Banshee Neue Folge 134

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Sie brachten mir Essen, Tablett mit Brot und Wurst und Butter und Käse, und eine Kanne voll, ja, Hagebuttentee, wer denkt sich sowas aus. Der mir das Tablett brachte, das war der Bewacher aus dem Wagen, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, offenbar war ich auf den abonniert, und als er das Tablett abstellte, wies er auf die paar Scheiben Schinken und sagte „vom Schwein“, und dazu lachte er höhnisch, und von der Tür her, wo eine andere Glatze stand, die ich nicht kannte, lachte es ebenfalls, aber gezwungen, da war wieder dieser starre Blick, kreisrunde Augen, und sie ließen mich endlich allein, nachdem sie genügend geglotzt hatten, ich war zu müde, um über die nachzudenken, erst hinterher fiel mir ein, die wussten offenbar, dass ich Muslima bin, immer noch, auf dem Papier wenigstens, daher der höhnische Hinweis, „vom Schwein“, möchte wohl wissen, was geht in solchen Köpfen vor sich, nein, möcht ich nicht wissen.

Beim Eintreten hatte einer von ihnen das Licht angemacht im Zimmer, der Lichtschalter war wie üblich neben der Tür, und die rotkarierte Lampe an der Decke warf einen überraschend hellen Schein, in dem setzte ich mich, alleingelassen hinter wieder verschlossener Tür, an den Tisch, um zu essen, der Stuhl stand so, dass ich mit der Seite zur Tür saß, und ich hatte mir noch immer nicht die Decke übergehängt, und zum Anziehen hatte ich auch nichts bekommen, und an meinem Handgelenk baumelten noch immer die Handschellen, so saß ich am Tisch, nackt, und fühlte mich schmutzig, ich hätte ja zum Waschbecken gehen können und mich waschen, aber das war es nicht, weshalb ich mich schmutzig fühlte. Ich kam mir klein und elend und schmutzig und verworfen vor, und wusste nicht, warum. Doch, ich wusste es. Elend und verworfen müssten sich eigentlich die Täter fühlen, alle Täter in dieser Welt, müssten sich schuldig fühlen für das, was sie tun. Sie fühlen sich aber nicht schuldig. Die Opfer fühlen sich schuldig, ich kenne das, und niemand weiß, warum eigentlich.

Das Brot kannte ich, maschinell in Scheiben geschnitten, die allerbilligste Sorte vom Aldi, hatte ich mir immer gekauft in meiner ersten Zeit, als ich aus der Klinik wieder rausgekommen war und kein Geld hatte, gibt’s also immer noch, dachte ich, sowas von egal, ich hab nicht mehr lang zu leben, was soll’s.

Dann wieder redete ich mir zu, doch, ich hab noch ein ganzes Leben vor mir, das kann nicht sein, dass die gewinnen, das darf einfach nicht sein, so ist die Welt nicht eingerichtet. Doch, fiel ich mir selber in’s Wort,  so ist die Welt eingerichtet. Ich dachte an die Leute von Diana, die hatten die Massengräber gefüllt, und die Nachfolger von den Mördern, die standen gerade vor meiner Tür Wache. Die wollten die Uhr zurückdrehen. Die wollten das Menschenopfer wiederholen, um ihren Fürsten gnädig zu stimmen.

Ich fror, und kaute an dem Schinken und dem billigen Brot herum, und dachte an den Azazel. Ich glaube nicht, dass ich mich fürchtete. Ich überlegte nur, warum will der mich, warum will der von allen Menschen in der Welt mich. Weil die Besucher hinter mir her sind, weil die mich verehren. Ist ja egal, warum, jedenfalls verehren die mich. Die verehren mich so, wie die Beter im Tempel ihre Kultfigur verehren, Staue der Göttin. Weiße Statue, milchweiß. Alabaster. Und der Azazel will das nicht, er ist eifersüchtig. Er will, dass die Besucher ihn verehren, ihn allein. Und deshalb will er, dass ich von seinen Anhängern getötet werde. Damit die Besucher sehen, wo der Hammer hängt. Wer wirklich das Sagen hat.

