Die Ulmen III

Die Blätter fielen, in den schauernden Stößen des Windes, und murmelnder standen die Ulmen zusammen, beredeten die Sprache des Winters, die dunklen Nächte, schwarzbraun waren ihre Rinden, sie liebten die Schatten, die Schatten der Nacht, die Schatten des Winters.

Und kam die Kälte, der schwarze Frost. Atemlos standen die Teiche und schweigend, schwarz die Wasser, von regloser Kälte umflossen, dann genügte eine leichte Bewegung, der Flügelschlag eines Vogels, der Auftritt eines Tieres am Ufer, und mit knisterndem Geräusch, flirrend, schloss sich der Spiegel zu blankem Eis, die Erfrierung huschte über das Wasser wie ein blitzender Schatten, gedankengeschwind, und der Teich war versiegelt wie von Glas.

Und schweigend standen die Fische am Grund, rührten sich kaum, wie im Schlaf, nur manchmal schwamm einer empor, langsam, so langsam, und sah nach oben, in die schwarzen Kronen der Bäume unter dem fernen Himmel, sah nach oben, durch den blanken Spiegel, aus dunklen Augen, und verschwand wieder zum Grund.

Und die Ulmen bildeten geschwungene Schattenrisse, eine hochgestreckte Gruppe, dicht aneinander gedrängt, schlanke Gebärden himmelwärts.

Schnell fror der kleine Teich im Strunk, fror bis auf den Grund, verspätete Blätter segelten herab, lagen hart und schwarz auf dem milchigen Eis.

Dann kam der Schnee. Der Wind sauste und stäubte, tanzende Wirbel waren im Schneefall, übermäßige Gebärden, menschengroß zur dunklen Nacht, und das Eis wurde bedeckt, die Ulmen wurden bedeckt, die schwarzen Schattenrisse.

Und die Kälte tiefte sich, unter glitzernder Sonne, so kurz waren die Tage, und schwarz und sternefunkelnd die hohen Nächte, ein Tor tat sich auf unter den Sternen, und Kälte trat heraus, gelassen und groß, und stieg hernieder, dass die Welt erschrak, und erstarrte.

Vielfach war da der Tod, gläsern wurde das Leben, zerbrach beim leichtesten Anhauch.

Groß war der Sturz der Bäume, als die Frühlingsstürme kamen, die erstarrten Stämme gaben nach dem Andruck des Lebens, schollernd tauten auf die Teiche, und vom Grund herauf trieben die Leichen der kleinen Tiere, die erfroren waren, und die festgehalten hatte in ihrer Form der Frost.

Blass wurden die Himmel, von seidenem Blau, und ferne weiße Wolken trieben darin, da begannen die Ulmen zu blühen, kleine Blütenbüschel, Sträuße, drangen hervor aus den spitzen Knospenhütchen, auf dünnen langen Stängeln saßen winzige rote Blüten, roter und gelber Schimmer flirrte durch das schwarze Geäst, unter durchsichtigem Himmel, und Insekten begannen zu summen, einzelne.

Und das Eis brach auf im Ulmenstrunk, in dem kleinen Teich zwischen den schattenden Stämmen, und das Leben sammelte sich, die Tierchen krochen hervor aus ihren Winterkapseln, begannen zu kriechen, zu schwimmen, mehrten sich, die Würmer weideten. Bald kamen die Mücken, legten ihre Eier in das stille Wasser, und die Wasserflöhe hüpften.

Zur Zeit, da sich die dunkelgrünen Blätter der Ulmen aus ihren Knospen falteten, schwammen winzige Pflänzchen auf dem Wasserspiegel im Strunk, wer weiß, wo sie herkamen, ein Vogel mochte sie herbeigetragen haben, aus einem Teich, oder Altwasser. Ein einzelnes grünes Blättchen war jede Pflanze, von hellem Grün und linsenförmig, das trieb auf der Fläche wie das Blatt einer Seerose, und senkte ein Fädchen hinunter in’s Wasser, an dessen Ende saß eine Verdickung, wie eine Spindel, das war die Wurzel. Schnell mehrten sich die Blättchen, sie trieben an ihren Rändern Sprossen hervor, die bildeten eine eigene Wurzel und lösten sich ab und schwammen davon und bildeten selbst wieder Knospen, und bald war ein dichter Teppich auf dem stehenden Wasser im Strunk, und dunkel wurde es darunter, dass die fadenfeinen Algen starben.

