Banshee Neue Folge 136

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich wachte davon auf, dass Schritte im Raum tönten, und ich hatte noch immer die Decke über dem Kopf. Ich spürte, dass ich einfror, dann hörte ich in meinem Rücken Geschirr klirren, da war ein Tablett auf dem Tisch abgestellt worden. Dann war Schweigen, und ich wagte nicht zu atmen. Dann fuhr mir ein Ruck durch Leib und Seele, fast so schlimm wie der Schlag auf den Kopf, den ich erhalten hatte, als ich aus dem Fenster gesprungen war. Jemand hatte gegen die Liege getreten, auf der ich lag. Der Tritt war gegen die Liege gegangen, nicht gegen mich, aber ich war gemeint gewesen. Ich lag starr. Stille. Dann wieder Tritte, schwer gestiefelte Tritte, zur Tür hinaus. Die Tür schloss sich.

Ich lag still, ich weiß nicht, wie lange. Ich atmete so flach wie möglich, damit keine Bewegung der Decke über mir verriete, ob ich noch am Leben sei. War jemand im Raum? Da ist jemand, wusste ich. Da ist jemand reingekommen mit dem, der das Tablett gebracht hatte. Und der ist drin geblieben, als der mit dem Tablett wieder rausgegangen ist. Der ist noch da. Ich wusste das einfach, ich krallte meine Finger in den Bezug der Liege. Da ist einer im Zimmer. Der atmet genauso flach wie ich, um sich nicht zu verraten. Der ist da. Jemand ist im Zimmer.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Meine Augenlider flatterten, ich bekam keine Luft mehr. Durch die geschlossenen Lider hindurch sah ich, dass es hell war im Zimmer, es war Tag. Es ist passiert, dachte ich, sie haben mich vergewaltigt. Haben mich vergewaltigt und liegenlassen, als ein Stück Dreck. Verbrauchtes Fleisch.

Nein, was redest du da, sagte ich zu mir. Sie wollten es, aber es ist nicht passiert.

Es ist passiert, widersprach ich mir. Sie haben mich festgehalten, sie haben mich gezwungen, die Beine breit zu machen, ich war nackt vor denen. Sie haben mich beherrscht sie haben mich niedergezwungen sie haben mich vergewaltigt.

Ist doch gut ist doch alles gut, flüsterte es in mir. Das war eine wischelnde zischelnde Stimme, die es gut meinte. Hastig und verstört. Ist doch alles gut. Die haben dich nicht angefasst.

Sie hatten mich angefasst. Ich hatte gelegen, nackt ausgestreckt, und sie hatten mir die Hände hinter den Kopf gezerrt, und ich hatte hilflos mit den Beinen gestrampelt, und vor mir hatte einer gestanden mit runtergelassener Hose und hatte an dran gearbeitet, sich einen Steifen zu machen, und dabei hatte er auf meine Möse gestarrt.

Der hatte in meine Möse reingestarrt, und ich hatte sie präsentiert, ich hatte gezappelt und gestrampelt und dem meine Möse in den Blick reingehalten, natürlich hatten die mich vergewaltigt.

Es ist nichts passiert, zischelte das Stimmchen. Der Galgenvater ist dazwischen gekommen.

Und eine Welle von namenloser Scham spülte über mich hinweg. Der Galgenvater. Der hat mich so gesehen, wehrlos, ausgeliefert. Der ist dazwischengetreten. Ich bin gerettet worden – von dem letzten Stück Dreck, von dem Galgenvater.

Scham, Demütigung.

Ich versuchte zu argumentieren. Wieso schäme ich mich. Die müssen sich schämen. Die halten mich fest. Die halten mich gefangen. Die machen mit mir, was sie wollen. Ich mach gar nichts. Ich lass alles bloß über mich ergehen.

Scham.

Ich könnt mich umbringen, dachte ich, dann ist das hier vorbei.

Ich hab schon mal versucht, mich umzubringen, wegen etwas, was mir ein anderer angetan hatte. Das mach ich nicht noch mal. Ich komm hier raus, ich überleb das hier. Ich komm wieder zurück zu PvM, und dann fangen wir ein neues Leben an.

Du wirst kein neues Leben anfangen, niemals wirst du das ungeschehen machen, was passiert ist. Selbst wenn du hier rauskommst, es wird wahr bleiben, die haben dich in ihrer Gewalt gehabt, und die haben mit dir gemacht, was sie wollten. Sie wollten dich vergewaltigen, und es hat nicht ganz geklappt, aber auch nur deshalb, weil sie eben sich anders besonnen haben. Es ist alles so geschehen, wie die das wollten, nicht wie du das wolltest. Die Glatzen mit ihren Springerstiefeln wollten dich vergewaltigen, der Galgenvater ist dazwischen getreten, weil er das nicht wollte. Alles, wie die wollten. Nichts, wie du es willst.

Was will ich denn? Ich will hier rausgehen, ich will, dass das alles nicht passiert ist.

Ich raffte mich endlich hoch, ich wurde endlich wach. Ich hatte in einer Art Lähmung mit mir selber argumentiert, in einer Art Betäubung. Halbschlaf, der einfach nicht wach werden wollte.

Ich setzte mich auf, ließ die Decke von meinen Schultern gleiten. Da die Glatzen, als sie sich über mich hergemacht hatten, die Liege schräg vor in den Raum gezogen hatten, schaute ich, als ich die Beine auf den Boden bekam, hoch zu den Fenstern. Hinter meinem Rücken, saß da einer? Auf dem Stuhl? Starrte mir da einer in’s Genick?

