? Würde ich schreien? Oder würde ich gar nicht viel mitbekommen? Man sagt ja von Soldaten im Krieg, oder sogar von Unfallopfern, sie bekommen von ihrer Verletzung im ersten Augenblick gar nichts mit, sie fühlen nichts. Wenn einem ein Messer in den Leib gerammt wird, fühlt man eher einen Stoß, als hätte man nur einen Fausthieb abbekommen, man fühlt nicht den Stich. Heißt es. Manche kriegen eine Gewehrkugel ab und rennen einfach weiter. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir vorhatten, ich wünschte mir nur ernsthaft, es möchte schnell gehen. Da es ihnen wichtig war, dass ich mich vollständig entleert hatte, wollten sie mir vielleicht den Bauch aufschlitzen. Wozu? Um in meine Eingeweide reinzugucken? Oder vielleicht, um mich auszuräumen? Leber Lunge Niere Darm, alles auf einem Haufen? Wollten sie mir vielleicht das Herz aus der Brust reißen, wie es die Azteken mit ihren Opfern taten? Oder sollte die Sache mit dem Abführmittel einfach nur verhindern, dass ich ihnen im Augenblick des Todes ihren kostbaren schwarzen Altar vollscheiße? Sagt man ja von Sterbenden, dass sie sich nochmal lösen, mit ihrem letzten Atemzug, oder ihrem Todesschrei, hab ich jedenfalls irgendwo mal gelesen. Idiotisch, was man alles so liest, und man erinnert sich dran, obwohl man ja gar nicht weiß, ob es überhaupt stimmt. Vielleicht wollten sie mir auch die Kehle durchschneiden, ja, warum nicht, sie könnten mich an den Füßen aufhängen, dachte ich, und mir die Kehle durchschneiden, und das Blut unter mir in einem Eimer auffangen, vielleicht wollten sie mit dem Blut noch irgendwas anstellen, und wenn sie das machen wollten, konnte ich nur hoffen, sie würden dabei die Halsschlagader erwischen, so dass es schnell gehen würde, und ich würde das heiße Blut an meinen Wangen hinuntersprudeln fühlen, so dachte ich mir das aus, während ich da saß, in der Dunkelheit.

So oder so, sie würden mit mir machen, was sie wollten, denn sie konnten das, sie hatten die Macht über mich. Seltsam, sie würden in dem Augenblick, das sie es machten, sich unendlich mächtig fühlen, sie würden schwellen vor Macht, sie würden sich groß und rein fühlen, möglicherweise würde der eine oder andere von ihnen sogar einen Steifen bekommen – und sie würden nicht merken, dass sie sich gerade in diesem Augenblick selber in den tiefsten Dreck traten, unterhalb der Linie, wo das Menschliche beginnt. Sagt man doch, sie würden entmenscht sein. Gutes Wort, dachte ich da auf der Liege, als ich in’s Dunkel starrte. Entmenscht. Ihr entmenscht mich nicht, wenn ihr so etwas mit mir macht, ihr entmenscht euch selber. Ihr seid Menschen, ihr könntet Menschen sein, und nun seid ihr im Begriff, euch zu entmenschen. Das ist etwas, was Menschen offenbar können, sich selber entmenschen. Vielleicht empfinden sie ihre Menschlichkeit als Last, als Gepäck, also gehen sie hin und entmenschen sich, dann fühlen sie sich gleich besser und denken, jetzt sind wir groß, jetzt erst. Demnach wäre Menschsein so etwas wie ein Geschenk, eine Gabe, eine Gnade, die wir wegwerfen können, wenn sie uns lästig wird, wir wollen keine Menschen mehr sein, also entmenschen wir uns. Die waren im Begriff, das zu tun. Die hatten sich drangemacht, mich zu vergewaltigen, irgendwie war ihnen die Gnade dazwischengekommen und hatte verhindert, dass sie einen hochbekamen, nur, sie haben das nicht als Gnade verstanden, sondern als Schmach, in Wahrheit hatte die Gnade gegen ihren Willen, in letzter Sekunde, verhindert, dass sie sich entmenschten, nun wollten sie alles nachholen und mir den Bauch aufschlitzen oder mir das Herz aus dem Leib reißen, was immer. Sie wollten sich mit Gewalt entmenschen, denn ihre Menschlichkeit war ihnen lästig.

Natürlich, sie beteten Satan an, und sagten, Satan ist der wahre Gott.

Einmal dachte ich auch im Halbschlaf, wenn der Azazel so gierig darauf ist, dass ich für ihn abgeschlachtet werde – was hat er eigentlich davon? – warum zeigt er sich mir dann nicht? PF und Balbutin hatten ihn im Zimmer des Burroblast gesehen, also würde er doch auch in diesem Loch hier erscheinen können, um sich an meinem Anblick zu weiden?

Und ich dachte, wahrscheinlich wird er sich zeigen, wenn ich sterbe, das wird dann ein großer Augenblick sein für die Entmenschten, sie werden sich gerechtfertigt fühlen, und wenn ich Pech habe, wird das Vieh das letzte sein, was ich sehe in diesem Leben.

Aber vielleicht, so dachte ich weiter, wird sich auch der Galgenvater über mich beugen und dabei grinsen, wird mir in’s Gesicht sehen, wenn ich sterbe, und die Schnauze von dem Galgenvater wird mein letzter Ausblick sein, besser, ich mach dann die Augen zu.

Ja, dachte ich, das ist es. Wenn die anfangen, wenn die anfangen mit dem Ritual, ich guck nicht mehr, ich mach die Augen zu, sofort, und dann mach ich die Augen nicht mehr auf, egal, wie weh es tut, egal, was die mit mir machen, ich guck nicht hin, ich seh nichts, und wenn ich Glück hab, schlaf ich ja sogar ein, mit geschlossenen Augen, und alles verschwindet, und ich kriege es gar nicht richtig mit.

Ich will nicht sterben, dachte ich, ich will nicht, ich habe doch noch so viel vor.

Und ich lag da in der Dunkelheit und redete zu PvM und murmelte, bitte komm doch, bitte komm, rette mich, komm doch her und rette mich.

(Nachricht vom 11.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 12.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)