Banshee Neue Folge 137

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich lauschte nach draußen. Ich lernte, winzigste Geräusche zu unterscheiden. Ja, da hielt jemand Wache in dem Vorraum vor meiner Gefängnistür. Unwillkürlich sagte ich vor mir selber, „meine“ Gefängnistür. Ich berichtigte mich sofort, ich wies mich selber zurecht. Das ist nicht „meine“ Tür, sagte ich, und wenn ich zu mir selber redete, bewegte ich die Lippen, aber ich sprach nicht laut. Auch wenn ich im Zimmer auf und ab ging, trat ich betont leise auf. Die sollen mich nicht hören, die Wächter, die Mörder, die Schlächter. Wenn sie mich hören, kommen sie vielleicht über mich. Vielleicht ist das Geräusch der letzte Stich, der den Reflex in ihnen auslöst, dass sie brüllend aufspringen und hereingestürzt kommen. Warum nicht? Ich kannte das von meiner Familie her. Die hatten gewusst, dass ich da war, ignorierten mich aber. Meistens saß ich in meinem Winkel, still und geduckt, geducktes Kind. Sobald ich mich irgendwie rührte, kamen sie über mich, brüllend, beschuldigend, anklagend. Meine Mutter, meine ältere Schwester. Sie rissen mir Haare aus, einfach bloß, weil ich mich bemerkbar gemacht hatte. Weil ich mir die Nase geschnäuzt hatte. Warum sollte das hier nicht auch so sein.

Jetzt bin ich eine junge Frau. Ich hab all diese runden Sachen, runde Augen runde Wangen runde Schultern runde Möpse runde Hüften runde weiche Beine, alles rund, sogar meine Fersen sind rund, und meine Haut schimmert. Alles Gründe, warum die Leute mich gern anschauen. Nackte runde jungen Frauen sind ein lieblicher Anblick, die Menschen gucken gerne hin und denken, ist also doch Licht in der Welt. Sagt PvM immer. Die nackten jungen Frauen auf der Straße machen die Welt hell und wohnlich. Und dann sind da Gestalten wie diese Glatzen, mit ihren leckenden Mäulern und ihrem Gesabbere und ihren Schwänzen, die sie nur hochkriegen, wenn sie uns demütigen und zerstören. Männer, richtige Männer, kriegen einen Steifen bei unserem Anblick, weil sie uns lieben und sich danach sehnen, uns zu umarmen. Die Männer in meiner Familie, die kriegen einen Steifen bei dem Gedanken, uns zu unterjochen. Ich weiß, dass PvM mir hinterherguckt, wenn ich im Bikini im Garten rumklempnere. Natürlich guckt er auf meinen Hintern. Ich zeig ihm meinen runden Hintern, weil mir das gefällt und weil ihm das gefällt. Die hier, diese Glatzen, die gucken mich an, als wollten sie auf mich spucken. Ja, genau. Ihr Blicke sind wie Spucke.

Wo war ich. „Mein“ Zimmer. Das war nicht „mein“ Zimmer, aber solange die Tür zu war, war dieses Zimmer der Raum um mich rum, der Raum, in dem ich mich bewegen konnte. Mein Raum. Ich durfte nur kein Geräusch machen, sonst würden die reinkommen.