Dann hat PvM recht, dachte ich, und der kann wirklich nichts. Nichts und aber nichts. Nur zerstören. Die können mich umbringen, das ist eigentlich keine große Leistung. Die Deutschen haben alle Juden umgebracht, die sie erwischen konnten, und waren stolz auf sich und ihre Leistung. Aber nur eine einziges Haar erschaffen auf einem Kopf von einem einzigen dieser Juden, das hätten sie nicht gekonnt. Nicht ein einziges Haar hätten sie erschaffen können. Zerstören ist gar nichts. Zerstören ist die billigste und schmutzigste Leistung überhaupt. Zerstören ist die Leistung von solchen, die nichts anders können. Zerstören ist die Leistung von solchen, die gar nichts können. Zerstören ist die Leistung von solchen, denen nichts anderes übrig bleibt. Zerstören ist die Leistung der Versager.

Die Tür ging auf, und der Bewacher kam herein. Der mich „nackte Sau“ genannt hatte. Er sah, dass ich am Tisch saß, auf dem einzigen Stuhl, den es im Raum gab. Irgendwie wusste ich sofort, was er wollte. Ich fühlte Eis in meinen Adern, und sonst nichts.

Er kam rein und machte die Tür hinter sich zu und lehnte sich gegen die Tür. Sein Blick war gehetzt und fahrig. „Setz dich richtig hin“, befahl er heiser.

Ich verstand ihn nicht.

„Setz dich richtig hin, du Sau!“ brüllte er.

Ich stand auf, drehte den Stuhl so, dass er zu ihm hin zeigte, setzte mich wieder drauf, nackt, wie ich war.

„Beine!“ brüllte er heiser, mit vollkommen entstellter Stimme.

Ich machte meine Beine breit, dass er meine Möse sehen konnte, das war ihm nicht genug, „Richtig!“ brüllte er, und ich stellte die Fersen hoch auf die Sitzfläche und breitete die Schenkel, so weit ich konnte.

„Arme!“ befahl er, und ich legte die Arme hinter den Kopf, so saß ich, streckte ihm meine Brüste entgegen, zeigte ihm mit gespreizten Schenkeln meine Möse.

Er nestelte in rasender Hast an seinem Gürtel, riss die Hose auf, da sprang sein halb erigierter Schwanz raus, ein bleiches langes Ding, das nach Schweiß und Urin stank, ich roch das, und er fing an, das Ding zu melken, mit quetschender Faust, und dabei starrte er mich an, mit stierem Blick, der immerfort zwischen meinen Brüsten und meinen geöffneten Schenkeln hin und her flog. Er rüttelte an sich herum, und das Ding in seiner Faust war noch nicht einmal richtig steif geworden, da quoll schon bleiches Zeug raus, tropfte zu Boden, und da war dieser Geruch im ganzen Raum, ich dachte nichts, gar nichts, und der Kerl stieß einen Keucher aus, der klang wie ein Wutschrei, und dann wankte er für einen Augenblick, als wollten ihm die Knie nachgeben, und er raffte hastig seine Hose wieder zusammen und schnürte mit fahrigen Fingern den Gürtel, und dann machte er mit den Lippen eine Bewegung, als wollte er nach mir ausspucken, aber es kam nichts, offenbar war sein Mund trocken, und er rief heiser in meine Richtung, ohne mich wirklich anzusehen, „Sau!“, und drehte sich um und war zur Tür raus, noch ehe ich hätte meine Stellung verändern können, und ich hörte, wie sich draußen der Schlüssel drehte im Schloss.

Ich setzte mich ordentlich hin, ließ die Füße wieder auf den Boden, faltete die Hände im Schoß, und dann begann ich zu zittern, am ganzen Leib. Ich konnte es nicht verhindern, meine Arme flogen, meine Knie schlugen zusammen, das war etwas wie Schüttelfrost, meine Zähne klapperten. Nichts passiert nichts passiert, redete ich mir zu, nichts passiert der hat dich nicht angefasst das war nichts das war gar nichts, und ich hörte nicht auf zu zittern, und wenn ich versuchte, mich zu entspannen, wurde es nur noch schlimmer. Dann weinte ich, ich weinte im Ernst, mit zuckenden Schultern. Da waren keine Taschentücher im Zimmer, ich ging auf wackelnden und fliegenden Beinen zu dem Waschbecken und spritzte mir mit der hohlen Hand Wasser in’s Gesicht, und da lag immerhin ein Waschlappen, in den hinein schnäuzte ich mich und wusch ihn wieder sauber unter dem fließenden Wasser, und ich hörte nicht auf zu heulen und wusch mir wieder und wieder das Gesicht, mit dem Waschlappen, mit kaltem Wasser. Irgendwann beruhigte ich mich und merkte, dass ich aufgehört hatte zu zittern, aber als ich das merkte, fing das Zittern wieder an, so sehr, dass sich mein Bauch zusammenkrampfte, als ob ich mich gleich übergeben müsste. Ich würgte sogar ein bisschen, aber das wenige Essen, das ich runterbekommen hatte, blieb unten. Schließlich stand, ich mit verschränkten Armen, lehnte meinen Hintern gegen das Waschbecken und blickte hinein in das Zimmer und dachte, ich muss hier raus, irgendwie.

