Banshee Neue Folge 141

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Sie kamen ohne ein Wort auf mich zu. Ich saß auf der Liege, wie immer. So geschah es. Sie stießen die Tür auf und schritten zielsicher auf mich zu. Zwei Glatzen. Und hinter ihnen war der Galgenvater, der blieb unter der Tür stehen, mit offenem Mund, und unaufhörlich kreiselte darin die Zungenspitze um die Lippen. Ich dachte, ohne besonders etwas dabei zu fühlen, ich werde tot sein, und dieses Kreiseln wird immer noch in der Welt sein.

Die eine Glatze hatte Ketten in der Hand. Ich hörte das leise Klirren, als sie nähertraten. Ich hoffe, ich guckte nicht ängstlich, nicht mit ängstlicher Erwartung, ich weiß nicht.

Ich kannte keine von den Glatzen, sie waren noch jung, wie die anderen. Der eine war klein und feist, festes Fett, und er hatte auf der Oberlippe einen strichschmalen Schnurrbart, sauber ausrasiert, mit dem musste er jeden Morgen vor dem Spiegel seine Mühe haben. Sein Gesicht glänzte schwitzig, die hatten das alle an sich, dass sie niemals sauber aussahen. Und sie hatten alle dieselbe Montur an, Springerstiefel, Hosen mit vielen Taschen, auch Seitentaschen, nicht schwarz, eher aschgrau, unbestimmte Farbe, Hemd, mit Schulterklappen, auch nicht schwarz, nicht glänzend schwarz, aber dunkel. Wie wenn man in einen alten Ofen hineinguckt. Die zweite Glatze war großgewachsen, und hatte ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht, als ob sie Onkel Doktor spielen wollte. Ich verstand, dass das Lächeln festgewachsen war, es schwand niemals. Ich bemühte mich, nicht hinzugucken. Sie hatten beide diesen Igelschnitt, wie ich das hasse, an die zu denken, aber die Polizei hat mich wieder und wieder gedrängt, die zu beschreiben, wer hat was gemacht, wie sahen die aus, wer war bei diesem Vergewaltigungsversuch dabei, wer hat die Tabletts mit dem Essen reingetragen, solche Fragen. Die Glatze mit dem Bleistiftstrich auf der Oberlippe hatte eher dunkle Haare, der Onkel Doktor war blond. Sie hatten aber beide raspelkurz rasierte Schädel, so dass die Haarfarbe nicht leicht zu erkennen war. Was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, das sind diese Springerstiefel. Ich glaube, sie waren irgendwie stolz darauf. Die Stiefel glänzten, ich denke mir, sie wurden jeden Tag geputzt, so wie die Köpfe jeden Tag geschoren wurden, wahrscheinlich machten die sich das gegenseitig.

Der mit dem Bleistiftstrich trat auf mich zu und bewegte auffordernd den Kopf, und ich, mal wieder, ich gehorchte. Ich war der Hund, nach dem nicht einmal mehr gepfiffen werden musste. Ich wusste, was von mir erwartet wurde. Ich stand auf.

Beide verschlangen, beide fraßen mich mit Blicken. Der Galgenvater auch. Nacktes Mädchen. Der mit dem Bleistiftstrich machte eine Geste gegen meine Hände, und ich streckte sie aus. Er nahm die hängenden Handschellen, schloss die freie Schließe um mein rechtes Handgelenk, ich guckte nicht hin, ich hörte den Verschluss klicken. Ich ließ die Hände sinken, vor den Bauch, die Kette zwischen den Handschellen war gerade so weit, dass meine Hände vor meinen Leisten lagen, und ich wusste, man konnte meine Spalte sehen, von vorne, ich widerstand der Versuchung, mich zu bedecken, ihr müsst euch schämen, nicht ich. Natürlich schämten sie sich nicht. Ich sah ohne große Überraschung, an den Ketten, die der Onkel Doktor vor sich hertrug, hing ein Halsring. Etwas wie ein breites Hundehalsband, mit matt schimmernden Nieten, das legten sie mir um den Hals. Ich fühlte, das war wirklich ein Hundehalsband, es war innen gepolstert, es schloss ziemlich dicht um meine Haut, und an dem Halsband hing die lange metallene Kette, die behielt der Onkel Doktor in der Hand.