Na ja, irgendwann musste ich auf’s Klo. Ich musste pinkeln, und ehrlich, ich hätte gern geschissen, aber mir saß der Stopf im Darm. Man sollte meinen, ich hatte solche Angst, meine Eingeweide hätten sich doch von selber lösen müssen. Taten sie aber nicht. Es bewegte sich nichts. Aber pinkeln musste ich, ausgiebig. Da war diese Kloschüssel, mit uralter hölzerner Brille. Es stand sogar ein kleiner Plastikeimer daneben, mit einem Schwamm und einem Reinigungsmittel, und eine Bürste gab es auch. Und mehrere Rollen Klopapier, hartes billiges Zeug. Das stammte alles nicht von den Glatzen, da war ich mir sicher, sondern von dem, der sich diesen Raum als Katastrophenschutzraum eingerichtet hatte, oder was immer. Als ich mich zum ersten Mal zum Pinkeln hinsetzte, war meine ganze Angst, die Tür möchte aufplatzen und die Glatzen würden reingekracht kommen, „jetzt pinkelt die auch noch, die nackte Sau, die schämt sich wohl für gar nichts“. Erst als ich fertig war und mich mit dem billigen Papier abgeputzt hatte, kam mir der eisige Gedanke, ich muss ja jetzt spülen. Das hören die doch. Ich hatte die Spülung vorher noch nicht einmal ausprobiert. Aber der Wasserhahn funktionierte ja, also, warum sollte da die Klospülung nicht funktionieren. Ich konnte die Suppe nicht einfach im Ablauf stehen lassen, die roch durchdringend nach Hagebuttentee, der Tee war also nicht aus richtigen Früchten gemacht, sondern aus industriellen Aromastoffen. Eigentlich war das nicht der Ort nicht die Zeit, über sowas nachzudenken, aber die Gedanken wirbelten mir haltlos im Kopf rum. Schließlich betätigte ich die Spülung, da war kein Kasten über der Schüssel, sondern nur einfach ein metallener Zulauf, mit einem Drücker am Ende, und das Wasser brüllte und grölte in der Schüssel, unerträglich laut, und es hörte einfach nicht auf, ich versuchte, den Hebel mit Gewalt wieder hochzudrücken, aber er gab nicht nach, erst mal brüllte das Wasser sich aus, richtig aggressiv, und dann wurde es stiller, und kam mit einem kurzen Zischen, einer Art Pfeifen, zur Ruhe. Ich stand, und es ist lächerlich, aber mir liefen vor Angst und Erregung die Schweißperlen runter zwischen den Brüsten, und ich hielt den Atem an und lauschte nach draußen, es rührte sich aber nichts.

Das war noch gewesen, bevor diese erste Glatze, die mich „nackte Sau“ genannt hatte, vor mir abgespritzt hatte. Noch bevor er mich gezwungen hatte, mich ihm auf diesem Stuhl zur Schau zu stellen, mich darzubieten. Gezwungen hatte einfach mit der Drohung, der unausgesprochenen Drohung, wenn ich nicht täte, was er wollte, würde er kommen und mich anfassen und mit mir machen, was ihm gefiel.

Die Polizisten haben mich hinterher gefragt, ob ich vergewaltigt worden wäre. Wieder und wieder wollten sie die Einzelheiten wissen. Die haben da diesen feinen Unterschied zwischen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Der Kerl hatte mich gezwungen, mich nackt hinzusetzen und mich mit gespreizten Beinen darzubieten wie eine Pornomaus. Natürlich hatte er mich nicht gefragt, ob ich das überhaupt wollte. Und nein, er hatte keine Drohungen ausgesprochen. Er hatte mir lediglich Befehle zugebrüllt, „Beine!“, und ich hatte die Beine breitgemacht und ihm meine Möse gezeigt, „Arme!“, und ich hatte die Arme hinter den Kopf gelegt und ihm meine Brüste in den Blick gehalten. War das keine Vergewaltigung? Ich hatte genau gewusst, was der wollte, und der musste seine Drohungen nicht aussprechen, damit ich wusste, was er tun würde, wenn ich nicht blind gehorchte. Ich war die Gefangene, ich war das nackte Mädchen, das man im Hundezwinger hierher transportiert hatte. Und in jedem Augenblick hatte man mir zu verstehen gegeben, wir sind hier die, die befehlen, und du bist die, die gehorcht. Bedingungslos. Natürlich haben die mich vergewaltigt, die haben mich schon vergewaltigt, als ich da wehrlos unter ihnen lag in meinem Bett, und sie standen über mir, in meinem Schlafzimmer, und guckten auf mich runter, und dann haben sie mir diesen nassen Lappen in’s Gesicht gepresst. Vergewaltigung. Es tut mir kein bisschen leid, dass sie jetzt in ihren Kühlfächern liegen in der Gerichtsmedizin, mit diesen Einschusslöchern in der Stirn, genau zwischen den Augen, sie hätten das alles ja nicht tun müssen, da haben keine Männer in schwarzen Anzügen hinter ihnen gestanden und ihnen den Revolver in’s Genick gehalten und gesagt, du machst das jetzt, die sind nicht mit Eisenketten zusammengetrieben worden und haben gesagt bekommen, ihr macht euch jetzt über die runde Nackte da her, die haben das freiwillig getan, die haben das aus eigenem Antrieb getan, und wenn sie dem Galgenvater und dem Burroblast gehorcht haben, haben sie das auch freiwillig getan, sie hätten ja auch sagen können, genauso gut, bei sowas mach ich nicht mit. Aber sie haben mitgemacht, aus ihrem freien Willen heraus, sie waren Mörder und Vergewaltiger, sie haben gesagt bekommen, wir dringen in das Haus ein von der, während die im Schlaf liegt, und wir betäuben die und schleppen die weg, und ihr macht mit –

