Banshee Neue Folge 135

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Es kam niemand mehr an diesem Abend, sie ließen mich einfach allein, niemand kam, um das leergegessene Tablett abzuholen. Es war aber jemand im Vorraum, ich hörte dann und wann Räuspern und Füßescharren, vielleicht saß dort einer, der ab und zu abgelöst wurde. Ich machte schließlich das Licht aus, und zuerst fürchtete ich mich, aber dann war das Dunkel um mich herum wie eine Heimat, ich dachte, ich könnte vielleicht neue Dinge entdecken, Hilfe finden, wenn ich nur hineinlauschte. Irgendwo auf dem Hof musste eine Lampe brennen, denn nachdem sich meine Augen erst einmal gewöhnt hatten, sah ich, dass durch die Fenster ein schwacher Lichtschimmer hereindrang, durch das rechte Fenster mehr als durch das linke, und nach einiger Zeit konnte ich im Zimmer Umrisse erkennen, die Liege, der Tisch. Irgendwie machte mir das Mut. Ich stellte mich wieder auf die Liege, tastete an dem schräggestellten Fenster herum, mir wurde klar, ich würde nicht einmal das Fenster aus den Angeln heben können, und selbst wenn ich das geschafft hätte, ich würde nicht durch die Öffnung passen, und vor der Öffnung war dann noch das Gitter. In Filmen findet sich immer ein Ausweg. Hier war keiner.

Ich setzte mich auf die Liege, ich wollte mich nicht hinlegen, das schien mir zu endgültig. Ich dachte an PvM, an Regina. Ich malte mir aus, die Polizei sei mir schon auf der Spur, jetzt gerade, in diesem Augenblick, bereiteten sie schon alles vor, diesen Hof zu stürmen. Ich merkte, dass ich umkam vor Angst. Ich hatte mich für stärker gehalten, als ich war. Wenn die mich vergewaltigen wollen, wehre ich mich bis zum Äußersten, hatte ich gedacht, aber als der Wichser gekommen war, hatte ich widerstandslos getan, was der wollte, und nun hatte ich Angst, erbärmliche flatternde Angst, dass die wiederkommen könnten. Ich verstand, ich wollte überleben, um jeden Preis. Ich wollte hier nicht umkommen. Ich bildete mir sogar ein, all diese Sachen mit dem Azazel, das haben die mir nur erzählt, um mich zu erschrecken, um mich klein zu halten. In Wahrheit geht es denen doch nur um’s Geld, dachte ich. Dem Konopski war es auch nur um’s Geld gegangen. Die würden Forderungen erheben, und PvM würde irgendwie das Geld zusammenkriegen, und die würden mich an einen entlegenen Ort fahren und laufen lassen. Ich malte mir das richtig aus, wie ich auf einem Waldweg rausgesetzt würde und der Wagen dann eilig davonfuhr. Das kann alles nicht sein, dachte ich, was ist das für eine Idee, einen Menschen zu entführen, um ihn zu ermorden? Um ihn Satan zum Opfer zu bringen?

Warum ich warum ich warum ich.

Also, der Azazel hatte nach mir verlangt, ausdrücklich nach mir, Balbutin hatte das bestätigt, der hatte sich das nicht aus den Fingern gesogen. Warum warum warum. Aus dem gleichen Grund, weil die Besucher hinter mir her waren, oder überhaupt, weil die Besucher hinter mir her waren. Entweder das eine oder das andere. Entweder ist was an mir, was die alle anlockt, oder ich lock bloß die Besucher an, warum auch immer, wie eine Schüssel Milch die Fliegen, und der Azazel will das nicht, der will, dass die Besucher ihn verehren, nicht mich.

Ich saß auf der Liege und dachte hin und her, nach einiger Zeit schien mir die zweite Möglichkeit die wahrscheinlichere. Ich hatte keinen Zweifel an der Existenz des Azazel. PF hatte den gesehen, Balbutin hatte ihn gesehen. Ich hatte aber keine Angst vor dem. Wenn er jetzt aufgetaucht wäre, hier, in diesem elenden Gefängnis, in diesem provisorischen Luftschutzraum, in dieser Unterkunft, die sich irgendein angstgebeutelter Idiot eingerichtet hatte für den Katastrophenfall – ich hätte den bloß kalt angeguckt. Bildete ich mir jedenfalls ein. Aber PvM hatte das schon gesagt. Wir müssen vor dem keine Angst haben. Wie müssen vor denen Angst haben, die seinen Wünschen gehorchen. Wenn es niemanden gibt, der ihm gehorcht, kann der lang befehlen. Niemand muss vor einem Hitler Angst haben. Der war doch bloß ein Clown. Aber Angst haben müssen wir vor denen, die „Heil Hitler“ rufen. Ich glaube, ich hatte mir das nie so richtig klar gemacht. Einer von PvM’s Lieblingsgedanken. Es war schließlich nicht der Adolf selber, der hoch auf’s Dach geklettert ist, Gasmaske vor der Schnauze, und die Kristalle mit dem Giftgas in’s Fallrohr geschüttet hat, und unten sind dann tausend Menschen erstickt, bloß weil sie Juden waren, das war nicht der Adolf selber, das war einer, der gesagt hat, der Führer hat das befohlen, dann mach ich das mal. Und hinterher haben sie gesagt, ich kann ja nichts dafür, ich hab ja bloß gehorcht. Das ist eben euer Verbrechen, dass ihr gehorcht, dachte ich. Satan. Fürst dieser Welt. Ich hatte keine Angst vor diesem Clown. Ich hatte Angst vor dem Wichser, der bei meinem Anblick nicht einmal richtig einen hochbekam, und der mir vielleicht aus Wut darüber die Kehle abdrücken würde. Und Satan würde ihm dabei in’s Ohr flüstern, recht so, das mach, mach sie kalt, die nackte Sau.

