Banshee Neue Folge 143

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich hab nur undeutlich in Erinnerung, was passierte. Die Polizisten und die Leute vom MAD haben mich wieder und wieder bekniet und ausgequetscht, vor allem wollten die wissen, ob die Leute, die da auf dem Hof sich versammelt hatten, dieselben waren wie dann am Strand. Ich weiß es doch nicht. Einige hab ich wiedererkannt. Glaub ich mal. Sorry. Ich hab diese Schatten gesehen. Schatten mit Hauern in den Mäulern. Ich war einfach glücklich. Klingt, ich weiß nicht wie. Aber es stimmt. Ich spürte diesen Wirbel von Farben um mich herum, ich spürte die Berührung der Sonne am ganzen Leib, und überall war dieses Krabbeln und Tupfen, winzige Mäulchen saugten auf meiner Haut, Mäulchen so bunt wie ein Regenbogen, ich spürte selbst den Kies unter meinen bloßen Füßen, und ich dachte, ja, ich dachte, ich muss jetzt sterben, jetzt ist es soweit, jetzt machen die es wahr und bringen mich um, und ich war glücklich.

Ich war glücklich, weil ich den Tag noch einmal sah, und die Sonne, und weil ich begriff, nichts zählt als der Augenblick. Jetzt, dachte ich, Erfüllung. Ich war das nackte Mädchen unter einem Haufen von Kerlen, die waren Finsternis, und das Licht kümmerte sich nur um mich, ich war, um die es ging, und ich sah diese Ghoule an, oder vielmehr, ich sah sie nicht an, ich sah an ihnen vorbei, und ich dachte, ihr behaltet nicht recht, ihr seid die Finsternis, und es ist eure Schuld, wenn ihr da drin bleibt, da unten, in eurem Loch. Was immer ihr mit mir macht, es ist eure Schande, nicht meine.

Ich glaube, mit kam sogar das Wort „Schmach“ in den Sinn. Was immer ihr mit mir anstellt, dachte ich, ihr beschmutzt euch selber damit, nicht mich.

Es geschahen Wunder, und ich kann sie nicht beschreiben. Wie auch. Mein ganzes Leben hab ich darauf gewartet, dass das Wunder geschieht, dass alles besser wird, und jetzt sah ich, das Wunder war schon immer geschehen, alles war gut. Das Licht kümmerte sich um mich, das Licht umkleidete mich, ich war das nackte Mädchen, von Licht umkleidet, und ich begriff, das war ich schon immer gewesen, ich begriff, ich war noch nie allein gewesen, noch nie, das Licht war immer um mich herum gewesen, zu allen Zeiten. Und die in der Finsternis waren dort, in der Finsternis, weil sie dort sein wollten. Und sie konnten versuchen, mich zu zerstören, mich zu quälen, und es würde ihnen gelingen, denn sie hatten ja die Macht dazu, sie konnten machen, dass ich meine eigenen Schreie hören würde, sie konnten mich verstümmeln, mich vergewaltigen – nichts und nichts und nichts davon würde irgendetwas daran ändern, dass sie sich mit jedem einzelnen Akt der Gewalt, verübt an mir, selber nur immer tiefer noch in die Finsternis drücken würden, immer tiefer hinunter in den Dreck, rettungslos zum Schluss, und das Licht würde immer noch einzig um mich sich kümmern, egal, wie zerstört ich sein würde.

Ihr seid verurteilt, dachte ich, ihr seid die Versager, jeder eurer Siege über mich ist eure Niederlage, mit jeder neuen Misshandlung offenbart ihr euch mehr als der Dreck, der ihr seid, ihr seid nicht als Dreck geschaffen, denn als ihr geboren wurdet, war auch über euch das Licht, aber jetzt macht ihr euch zu Dreck, und mit jeder Sekunde, die verrinnt, versinkt ihr tiefer im Sumpf.

Mit jedem eurer Siege tretet ihr euch tiefer noch in die Niederlage hinein, und weil ihr das spürt, denkt ihr, wir müssen immer fester noch siegen, immer noch mehr siegen, dann wird das! – so wie einer, der im Sumpf versinkt, anfängt zu strampeln, obwohl er doch wissen müssten, sein Strampeln zieht ihn immer tiefer hinunter.