Dann breiteten die Ulmen ihre Kronen aus, grünes Dach zur Sonne hin, dem Sommer entgegen, und die kleinen Blättchen, die grünen schwimmenden Linsen vergingen, das Licht fehlte ihnen, sie starben ab und sanken zu Grund, hielten sich nur an wenigen Stellen, wo durch die Ulmenkronen noch Sonne herunterdrang, und es wurde wieder heller in dem schwarzen Gewässer, die Algen wiegten wieder ihre wehenden Fäden.

Da saßen wunderliche Geschöpfe am Grund, mit träge schwimmenden Nesselfäden, Hydren hatten den Teich besiedelt, die nährten sich von den hüpfenden Wasserflöhen. Ein grüner hohler Schlauch war ihr Körper, der hielt sich mit einem Ende fest am Grund, am anderen Ende aber saßen ausstrahlend die nesselnden Arme, mit vielen kleinen Zellen voll Gift, die platzten, wenn das dicke Gehüpfe sie berührte, und hängen blieb es dann, gelähmt vom Gift, gefangen von den Stacheln, die traten aus den silbrigen Armen. Und die Arme griffen zu, fassten und führten die Beute zum Zentrum des Sterns, hinein in den grünen Schlauch, dort begann Verdauung ihr Werk, so nährte sich die Hydra.

Und noch anderes Leben kroch dahin, das musste mitgekommen sein mit den Wasserlinsen, durchsichtige Eier hatten an denen geklebt, scheibenförmig, mit winzigem schwarzen Keim darin, gekrümmt, und als die Wärme kam, als die Sonne kam, als die Ulmenkronen rauschten, da schlüpften die Tierchen aus der durchsichtigen Umhüllung, und es waren Schnecken, winzig wie ein Punkt im Wasser, doch wuchsen sie rasch.

Ein spitz gewundenes Gehäuse besaßen sie, braun und glänzend, und braun war auch der kleine Körper mit dem runden Kopf, daran saßen nur zwei Fühler, und die dienten zum Tasten, die schwarzen Augenknöpfe aber steckten im Kopf, über dem raspelnden Mäulchen. Von Zeit zu Zeit ließen sie sich los vom Untergrund, die kleinen Tierchen, dann trieben sie nach oben, an die Wasserfläche, dort streckten sie ein kurzes fleischernes Rohr heraus und schöpften Luft, denn Lungen bargen sich in den weichen Körpern.

Von den Algen nährten sie sich, und was sie fanden an erstorbenen Tieren und Pflanzen, unermüdlich öffneten und schlossen sich die Mäuler, und die dicken Zungen raspelten.

So bewegten sich die spitzen Gehäusetürmchen zwischen den Algen, unter den Wasserlinsen, zwischen den Hydren und kleinen weißen Würmern, auf den Wiesen der Trompeten und Glocken, unter dem Gezucke der Mückenlarven und Wasserflöhe, und auf der Oberfläche verfolgten die weitbeinigen Käfer ihre wunderlichen Tänze.

Das war das Leben im Strunk der toten Ulme, das war das Leben unter den murmelnden Ulmenkronen, zwischen den schwarzbraunen Stämmen, die standen dichtgedrängt, eine dunkle Gruppe, geheimnisvolle Rede im Einverständnis.

Drüber zog dahin der Regenhimmel, grau und weiß und hoch, die Wolken würden aufreißen zum Abend, und gehen mit dem Wind, Sterne würden sein, und silbernes Licht des vollen Mondes, und schwarz würden die Gewässer sein, unergründlich die Tiefen, behütet von den Ulmen.

Die lange Reise, so lange.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 06.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)