Banshee Neue Folge 139

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich schlief. Ich wachte auf und dachte daran, dass die mich umbringen wollten. Ich hatte nichts zu lesen, keinen Fernseher, nichts, was hätte mich ablenken können. Ich lauschte nach draußen, auf jedes Geräusch. Ich legte mich wieder hin, schlief fast sofort ein. Ich wachte auf, dachte, die trauen sich nicht. Dachte, die haben es sich anders überlegt. Die hätten es doch sonst längst getan.

Dann überfiel mich Angst, mir schlug das Herz hoch bis in den Hals, das sagt man so, aber ich spürte mein Herz wirklich schlagen, in der Kehle, in dicken polternden Schlägen, ganz oben, in Höhe des Zäpfchens, als wollte es raus, als wollte es rausgekotzt werden. Die Angst war so laut, dass ich pinkeln musste, scheißen konnte ich trotzdem nicht. Ich würgte vor Angst. Die wollen mich umbringen. Ich will nicht sterben. Tod. Was ist das eigentlich.

Ich dachte an diese Nacht, als ich vom Balkon gesprungen war. Um dem Konopski zu entkommen. Um meinen Gedanken an den Konopski zu entkommen. Da hattest du doch sterben wollen, sagte ich zu mir, also bitte, jetzt passiert es.

Ja, aber das war damals. Jetzt, jetzt ist PvM. Weldbrüggen. Das Häuschen. Der Garten die Katzen der neue Teich. Der Himmel, der Fluss. Ich dachte an den Fluss, den Weld, ich dachte, es ist doch Sommer, wir sind viel zu selten dort spazieren gegangen.

Dann dachte ich wieder an PvM. Wenn ich hier umkomme, wird der sich das nie verzeihen, der wird lebenslang dran denken, der wird denken, er hat nicht genug auf mich aufgepasst. Und die anderen. Wird da immer und immer dieser Vorwurf sein an PvM, du hast die doch zu dir geholt, also, warum hast du nicht ordentlich auf die aufgepasst?

Ich will das nicht, ich will nicht, dass die so denken, ich will nicht, dass das so endet.

Dann wieder überlegte ich, sterben, Tod, was soll das eigentlich heißen. Ich verband keinen Sinn mit diesen Worten. Damals, als ich vom Balkon sprang, da hatte ich noch ein Ziel gehabt. Tod, sterben, das bedeutete für mich: es soll alles aufhören, dieses Denken soll aufhören, dieses kreiselnde unaufhörliche Denken an das, was mir der Konopski angetan hatte. Ja, deshalb hatte ich sterben wollen. Damit das Denken aufhört. Eigentlich hatte ich gar nicht sterben wollen. Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Ich hatte dieses Denken stillmachen wollen. Ich hatte gewollt, alles soll endlich still sein. Ich wollte nicht mehr wach sein, ich wollte nicht mehr denken müssen. Es sollte so sein, wie wenn man in Nebel läuft. Dicht gepackt in weiße Watte. Das war es, was ich gewollt hatte.

Die wollten mich umbringen. Würde es schnell gehen? Würde es wehtun? Ich bin ein Mädchen, ich hatte am meisten Angst davor, dass es wehtun würde. Wie würden sie es machen? Sie hatten Revolver, das hatte ich gesehen. Wo würden sie es machen? Hier unten, in diesem Loch? Nein, hier unten würde es nicht passieren. Sie hatten ein Ritual vor, sie würden ihren Azazel beschwören. Ich würde ein Ritual über mich ergehen lassen müssen. Würden sie mich vorher quälen, um so richtig ihren Spaß dabei zu haben. Würde ich mich schreien hören? Würde ich mich selber hören, wie ich um mein Leben bettelte?

Bitte nicht, dachte ich, bitte.

Und dann hatte ich wieder Momente, da dachte ich, ich will bloß noch, dass das alles vorbei ist. Macht doch endlich. Dass ich es hinter mir habe. Dass ich dieses Loch hier hinter mir habe. Dass ich euch hinter mir habe. Euch mit euren Tabletts und eurem verstohlenen Geglotze, euren geilen Blicken, die ich spüre, ich muss gar nicht hingucken, ich spüre eure Blicke wie eine unerwünschte Berührung.

Ihr habt keine Ahnung, dass eure Blicke auf meiner nackten Haut genauso ekelhaft sind, als würdet ihr mit euren schweißigen und klebrigen Händen darauf herumtatschen. Oder doch, vielleicht wisst ihr das, und rächt euch, indem ihr immer noch gieriger hinglotzt, ich kann mich ja nicht wehren.

Sie haben es sich anders überlegt, dachte ich, und jetzt wissen sie nicht, was sie mit mir anfangen sollen, ich habe sie ja gesehen, ich habe den Galgenvater gesehen, ich kann sie identifizieren. Das hatte ich aus irgendeinem Kriminalfilm, oder aus einem Roman, ich weiß nicht, die Täter haben Angst davor, dass das Opfer sie identifizieren kann, deshalb wollen und können sie das Opfer nicht einfach laufen lassen.

