Banshee Neue Folge 138

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich tappte lange Stunden auf meinen bloßen Füßen in diesem kahlen Raum auf und ab, ich muss eine Spur ausgetreten haben. Die Polizei hat den Ort mittlerweile gefunden, sie haben mir Fotos gezeigt, aber sie haben es mir erspart, noch einmal hin zu fahren. Der Besitzer hat glaubwürdig ausgesagt, sich um die Mieter nicht gekümmert zu haben, der lebt irgendwo in Italien und hat darauf geguckt, dass die Miete regelmäßig einging, damit war der zufrieden. Der Burroblast war der Mieter, unter seinem eigenen Namen. Das ist ein Punkt, über den will die Polizei nicht sprechen, PvM hat sich schon so darüber aufgeregt, dass ich ihn beruhigen musste, ich hab Angst wegen seinem Herz. Die Polizei hätte in den ersten Tagen schon die Adresse finden können, die haben ja in Köln das Büro von dem Burroblast durchsucht. Die Anmietung der Wohnung und die Mietzahlungen waren aber nicht übers Internet gelaufen, sondern auf die gute alte Weise auf Papier, und die Ermittler haben wie hypnotisiert in den PC von dem Burroblast gestarrt, weil ja auch sonst der ganze Sektenbetrieb online abgelaufen ist. Auf die Papiermassen auf seinem Schreibtisch haben die gar nicht geguckt, die haben gedacht, alles Propagandamaterial. Der Mietvertrag für diesen Hof da oben an der Küste lag aber offen auf dem Schreibtisch, der Burroblast hatte ihn bei seinem Abgang wohl einfach vergessen. Als die Sache zur Sprache kam, war es das erste Mal, dass ich Regina habe laut fluchen hören. Die Zeitungen reden in solchen Fällen immer von „Ermittlungspannen“, und als Leser schüttelt man den Kopf. Ich war kein Leser, ich hab drin gehangen. Wenn die den Schreibtisch vom Burroblast gefilzt hätten, wie es sich gehört, hätten die mich am zweiten Tag bereits gefunden und befreit.

Ich begreife nicht, wie sich der Burroblast seiner Sache so sicher sein konnte. Beide eigentlich, der Burroblast und der Galgenvater. Die waren sich im Klaren drüber, dass die Polizei ihnen auf die Spur kommt, aber sie haben gedacht, sie haben ernstlich gedacht, das gehört zum Kampf, wir bringen dem Azazel das Opfer dar, dann stellt der sich an unsere Spitze, dann sind wir seine Leute, dann beginnt der Endkampf, und wir werden Sieger sein, und wir werden die Herren der Erde sein. Ströme von Blut würden fließen, und sie würden über Berge von Leichen hinwegsteigen, aber zum Schluss wäre ihrer die Weltherrschaft. Und der ganze Globus würde anbeten Azazel, den wahren Gott. Das mit dem Blut und den Bergen von Leichen haben die keineswegs als notwendiges Übel gesehen, an dem Gedanken haben die sich vielmehr einen runtergeholt. Weltherrschaft ist schön, haben die sich gedacht, aber erst der herrliche Weg dorthin! All das Machthaben und Massakrieren, all die Herrschaft über Leben und Tod! Die haben sich wirklich auf dem Weg zum Gottesstaat gesehen, und als sie vor meinem Zimmer Wache geschoben haben, kahles Zimmer mit nacktem Mädchen drin, haben sie gezittert vor Erregung und gedacht, das ist der Anfang, jetzt beginnt die neue Zeit, jetzt beginnt ein neues Zeitalter, und wir machen das, wir machen alles neu, ein neues Weltalter dämmert herauf.

Mir tut die blöde Frau von dem Galgenvater leid, diese Muslima in Köln, die Balbutin getroffen hat. Die Leute vom MAD haben mir erzählt, die wär vollständig von der Rolle, hat von allem nichts gewusst, hat immer nur Angst gehabt, weil sie das merkwürdige Kommen und Gehen in der Wohnung beobachtet hat, aber sie hat nicht verstanden, was da vor sich ging. Ist mir sowas von klar, wie die jetzt drinhängt. Muslima, wie ich. Hat einen Christen geheiratet, wie ich. Dass weder der Konopski noch der Galgenvater ernsthaft Christen waren, macht da keinen Unterschied. Auf jeden Fall ist die Frau für ihre Familie erledigt, wie ich. Ich hab’s besser als die, ich hab Familie. Auf mich hat der PvM gewartet.

Und ich hab an PvM gedacht, während ich da in diesem kahlen Raum auf und ab getigert bin, immer auf leisen Sohlen, um ja nicht die draußen vor der Tür auf mich aufmerksam zu machen. Ich hab gedacht, selbst wenn die Polizei die Sache vermurkst – und sie haben sie vermurkst -, PvM gibt nicht auf. Der sucht mich, und zum Schluss wird er mich finden. Ist dann auch so gekommen, genau so. Ich begreif das nicht. Ich lieg jede Nacht in dem Bett von dem alten Mann und halt mich an ihm fest, weil ich sonst nicht schlafen kann, weil ohne den die Welt kein sicherer Ort mehr ist für mich. Er hat mich gefunden, in letzter Sekunde. Ihr auch, ich weiß. Die Besucher haben gewusst, wo ich bin, und sie haben euch geführt. So wie damals die Katzen den PvM geführt haben, als ich im Garten hinter dem Haus lag und am Ende war. Wer kann sowas begreifen, wem will man sowas überhaupt erzählen?

