Banshee Neue Folge 142

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Das Licht fiel über mich wie ein lautloser Wasserfall, da war auf einmal überall Glanz, Schmetterlinge tanzten, ich sah meine Schultern glänzen, und der Wind wirbelte Schleier um mich, ich sah die Gestalten um mich herum wie Schatten, dunkle Ghoule, sie hatten Hauer in den Mäulern, die sah ich noch am deutlichsten, aber ich guckte gar nicht richtig hin, da war überall dieses Licht mit seinen Regenbogenfarben, Schwälle von Licht ergossen sich über meinen nackten Körper, und immer noch mehr, das Licht schwamm herbei als ein Rudel neugieriger Tiere, umschmeichelte mich, schwärmte um mich herum, versuchte an mir zu knabbern, ich trieb in einem Ozean aus buntem Licht, bunt und schillernd wie Seifenblasen, und ich begriff, ich machte das Licht neugierig, das Licht konnte sich keinen rechten Reim auf mich machen, es kam herbei und umfloss mich und stöberte an mir herum, ich fühlte zartes Picken auf meiner Haut, das Licht fragte, wortlos, na sag mal, wer bist denn du, und ich antwortete glücklich, ich bin hier, ich bin ich …

Ich fühlte etwas wie ein Ziehen an meinem Hals, ich wusste, das war die Leine, das war die Halskette, und ich gab bereitwillig nach, nicht aus Gehorsam, sondern weil ich dem Druck nicht die Ehre geben wollte, Widerstand zu leisten, ihr seid es nicht wert, dass ich mich euch widersetze, dachte es in mir, und ich begriff, dass man den Ghoulen dieser Welt auch gehorchen kann aus Verachtung, sie haben manche Macht in dieser Welt, die Macht ist ihnen gegeben, und dass sie die Macht ausüben, ist ihre Schande, im Ausüben ihrer Macht bezeugen sie ihre Verworfenheit, sie könnten es auch lassen, sie müssten diese Macht nicht ausüben, sie tun es, weil sie schmutzig sind …

Jeder hat die Macht zu zerstören, dachte ich glücklich, noch der Niedrigste hat diese Macht, und er erhebt sich zu Größe, wenn er die Macht nicht ausübt.

Und das Licht flatterte eifriger um mich herum, da war ein Gefühl auf meiner Haut wie von Millionen Schmetterlingsflügeln, absurd zärtlich, da waren nicht nur die Flügel der Schmetterlinge, sondern auch noch ihre Beinchen, denn sie setzten sich immer wieder auf mich, um mit ihren zarten Rüsseln auf meiner Haut herumzutupfen, sie wollten unbedingt wissen, wie ich schmecke, und die sechs krabbelnden Beinchen jedes Mal und das Tupfen und leise Saugen des Rüssels, das juckte so süß und zierlich, dass ich ziemlich sicher bin, ich lachte, ich glaube nicht, dass die Ghoule das merkten, die merkten auch nichts von dem Licht, sonst hätten sie mich sofort losgebunden, sie wussten gar nichts, sie schwollen in ihrer Größe und Wichtigkeit, und sonst sahen sie nichts, sie sahen ihre Einbildungen, nicht die Wirklichkeit, das Licht war die Wirklichkeit, diese Regenbogenfarben waren die Wirklichkeit, die Millionen Schmetterlingsflügel, die Ghoule sah nur das Schattengrau ihrer Wichtigkeit, und die Wichtigkeit maßen sie an der Größe der Hauer, die sie in den Mäulern trugen, ah, dachte ich, deshalb stechen die Hauer so hervor, die dienen denen als Maßstab, wer die größten Hauer hat, der ist denen Chef …

Aber wer die größten Hauer hat, dachte ich, der ist doch der letzte Dreck …

Ich war das nackte Mädchen, umkleidet von Licht, und sie waren die in der Finsternis.

Ich bin der Star hier, dachte ich wieder und mahnte mich gleich selber, was für ein unpassender Ausdruck, aber da war das Licht anderer Meinung, es interessierte sich nicht für die Ghoule, es interessierte sich nur für das nackte Mädchen, es stöberte an mir herum und flüsterte auf meiner Haut und prüfte und untersuchte mich, als wollte es gar nicht glauben, was es sah …

Ich erkannte nur undeutlich, was es mit den Ghoulen auf sich hatte, ich wollte es gar nicht wissen, ich war so glücklich über die Aufmerksamkeiten des Lichts, dass ich auf die Handschellen an meinen Handgelenken gar nicht mehr achtete, nicht auf die Leine um meinen Hals, ich begriff, dass ich in die Mitte des Hofs geführt wurde, und dort wartete das Rudel auf mich, zehn Ghoule so ungefähr, alle die gleichen undeutlichen Schattengestalten, alle mit diesen Hauern im Maul, an denen sie gegenseitig ihre Größe erkannten, und sie hatten gar keine Größe, nicht in dieser Welt, und weil sie keine Größe hatten, weil sie nichts und niemand waren, mussten sie ein nacktes Mädchen an die Leine legen, das schuf ihnen diese Illusion von Größe, sie sagten sich, da sieht man es doch, wir haben Macht, und sie verwechselten Macht mit Größe, und ich dachte, mit einem verwischten, undeutlichen Gedanken, an PvM, dachte an das aufleuchtende Entzücken in den Augen des alten Mannes, wenn er mich ansah, und ich begriff, der hatte noch nie versucht, Macht über mich auszuüben, der ist groß auch ohne Macht, der lässt das nackte Mädchen herumspringen in seinem Garten, wie es will, der legt dem nackten Mädchen keine Handschellen an, keine Leine um den Hals, hat der nicht nötig, der ist groß auch ohne das …

Und die Dinge rückten sich zurecht in mir, in diesem Augenblick.

Die Ghoule sind gar nichts in dieser Welt. Sie können nur zerstören. Wenn sie zerstören, denken sie, unsere Macht. Sie können nichts erschaffen. Sie müssen die nackten Mädchen an die Leine legen, weil sie Angst vor ihnen haben.

Scheißangst.

Sie hatten einen so großen Auftritt geplant, einen so großen Augenblick, der Galgenvater, die Glatzen. Im Rückblick staune ich darüber, wie sie so blöd sein konnten.

Sie wollten mich vorführen, nacktes Mädchen an der Leine, zur Demonstration ihrer Macht, ihrer Größe, und es passierte das Gegenteil.

Ihr könnt nicht ein nacktes Mädchen auf den Hof hinaus führen, hinaus in die leuchtende Sonne, ohne dass nicht sofort alle Blicke sich richten auf das Mädchen, wirklich alle, alles Licht kümmert sich in diesem Augenblick nur noch um das Mädchen, aller Augen folgen ihr.

Es gibt kein Wesen in der Welt, das so auffällig ist wie ein nacktes Mädchen, das hätten diese Idioten eigentlich wissen müssen. Sie waren so besoffen von ihrer Hoffnung auf Macht, dass sie sich verkalkuliert hatten, völlig, aus der Demonstration wurde ein Desaster.

(Nachricht vom 09.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 10.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)