Gefängnisse

In den Straßen der Revolution blühte die Armut auf, mit ihr die Prostitution.

Und in den Palästen redeten die neuen Machthaber feierlich von Proklamationen, von Freiheit und Gleichheit, von der Neuorganisation des Staatslebens, von der neuen Erziehung der neuen Bildung, sogar von der neuen Religion, die man einführen wollte, Kult der Vernunft.

Die Quellen sprudelten die Quellen quasselten die Quellen schrien.

Oben die neuen Machthaber, gestiefelt, dröhnend der Tritt, Machthaber über das Hackebeil, Herren über Leben und Tod. Aus den Schädeln krachend die Augäpfel, vor Macht. Unbeschränkte Macht. Kein König der alten Zeit hatte je solche Macht gehabt, willkürliche Macht, Zwangsmacht, Willkürmacht.

Unten in den Kellern die gefangenen Frauen.

Zusammenhang.

Schweigen der Quellen.

Und eines Tages lehnte der Brillante sich zurück im Archiv, lehnte sich zurück in seinem Stuhl, rieb sich die staubschwarzen Finger, dachte daran, dass er sich nicht im Gesicht berühren dürfe, er hatte eine leichte Stauballergie, seine Augen waren schon entzündet, häufige Beschwer unter Archivaren oder solchen, die da unten arbeiten, da unten in den Kellern, in denen vormals die gefangenen Frauen gewartet hatten.

Gewartet worauf?

Oben die neuen Mächtigen, die allmächtigen. Unten die gefangenen die entrechteten die wehrlosen Frauen.

Er saß lange so auf seinem Stuhl, zurückgelehnt, der Brillante, und starrte ins Leere.

Trommelte mit den staubigen Fingern auf der Tischplatte.

Wieso, dachte er, wieso sind die nicht runtergekommen und haben sich bedient?

Am Abend ging er aus mit seiner kleinen Freundin, genoss die Stadt, die schlief niemals. So warm die Sommernächte. So warm waren sie damals gewesen, als das Hackebeil niedersauste, im Akkord.

Er sprach mit seiner kleinen Freundin, der Brillante, sprach über dies und das, und dabei hörte er nicht auf zu denken: Wieso sind die nicht runtergekommen und haben sich bedient?

Und dann dachte er, nehmen wir einmal an, es sei im Normalfall eben nicht passiert –

er fühlte einen Ruck, einen inneren Widerstand, im Augenblick, da er dies dachte. Das ist doch lächerlich, erkannte er. Selbstverständlich haben sie es getan. Überall, wo sich neue Machthaber installiert haben, sind sie hinuntergegangen in die Keller und haben die gefangenen Frauen vergewaltigt. Einzig zu diesem Zweck haben sie Frauen ja einfangen lassen. Um sie vergewaltigen zu können. Selbstverständlich haben sie das getan.

Er rief sich zur Ordnung. Er fühlte sein Herz klopfen, wie ein menschliches Herz klopft an der Grenze zur Panikattacke. Der Reihe nach, redete er sich zu, während er gleichzeitig zu seiner kleinen Freundin sprach, sie saßen in einem Straßencafé, in einem der kopfsteingepflasterten Sträßchen nicht weit von dem Platz, da einstmals das Hackebeil sein Werk verrichtet hatte, Platanenlaub im Schein der sommerlichen Straßenlaternen. Kopfsteinpflaster war schon lange in Unbrauch geraten, aber in den alten Innenstädten verwendete man es wieder, aus Gründen der Traditionserhaltung, und vor allem, weil die alten Fassaden anders nicht wohl zur Geltung kommen mochten. Die Touristen liebten das, die Sträßchen in den alten Innenstädten, für den mobilisierten Verkehr gesperrt, Gang über huckelig holperndes Kopfsteinpflaster, Gang über den Boden der Geschichte.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 09.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)