Banshee Neue Folge 140

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich schlief nicht mehr richtig, in dieser letzten Nacht meines Lebens. Ich war froh, unter dem schräggestellten Fenster zu liegen, und ich roch das Salz des Meeres, ich dachte an die Wellen, den weiten Himmel, und ich dachte, das wird alles noch da sein, wenn ich fort bin.

Ich verstand, dass ich die Hoffnung verloren hatte. Die finden mich nicht mehr, dachte ich, die retten mich nicht mehr. Aber das Meer und der Himmel, die werden immerfort da sein. Die Sonne wird da sein, der Regen, die Wolken. Also wird alles gut sein.

Ich dachte an PvM, ich grübelte, ob ich auch immer gut zu ihm gewesen war. Hatte es da böse Worte gegeben zwischen uns, war ich ungeduldig geworden? Niemals, dachte ich zu meiner Erleichterung. Okay, ich war abgehauen, ich hatte ihn in Angst und Schrecken versetzt, er hatte zwei Tage lang auf seinem klapprigen Zweirad die Gärten abgegrast, um mich zu suchen. Und jetzt – ich wusste, der kam um vor Sorge. Aber ich war nie gemein zu ihm gewesen, nie klein, nie boshaft. Alles gut, dachte ich, es war nun einmal nicht anders, aber ich hab doch alles richtig gemacht, ich hab mich gekümmert, um das Haus, um den Garten, schade, dass ich den Teich nicht mehr fertig bekommen hab.

Ich schlief endlich doch ein, da wurde es hell. Seltsam, niemals habe ich einen Vogel singen hören auf diesem Hof, auch nicht in der Frühe, nicht am Abend. Da war immer nur diese Stille gewesen, und das ferne Rauschen des Meeres.

Ich träumte, erinnere mich aber nicht mehr, von was. Ich weiß nur, dass ich von den Schritten erwachte, den üblichen Schritten auf dem Hof, diesem Knirschen im Kies, und ich dachte, jetzt geht gleich die Tür auf.

Tat sie auch, ich drehte mich aber nicht um, wie sonst. Ich lag eingerollt auf der Liege, in meinem Darm grummelte es immer noch, ich hatte die Decke über mich gezogen, und ich hoffte, dass der Kotgestank inzwischen verflogen war, Kotgeruch ist allen Menschen peinlich, niemand will, dass andere wissen, wie es in einem drinnen riecht.

Ich hörte die Tritte der Springerstiefel hinter mir, das Klappern und Klirren der Tabletts, des alten von gestern Abend, das jetzt weggetragen wurde, des neuen, das gebracht worden war. Halb wartete ich darauf, dass wieder gegen die Liege getreten werde, wie an diesem ersten Morgen, aber das passierte nicht, da war nur ein unmerkliches Zögern in meinem Rücken, ein Innehalten, das mich so beunruhigte, dass ich die Luft anhielt. Ich hatte keine Angst mehr vor dem Tod, wohl aber Angst vor dem, was vor dem Tod noch alles kommen könnte. Es passierte aber nichts, der Augenblick verging, und die Stiefel trampelten der Tür entgegen, die Tür schloss sich, mit diesem satten Plauzen, das anzeigte, dass sie luftdicht schloss, und ich war allein.

Ich drehte mich um und sah mein Todesurteil.

Auf dem Tisch stand das übliche Tablett, darauf aber kein Frühstück, sondern lediglich ein große Flasche Wasser, Mineralwasser, und daneben, ich bin immerhin eine Frau, ein Trinkglas.

Sie gaben mir nichts mehr zu essen. Ernsthaft. Sie hatten mir irgendwas in’s Essen gemischt, das meine Därme durchgeputzt hatte, jetzt war ich innerlich sauber, und jetzt bekam ich nur noch Wasser, vor der Schlachtung. Wie man es mit gewissen Tieren macht, bevor man sie tötet, mit Schnecken macht man das, glaube ich, und mit Fischen, die kriegen nichts mehr, bis der Darm leer ist, dann geht’s ihnen an den Kragen, macht man mit anderen Tieren wahrscheinlich genauso.

Ich war das Tier, das Opfertier.

Hatten die sich so ausgedacht, für ihr Ritual.