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein, im Sitzen, denn ich wachte davon auf, dass die Tür aufkrachte, richtig lärmig, und ich hatte niemanden kommen gehört. Sie waren zu zweit. Sie rissen die Tür auf, und ich erwachte erst im Augenblick, als sie das Licht anmachten. Ihre Blicke waren entschlossen, und gleichzeitig waren die Augen weit aufgerissen, wie in Angst. Mit diesen weit aufgerissenen Augen starrten sie mich an. Sie hatten alle beide diese bleiche, ungesunde Gesichtsfarbe, die auch die anderen hatten, die Wichser, die Glatzen, pickelige schlecht rasierte Gesichter, und schwitzige Hände. Kahlrasierte Köpfe, und Springerstiefel an den Füßen. Ich hatte Angst vor den Stiefeln, Angst, dass sie mich treten könnten. Ich sah mich am Boden liegen, gekrümmt, nackt und gekrümmt, ich sah, wie mir die Stiefel in den Bauch traten, in die Nieren.

Es ging sonderbar schnell, sie hatten sich alles genau ausgedacht. sie kannten den Raum. Ich hatte sie nie zuvor gesehen, aber hinterher konnte ich sie auf den Polizeifotos identifizieren. Sie haben jetzt jeder ein sauberes Loch in der Stirn, und liegen in ihrem Kühlfach in der Gerichtsmedizin, nehm ich mal an. Der eine hatte ein Bärtchen, wie der große Führer, an den ich vorher gedacht hatte, der andere muss von der Küste gewesen sein, groß und hager und blond, soweit ich das an dem rasierten Kopf erkennen konnte, der mit dem Bärtchen war dunkler. Es ist doch sowas von egal.

„Freu dich“, sagte der eine heiser. „Jetzt zeigen wir dir, wie richtige Männer das machen.“

Ich war aufgestanden, aber das merkte ich erst, als sie bei mir waren. Sie warfen mich auf die Liege, ich sah den Raum um mich wirbeln, als ich fiel, es war wirklich so, als würde der Raum sich bewegen, nicht ich, und dann zogen sie die Liege mit mir drauf von der Wand weg, und ich wollte wieder aufstehen, aber der eine von denen war am Kopfende und drückte mich von hinten nieder, an den Schultern, und dabei sagte er, „ja, wehr dich, so macht‘s mehr Spaß“, und der andere lachte, und dann riss mir der hinter mir die Arme über den Kopf, nach hinten, ich dachte, er kugelt mir die Schultern aus, und ich hörte mich schreien, „guck mal, wie die die Beine breit macht, die Sau“, hörte ich rufen, von einem von den beiden, und ich bog den Leib durch, um das Reißen in meinen Schultern zu mindern, „wie die sich windet, die genießt das richtig“, und wieder dieses Lachen, und das Zerren an meinen Armen nahm immer noch zu, meine Brüste starrten in die Luft, ich musste die Fersen auf den Rändern der Liege aufstützen, um meine Schultern zu entlasten, und ich hörte sie wiehern, wiehern vor Lachen, und ich spürte die Luft auf meinem nackten Körper, „was ist los, die hält dir doch alles hin“, und ich sah über meine Brüste hinweg und zwischen meinen aufgerissenen Schenkeln hindurch den Bengel von der Küste vor mir stehen, mit heruntergelassener Hose, und sein Schwanz baumelte, und er starrte mich immerfort an mit diesen kreisrund aufgerissenen Augen, und er langte nach seinem Teil und begann ungeschickt, daran herumzumassieren, „was ist los, kannst du etwa nicht, nun mach schon, zeig‘s der“, und der von der Küste heulte, „ich mach ja schon, ich bin gleich soweit, dann geht’s los, aber richtig, dann wackelt die Wand“, aber es ging nicht los, er starrte mir mir mit einem Blick, gemischt aus Angst und Wut, zwischen die Beine, und dabei knetete er an seinem Gemächt rum, „da ist die dran schuld“, heulte er, „wer soll denn bei sowas einen hoch kriegen“, und dann tönten Schritte, und meine Arme wurden plötzlich losgelassen, so plötzlich, dass ich heftig auf der Liege in mich zusammenfiel, und das war der Galgenvater, der herbeikam, mit energischen Schritten, und er gab dem Bengel von der Küste, obwohl der zwei Kopf größer war als er, mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf den Hinterkopf, noch während der hastig versuchte, seine Hose hochzuraffen, „die ist nicht für euch“, und hinter meinem Kopf kam der mit dem Bärtchen hervor, und ich lag auf der Liege wie auf der Couch eines Arztes, nackte Patientin, wartend auf die Untersuchung, und sah den Galgenvater an, ich sah ihn einfach an, „raus mit euch“, befahl der und gab auch dem mit dem Bärtchen einen Schlag auf den Hinterkopf, „wir können doch auch nichts dafür, wenn die immer nackt rumläuft, die Sau, da kommt man halt auf Gedanken“, heulte der mit dem Bärtchen, und der Galgenvater trieb sie beide vor sich her zur Tür und hinaus in den Vorraum, und bevor er die Tür zumachte, drehte er sich noch einmal um zu mir und sah mich an und sagte: „Nutte. Aber was will man erwarten.“