Opfer. Ich bin kein Opfer. Die sind Täter, oh ja, und das klebt an denen, das hängt an denen, davon kommen die nicht weg. Aber die bestimmen nicht über mich. Die sagen mir nicht, du bist jetzt unser Opfer. Ihr verfügt nicht über mich.

Dann lag ich und träumte im Halbschlaf, einer von diesen Idioten würde ein schlechtes Gewissen bekommen, er würde plötzlich im Raum stehen und mich am Arm reißen und zischen, wir müssen weg hier, weg, die wollen dich umbringen, frag jetzt nicht, und er würde mich wegbringen, irgendwie, da wäre ein Wagen, da wäre eine Kleinstadt, mit einer Polizeistation, in die würde ich gedrängt werden, da wären fassungslose Blicke, da wäre Gerenne und Telefonieren, ich wäre gerettet.

Oder es wäre plötzlich Lärm im Hof, Autos, viele Autos, vielleicht das Brüllen von Hubschraubern, vielleicht Schüsse. Ich würde gerettet sein, in letzter Sekunde.

Wenn ich wach war, stellte ich mich immer wieder auf die Liege, fummelte an den Fenstern herum. Aussichtslos. Dicke Rahmen, fest in die Fassungen gefügt. Die Fenster ließen sich nicht zurückklappen, nur schrägstellen. Und davor waren die Gitter, die waren in die Hauswand eingemauert, das konnte ich gerade noch erkennen, wenn ich durch den Spalt spähte. Ich konnte sehen, wenn ich schräg nach oben blickte, die Gitterstäbe waren fest vermauert. Ich stieg runter von der Liege und forschte das Zimmer durch, als hätte ich das nicht schon hundert Mal getan. Ich blickte sogar hinter das Klo, sorry, ich guckte nicht nur dahinter, ich kniete mich hin und tastete die Kacheln ab, ob da irgendwo ein Hohlraum sei.

Nichts.

Auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem näherte ich mich der Tür, ich dachte, auf keinen Fall darf der draußen mitkriegen, dass ich die Tür inspiziere. Auch hier fuhr ich mit den Fingerspitzen die Türkanten ab, den Rahmen. Die Tür war eine feuerfeste Metalltür, sagte ich ja schon, eine von der Sorte, wie man sie verwendet, um den Heizkeller zu verschließen. Sie schloss dicht, luftdicht, stellte ich fest, da war nirgendwo eine Ritze, durch den Zug gedrungen wäre. Ich kam hier nicht raus, und ich wäre so gern geflohen, das war mein Lieblingsgedanke, dass ich aus eigener Kraft hier rauskäme, und draußen wäre Wald, und ich würde mich verstecken, und geduckt rennen, bis ich zu Häusern käme, dort würde ich mich flüchten in fassungsloses Gaffen hinein, in irgendeinen Vorgarten hinein, nacktes Mädchen, das ruft, holt die Polizei, lasst mich rein, da sind welche, die haben Waffen, die sind hinter mir her.

Ich kam hier nicht raus.

Dann änderte sich doch etwas.

Ich bekam mein Essen, am Abend. Wortlos auf den Tisch gestellt. Ich aß, und es wurde draußen dunkel, und ich legte mich hin, zog die raue Decke über mich, schlief. Erwachte von einem angenehm vollen Gefühl in meinen Därmen, undeutliches Druckgefühl. Ich schlief wieder ein. Ich erwachte von einem einem beißenden Kneifen in meiner linken Bauchseite, ich hab einen entzündeten Blinddarm, dachte ich, mit auffahrender Panik, ich werde krank hier unten, in diesem Loch, und die wissen nicht, was sie mit mir machen sollen, die lassen mich einfach sterben, und dann jagte es mich hoch, ich musste rennen.

Auf’s Klo.

Ich schaffte es gerade noch auf die Brille, dann kamen die Krämpfe in Wellen, drückten die verhärtete Masse in meinem Leib in meinen Därmen gegen den Ausgang. Ich krampfte und presste, ich hörte drückende Laute aus meiner Kehle. Für Augenblicke saß ich schweißgebadet auf der Brille, nichts war gekommen, dann gingen die Krämpfe wieder los, ich krümmte mich zusammen, dann kamen erste steinharte Brocken, fast freute ich mich, das ist die Verstopfung, dachte ich, die löst sich endlich, raus mit dem Dreck, ich saß und keuchte, Schweiß lief mir aus den Achselhöhlen, an den Seiten herunter, vom Hals herab zwischen die Brüste, und dann krampfte es mich wieder zusammen, und ich drückte und presste, und es kam mehr, ich dachte, jetzt ist es vorbei, rieb mich sauber mit dem hartfaserigen Papier, spülte, wollte mich mit schmerzendem Bauch wieder in’s Bett legen, da ging alles von vorne an, ich schmiss mich mit meinem Hintern auf die Brille zurück, drückte und presste und würgte, wieder ging Land ab, und plötzlich wurde mir klar, das kam nicht von selber, das war nicht die Verstopfung, die sich von selber gelöst hatte, das waren die, die die die, die hatten mir ein Abführmittel in das Essen gemischt, wahrscheinlich in den Tee, ein starkes Abführmittel, und ich begriff, das gehört schon zum Ritual, ich soll vorher scheißen, ich soll, ich soll rein sein oder sowas, keine Scheiße im Leib, sowas haben die sich ausgedacht in ihren perversen Hirnen, und ich wusste, morgen wird es passieren, die werden mit mir machen, was sie sich ausgedacht haben, was immer das ist, das hier ist der Anfang.