So waren sie versammelt auf dem Hof, ihrer zwölf oder so, und standen um mich herum, zwölf herum um das nackte gefesselte Mädchen, und schwollen im Gedanken an die Macht, die sie hatten über das Mädchenfleisch, das war ihre Größe, sie bildeten sich das ernsthaft ein, sie glaubten, wenn sie einem nackten Mädchen ein Hundehalsband um den Hals legten, zeige das ihre Macht ihres Größe ihre Stärke.

Das war, was ich sah, sorry, ist mir schon klar, dass all das der Polizei nicht viel weiter hilft, oder den Geheimdiensten, aber für mich war es wichtig, für mich war es das einzige, was überhaupt zählte.

Ja, ich glaube, die da auf dem Hof um mich herum standen, waren die gleichen, die nachher starben, am Strand. Der Galgenvater war ja dabei, und ziemlich dicht bei mir stand auch der mit dem Revolver, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, sie waren wohl alle da, das waren die Aktiven, die Gefolgschaft, die Anhänger, denen der Burroblast versprochen hatte, sie würden Führer sein in der neuen Weltordnung.

Mitten auf dem sonnedurchfunkelten Hof – und ich sollte noch sagen, nur damit ihr das richtig versteht, es war wirklich heller Vormittag, und die Straße, an der das Anwesen lag, war offenbar so einsam, dass die überhaupt keine Angst vor Entdeckung hatten, keine Angst, dass da unversehens einer von der Straße hereintreten könnte – mitten auf dem Hof war eine breite Sitzbank aufgebaut, eine Bank mit sechs Beinen aus Stahlrohren, und auf dieser Bank saß ein Ungeheuer.

Ich wusste sofort, das war der Burroblast. Ich war mit dem Sturm aus Licht beschäftigt, und mit dem Tumult meiner Gedanken, ich sah nicht viel, aber das Wesen da auf dieser Sitzbank, das erkannte ich, aus den Erzählungen von PF und Balbutin, das war der Burroblast.

Ungeheuer fettes, krötenhaftes Tier, das Teil war so fett, dass es zu allen Seiten über die Bank hinwegquoll, ich begriff überhaupt nicht, wie der sich auch nur im Sitzen aufrecht halten konnte, der war wie eine ungeheure Masse von quabbeligem gelbem Teig, Teig von der Farbe von Vanille, oder von rohem Kuchenteig, und irgendwo in der Masse pulsierte etwas, etwas wie ein kämpfendes Herz, das verzweifelt versuchte, die Masse am Leben zu erhalten.

Und ich sah, dass die Masse Hauer im Maul hatte, die größten Hauer von allen, und natürlich half auch das nachher der Polizei nicht weiter, aber ich weiß, was ich gesehen hab, das Maul war feucht und quallig und quappig, und die Hauer troffen vor Sabber, und das Maul bewegte sich und rühmte und quakte und trötete, ich guckte nur halb hin, einmal, weil meine Aufmerksamkeit so gefangen war von dem bunten Licht um mich herum, und zum anderen, weil die quallige Masse da auf der Bank gar zu ekelig war.

„Da ist sie also“, ölte die Stimme, die kam heraus aus dem quappenden Maul wie sämiger Seiber. „Da ist sie also, und will widerstehen dem Geschick, und versteht nicht das große Geschick über ihr, oh Heil und nochenmals Heil! wer hätte solcher Stunde sich versehen! und ist jetzt dennoch gekommen die Stunde die herrliche Stunde!“

Also, das Ungeheuer saß auf seiner Bank, und hielt sich zur Seite seiner wulstigen Massen mit den Händen fest auf der Bank, und ich stand vor dem Ungeheuer, Leine um den Hals, neben mir stand der, der die Kette hielt, und im Halbkreis herum um mich standen die Schattengestalten, zum Teil hinter mir, zum Teil zu meinen Seiten, und hinter dem Ungeheuer auf der Bank stand der Galgenvater, so hab ich das in Erinnerung, so hatten sie mich hingestellt, nacktes Mädchen inmitten des Hofes, nacktes Mädchen in Kette und Hundehalsband, und der Burroblast betrachtete mich wohlgefällig von oben bis unten, sein Blick troff vor Speichel, und der Speichel zog Fäden.