Im Raum lag dicht der Gestank von dem Ejakulat, und als ich näher hinschaute, sah ich, da trockneten Tropfen auf dem Boden, direkt bei der Tür. Ich gab mir einen Ruck und ging hin zu der Liege und stellte mich drauf, so dass ich an eines der beiden schmalen Fenster langen konnte. Da war ein Griff, und zu meiner Überraschung ging das Fenster auf, klappte sich schräg. Ich wand mich und drehte mich, bis ich durch den Spalt hindurchspähen konnte, und ich sah dicke Gitterstäbe, nichts sonst, draußen war alles dunkel, es war schon Nacht, aber es kam Luft herein, frische salzige Luft, ich lauschte, ob ich irgendetwas hören könnte, ich wünschte mir so sehr, es erklängen plötzlich Polizeisirenen in der Nacht, aber da war nichts, gar nichts, doch, irgendwo war ein sehr fernes Brummen, da war ein Flugzeug, das galt nicht mir. Aber Luft kam herein, Luft. Ich ließ das Fenster offen, und stieg von der Liege herunter, das Essen stand immer noch auf dem Tisch, und die Lampe brannte.

Ich stellte den Stuhl wieder an den Tisch, setzte mich hin, aß von dem Brot und dem Käse, trank diesen lächerlichen Hagebuttentee, es stand sogar eine kleine Schale mit Zucker neben der Kanne. Ich dachte zusammenhanglos, wenn ich ein Kerl wär, vielleicht jung und stark, hätten sie das Fenster bestimmt irgendwie verbarrikadiert, aber ich bin ja nur ein Mädchen, und die hatten sich gesagt, selbst wenn die das Fenster aufkriegt, durch das Gitter kommt die niemals durch, und ich wusste, die hatten recht. Ich weiß nicht, was ich sonst noch dachte. Ich kaute, und dann und wann zitterte ich wieder, es war immer wie ein kurzer Anfall, aber so stark, dass ich mir einmal dabei mit der Tasse heftig gegen die Zähne schlug, und der Hagebuttentee lief mir übers Kinn. Ich dachte an den Wichser und dachte, der kommt nicht wieder, nicht heute Nacht, und dabei sah ich mich um im Raum, ob ich mich nicht irgendwo verstecken könnte, ob ich mich nicht irgendwo durchgraben könnte, um an der anderen Seite wieder rauszukommen, und dann dachte ich wieder an den Azazel. Der Azazel konnte mir nichts tun, Stück Dreck der er ist, aber seine Anhänger, die konnten alles mit mir machen. Nein, nicht alles. Die konnten mich zerstören. Die konnten nicht mehr aus mir machen, kein bisschen. Die konnten mich nicht besser machen, nicht größer. Nur weniger. Größer und besser machen kann man jemanden nur, wenn man ihn mit Respekt behandelt, ihm seine Würde und Freiheit lässt, ihm hilft, neue Räume zu betreten. Ich dachte an meine Familie. Die waren genauso gewesen, die hatten niemals mehr aus mir gemacht, die hatten mich nicht besser und größer und stärker gemacht, mit all ihrem Islam nicht. Nur weniger. Hatten mich klein gemacht und runtergedrückt und mich verhindert und zurückgewiesen und abgelehnt. Und jetzt war ich in der Hand von denen, die den Azazel verehrten. Und die waren genauso. Die konnten mich zerstören, und die würden es tun, und dabei würden sie sich groß fühlen. Unsere Macht, würden sie denken. Weil sie das für ihre Macht halten, wenn sie jemanden zerstören.

Ich fing an zu beten. Ich dachte an diese Umarmung, die ich empfangen hatte, in dieser Nacht auf den Wiesen, diese hingerissene leidenschaftliche Umarmung, diese wortlose Stimme, die ich gehört hatte, ich liebe dich, du bist mein Kind, ich liebe dich so sehr.

Hilf mir, flüsterte ich, über das billige Brot gebückt, bitte hilf mir doch.

(Nachricht vom 01.09.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 02.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)