Der mit dem Bleistiftstrich auf der Oberlippe drehte sich wortlos um, wobei er sich bemühte, seinem feisten Fett etwas wie einen militärischen Drall zu geben. Ruckige Bewegung, die dynamisch wirken sollte. Das waren solche Zwerge. Keiner von denen war er selber. Wahrscheinlich waren sie deshalb nicht sie selber, weil sie einfach selber nichts waren. Sie hatten mich nicht einmal vergewaltigen können, als sie es versucht hatten. Sie hatten ihren Steifen nicht hochgekriegt. Jetzt hatten sie ein Hundehalsband mitgebracht, um sich wenigstens die Illusion zu verschaffen, sie wären über mir. Und das wollten sie sein, das wollten sie so bitter, so dringend, über dem nackten Mädchen sein. Ich begriff, dass sie sich vor mir fürchteten, weil ich das nackte Mädchen war, und sie waren gar nichts. Sie hätten sich auch dann vor mir gefürchtet, wenn ich angezogen gewesen wäre. Unter den Kleidern wär ich noch immer das nackte Mädchen gewesen, und sie hätten das gefühlt, jeden Augenblick. Die haben Angst vor der Nacktheit der Frauen, dachte ich. Weil sie wissen, dass sie wehrlos sind gegen unsere Nacktheit. In ihrer Wut denken sie, zerstören die. Demütigen die. Vergewaltigen die. Runtermachen die.

Ich glaube, ich hielt die Luft an. Ich verstand alles, in einem einzigen Augenblick. Der Onkel Doktor nickte mir aufmunternd zu, mit immer dem gleichen idiotischen Grinsen im Gesicht. Vorne an der Tür hatte auch der Galgenvater sich umgedreht, um voranzugehen, nicht ohne noch einen letzten Blick auf mich zu werfen. Der mit dem Bleistiftstrich wartete, und seine Blicke hingen an meinen Brüsten, wie mit Reißnägeln festgeheftet. Der Onkel Doktor ging neben mir her, die Kette in der Hand, die Hundeleine, die an meinem Halsband befestigt war, so ging ich auf bloßen Füßen zur Tür, die Hände in den Handschellen liegend vor den Hüften, und meine Auftritte waren weich, fast lautlos, ich hörte sie dennoch, und um mich herum war das Gepolter der Springerstiefel. Und ich hörte das Gepolter, und begriff alles, in einem Augenblick, ohne dass ich es mir hätte in Worte fassen müssen. Da waren um mich diese drei Gestalten, der Galgenvater, die Glatzen, drei Gestalten, die Männer sein wollten, aber keine waren. Sie wollten das verzweifelt, Männer sein. Um etwas zu gelten in ihrer Welt, mussten sie trampeln in Springerstiefeln, mussten sie drohen und zuschlagen, mussten sie rempeln und prügeln. Alles war Gewalt und Druck und Drohung. Wir schlagen zu, wenn uns was querläuft, wir sind gefährlich. Sie mussten gefährlich auftreten, weil sie in einer Welt lebten, in der jederzeit auf sie eingeschlagen werden konnte. Besser, sie schlugen zuerst.

Dazwischen ich, das nackte Mädchen. Ich musste gar nichts tun, um etwas zu gelten. Ich ging einfach zwischen ihnen, und obwohl ich gefesselt war und dieses Hundehalsband um den Hals hatte, fühlte ich, ich bin der Star. Idiotischer Gedanke, in diesem Augenblick, aber es war so. Ich spürte die Luft auf meiner nackten Haut, ich war wehrlos, und meine Wehrlosigkeit hatte mehr Macht über sie, als sie jemals über mich haben könnten. Sie konnten mich nur zerstören, um meine Macht vom Halse zu haben. Sie konnten mich zu Boden werfen und sich zwischen meine geöffneten Beine drängen und sich in mich rein zwingen, wenn sie denn einen hochbekamen, das konnten sie, und das wollten sie, weil sie keinen anderen Weg sahen, mit mir fertig zu werden. Ich begriff, im Bruchteil einer Sekunde, darum geht es immer. Bei all ihrer Macht, bei all ihrer Brutalität, bei all ihrer Befehlerei geht es immer nur um das eine, um die Nacktheit der Frauen. Sie haben die Macht, aber wir haben den Zauber. Sie fühlen den Zauber, unwiderstehlich, und weil sie keine Männer sind, heißen sie den Zauber nicht willkommen, sondern fürchten sich. Heulen, Schwanz zwischen den Beinen. Statt uns zu lieben, hassen sie uns, weil wir diese Macht über sie haben, weil sie ununterbrochen an uns denken müssen. Ich spürte die Furcht. Flennende Furcht kleiner Maulhelden, kleiner Jungs, die gerne groß sein wollen. Furcht vor meiner Nacktheit, die ihre Blicke zwang, ihre Gedanken beschäftigte. Sie holten sich im Gedanken an mich einen runter, und sie hassten mich dafür, und der Hass endete in diesem lächerlichen Aufzug, der heißen sollte, wir haben die im Griff, wir haben die eingezäunt, wir sind die Herren. Aber es ging um mich, um das nackte Mädchen. Alles was sie taten drehte sich um mich.