und sie haben gesagt, okay Chef, machen wir.

Nach diesen ersten Übergriffen ließen sie mich in Ruhe. Ich hörte an dem Füßescharren und dem Gemurmel vor meiner Tür, dass sie mich bewachten und sich regelmäßig ablösten, aber sie kamen nicht rein. Sie kamen nur rein, wenn sie mir Essen brachten und das alte leergegessene Tablett wieder abholten, und dabei kam immer einer rein und brachte und holte, und dabei sah er an mir vorbei, mit starrem Blick, und unter der Tür stand einer, der beobachtete uns beide, was hieß, er starrte auf meine Möpse, um sich den Anblick genau zu merken und sich hinterher an der Erinnerung einen runterzuholen. Ich guckte nicht hin, ich spürte nur den Blick, wie bösartige Insektenstiche, und, nein, ich kreuzte nicht die Arme vor der Brust, ich saß auf der Liege, die Arme seitlich aufgestützt, und ließ mich angucken. Nicht aus Trotz oder so, sondern aus der nackten erbärmlichen Angst, wenn ich mich zudecke, wenn ich mich in die Decke wickle, würden sie wiederkommen und sich den Anblick mit Gewalt holen, den ich ihnen verweigert hatte. Ich dachte, wenn ich ihnen soweit zu Willen bin, geben sie sich zufrieden.

Zu meinem Erstaunen sagten mir hinterher die Polizisten, ich hätt das richtig gemacht. Dass ich mich so einfach hingesetzt hab und mich hab angucken lassen, das hätte „auf die Täter entwaffnend“ gewirkt. Vielleicht hab ich das gespürt und hab mich deshalb so verhalten, ich weiß nicht. Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, wenn ich mich vor denen eingewickelt hätte und abgewendet, dann hätten die das als aggressiven Akt aufgefasst, als glatte Aufforderung, zu kommen und mich zu überwältigen und mir zu zeigen, wer das Sagen hat, und dann wär eines zum anderen gekommen, ganz schnell. Komisch, dass ich das richtig gemacht hab, und ich hatte doch nichts als Angst, pure Scheißangst.

Sie sagten mir nicht, was weiter passieren würde. Sie sprachen mich überhaupt nicht an. Es war klar, sie gehorchten den Befehlen des Galgenvater, und dass da immer einer in der Tür stand und reinguckte, wenn der andere mir das Essen brachte, das hieß wohl, die hatten Anweisung, aufeinander aufzupassen, dass keiner mich anfasste. Ich sollte ein sauberes ein reines ein unberührtes Schlachtopfer sein. Aber wann das stattfinden sollte, wie lange ich noch zu leben hatte, das sagten sie mir nicht.

Der Tag, und der nächste, und der nächste, die waren qualvoll lang. Ich hätte so gerne etwas zu lesen gehabt, ich dachte an die Häuser, die den Hof umstanden, und überlegte, irgendwo müssen da doch Bücher stehen, das gibt es doch überhaupt nicht, Häuser, in denen nicht ein einziges Buch zu finden ist, aber ich traute mich nicht zu fragen. Unter keinen Umständen wollte ich die Glatzen anreden. Jede Kontaktaufnahme mit denen, selbst Blickkontakt, hätte die Einleitung zu einem neuerlichen Versuch sein können, mich zu missbrauchen. So saß ich nackt da, ließ mich anglotzen, und ich wendete den Blick dabei ab, das war aber auch das einzige, was ich abwendete, sonst ließ ich die alles sehen, was sie sehen wollten, damit sie zufrieden waren und wieder gingen und mich in Ruhe ließen.

Vergewaltigung.

(Nachricht vom 04.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 05.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)