Und dann war ein ungeheurer Druck in meinen Därmen, ich blähte mich auf, ganz plötzlich, wie ein Ballon, mein Bauch war auf einmal eine prall gespannte Kugel, und ich bekam keine Luft mehr, weil der Druck von unten her gegen die Lungen presste, und dann barst der Druck, es war wirklich, wie wenn ein Damm birst, krachend und knallend, und es kam ein riesiger Schwall heraus aus meinem After, platschend und spritzend, ich heulte vor Ekel, die Brühe schoss aus meinem Leib wie eine Explosion, Wasser, stinkendes scheißbraunes Wasser in ungeheuren Mengen, literweise, und plötzlich war überall saurer Fäkalgeruch, so dicht, dass ich keine Luft mehr bekam, und dann, dann war übergangslos Frieden in meinen Gedärmen, die taten weh, die fühlten sich wund an und empfindlich, aber es war vorbei, es war Frieden da drin.

Ich brauchte fast eine Stunde, um alles wieder sauber zu kriegen. Ich war im Dunkeln zur Toilette gerannt, und so wischte ich mich erst einmal im Dunkeln notdürftig sauber, die Brühe war mit solcher Gewalt aus mir rausgespritzt, das ich von unten her vollgekleckert war, alles nass, nass und stinkend, ich wickelte mit nassen Fingern an dem Klopapier rum, bis ich mich halbwegs trocken bekommen hatte, das Klopapier durchnässte sich sofort und riss, und ich rieb mit bloßen Fingern in der Scheiße herum, und beschmutzte die Klopapierrolle, als ich neues Papier abwickelte, ich weinte vor Ekel, machte weiter, so gut ich nur konnte, und als ich dachte, dass ich wenigstens nicht mehr tröpfeln würde, stieg ich hinüber zur Tür, zum Lichtschalter, machte Licht, die rotkarierte Lampe tat, was sie sie sollte, ich ging zurück zu der Kloschüssel, sah, was ich gar nicht sehen wollte, die Sauerei war unbeschreiblich, überall Spritzer, nasse Scheiße, selbst an der Wand hinter dem Klo.

Ich nahm den Plastikeimer, goss von dem Reinigungsmittel hinein, der Eimer war zu groß für das Waschbecken, es war mühsam, ihn zu füllen, immerhin stand auf der Ablage ein Zahnputzglas, das benutzte ich, ich musste dreißigmal schöpfen oder öfter, bis der Eimer voll war, vorher und als erstes hatte ich mir die Hände gewaschen, dann machte ich die Toilette sauber, immer wieder mit frischem Wasser, Scheißspritzer überall, auf der Brille, an meinem Hintern natürlich. Ich machte zuerst das Klo sauber, nicht mich, weil ich dachte, ich werd ja beim Putzen sowieso wieder dreckig, und ich arbeitete gewissenhaft, das ist ja mein Beruf, Haushälterin, Haushälterin bei PvM, und dann, als alles sauber roch, richtig sauber, stellte ich mich hin vor das Waschbecken und wusch mich selber, dazwischen musste ich mich noch einmal hinsetzen auf die Brille und pinkeln, da kam Pisse in unglaublichen Mengen, aber nur vorne, hinten kam nichts mehr, und wieder stellte ich mich vor das Waschbecken und wusch an mir herum, obwohl ich längst sauber war, und dann wusch ich mir zum Schluss noch einmal die Hände und taumelte zurück in’s Zimmer, zurück zur Tür, löschte das Licht, fand im Dunkeln zurück zu der Liege, legte mich hin, spürte diesen leichten unbehaglichen Druckschmerz in meinen Därmen, spürte etwas wie völlige Erschöpfung, dachte, das war’s dann, das ist der Anfang, wenn es hell wird, kommen sie und machen mit mir, was sie die ganze Zeit schon machen wollen.

Das ist also der Tod, dachte ich, so fängt das an. Würdelosigkeit. Fleisch und Krämpfe und Angst und Scheiße, das ist er, so ist er, der Tod, so sind die Menschen gestorben, seit die Welt steht, ob sie nun wollten oder nicht.

(Nachricht vom 06.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 07.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)