Der Galgenvater ging voraus, der Onkel Doktor ging neben mir her, die dünne Stahlkette in beiden Händen, der mit dem Oberlippenstrich ging hinter mir her und hatte dabei einen guten Blick auf meinen wiegenden Hintern, und ich wusste, mein wiegender Hintern hypnotisierte ihn. Ich musste nichts tun. Ich war einfach da. Sie mussten tun, ununterbrochen, um sich zu beweisen, um sich geltend zu machen, um sich durchzusetzen. Ich musste einfach nur da sein. Nacktes Mädchen. Sie waren die Wehrlosen. Um sich gegen meine Nacktheit zur Wehr zu setzen, blieb ihnen nur, mich zu zerstören. Deshalb machen die das, dachte ich, deshalb haben die das gemacht, dachte ich und meinte meine Familie, und alle, die so sind, wie es die in meiner Familie waren. Bei all ihrer Gewalt und all ihren Geboten und Vorschriften, bei all ihrem Islam, oder was sie sonst hochhalten, geht es denen immer nur um das eine: die Nacktheit der Frauen niederzuhalten. Den Zauber zu zerstören, den sie als Gefahr empfinden, als Bedrohung. Sie zwingen uns unter tausend Lagen von Stoff, unter Kopftücher und weite Umhänge, um den Zauber in den Griff zu bekommen. Es gelingt ihnen nicht. Unter den wallenden Klamotten sind wir immer noch nackt, und sie wissen das. Natürlich wissen sie das. Sie denken ja ununterbrochen daran. Wären sie richtige Männer, würden sie es lieben, dass wir ständig in ihren Gedanken sind. Wir wären da, und sie wüssten, ohne uns wäre ihr Leben leer. Für richtige Männer gilt, wir wohnen in ihren Gedanken, immerfort, und also geben wir ihren Gedanken Inhalt und Sinn, und sie sind glücklich und entzückt, dass wir da sind, sie möchten nicht leben ohne uns. Diese pubertären Zwerge hier, diese Krüppel, diese entmannten Schwänze, die hatten einfach bloß Angst vor mir, vor meiner Nacktheit. Sie waren die, die niemals mit dem Gedanken zurechtkommen würden, dass ihre Mutter eine Votze zwischen den Beinen hat, obwohl sie da doch rausgekommen sind.

Also wollten sie mich demütigen, mich erniedrigen. Sie bezeugten damit nur ihre Angst vor mir. Hätten sie keine Angst vor mir gehabt, hätten sie mich einfach respektiert. Respekt, ja. Respekt, weil ich eine Frau bin. So wie alle Männer das tun, die wirkliche Männer sind. Wirkliche Männer respektieren uns Frauen, einfach weil wir Frauen sind. Vielleicht verehren sie uns sogar, und dann und wann sinkt einer von ihnen sogar vor einer von uns auf die Knie, in einer Geste, die der Anbetung nahe kommt. Nicht, weil wir etwas Besonderes geleistet haben oder irgendwas Tolles können oder supergute Noten gehabt haben in der Schule oder was sonst. Sondern einfach, weil wir Frauen sind, und wenn einer ein Mann ist, ist er davon hingerissen, von diesem nackten Wesen, hingerissen, einfach weil das Wesen eine Frau ist.

Die hier waren keine Männer. Aber auch keine Kinder. Die waren nicht einmal richtige Menschen. Verkrüppelte Zwerge.

So gingen wir durch die Waschküche und dann die Treppe hoch, der Galgenvater voran, dann der Onkel Doktor, meine Leine in den Händen, dann ich, auf bloßen Füßen, die kaum hörbar tappten auf dem Stein der Stufen, und hinter mir der mit dem Bleistiftstrich auf der Oberlippe, und der hielt den Blick geheftet auf meinen Hintern, als wär da sonst nichts mehr in der Welt, was noch Geltung haben könnte.

Oben war dieser Flur, und am Ende des Flurs wartete die offene Haustür. Draußen war goldener Glanz, Morgensonne, und ich sah, dass die Luft funkelte, von den Milliarden Wassertröpfchen des Morgentaus, sanfter Dunst, der würde mich gleich umkleiden mit Licht, und ich fühlte, wunderbarer umkleidet konnte kein Wesen sein, als von diesem bunten Morgenlicht.

Egal, was sie jetzt mit mir anstellten, ich würde den Morgen noch einmal sehen, die Sonne.

Danke, dachte ich, danke.

(Nachricht vom 08.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 09.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)