Und dann knallte die Tür zu, und der Schlüssel drehte sich wieder im Schloss, von außen, und ich lag auf der Liege und legte mich auf die Seite und rollte mich ein und hielt mir die Hände über den Kopf und presste die Augen zusammen wie einer, der einen Schlag erwartet, und ich hielt die Luft an, und wenn ich es nicht mehr aushielt, hechelte ich hastig, und dann hielt ich wieder die Luft an, und dabei dachte ich, die kommen wieder die kommen wieder die kommen wieder, aber niemand kam, und das Licht von der rotkarierten Deckenlampe tastete auf mir rum, ich will, dass es dunkel ist, dachte ich, ich will nicht, dass hier Licht ist, ich will nicht gesehen werden, aber das Licht leuchtete unbarmherzig auf mich herunter, und ich konnte nicht aufstehen, denn wenn ich aufgestanden wär, hätte ich ja nackt zur Tür gehen müssen, wo der Lichtschalter war, und dann hätte man alles an mir gesehen, meine Nacktheit, meinen Körper, alles hätte das Licht gesehen, das konnte ich nicht ertragen, und ich rollte mich enger zusammen und zog mit den gefalteten Händen im Genick meinen Kopf runter auf die Brust, dass ich meine Nackenwirbel knacken hörte, und dann hörte ich wieder auf zu atmen, ich wollte nicht mehr atmen, ich wollte nichts mehr tun, was irgendwie auf mich aufmerksam machen könnte, ich wollte nicht mehr, dass mein Herz schlug, ich wollte nicht mehr da sein, ich war aber da, und als ich es nicht mehr aushielt, die Luft anzuhalten, atmete ich so heftig aus, dass ich ächzte dabei, und ich hörte die höhnische Stimme, „wie sie stöhnt, die nackte Sau, der gefällt das doch alles, die will das doch“, und ich drückte mich zusammen und stieß einen langen, gepressten Schrei aus, der Schrei blieb mir irgendwie in der Kehle stecken und wollte nicht vor nicht zurück, und immerfort drückte ich die Augen zu, dass ich ein rotes Flimmern sah, und dann war eine ungehaltene Stimme in meinem Kopf, die sagte, „steh jetzt auf und mach das Licht aus und leg dich hin und deck dich zu und schlaf ein bisschen, dann wird das schon wieder“, und ich brachte es nicht fertig, mich auszustrecken, ich lag gekrümmt wie im Krampf, und schließlich, als ich schon dachte, ich würde niemals wieder aus dieser Lage hochkommen, warf ich mich mit Gewalt auf die andere Seite, ich hatte schräg mit dem Rücken zur Tür gelegen, jetzt warf ich mich herum und hängte die Beine auf den Boden und kam zum Stehen und rannte gekrümmt zur Tür rüber, gebückt und gebeugt, die Arme vor der Brust, Gesicht zum Boden, und ich fand mit ausgestreckter Hand den Lichtschalter, ohne hinzusehen, und ich löschte das Licht und drehte mich um und rannte im Dunkeln auf dem gleichen Weg zurück zu der Liege, warf mich darauf, breitete die grobe und harte Decke über mich, auch über meinen Kopf, rollte mich unter der Decke zusammen, machte die Augen zu, schlaf jetzt, rief ich mir selber zu, schlaf doch endlich, ich rief mir das richtig wütend zu, weil ich das nicht mehr wollte, meine Wachheit, mein kahles Wissen von all dem, ich wollte das nicht mehr, ich wollte weg sein, weit weg, nein, ich wollte an das alles nicht denken müssen, hör doch auf, da dran zu denken, rief ich mir zu, in immer dem gleichen wütenden Ton, und übergangslos wurde alles dunkel um mich herum, ich weiß nicht, ob ich eingeschlafen bin oder ob ich ohnmächtig geworden bin, es war auf einmal alles dunkel, und alles war fort, auch ich selber.

(Nachricht vom 02.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 03.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)