Für einen Augenblick war Stille, und ganz plötzlich, ohne jeden Übergang, schrie der Burroblast los. Schrie mich an, mit gellend erregter Fistelstimme. „Begreif das doch endlich! Juble über dein Geschick! Du bist es! Du bist das herrliche Opfer! Das Opfer, das die Welt rettet!“

Und sogleich wurde seine Stimme wieder ölig und fett, die Lippen schmatzten breit, da war etwas wie ein feistes Lächeln zwischen den Hauern, und die Stimme nölte: „Willst das natürlich nicht wissen, denkst nur an dein kleines Leben, oh, aber du bist die Auserwählte, du willst das nicht sehen, und dennoch hat dich der Herr beim Namen gerufen, auf dich hat gezeigt der Erhabene mit seinem Finger, auf dich, diese da will ich, hat gesagt der Erhabene, oh willst du nicht tanzen ob deiner Erwähltheit!“

Das letztere war ein Ausruf, keine Frage, und ich kann nicht sagen, wie die Polizisten sich nachher aufgehängt haben an dieser Aussage, „der Herr hat dich beim Namen gerufen“, hat der Burroblast wirklich behauptet, sein Azazel habe meinen Namen genannt, ja, er hat das so gesagt, also ehrlich, mir war das sowas von egal.

„Hier und heute“, schleimte der Burroblast, und ich begriff, er redete zu seinen Anhängern, „von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt behaupten, ihr seid dabei gewesen.“

Und wieder brüllte er unvermittelt los. „Begreift das! Begreift die Gewalt! Ihr seid die Auserlesenen die Auserwählten, euch ist das geworden! Ihr seid die Berufenen! Mit euch mit eurer Tat beginnt die Wende der Welt! Begreift das! Begreift das doch!“

Warum brüllt der so, dachte ich, die werden schon wissen, warum sie hier dabei sind.

Und es war vielleicht meine Irritation, die mich schärfer hinsehen ließ, und im Maul von dem Galgenvater kreiste wieder die Zungenspitze, immer rundum, und ich sah, dass seine Augen flackerten, über die Schattengestalten hin, er stand hinter seinem fetten Bruder, der Galgenvater, wie in alten Zeiten ein Minister gestanden haben mag hinter dem Thron des Königs, bereit, sich jederzeit niederzubeugen und dem Mächtigen Ratschläge in’s Ohr zu blasen, das sah ich trotz des bunten Gewirbels aus Licht um mich herum, und ich dachte, was ist los, warum guckt der so beunruhigt, was läuft falsch, und warum brüllt der Burroblast so, die hören ihm doch zu, die hängen doch sowieso an seinen Lippen, er ist der Chef, er ist der Obermächler, er ist der, der sagt, wo’s lang geht …

Und ich begriff mit einem Schlag, was da falsch lief, was da schief lief, und das war ich, das nackte Mädchen.

Der Galgenvater hatte den ganz großen Auftritt des Burroblast geplant, da sollte noch einmal große Rede stattfinden, die Anhänger im Glauben zu bestärken, zu diesem Zweck war die Thronbank aufgebaut worden, zu diesem Zweck war der Burroblast überhaupt gekommen, zu diesem Zweck war ich in Kette und Halsfessel vor den Thron geführt worden, dass der Burroblast über mich herrschen und regieren könne, dass ich demütig vor ihm stünde, mit gesenktem Kopf, und alle würden in der Runde herumstehen und schwellen im Gedanken an ihre Macht, an ihre sichtbare Macht, Macht über das nackte Mädchen, so groß waren sie …

Nur, es lief ganz und gar nicht so, und das hatte der Galgenvater nicht bedacht. Ihr könnt nicht ein nacktes Mädchen einfach so auf einen sonneleuchtenden Hof hinausführen, ohne dass sich nicht sofort alle Aufmerksamkeit diesem Mädchen zuwendet, besonders wenn die Versammlung aus jungen und gehirnamputierten Glatzen besteht.