Ich hörte nichts, kein Atemgeräusch, nichts.

Ich drehte mich endlich um, der Raum war leer. Niemand darin außer mir. Auf dem Tisch stand ein Tablett mit Kaffee und Brötchen und Butter und Marmelade und Schinken, zum Kaffee sogar Milch und Zucker. Alles, was man für ein Frühstück braucht. Das Tablett vom Vorabend war weg.

Ich kam hoch, mit zitternden Knien. Ich wollte mir die Decke über die Schultern ziehen, aber dann erwachte in mir etwas wie Trotz. Nicht Mut, nicht Selbstbehauptung. Einfach Trotz, kindlich. Die geben mir nichts, dann will ich auch nichts. Die könnten mir was zum Anziehen hinlegen, irgendwas. Mir fiel wieder ein, siedendheiß, dass die Glatze mit dem Bärtchen zur Verteidigung vorgebracht hatte, „die läuft immer nackt rum“, als wär das meine Schuld.

Scham.

Ich bin eine Frau, dachte ich, ich lass mich nicht einschüchtern. Ich stell mich jetzt aufrecht hin und halt meine Möpse und alles andere frei in die Luft und frei in alle Blicke, denn das bin ich, und ich nehm meinen Platz ein in der Welt, weil ich ein Recht drauf hab.

Ich wurde wach, und alles, was noch geschlafen hatte, wurde wach mit mir. Stolz Vernunft Selbstbehauptung, kalter Zorn. Hatte alles geschlafen. Was zuerst wach geworden war, in meinem Halbschlaf, das war die Kinderangst gewesen. Die ganze Scham und Demütigung eines niedergebrüllten Kindes. Das kannte ich. Oh ja, und wie ich das kenne. Und nun stand ich aufrecht und war wach geworden, und mit mir war meine Selbstachtung erwacht. Ich stell mich rein in eure Blicke, dachte ich, ich stell mich nackt rein in eure Blicke, und eure Blicke werden an mir zerbrechen.

Mir wurde warm, und ich tat es, ich stellte mich aufrecht hin. Ihr seid eure eigene Schande, dachte ich, und ihr sollt klein und hässlich aussehen gegen mich.

Und da ich mich also zu berappeln anfing, machte ich erst einmal Ordnung in dem Zimmer, das schien mir irgendwie logisch, ihr macht nicht Unordnung und Gerümpel aus meinem Leben. Ich schob die Liege wieder gegen die Wand, unter die beiden Fenster, ich legte die Decke zusammen und schüttelte das Kopfkissen auf. Ich wollte sogar zu dem Waschbecken gehen im Winkel und mich erst einmal waschen, aber dann dachte ich, mach ich nachher, der Kaffee wird kalt.

Und ich setzte mich an den Tisch und aß. Und die ganze Zeit hatte ich Angst. Ich spürte die Angst, wie einer ein Tier sieht in der Tiefe, wenn er sich über die Reling eines Schiffes beugt und hinunterschaut, und tief drunten regt es sich, weit in der Ferne, und der hinunterschaut, der weiß, das Wesen da unten ist gewaltig, und wenn es hochgeschwommen kommt, wird es mein Boot in Trümmer schlagen. So war die Angst, tief in mir drin. Angst vor dem Tod. Ich wusste, die wollten mich umbringen, Schlachtopfer. Angst, dass die wiederkämen, vielleicht zu dritt zu viert diesmal, um mich zu vergewaltigen. Angst, dass ich hier auf unabsehbare Zeit eingeschlossen sein würde, in dieser Höhle.

Ich sah mich um und dachte, vielleicht sieht es so in der Hölle aus. Karges Zimmer, ausgestattet mit allem, was du zum Überleben brauchst, nur, du wirst niemals wieder rauskommen, niemals wieder. Wirst den Himmel nicht mehr sehen, nicht mehr die Welt vor dieser Tür.

Ich aß und trank. Ich dachte an die Blicke. Ich dachte daran, wie gern ich es hatte, wenn PvM oder Regina mich ansehen. Nacktes Mädchen, umkleidet von der Wärme der Blicke, von Zuneigung von Liebe. Und die Blicke von diesem Gesindel. Stechende Blicke, Blicke, die verletzen wollten. Kannte ich von meiner Familie. Und ich hab gelernt, das zu unterscheiden. Ich dachte an die Blicke der Besucher. Versunkene Hingabe, und ich hatte mich hingestellt, um mich anschauen zu lassen, weil die das so wollten, weil die mich einfach anschauen wollten, weil die nichts mehr wollten in der Welt, als mich anzuschauen. Der Galgenvater die Glatzen, die wollen mich auch anschauen, dachte ich. Um mich zu demütigen zu zerbrechen zu zerstören. Wenn die kommen, werde ich mich auch hineinstellen in die Blicke. Aber es sollen die Blicke sein, die an mir zerbrechen, nicht ich an den Blicken. Ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt, ihr seid stärker als ich. Aber was immer ihr macht, es wird eure Schande sein, nicht meine. Ihr könnt mich in kleine Stücke reißen, aber besiegen werdet ihr mich nicht.

So redete ich mir zu. Ich überzeugte mich selber nicht.

(Nachricht vom 03.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 04.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)