Ich begriff das nicht, ich dachte an den Galgenvater. Soviel Phantasie haben die nicht, sich sowas auszudenken. Andererseits, wer weiß, was da alles an Anleitungen im Internet rumspukt. Da gibt’s doch alles. Anleitungen für satanische Rituale, Anleitungen zum Selbstmord, Anleitungen für Beschwörungen. Ich meine, Anleitungen, das heißt ja nicht, dass einer das wirklich selber ausprobiert hat. Das heißt nur, dass einer sich das ausgedacht hat. Konnte genausogut in einem Horrorroman gestanden haben, oder vielleicht war es in einem Film vorgekommen? Menschenopfer, und das Opfer muss rein sein. Ausgekotet. Der Burroblast mochte das gesehen oder gehört oder gelesen haben, irgendwann mal, und jetzt hatte er sich wieder dran erinnert, als es darüber nachgedacht hatte, hinter seiner niedrigen Stirn, wir sollen dem Azazel das Mädchen zum Opfer bringen, wie machen wir das richtig. Oder wer weiß, der Galgenvater hatte sich das ausgedacht, oder eine von den Glatzen.

Ich sah mir die Flasche an mit großem Misstrauen, aber die hatte einen von diesen metallenen Drehverschlüssen mit Sicherungsring, und der war unversehrt. Das merkte ich spätestens, als ich den Verschluss kaum aufbekam. Ich habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, Drehverschlüsse aufzubekommen, richtig, ich bin ja ein Mädchen, daheim in Weldbrüggen habe ich ein passendes Instrument in der Schublade liegen, so einen gezähnten Greifring mit zwei langen Armen, da ist selbst ein bockiges Marmeladenglas machtlos, aber hier hatte ich nichts, ich benutzte schließlich einen Zipfel von der groben Decke und legte ihn um den Verschluss und drehte dann und würgte und schraubte, endlich bewegte sich was. Eindeutig, die Flasche war verschlossen gewesen, niemand hatte was reingemischt, und das klare stille Wasser in der Flasche, das war also mein Frühstück, mehr bekam ich nicht.

Ich trank das Wasser, Schluck für Schluck. Das war also meine Henkersmahlzeit, ja? Mein letzter Tag auf Erden. Ich dachte, ich weiß nicht, unbestimmt an alles da draußen. An all die Tiere, um die ich mich nie gekümmert hatte. An all die Blätter und Bäume, von denen ich mich nie verabschiedet hatte. Tut mir leid, dass ich schon gehen muss. Wäre gern noch geblieben. Ich dachte an PvM. Alter, dachte ich, sei nicht traurig, ist besser für dich, wenn ich fort bin. Ich hab dir doch bloß Ärger gemacht. Und du kannst nichts dafür.

Dann war draußen Lärm auf dem Hof, richtiger Lärm. Ich hörte das gewaltige Knirschen von Rädern im Kies, und dann waren sogar Rufe, aber nicht erregt, eher so etwas wie Kommandorufe, in dem Ton, wie sich eben Kinder Kommandorufe vorstellen. Ich hätte mich gern auf die Liege gestellt und versucht, zu dem Fensterspalt hinauszuspähen, aber es konnte jeden Augenblick eine von den Glatzen zur Tür hereingeplatzt kommen, und ich wollte nicht in dieser Stellung erwischt werden, ich wollte nicht wieder diese sabbernden Blicke auf meinem nackten Hintern spüren, so blieb ich sitzen, auf der Liege, die geleerte Wasserflasche vor mir, und in meinem Rücken, auf dem Hof, war dieses Rumoren und Treten und Laufen, hin und her.

Dann waren Schritte im Vorraum, viele Schritte, und ich wusste endlich, ich bin eine von diesen Millionen, vielen Millionen, die es schon gab auf der Erde, eine von denen, die in ihrer Gefängniszelle saßen und warteten, und dann erklangen sie, die Schritte, die Schritte vor der verschlossenen Zellentür, und ich erlebte ihn, diesen letzten Moment, den vor mir schon die Millionen erlebt hatten, diesen letzten Moment des Alleinseins, der Freiheit, und dann würde die Tür aufspringen, und sie würden kommen, mit ihrem Urteil, mit ihrer Endgültigkeit, mit ihrer Macht.

Mit ihrer Macht werden sie über dich kommen, und du kannst nichts mehr tun. Besser, du wehrst dich nicht. Besser, du denkst nicht einmal daran, dich zu wehren.

Schlüssel klapperten im Schloss, und die Tür ging auf.  

(Nachricht vom 07.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 08.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)