Die soffen meinen Anblick, die hingen fest mit Blicken an meinem Hintern an meinen Brüsten an meiner sichtbaren Spalte, an jedem Zentimeter meiner nackten Haut, die glotzten und gafften, die hörten dem Burroblast nicht zu, die bekamen kein Wort mit von dem, was der sagte, also ehrlich, die guckten nicht einmal hin zu ihrem Chef, und daran erkennt man doch den Chef, dass alle ihn angucken, oder? wenn das stimmt, dann war ich in diesem Augenblick der Chef, denn sie guckten mich ja alle an, mit stieren Blicken, der Burroblast guckte mich an, aus seinen verquollenen Schweineaugen, der Galgenvater funkelte mich an, mit stechendem Wutblick, und die Glatzen glotzten mich an, mit leeren Blicken, in denen lag nur ein Gedanke, wie sie so schnell wie möglich in einen Winkel finden könnten, um sich im Gedanken an meinen Anblick einen runterzuholen.

Der Galgenvater, als der hellste unter der Blase, begriff, dass die Sache vollkommen aus dem Ruder lief. „Wir erwarten nicht, dass die irgendwas versteht“, rief er mit heller Stimme in die Runde hinein, ohne mich anzusehen. „Das muss uns auch gar nicht interessieren. Ihre Wichtigkeit besteht nur darin, dass sie das Opfer ist, das Opfer, das wir darbringen. Das Opfer, mit dem wir unserem Herrn Azazel unseren Glauben bezeugen. Deswegen, und nur deswegen, haben wir die hier hoch geführt, damit ihr das versteht und erkennt. Habt ihr das verstanden?“

Und, kaum glaublich, er erhielt keine Antwort, die Glatzen stierten derart selbstvergessen auf mich, das sie ihrem Boss gar nicht zugehört hatten. Ich stand mitten unter ihnen, aufrecht, und die Sonne spiegelte und funkelte auf meiner Haut, ich war das Mädchen im Licht, und sie starrten mich an, heraus aus ihrer Finsternis, ich war der Mittelpunkt der Welt.

„Habt ihr das verstanden????“ brüllte der Galgenvater.

„Ja, Chef“, antworteten sie mürrisch und unter Füßescharren.

„Dann  ist das jetzt erledigt hier“ sagte der Galgenvater, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen geschäftsmäßigen Anstrich zu geben. „Kein Wort weiter. Ihr wisset alle den Plan, zieht euch zurück und bereitet euch.“

„Ja, Chef“, maulten sie wieder, und ich sah, dass der Burroblast noch etwas sagen wollte, aber sein Brüderchen stach ihm mit dem Finger irgendwo hinein in die Fettmassen, und er blieb still, und ich hörte an dem allgemeinen Trampeln und Füßescharren, dass die Glatzen sich entfernten, widerwillig, ich glaube, sie drehten sich bei ihrem Abgang wieder und wieder um, um noch einen letzten Blick auf mich zu erhaschen, das waren solche Idioten, und der Burroblast winkte mit seinem Kinn, in einer Geste, die er wohl für herrscherlich hielt, und ich fühlte wieder den Zug an meinem Hals, und das war’s.

Ich wurde in der gleichen lächerlichen Prozession wieder nach unten gebracht, in mein Gefängnis, wie ich hinaufgebracht worden war, der Onkel Doktor mit der Kette in der Hand neben mir, der mit dem Bleistiftstrich auf der Oberlippe hinter mir, Blick fest auf meinen Hintern geheftet, ich spürte das, und uns allen voran der Galgenvater.

Unten führten sie mich bis vor diese Liege, und da löste mir der Onkel Doktor, ich konnte es gar nicht glauben, beide Handschellen, vielleicht aus Irrtum, ich weiß es nicht, zum ersten Mal seit meiner Entführung war mein linkes Handgelenk wieder frei, und er warf die Handschellen einfach auf die Liege, und sie sagten nichts mehr zu mir, sie verließen wortlos den Raum, schlossen die Tür, die sank ins Schloss mit dem gleichen dumpfen Trommellaut wie immer, und ich war allein, ich blieb einen Augenblick stehen, dann setzte ich mich nieder auf der Liege, saß da ungefähr so, wie auch der Burroblast auf seiner Bank gesessen hatte, leidlich aufrecht, die Hände zu beiden Seiten nach der Kante der Liege greifend, und dann griff ich mit meiner rechten Hand nach meinem linken Handgelenk und rieb es und massierte es, und ich zitterte dabei, aber nur ein bisschen.

Ich lebe immer noch, dachte ich.  

(Nachricht vom 10.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 11.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)