Und die ganze Zeit, während ich auf und ab gelaufen bin, hab ich mit gespitzten Ohren auf jedes Geräusch gelauscht. Da waren Geräusche, und ich hab die zu unterscheiden gelernt. Irgendwann am Morgen kam immer ein Auto die Straße hoch, ich vermute mal, das war der Briefträger. Sonst praktisch kein Verkehr. Und manchmal konnt ich die See hören, das Rauschen der Wellen. Hing vom Wind ab. Wenn der vom Land her kam, hörte ich nichts, aber wenn er von der See her kam, hörte ich die Wellen. Ich weiß das, weil der Wind dann immer diesen Geruch von Salz mit sich brachte, der drang herein durch das schräggestellte Fenster, und jedes Mal tat mein Herz einen kleinen Hüpfer, Freiheit, dachte ich. Die Wächter kümmerten sich nicht darum, dass ich immerfort das Fenster offen hielt. Ich hätte mir zum Fenster hinaus die Lungen aus dem Leib schreien können, da wär niemand draußen gewesen, der mich gehört hätte. Aber natürlich wären sie über mich gekommen, wenn ich geschrien hätte. Ich wusste das, sie wussten, dass ich wusste, so lagen die Dinge.

Wenn ich im Zimmer auf und ab wanderte, achtete ich immer darauf, dass die Handschellen nicht klimperten. Ich hatte sie immer noch am Handgelenk, am linken Handgelenk, sie baumelten da nutzlos herunter, wie ein idiotischer Schmuck, als wär ich ne Fetischistin oder sowas. Ich lernte, damit umzugehen, dass mir immerfort dieses Ding am Arm hing, zum Beispiel beim Waschen. Ich gab mir Mühe, sauber zu bleiben, ich hatte ja nur dieses Waschbecken und diesen kleinen Plastikeimer, den neben dem Klo. Aber Zeit, alle Zeit der Welt, die hatte ich, und so verbrachte ich Stunden vor dem Waschbecken und wusch mich von oben bis unten, und immerfort passte ich dabei auf, dass die Handschellen nicht laut an dem Becken klimperten. Ich übte bestimmte Bewegungen ein, um das zu vermeiden. Egal, was ich machte, die Dinger waren im Weg, ich lernte, bei jeder Bewegung an sie zu denken. Ich hätte die Wächter auffordern können, mir das Teil vom Arm zu nehmen, aber dazu hätte ich sie ansprechen müssen, und das kam nicht in Frage. Keine Kontaktaufnahme, nicht einmal Blickkontakt. Ich denke, die ließen mich mit Absicht mit diesem Armschmuck allein. Das war eine Warnung, sie könnten mich jederzeit festsetzen, die Handschellen auch um das andere Handgelenk schließen, oder sie irgendwo einhängen, und ich könnte dann nicht einmal mehr auf und ab laufen in dieser elenden Höhle.

Niemals war über meinem Kopf ein Geräusch, ich lauschte dort hoch ganz besonders aufmerksam, aber ich glaube, das Haus war unbewohnt. Das Essen wurde in einem anderen Gebäude bereitet, denn jedes Mal, bevor sie kamen, um mir das Tablett zu bringen und das alte zu holen, hörte ich knirschende Schritte auf dem Hof. Sonst war Stille da draußen. Ich begriff das nicht, die Glatzen, das waren junge Kerle, und nicht die hellsten. Hätte ich nicht ab und zu Stimmen hören müssen? Gelächter, dummes Brüllen? Und hätte da nicht irgendwann mal diese ölig-nölige Stimme von dem Galgenvater erklingen müssen, Befehle ausrufend?

Die Polizei fand später raus, warum es so still war auf dem Hof. Die wohnten dort nicht. Zu dem Hof gehörte noch ein Haus weiter die Straße runter, dort hatten die sich einquartiert, auch zur Tarnung. Der Hof sollte unbewohnt aussehen, von außen. Im Eingangsgebäude saß einer, der schob Wache, aber so, dass er von der Straße aus nicht gesehen werden konnte, und in dem Raum mit der Waschmaschine vor meiner Zelle, da saß einer, und die wechselten sich alle paar Stunden ab, dazu benutzten sie einen Feldweg hinüber zu dem anderen Haus, den konnte man von der Straße aus nicht einsehen, weil eine dichte Hecke gepflanzt war, als Windschutz, die Hecke war verwildert und absolut blicksicher, die Polizisten zeigten mir Fotos. Die Glatzen trugen auch die Tabletts mit meinem Essen diesen Weg lang, drei Mal am Tag, das war ihre Abwechslung, ansonsten hockten sie in dem Haus und starrten in die Glotze, oder holten sich beim Gedanken an ihre nackte Gefangene einen runter, was immer. Wie ich sagte, die waren nicht die hellsten.

Wirklich verstehen kann ich das alles nicht. Soviel Aufwand, und dann lässt der Burroblast die Adresse von dem Anwesen offen auf seinem Schreibtisch liegen! Und hätte die Polizei nur einen einzigen Blick auf diesen Schreibtisch geworfen, die hätten sofort gewusst, wo ich bin! Aber die waren felsenfest davon überzeugt, der Burroblast hat bei seinem Abgang alle Spuren verwischt. Hat alles versteckt, richtig versteckt. Also haben sie nach verborgenen Orten gesucht, haben seinen PC auseinandergenommen, die Festplatte auf gelöschte Dateien gefilzt. Da waren Spezialisten am Werk, vierundzwanzig Stunden am Tag haben die gearbeitet, rund um die Uhr, um mir auf die Spur zu kommen. Derweilen lag die Korrespondenz mit diesem italienischen Vermieter offen auf dem Schreibtisch, ganz unschuldig auf Papier.

Ermittlungspanne.

(Nachricht vom 05.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 06.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)